Mohrenkopf-Debatte

16. September 2017 09:01; Akt: 19.09.2017 15:49 Print

«Schwarze Menschen gelten als minderwertig»

von D. Krähenbühl - Die Schweiz müsse sich ihrer rassistischen Geschichte stellen, sagt die Gender-Forscherin Franziska Schutzbach. Es gebe keinen Grund, auf «Mohrenkopf» zu beharren.

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«Viele glauben, es sei Rassismus, wenn Schwarze beschimpft werden. Das ist eine sehr verkürzte Vorstellung davon, wie Rassismus funktioniert. Damit kann man sich selber rausnehmen und sagen: Das geht mich nichts an. Rassismus fängt aber schon viel früher an, zum Beispiel mit Klischees oder abwertender Sprache», sagt Franziska Schutzbach. Franziska Schutzbach forscht am Zentrum Gender Studies der Universität Basel. Sie meint: «Wenn Integration möglich sein soll, können wir nicht nur fordern: ‹Die müssen Deutsch lernen!›» Die Mehrheitsgesellschaft müsse auch bereit sein, ihrerseits etwas beizutragen. Im Idiotikon, dem Schweizer Mundartlexikon, wird Mohr (altdeutsch Mör) als Synonym für «Neger» definiert und mit rassistischen Stereotypen wie schmutzigem Aussehen beschrieben. Das «Komitee gegen rassistische Süssigkeiten» hat eine Petition lanciert, die verlangt, die Firma Dubler solle ihre «Mohrenköpfe» umbenennen. Der Begriff sei rassistisch und «eine herabwürdigende Bezeichnung für den Kopf einer dunkelhäutigen Person». Die Debatte um Political Correctness im Lebensmittelbereich findet nicht nur in der Schweiz statt: Die Konditorei Niederegger in Lübeck geht mit gutem Beispiel voran und tauft ihre klassische Mohrenkopftorte in «Othellotorte» um. Anfang 2014 gab ein Lakritz-Produkt von Haribo Anlass zu Protesten: Die afrikanischen, asiatischen und indianischen Masken und Gesichter waren Kunden in Schweden und Dänemark als rassistisch aufgestossen. Daraufhin wurden sie aus dem Verkauf genommen. Auch das «Zigeunerschnitzel» lag 2013 so manchem als politisch unkorrekt schwer im Magen. Ein Verein von Sinti und Roma in Hannover forderte eine Umbenennung der Zigeunersauce. In Hannovers städtischen Kantinen standen die Schnitzel schon länger nicht mehr auf der Speisekarte. Horst Neger aus Österreich führt seit Jahren erfolgreich eine Getränkefirma. Dass er Neger zum Nachnamen heisst, dafür kann er nichts. Aber sein Firmenlogo – ein schwarzer Bub – kommt bei vielen nicht gut an. Das in Deutschland erfundene Getränk Papa Türk verspricht, den Mundgeruch nach dem Dönerverzehr oder Alkohol zu neutralisieren. Auf der Etikette ist ein türkisch aussehender Mann zu sehen, was einige Konsumenten als ein Zeichen von Rassismus interpretieren. In diesem Fall geht es zwar nicht um Nahrungsmittel, aber eine Kampagne von Nivea sorgte im April 2017 dennoch für Aufregung wegen der rassistischen Wortwahl: Mit dem Satz «Weiss ist Reinheit» warb die Firma für Deos. Zurück zu den Lebensmitteln: Die deutsche Molkerei Müller erntete 2015 viel Kritik für eine Werbekampagne auf ihren Produkte-Etiketten. Die Firma habe sexistische und rassistische Bilder verwendet, fanden die Kunden. Im englischen Sprachraum gibt es ähnliche Fälle. So hatte im Juli 2017 die US-Warenhauskette Walmart ein Perückennetz im Angebot mit der Farbe «Nigger-Brown» – also «negerbraun». Eine Make-up-Hersteller hat unter den vielen Tönen auch den Farbton «Yikes», auf deutsch «Wäääk».

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Das «Komitee gegen rassistische Süssigkeiten» fordert in einer Petition, dass die «Mohrenköpfe» der Firma Dubler umbenannt werden. Der Begriff sei eine «herabwürdigende Bezeichnung für den Kopf einer dunkelhäutigen Person». Franziska Schutzbach unterstützt die Forderung. Obwohl sie die Petition nicht lanciert hat, erhält sie Hassmails und Morddrohungen.

Frau Schutzbach, wie nennen Sie den «Mohrenkopf»?
Ich sage Schaumkuss. Ich habe einige Debatten zum Thema mitverfolgt und denke: Warum sollte ich darauf beharren, «Mohrenkopf» zu sagen? Hiesse das Ding «Judenkopf» oder «Fotzenkuss», würde das ja auch kritisiert und überdacht. Mohr wird übrigens im Idiotikon, dem Schweizer Mundartlexikon, als Synonym für «Neger» definiert und mit rassistischen Stereotypen wie ‹schmutziges Aussehen› beschrieben. Es ist also unbestritten, dass in der Schweiz sowohl der Begriff «Mohr» als auch dessen Symbolik immer schon rassistisch konnotiert waren.

Sie schrieben: «Wenn wir nicht bereit sind, Sprache zu dekolonisieren, werden auch weiterhin Geflüchtete ertrinken.» Was meinen Sie damit?
Natürlich meine ich nicht, die Veränderung von Sprache würde direkt verhindern, dass Geflüchtete ertrinken. Sondern: Wir leben in einer Kultur, in der Menschen mit dunkler Hautfarbe als minderwertig gelten und Weisse als überlegen, als besser. Dazu gibt es zahlreiche Studien. Und diese hierarchische Kultur zeigt sich unter anderem in Wörtern wie «Mohr». Natürlich hat die europäische Grenzpolitik unter anderem damit zu tun, welches Leben als wertvoll oder weniger wertvoll gilt. Mit dieser hierarchischen Kultur sollten wir uns auseinandersetzen.

Wo fängt für Sie Rassismus an?
Viele glauben, es sei Rassismus, wenn Schwarze im Park verprügelt oder beschimpft werden. Das ist eine sehr verkürzte Vorstellung davon, wie Rassismus funktioniert. Damit kann man sich selber rausnehmen und sagen: Das geht mich nichts an. Rassismus fängt aber schon viel früher an, zum Beispiel anhand von Klischees oder in abwertender Sprache.

Wieso wird denn gerade das Wort «Mohrenkopf» kritisiert?
Wir müssen fragen, woher der heutige Rassismus kommt. Kolonialrassistische Vorstellungen spielen immer noch eine Rolle – in unserem Alltag, unseren Institutionen und in der Sprache. Die Überzeugung, dass «Mohren» primitiv oder böse seien, gehört zur schweizerischen Geschichte, wie der Historiker Bernhard Schär aufzeigt. So gab es Völkerschauen, die im 19. Jahrhundert durch die Schweiz tourten, in denen dunkelhäutige Menschen als «primitive Rassen» präsentiert wurden. Die Schweiz hat eine rassistische Geschichte, der wir uns stellen müssen.

Gäbe es nicht bessere Wege, um Rassismus in der Gesellschaft zu bekämpfen, als Wörter zu verbieten?
Sprache zu reflektieren und anzupassen ist nur ein Aspekt. Es geht darum, zu verstehen, dass Sprache und so genannte «echte» Gewalt nicht getrennte Dinge sind. Bestimmte Begriffe enthalten historisch und bis heute abwertende Vorannahmen über schwarze Menschen. Sie zementieren eine Hierarchie. Es bedeutet nicht, dass man automatisch Rassist ist, wenn man beispielsweise «Mohrenkopf» sagt.

Sondern?
Ich habe als Kind das Spiel «Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann» gespielt, ohne eine negative Assoziation zu schwarzen Männern zu haben. Aber unbewusst gräbt sich etwas ein, das dürfen wir nicht unterschätzen. Letztlich geht es darum, anzuerkennen, dass bestimmte Begriffe oder Bilder einen rassistischen Hintergrund haben und fortschreiben, selbst wenn wir als Individuen keine bewusste rassistische Assoziation haben. Und es geht darum, zu respektieren, dass bestimmte Begriffe für viele unserer nicht weissen Mitmenschen verletzend sind. Auch wenn uns das nicht auf Anhieb einleuchtet.

In einer Umfrage von 20 Minuten haben über 100'000 Personen mitgemacht. Nur 2 Prozent fanden den Begriff «Mohrenkopf» rassistisch.
Viele Menschen fühlen sich extrem provoziert. Sie denken: Jetzt will man mir meine Gewohnheiten wegnehmen! Wenn es um Alltagskultur geht, gibt es viel Abwehr. Ich verstehe das, aber
als Gesellschaft sollten wir Verantwortung für die Geschichte übernehmen. Wir leben in einer Einwanderergesellschaft, das wird sich nicht mehr ändern. Wenn Integration möglich sein soll, können wir nicht nur fordern: «Die müssen Deutsch lernen!» Die Mehrheitsgesellschaft muss auch ihrerseits etwas beitragen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Frau am 16.09.2017 09:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ernsthaft?!

    Ich verstehe dieses Theater echt nicht! Nur so als Beispiel, sollen dann "frauenfürze" auch umbenennt werden weil es diskriminierend für Frauen ist? Mal ehrlich, gahts no?!?

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  • Eidgenosse am 16.09.2017 09:09 Report Diesen Beitrag melden

    Absoluter Blödsinn

    Erstens gelten Schwarze nicht als Minderwertig und zweitens haben wir keine rassistische Geschichte denen wir uns stellen müssten. Es gibt keinen Grund nicht mehr Mohrenkopf zu sagen. Niemand denkt bei dem Namen an einen Schwarzen, sondern an eine Süssigkeit.

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  • Er Cla am 16.09.2017 09:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ..

    Ich sage MOHRENKOPF!!!und wede es immer sagen!!!und meine kinder auch denn ich finde nichts schlimmes daran

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Pet Er am 16.09.2017 11:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine echten Problem mehr ...

    Es ist leider so, dass wir in der Schweiz keine echten Probleme mehr kennen (auch die schwarzen Mitbürger nicht). Jeder Quatsch wird diskutiert und in Frage gestellt. Es geht nur um die Befindlichkeit von ein paar Wenigen. Wir sollten wieder lernen, dass es um die Gesellschaft als Ganzes geht. Das Wohlbefinden des Einzelnen wird in der Schweiz viel zu hoch gewertet. Was wir als Einzelner als unzumutbar empfinden ist fast überall auf der Welt akzeptabel.

  • Milchbrötli am 16.09.2017 11:31 Report Diesen Beitrag melden

    Das Milchbrötli & der Mohrenkopf

    Rassismus ist eine Sache des Kopfes und nicht eine Sache des Wortes. Wer diskriminierendes Gedankengut pflegt, findet immer Worte um seine Meinung im Graubereich zu äussern und zu verletzen. Unberührt von solchem Gedankengut, denkt man doch nicht im Traum an solch negative Verknüpfungen, insbesondere wenn das Produkt so lecker ist. Würde es sich um eine Toilettenspülung handeln, könnte ich die ganze Aufregung problemlos nachvollziehen.

  • benito am 16.09.2017 10:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mohren ist keine Beleidigung

    Eigentlich ist es rassistisch wenn mann andersaussehnde leute anderst behandelt, fertig. Und nicht wegen veralteter nutzung von Wörtern. Mohren benutzt mann heut nicht mehr es gillt weder als beleidigung noch zur beschreibung dunkelhäutiger menschen. Ich weiss noch als ich noch klein war durften wir z. B geil (cool) auch nicht sagen. Heute gehört es zur umgangssprache. Aber leider gebe ich Ihnen recht, das Thema Rassismus besteht weiterhin und erfordert noch eine menge Handlungsbedarf, weltweit

  • Rey1896 am 16.09.2017 10:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eine Erde die uns gehört-Zusammenhalt

    was ich nicht verstehe ist, weshalb strebt man erst jetzt(heute) nach solch einer Debatte an? Und was früher auf dem Schulhof passierte, ist nicht auf heute zu projizieren...egal ob es uns dazumal gekränkt hat oder nicht-es ist eine andere Zeitraffer! Jetzt muss jemand dafür gerade stehen, der die Firma seit X Jahren betreibt...nur weil die Frust von früher wieder aufkommt und man den Schuldigen dafür sucht? Ich verstehe euren Unmut schon, kann es mir gedanklich auch vorstellen, dass solch eine Geschichte bezüglich Menschenrasse (Rassismus) einige von euch das ganze Leben schon begleitet und geprägt hat. Es war eine schwierige Zeit in dem man den Schutz der Menschenwürde nicht kannte. Diese Geschichte wird nie ein Ende haben...dieses Urdenken ist bei uns allen fest verankert und die Schönheit desjenigen beurteilen wir auch heutzutage vor allem von AUSSEN. Also zurück zu den Mohrenköpfen. Wenn ich eines esse, denke ich nicht an die Beleidigung der dunkelhäutigen sondern an die Füllung des Mohrenkopfes... Warum soll man Nahrungsmittel als rassistische Provokation ansehen, wenn man die einfach geniessen kann? Dazu hat die Familie Dubler keine provokative Verpackung bez. unakzeptable Bemerkung/Hetzkampagne zu diesem Thema gemacht. PS: ich bin Asiatin-braunhäutig und kenne mich bez. niederträchtige Bemerkungen im Bezug auf mein Aussehen und Herkunft aus.

  • sir-tg@protonmail.com am 16.09.2017 10:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Echter Rassismus

    Politisch Korrekte Sprache will letztlich nichts anderes als Gedankenzensur und Gehirnwäsche. Wirklicher Rassismus fängt bei mir ganz wo anders an: 1. Wenn man als "Uusländer" die ersten 5 Jahre seines Aufenthalts in der Schweiz mit 35% Quellensteuer belegt wird. 2. Wenn man danach auch nur wenige Monate im "Uusland" ist, und in die Schweiz zurückkeht, wieder erneut mit den 5 Jahren anfängt... 3. Wenn man trotz tadelloser Sprachkenntnisse und Integration immer noch als "Uusländer" oder "de Düütsche" bezeichnet wird.