Teurere Prämien

09. Dezember 2016 11:00; Akt: 09.12.2016 12:07 Print

Schweizer gehen immer häufiger zum Spezialarzt

von Laly Zanchi - Obwohl das Hausarztmodell immer beliebter ist, nehmen Besuche bei teuren Spezialisten zu. Dies beunruhigt Krankenkassen und Ärzteverbände.

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Gemäss einer Studie des schweizerischen Gesundheitsobservatorium (Obsan) ist der Anteil der Schweizer, die sich bei einem Spezialisten behandeln lassen, in den letzten fünf Jahren um zehn Prozent gestiegen. Diese Zahlen sind für den Krankenversicherungsverband Santésuisse besorgniserregend. Die Spezialisten forderten oft unnötige Zusatzbehandlungen, welche die Krankenkassen von Rechts wegen bezahlen müssten. «Schätzungen gemäss entstehen so Kosten von fünf bis sechs Milliarden Franken pro Jahr, das entspricht etwa 20 Prozent der Prämien», so Kaempf. Nun gelte es, Patienten und die Ärzte zu sensibilisieren. «Schliesslich bleiben die Kosten am Prämienzahler hängen.» Für Patientenschützerin Margrit Kessler ist der Grund für diesen Anstieg der akute Mangel an Hausärzten. «Wenn man überhaupt keinen Hausarzt findet, hat man ja keine andere Wahl, als direkt zum Spezialisten zu gehen.» Die Patienten würden aber auch öfters selbst darauf drängen, einem Spezialisten überwiesen zu werden. «Sie googeln sich ihre Symptome zu einer Diagnose zusammen und glauben so zu wissen, welche Behandlung für ihr Problem angemessen ist, auch das gibt es», sagt Kessler. Marc Müller, Präsident des Verbands Hausärzte Schweiz, denkt ebenfalls, dass der Hausärztemangel ein zentraler Faktor für den Anstieg der Spezialisten-Konsultationen darstellt. «Im Moment fehlen uns 2000 Hausärzte und das Durchschnittsalter von Hausärzten liegt bei 58 Jahren, das Problem wird sich in den kommenden Jahren also noch zuspitzen.» Wir haben in der Schweiz laut Müller auch falsche Verhältnisse zwischen Haus- und Spezialärzten. «Die Verteilung müsste bei 60 Prozent Hausärzten zu 40 Prozent Spezialisten liegen – es ist aber genau umgekehrt.» Dabei könnten gemäss Müller die Hausärzte in 80 Prozent der Fälle die Behandlung selbst durchführen. Jürg Schlup, der Präsident der Verbindung Schweizer Ärztinnen und Ärzte, kennt das Problem auch. «Wir können den Mangel an Spezialärzten zwar einigermassen aus dem Ausland decken, bei den Hausärzten ist dies aber viel schwieriger.» Die einzige langfristige Lösung ist, in der Schweiz mehr Ärzte auszubilden, was Bund und Kantone im Moment auch anstreben. Da die Aus- und Weiterbildung so lange dauert, brauchen diese Massnahmen aber zehn bis zwölf Jahre, um Wirkung zu zeigen. Monika Diebold vom Obsan hat eine andere Erklärung. «2016 sind mit gut 25 Prozent mehr als dreimal so viele Menschen im Hausarztmodell versichert, als es noch 2010 der Fall war, diese können also gar nicht direkt zum Spezialisten gehen.» Auch hätten in diesem Jahr über 80 Prozent der befragten Personen angegeben, dass der Hausarzt in der Regel ihre Behandlung koordiniere. Man könne somit davon ausgehen, dass Hausärztinnen und Hausärzte einen grossen Teil der Überweisungen an Spezialisten vornehmen. «Ein wichtiger Grund für den Anstieg der Behandlungen durch Spezialisten ist vermutlich die Zunahme der älteren Bevölkerung und das häufigere Vorkommen von chronischen Krankheiten», sagt Diebold

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Geht es Herrn und Frau Schweizer schlecht, gehen sie häufig gleich zu einem Spezialisten – statt sich zuerst beim Hausarzt untersuchen zu lassen. Dies hat eine Studie des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) ermittelt. Laut der Studie ist der Anteil der Schweizer, der sich in den letzten zwei Jahren bei einem Spezialisten behandeln liess, seit 2010 um mehr als zehn Prozentpunkte gestiegen. So gab mehr als jeder zweite an, einen Spezialisten aufgesucht zu haben.

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Diese Zahlen sind für den Krankenversicherungsverband Santésuisse besorgniserregend. Konsultationen bei Spezialisten sind teurer als beim Hausarzt: «Schätzungen zufolge verursachen unnötige Behandlungen, in allen medizinischen Gebieten, Kosten von fünf bis sechs Milliarden Franken pro Jahr, das entspricht etwa 20 Prozent der Prämien», so Sprecher Christophe Kaempf.

Patienten und Ärzte sensibilisieren

Bereits heute sind viele Versicherte in einem Hausarztmodell versichert – sie dürfen gar nicht direkt zum Spezialisten gehen. Nun gelte es, die restlichen Patienten und die Ärzte zu sensibilisieren. «Schliesslich bleiben die Kosten am Prämienzahler hängen.»

Auch Patientenschützerin Margrit Kessler warnt vor unnötigen Behandlungen. Sie führt den Spezialarzt-Boom auch auf den akuten Mangel an Hausärzten zurück. «Wenn man überhaupt keinen Hausarzt findet, hat man ja keine andere Wahl, als direkt zum Spezialisten zu gehen.» Die Patienten würden aber auch öfters selbst darauf drängen, einem Spezialisten überwiesen zu werden. «Sie googeln sich ihre Symptome zu einer Diagnose zusammen und glauben so zu wissen, welche Behandlung für ihr Problem angemessen ist», sagt Kessler.

2000 Hausärzte fehlen

Marc Müller, Präsident des Verbands Hausärzte Schweiz, ist der Meinung, dass der Hausärztemangel ein zentraler Faktor für den Anstieg der Spezialisten-Konsultationen darstellt. «Im Moment fehlen uns 2000 Hausärzte und das Durchschnittsalter von Hausärzten liegt bei 58 Jahren, das Problem wird sich in den kommenden Jahren also noch zuspitzen.»

Wir haben in der Schweiz laut Müller auch falsche Verhältnisse zwischen Haus- und Spezialärzten. «Die Verteilung müsste bei 60 Prozent Hausärzten zu 40 Prozent Spezialisten liegen – es ist aber genau umgekehrt.» Dabei könnten gemäss Müller die Hausärzte in 80 Prozent der Fälle die Behandlung selbst durchführen.

Jürg Schlup, der Präsident der Verbindung Schweizer Ärztinnen und Ärzte, kennt das Problem auch. «Wir können den Mangel an Spezialärzten zwar einigermassen aus dem Ausland decken, bei den Hausärzten ist dies aber viel schwieriger.» Die einzige langfristige Lösung sei, in der Schweiz mehr Ärzte auszubilden, was Bund und Kantone im Moment auch anstrebten. Da die Aus- und Weiterbildung so lange dauert, brauchen diese Massnahmen aber zehn bis zwölf Jahre, um Wirkung zu zeigen.

«Chronische Krankheiten sind häufiger»

Die Leiterin des Obsan, Monika Diebold, hat eine andere Erklärung für die gefragten Spezialisten: «Ein wichtiger Grund ist vermutlich die Zunahme der älteren Bevölkerung und das häufigere Vorkommen von chronischen Krankheiten.»

Gemäss Diebold sind 2016 dreimal so viele Menschen im Hausarztmodell versichert wie noch 2010. «Diese können also gar nicht direkt zum Spezialisten gehen.» Auch hätten in diesem Jahr über 80 Prozent der befragten Personen angegeben, dass der Hausarzt in der Regel ihre Behandlung koordiniere. Man könne somit davon ausgehen, dass Hausärztinnen und Hausärzte einen grossen Teil der Überweisungen an Spezialisten vornehmen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Beno am 09.12.2016 11:06 Report Diesen Beitrag melden

    Persönliche Erfahrung

    Hausarzt: "Das ist nur eine Zyste." Spezialist: "Bösartiger Tumor, das muss sofort raus, warum sind sie nicht früher gekommen?"

    einklappen einklappen
  • Wipkinger am 09.12.2016 11:11 Report Diesen Beitrag melden

    Krankenkassenvermittler

    Solange Krankenkassenvermittler Millionen kassieren, muss mir niemand sagen, wo ich zum Arzt gehen soll!

    einklappen einklappen
  • hombi am 09.12.2016 11:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geldmacherei

    die nicht zahlenden Notfallpatienten treiben die Prämien in die Höhe. da bringen Franchiseerhöhungen auch nichts.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Blattherz am 15.12.2016 14:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ärztliche Hilfe genau für alle gleich

    Wurde genug von Möchtegern alles Ärzten gemacht. Ich Finde wenn du eine Krankenkasse hast dann sollte es nicht auf das Einkommen und den Namen des Menschen ankommen sondern um die Ärztliche Hilfe zu der sich jeder Arzt verpflichtet ansonsten ein Quacksalber.

  • DanyBS68 am 10.12.2016 06:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weder noch

    Es sind nicht Hausärzte oder die Spezialärzte die die Kostenschraube nach oben drehen. Gebt denen die schuld welche wegen einem boböchen wehechen an wochenenden oder feiertagen in den notfall rennen und den KK's die immer mehr Gewinn machen wollen. Das ist meine Meinung!

  • Grace4you am 09.12.2016 23:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hausarztmodell unsinnig für medizinisch Geschulte

    Ich habe eine medizinische Ausbildung und hatte ein Thrombose, die ich selbst diagnostiziert habe. Ich ging natürlich nicht zuerst zum Hausarzt, weil dieser über keine entsprechende Diagnostik verfügt. Im Hausarztmodell wäre meine Behandlung teurer gewesen und gefährlicher, den Thrombosen müssen sofort richtig behandelt werden.

  • Jigan am 09.12.2016 21:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    chef

    Tut mir leid dass ich immer zum Arzt muss. Aber mein Chef verlangt Ärztliches Zeugniss ab einem Tag. Heisst, auch wenn ich mir einfach mal übel ist und ich mich erbrechen muss, muss ich direkt deswegen zum Arzt obwohl ich es nicht für nötig halte.

  • Eidgenosse 1977 am 09.12.2016 20:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kardiologe!!!!!!!!

    Der einzige Spezialist den ich habe ist mein Kardiologe, dank ihm weiss ich, dass ich nichts für meinen Herzinfarkt kann, weiterleben kann wie bisher und auf nichts Ruecksicht nehmen muss. Ich erschrecke jedesmal an den Kosten für ein Ultraschall-EKG, der Veloergometrie und der Prüfung meines Defibrillators, die zum Glück die Krankenkasse übernimmt. Das ist alle 3 - 6 Monate der Fall. Aus diesem Grund wechsle ich auch die Krankenkasse nicht, da alles super funktioniert.