«Pro Service public»

27. April 2016 08:13; Akt: 27.04.2016 09:02 Print

«Der Service-Abbau nervt viele Leute extrem»

Peter Salvisberg, Kopf der Service-public-Initiative, will Post, Swisscom und SBB das Profitdenken austreiben. Er wehrt sich gegen den Vorwurf, die Initiative sei kontraproduktiv.

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Herr Salvisberg, Sie versprechen mit Ihrer Initiative einen besseren Service public – doch im Parlament wurde sie einhellig abgelehnt. Warum?
Wir sind beim Service public näher am Volk als die sogenannten Volksvertreter. Die Leute merken, dass der Pöstler nicht mehr in den zweiten Stock kommt, dass Bahnhöfe nicht mehr besetzt sind. Kurz: Sie erleben einen schleichenden Dienstleistungsabbau. Das nervt extrem viele Leute. Doch wir alle sind Besitzer dieser Firmen, wollen mitreden und uns nicht über den Tisch ziehen lassen.

Umfrage
Sind Sie zufrieden mit dem Service public?
12 %
16 %
22 %
49 %
1 %
Insgesamt 4650 Teilnehmer

Im Abstimmungskampf wettern Sie gegen SBB, Post und Swisscom. Ist das nicht zu einfach?
Nehmen wir die Bahn als Beispiel: Die Billettpreise haben sich seit 1990 zum Teil mehr als verdoppelt. Gleichzeitig erodiert der Service: Tickets kann man nicht mehr im Zug lösen, die Pünktlichkeit könnte besser und die Züge weniger pannenanfällig sein. Bahnhöfe verkommen zu Shoppingcentern mit Gleisanschluss. Bei der Post schlossen in 15 Jahren rund 1800 Poststellen – das ist jede zweite!

Die Schweiz hat das dichteste Poststellennetz in ganz Europa, fast 90 Prozent der Züge sind pünktlich. Sie jammern auf sehr hohem Niveau.
Es stimmt, die Schweiz ist beim Service public nach wie vor Weltspitze. Aber: Man sollte sich nicht an den Nachbarländern orientieren, die schlechter sind, sondern man soll besser werden. Wir sind stolz darauf, was unsere Grossväter geschaffen haben. Aber wir müssen schauen, dass wir Weltspitze bleiben. An einigen Orten sind wir es definitiv nicht mehr.

Sie wollen das Rad der Zeit zurückdrehen und verlangen, dass die bundesnahen Betriebe nicht mehr nach Gewinn streben dürfen. Was soll das bringen?
Auch Coop und Migros sind genossenschaftlich organisiert – und ein Erfolgsmodell. Uns geht es um das Geschäftsgebaren. Die Post erzielte in den letzten fünf Jahren insgesamt 4,9 Milliarden Franken Gewinn. Wenn ich zügle und mir die Post nachschicken lasse, kostet mich das am Schalter 42 Franken. Im Jahr 2000 waren es noch zehn Franken. Heute steht statt dem Service der Profit im Zentrum. Wenn selbst das Benutzen der Bahnhofstoilette kostet, sodass die Leute wild urinieren, wurde das Rad überdreht.

Gemäss den Gegnern ist die Initiative eine Mogelpackung. Sie schwächt den Service public, indem sie die unternehmerische Freiheit schwächt und Innovation im Keim erstickt.
Wir sagen nicht, dass die Unternehmen keine Gewinne mehr erzielen dürfen – die Initiative bezieht sich nur auf die Grundversorgung. Das Parlament müsste festlegen, was diese umfasst. Und die Überschüsse blieben neu im Unternehmen, statt in die Bundeskasse zu fliessen. Es gäbe sogar mehr Investitionen und Innovationen.

Laut dem Bundesrat reisst die Initiative ein Loch in die Bundeskasse. Sparrunden könnten zu einem Abbau beim Service public führen.
Das ist pure Angstmacherei. Heute weiss man nicht einmal, welcher Anteil der Gewinne aus dem Bereich der Grundversorgung kommen. Die bundesnahen Betriebe sind Black Boxes, die wir ausleuchten wollen.

Die Initiative verlangt, dass die Cheflöhne der Bundesbetriebe jene der Bundesverwaltung nicht übersteigen. Ist SBB-Chef Andreas Meyer, der eine gute Million Franken verdient hat, in Ihren Augen ein Abzocker?
Ja, das sehe ich so. Die Vorgänger der jetzigen Chefs der Bundesbetriebe haben den Job zum halben Lohn gemacht – und beileibe nicht schlechter. Ein Bundesratslohn von 475'000 Franken ist angemessen. Wären die Kaderleute von Post, SBB und Swisscom seit 2010 so entschädigt worden, hätten 44 Millionen Franken in einen besseren Service investiert werden können.

Es wird aber befürchtet, dass die Unternehmen ohne marktgerechte Löhne nicht mehr die besten Leute bekommen.
SBB, Post und Swisscom haben zusammen 110'000 Angestellte. Da werden sich doch wohl Leute finden lassen, die den Job mit Stolz, Talent und Können zu einem Bundesratslohn machen möchten. Es ist im Übrigen auch in der Privatwirtschaft nicht so, dass die Untergebenen mehr verdienen als der Chef. Herr Meyer verdient aber gut doppelt so viel wie Frau Leuthard.

(daw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Anonymous am 27.04.2016 08:23 Report Diesen Beitrag melden

    SBB Mitarbeiter

    Finde es von unserem Chef so oder so eine Frechheit... für und normalos gibt es keine Lohnerhöhung dafür eine richtig Saftige jedes Jahr für unseren CEO....! Bahnhöfe gehen zu und wir müssen uns immer mehr gefallen lassen, passt was nicht wird man vor die Wahl gesetzt...!

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  • Prooo am 27.04.2016 08:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gute Argumente

    Seine Argumente machen wirklich Sinn! Wir müssen vorbildlich bleiben und uns nicht nach anderen Länder orientieren.

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  • pete69 am 27.04.2016 08:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Poststellen

    Die Post ist nicht mehr das was unter Service Public ist. Nur das Geld ist wichtig sogar größere Poststellen wie zum Beispiel die Fraumünsterpost werden geschlossen. Bin enttäuscht von der Post.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Üse Gujer am 27.04.2016 16:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Typisch

    Service abbauen und zeitgleich Preise erhöhen. Dieses Geschäftsmodel erfreut sich in den letzten 10 Jahren immer höherer beliebtheit!

  • Melina am 27.04.2016 12:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    an der Milchkuhinitative orientieren

    Warum sollen die erwähnten Unternehmen keinen mehr anstreben? wäre es nicht besser den Zielort des Geldes anstatt die Herkunft zu regulieren? damit meine ich dass 100% des erzielten Gewinns wieder investiert werden muss z.b. in Sanierungsarbeiten an den Gleisen,Poststellen neu eröffnen. damit kann der Preiserhöhung weik die Bundeskasse nicht mehr stimmt Einhalt geboten werden lässt aber Innovationen usw und eine Steigerung des Services zu.

    • lwaegnaer am 29.04.2016 22:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Melina

      Wie soll denn die Bildung finanziert werden, die selber kaum Gewinn bringt? Sie fallen total auf den Schwindel der Milchkuhinitiative rein, überdenken Sie das ganze nochmals, bitte.

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  • Beat Schlatter am 27.04.2016 11:12 Report Diesen Beitrag melden

    Gefährliche Volksinitiative

    Inhaltlich falsch und nicht kritisch hinterfragt!!

  • Barbara Sägesser am 27.04.2016 11:06 Report Diesen Beitrag melden

    Wir kriegen, wen oder was wir wählen ...

    Nicht jammern, sondern wählen und abstimmen gehen. Wenn möglich, korrekt und vollständig informiert. Es gibt nämlich noch mehrere Themen als Migration.

  • Alessandro am 27.04.2016 11:04 Report Diesen Beitrag melden

    Als ob...

    ...ein Unternehmen günstigere Dienstleistungen anbieten könnte, wenn es nicht mehr gewinnstrebig sein dürfte. Wer nur ein bisschen Ahnung von Wirtschaft hat, merkt, dass dies ein Fehlschluss und die Initative ein (Fehl-)Schuss nach hinten ist. Oder glaubt ihr im Ernst, die Post, Swisscom und SBB würden effizienter werden, wenn sie wieder Bundesbehörden wären?