Eis go zieh mit ... Hans-Ueli Vogt

28. Dezember 2016 15:43; Akt: 28.12.2016 15:43 Print

«Schwule feinden mich öfter an als SVP-Leute»

von J. Büchi - Er ist der Mann, der für die SVP die «fremden Richter» bodigen will: 20 Minuten hat Jus-Professor Hans-Ueli Vogt zum Zmittag getroffen.

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Hans-Ueli Vogt hatte schon bessere Geburtstage. Am zweiten Montag der Wintersession wurde er 47 – und sah bis spät abends dabei zu, wie der Nationalrat die Masseneinwanderungsinitiative in ihre Einzelteile zerlegte. «Ich fühlte mich machtlos an diesem Abend», sagt der SVP-Mann tags darauf beim Zmittag im Café Nocciolato und stochert in seinem Salat herum.

Der Zürcher hebt sich mit seiner Art von seinen Parteikollegen ab. Feingliedrig, die Stimme sanft und jeder Satz sorgsam abgewogen, ist er eine Art Anti-Blocher. Und doch unterbreitete er dem SVP-Mäzen die Idee, die der Partei den nächsten grossen Coup bescheren soll: Vogt ist Vater der Selbstbestimmungsinitiative, die Landesrecht vor nicht zwingendes Völkerrecht stellen will.

«Nicht gerade die Inkarnation der SVP»

Dass er damit als Jus-Professor allein auf weiter Flur ist, stört ihn nicht. Der Zürcher scheine zur Rolle des Aussenseiters verdammt, schrieb die «Weltwoche» vor einigen Monaten. Nicht nur sei er in der Gay-Community und an der Uni mit seinen rechten Ansichten oft isoliert. «Als schwuler Intellektueller mit Wohnsitz im superurbanen Zürcher Industriequartier ist er freilich auch nicht gerade die Inkarnation der SVP.»

Die Aufzählung bringt Vogt zum Lachen. «Dem kann und will ich nicht allzu vehement widersprechen.» Allerdings sei das für ihn nichts Schlechtes. Schon als Kind habe er sich für andere Sachen interessiert als sein Umfeld. Während seine Brüder auf dem grosselterlichen Bauernhof im zürcherischen Illnau werkelten, ging Hans-Ueli lieber mit der Mutter shoppen.

In der Sekundarschule beschäftigte er sich intensiv mit französischer Grammatik. «Es war mir egal, was die anderen dachten, wenn ich den Lehrer mit Fragen löcherte.» Die intellektuelle Welt sei für ihn ein «Spielfeld» gewesen, sagt Vogt. Die Matura machte er 1989 als bester Schüler der Kantonsschule Wetzikon, es folgte ein Jus-Studium, ein Anwalts-Job in New York und die Berufung zum Assistenzprofessor mit nur 33 Jahren.

«Das beste Jahr meines Lebens»

In die Politik stieg Vogt, der nach eigenen Angaben stets «rechtskonservativ» gewählt hatte, erst 2011 ein. Nach nur einer Amtszeit im Zürcher Kantonsrat stellte die SVP den national noch weitgehend unbekannten Politiker als Ständerat auf – in der Hoffnung, auch Wähler ausserhalb des eigenen Lagers zu erreichen. Der Plan scheiterte, dafür wurde Vogt glanzvoll in den Nationalrat gewählt.

Rückblickend sagt Vogt: «Das letzte Jahr war das beste meines Lebens. Total intensiv, im Guten wie im Schlechten.» Plötzlich kannte man ihn, er durfte im Rampenlicht für seine Überzeugungen kämpfen. Aber dann waren da auch die Anfeindungen, das Tuscheln, wenn er einen Club betritt. «Du huere A****, man sollte dich zusammenschlagen», habe ihm kürzlich ein Unbekannter im Ausgang ins Ohr geraunt. So etwas gehe nicht spurlos an einem vorbei.

Er werde öfter von Schwulen wegen seines Engagements bei der SVP angefeindet als von SVP-Leuten wegen seiner Homosexualität, sagt Vogt. Allerdings habe er nach seinem Outing durch die Presse schon auch das eine oder andere gehässige E-Mail aus der eigenen Wählerschaft bekommen. Der intensive Wahlkampf im letzten Jahr setzte ihm zu. Er verlor Gewicht, hatte Schwindelanfälle unter der Dusche.

«Wichtigste Frage unserer Zeit»

In der Fraktion sucht der Senkrechtstarter seinen Platz noch. «Das ist nicht ganz einfach, wenn man beruflich so stark engagiert ist.» Neben dem Nationalratsmandat ist er zu 80 Prozent an der Uni angestellt («in Realität eher 100 Prozent»), daneben ist er auch noch als Anwalt tätig.

Sowohl für seine Kollegen als auch für die politische Konkurrenz ist er in erster Linie Mr. Selbstbestimmungsinitiative. Die Gegnerschaft, die sich bereits ungewöhnlich früh formiert hat und alle grossen Parteien ausser der SVP umfasst, spricht von einer unschweizerischen Anti-Menschenrechtsinitiative, einem «Frontalangriff auf die Demokratie».

Vogt fühlt sich missverstanden, das Extreme entspreche ihm gar nicht. «Die Initiative legt den Finger auf die wichtigste Frage unserer Zeit», sagt er mit Nachdruck, die blauen Augen weiten sich. «Es geht um die Frage: Was ist der Spielraum einzelner Staaten in einer sich globalisierenden Welt? Was sind Volksentscheide noch wert?» Solche Sätze wird er in den kommenden Jahren noch oft sagen.

Für Homo-Adoption

In Migrations- und aussenpolitischen Fragen voll auf der Linie seiner Partei, habe er gesellschaftspolitisch eine «etwas grosszügigere Haltung», so Vogt. Er sieht sich nicht als Gay-Rights-Aktivist. Der Homo-Ehe und -Adoption steht er aber positiv gegenüber. «Die Hürden, um als Paar ein Kind zu adoptieren, sind so hoch, dass man sich sehr genau damit auseinandersetzen muss, ob man einem Kind das richtige Umfeld bieten kann.» Das könnten, sagt er, auch zwei Personen des gleichen Geschlechts.

Selber ist Vogt seit sechs Jahren single. Eigentlich wolle er schon wieder etwas Festes, zu zweit sei «das Leben einfach reichhaltiger», sagt er. Seine Freizeit verbringt der Wahlzürcher – inzwischen lebt er seit 25 Jahren in der Stadt – am liebsten beim Fitness, unterwegs in Zürich, auf einer Städtereise oder auf Partys.

Der Musikgeschmack des Street-Parade-Fans reicht dabei von «richtig hartem Sound» bis hin zu Schlager, oft ist er an der Zürcher Lollipop-Party anzutreffen. «Ich liebe es, mit einem Drink in der Hand zu tanzen, dann kann ich richtig abschalten.» Er sei ein Genussmensch, schöpfe gern aus dem Vollen – auch wenn er sonst eher introvertiert sei.

«Drogen? Hat sich noch nicht ergeben»

Im Wahlkampf beantwortete er die Frage, ob er die Legalisierung weicher Drogen befürworte, mit Ja. Welche Erfahrungen hat er selber damit gemacht? «Bisher keine, aber es hat sich irgendwie einfach nicht ergeben», sagt er – und grinst verschmitzt. «The best is yet to come», lautet sein Status auf Whatsapp – «das Beste kommt erst noch».