SP-Nationalrat Gross

14. Februar 2014 20:29; Akt: 14.02.2014 20:29 Print

«Ich befürworte die Sterbehilfe für Kinder»

von Christoph Bernet/Marco Lüssi - Belgiens Parlament erlaubt die Sterbehilfe für Kinder. Die Idee findet auch in der Schweiz Unterstützer – doch es gibt auch Widerstand.

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Sterbehilfe-Kit in Belgien: Das Land erlaubt die Suizidhilfe für todkranke Kinder. Für SP-Nationalrat Andreas Gross ein «Schritt in die richtige Richtung». (Bild: Keystone)

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Belgien betritt beim Thema Sterbehilfe Neuland. Das Parlament hat beschlossen, die Sterbehilfe für Kinder zu erlauben. Dafür müssen aber verschiedene Bedingungen erfüllt sein: Gegen die Schmerzen des Betroffenen darf es keine lindernden Mittel geben, die Kinder müssen «Urteilsfähigkeit» besitzen und als «unheilbar krank» diagnostiziert worden sein und obendrein muss die Zustimmung der Eltern vorliegen. Ausserdem müssen die Ärzte sicher sein, dass der Patient nicht mehr lange zu leben hat.

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Sind Sie dafür, dass todkranke Kinder Sterbehilfe beanspruchen können?
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Die Ausweitung der Sterbehilfe in Belgien stösst in der Schweiz auf Zuspruch. Für SP-Nationalrat Andreas Gross ist der belgische Entscheid ein Schritt in die richtige Richtung. Natürlich sei die Suizidbegleitung bei Kindern ein schwieriges Thema: «Kinder sind nicht unbedingt in der Lage, zu beurteilen, was der Tod bedeutet.» Das belgische Gesetz sehe aber strenge Voraussetzungen vor. Ein Psychiater müsse bestätigen, dass sich das Kind der Tragweite des Entscheids bewusst sei.

«Kinder haben bei uns nicht viel zu sagen»

«Ich befürworte die Sterbehilfe für Minderjährige auch in der Schweiz – unter den Bedingungen, wie sie in Belgien vorgesehen sind», sagt Gross. Unheilbar kranke Kinder sollten über einen Freitod entscheiden dürfen. Die Sterbehilfe für todkranke Kinder sei schliesslich «ein Kann und kein Muss».

Eine Lösung, wie sie das belgische Parlament verabschiedet hat, würde Gross auch in der Schweiz begrüssen. Im Moment sehe er allerdings keine Mehrheit für das Anliegen. Vielleicht finde in einigen Jahren, wenn in Belgien erste Erfahrungen gesammelt worden seien, ein Umdenken statt.

Belgien könne wie Holland auf eine jahrzehntelange Tradition der Sterbehilfe für Erwachsene zurückblicken. Die Schweiz sei seit einigen Jahren in Fragen der Sterbehilfe für Erwachsene zwar auch liberal eingestellt. Im Bereich der Kinderrechte sei das Land im internationalen Vergleich aber rückständig: «Kinder haben bei uns nicht viel zu sagen.» Erwachsene hätten den Anspruch, besser zu wissen, was für Kinder richtig sei, als diese selber. Diese Haltung werde noch auf viele Jahre hinaus eine Lösung verhindern, die in Betracht ziehe, dass Kinder manche Dinge selber entscheiden können.

Dignitas und Exit sehen keinen Handlungsbedarf

Dignitas-Generalsekretär Ludwig A. Minelli sagt, er wolle den Entscheid eines ausländischen Parlaments nicht kommentieren. Auch er sieht für die Schweiz keinen Handlungsbedarf: Seines Wissen sei noch nie ein Minderjähriger bzw. dessen Angehörige mit einem Suizidwunsch an Dignitas herangetreten.

Ein anderes Thema ist laut Minelli die Früheuthanasie: «Es gibt Babys, die ohne Haut geboren werden. Sie überleben nicht lange, aber vor ihrem Tod leiden sie extrem.» In der Regel erspare man ihnen dieses Leiden: «Das ist heute gesetzlich nicht geregelt, das regelt die Medizin gemeinsam mit den Eltern.»

Generell tritt Minelli für eine «ergebnisoffene Suizidberatung» ein. Nur so lasse sich die Zahl der Suizidversuche reduzieren, die meistens scheitern und bei den Betroffenen oft schwere gesundheitliche Schäden auslösen. Mehr noch: «Wenn Menschen mit Suizidgedanken darüber mit jemandem reden können, ohne befürchten zu müssen, dass sie dafür weggesperrt werden, lassen sich meistens Lösungen in Richtung Leben finden.»

«Schweiz ist ähnlich liberal wie Belgien»

Wenn auch Jugendliche Zugang zu solchen Suizidberatungen hätten, liesse sich auch in dieser Altersgruppe die Zahl der Suizidversuche reduzieren, ist Minelli überzeugt. Dazu aber dürfe man den Suizid als menschliche Verhaltensweise nicht grundsätzlich ablehnen.

Bernhard Sutter, Vizepräsident der Sterbehilfeorganisation Exit, ist nicht überrascht vom Entscheid des belgischen Parlaments: «Eine grosse Mehrheit der Belgier steht der Sterbehilfe für Minderjährige positiv gegenüber.» Er schätzt die Chancen in der Schweiz höher ein als SP-Mann Gross und vermutet, dass Sterbehilfe für Jugendliche auch hier eine Mehrheit finden könnte: «In dieser Frage denken die Schweizer ähnlich liberal, auch wenn die Zustimmung deutlich tiefer sein dürfte, wenn es um Kinder geht.»

«Begreift ein Jugendlicher, dass er nie mehr aufwachen wird?»

Zudem wirft das Gesetz für Sutter offene Fragen auf: «Wie stellt man fest, ob ein Kind urteilsfähig ist? Begreift ein Jugendlicher wirklich, dass er nie wieder aufwachen wird, wenn er Sterbehilfe beansprucht?» Schon bei älteren, lebenserfahrenen Menschen nehme man den Entscheid zur Sterbehilfe nicht auf die leichte Schulter, so Sutter. «Dies ist natürlich noch viel weniger der Fall, wenn es um das Sterben von Kindern geht.»

SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger-Bäni sagt: «Gerade weil es um Kinder geht, kann ich diesen Entscheid nicht verstehen und lehne ihn ab.» Ein siebenjähriges Kind sei gar nicht in der Lage, zu verstehen, was Sterbehilfe bedeute, geschweige denn so einen schweren Schritt zu entscheiden

«Menschliches Leben ist ein Geschenk»

Sie wolle sich nicht als Moralapostel aufspielen: «Jeder muss selber wissen, was er tut, und dafür die Verantwortung tragen.» Aber Sterbehilfe für Kinder sei für sie ein absolutes Tabu. In der westlichen Welt sei man offensichtlich soweit, immer mehr Einfluss auf den natürlichen Lauf des Lebens zu nehmen.

Dabei sei das menschliche Leben ein Geschenk. «Wollen wir wirklich einfach abschneiden am Anfang und am Ende des Lebens, was uns gerade nicht passt?», sagt Flückiger in Anspielung auf Abtreibungen und Sterbehilfe.

Es gehöre zu den Aufgaben des Menschen, einem leidenden Angehörigen beizustehen und ihn mit aller Kraft zu unterstützen. «Als gläubiger Mensch gehört der Tod, wie er auf natürliche Weise eintritt, zum Leben.» Sie lehne es ab, ihn künstlich herbeizuführen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • chipsy am 14.02.2014 21:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    recht zu leben

    recht zu sterben, es sollte jedem mensch sein gutes recht sein, zu sterben, wenn er nur noch leiden muss, ob erwachsener oder kinder, viele siechen dahin, in pflegeheimen, spitäler und ich denke, dass viele von diesen menschen, ihrem leid ein ende setzen möchten, doch es ihnen verwehrt bleibt, weil sie geistig nicht mehr voll da sind. ein tier darf man erlösen, ein mensch muss leid ertragen,

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  • Dr. Best am 14.02.2014 20:49 Report Diesen Beitrag melden

    Hier auch einführen.

    Ich bin dafür. Meine Cousine litt an unheilbarem Krebs. Warum muss man ein 14 Jähriges Kind unnötig leiden lassen? sie wollte nicht mehr leben, für was noch qualvoll dahinsiechen wenn es sowiso klar ist das es unheilbar ist? Der gesunde Menschenverstand und der Respekt vor jedem Menschen sollte Argument genug sein so etwas auch hier zuzulassen. Aber die religiösen Fanatiker werden wohl alles daran setzen um allen Ihren Willen aufzudrücken.

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  • Rafael am 14.02.2014 21:38 Report Diesen Beitrag melden

    Mündigkeit

    Ich denke, niemand zweifelt an, dass das Leben ein Geschenk ist. Der Disput liegt aber bei der Beurteilungskraft des Kindes. Das Gesetz spricht Ihnen die Mündigkeit ab. Ich, 30, bin selber unheilbar krank. Als Jugendlicher hätte ich mein Leben gerne beendet - mehrmals und in allen Altersstufen. Heute bin ich froh, dass ich es nicht konnte, denn ich hätte es getan!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sophia_H am 15.02.2014 13:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    schwieriges thema

    eine seele hat sich dazu entschieden auf die welt zu kommen. davor wurde genaustens geplant welches leben er/sie führen wird. diese seele braucht auch gewisse rückschlàge oder viele glückliche momente. die seele entwickelt sich nur so! was aber die entscheidung angeht über tod oder leben zu entscheiden BEI KINDER hmm ich weiss nicht...der gedanke alleine macht einen völlig kirre.aber wenn es das kind wünscht bei vollständigem bewusstsein geht das in ordnung, denn da spricht ein stück weit auch die seele

    • Klaus am 15.02.2014 16:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Seele?

      Seele? Es gibt ein Gedächtnis, Gefühle etc. Aber eine Seele ist ein Hirngespinst der Menschen

    • Bist Du innen leer? am 15.02.2014 21:31 Report Diesen Beitrag melden

      Seele gibt es

      @Klaus: Würde Dir der Ausdruck Lichtkörper besser gefallen?

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  • Freedomfighter am 15.02.2014 12:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Liebe svp NR

    Ich bin mir nicht ganz sicher ob für einen tot kranken menschen das Leben wirklich ein geschenk ist ! Ich finde ob jemand weiter leben will oder nicht sollte jeder für sich selber entscheiden können und auch die möglichkeit dazu haben

    • Hans P. am 15.02.2014 16:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Nun...

      wenn für einen todkranken Menschen das Leben kein Geschenk sein soll... dann ist das Leben für die meisten Menschen kein Geschenk... TRAURIGE PHILOSOPHIE!!

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  • Silvia am 15.02.2014 11:46 Report Diesen Beitrag melden

    Sterbehilfe ist Mord

    Ich bin der Meinung: Die Seele entscheidet sich auf diese Erde zu kommen um zu lernen, sei es in einem behinderten oder gesunden Körper. Wie viele behinderte Kinder strahlen eine Liebe und Freude aus, auch wenn sie grosse Schmerzen haben. Die Kinderseelen wissen genau wann es Zeit ist zu gehen. Wir Erwachsenen dürfen sie mit unserer Liebe begleiten.

    • Roberta Flück am 15.02.2014 13:15 Report Diesen Beitrag melden

      Sadistisch

      Das ist eine Romantik, die auf Kosten schwer leidender Menschen geht. Ich finde es zynisch und sadistisch.

    • Klaus am 15.02.2014 16:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Seele?

      Und wieder so ein Schwachsinn von der Seele! Diese gibt es nicht! Alles was ich erlebe, stirbt wenn ich sterbe! Die Seele ist ein Wunschdenken der Menschen!

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  • Brom am 15.02.2014 11:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Recht zu entscheiden

    Jeder soll selbst das Recht haben zu entscheiden! Was viele nicht begreifen: Solch eine Entscheidung wird erst mach einer langen (KEIN SPONTANENTSCHEID) und therapeutisch betreuten Abklärung getroffen - für den Betroffenen gibt es nichts mehr zu leben! Alles weiter Leben ist nur noch reinste Folter, brutal und unmenschlich!

    • Sara N. am 15.02.2014 12:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Genau...

      so sehe ich es auch !

    • Leser am 15.02.2014 12:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Quatsch!!

      Leiden ist nicht unmenschlich... es ist zutiefst menschlich!!

    • Stefan Halter am 15.02.2014 14:29 Report Diesen Beitrag melden

      Unsinn

      @Leser... es ist zutiefst menschlich, also sollte auch jeder Todkranke Mensch bitte bis an sein Lebensende leiden, egal wie stark und konstant die Schmerzen sind und egal wie lange es dauert???...ich kann eine solch egoistische und dumme Haltung nicht im geringsten verstehen, und dann immer alles noch unter dem Denkmantel des Christentums oder sonst einer Glaubensrichtung....deshalb halte ich mich von solchen "Sekten" Freikirchen und religiösen Grupierungen fern, die immer meinen sie wissen was das richtige für jemand ist....

    • Leser am 15.02.2014 16:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Stefan Halter ???

      Unter dem Deckmantel von Christentum oder Sekten?? Da hast du ewas missverstanden Stefan Huber... ich habe nur die Aussage gemacht, dass Leiden zum Leben gehört, genau so wie Freude, Trauer, Geburt und Tod... mehr nicht. Es tut mir leid für dich, dass du Leiden nicht akzeptieren kannst... das macht das Leben äusserst schwierig...!

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  • Markus Hänni am 15.02.2014 10:54 Report Diesen Beitrag melden

    Lebenshilfe statt Sterbehilfe

    Als Betroffener einer unheilbaren Erbkrankheit "CF", dem als Kind oft das Lebensende prognostiziert wurde, bin ich ganz auf der Linie von NR Sylvia Flückiger und spreche mich für eine gute palliative Begleitung aus. Es darf nicht sein, dass Eltern mit einem schwer behinderten und leidenden Kind in Zukunft darauf angesprochen werden, ob sie mit ihrem Kind die Option Sterbehilfe schon gründlich besprochen haben. Oder verschieben sich die Koordinaten von einer Lebenswert- zu einer Nutzwertgesellschaft?

    • So oder so am 15.02.2014 13:19 Report Diesen Beitrag melden

      Entweder oder!

      Die meisten lassen sich dann aber doch eine Lunge transplantieren. Das ist dann genau so unnatürlich und als Eingriff in den Zyklus zu bewerten!

    • Franz am 15.02.2014 16:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @so oder so... Nun..

      obs dann funktioniert ist halt nicht in Menschenhand! Es gibt Transplantationen, die klappen einigermassen und solche, die klappen nicht... also: GLEICHWEIT!!

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