Fahndung nach Paar

11. Februar 2016 18:15; Akt: 11.02.2016 20:32 Print

«Für Magdici könnte es sehr gefährlich werden»

von R. Neumann - Aufseherin Angela Magdici verhalf dem Vergewaltiger Hassan Kiko zur Flucht. Der ehemalige Kriminalkommissär Markus Melzl erklärt, wie die Polizei nach dem Paar fahndet.

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Herr Melzl*, was tat die Polizei als Erstes, als sie von der Flucht des Häftlings und der Aufseherin erfuhr?
Zunächst erstellt die Polizei von beiden ein persönliches Diagramm. Wo haben sie gelebt, in welchem Umfeld haben sie sich bewegt? Man spricht mit Angehörigen und versucht herauszufinden, mit welchen Personen sie in den letzten Wochen Kontakt hatten und ob es Auffälligkeiten gab. Und natürlich werden die technischen Hilfsmittel ausgereizt.

Welche sind diese?
Die Polizei sichtet die vorhandenen Bilder der Überwachungskameras. Sie prüft, ob und wie viel Geld Angela Magdici abgehoben hat. Natürlich wird auch versucht, ihr Handy zu orten. Dann wird geprüft, ob sie irgendwo geblitzt wurden. Die Vermutung liegt nahe, da die Zürcher Polizei mitgeteilt hat, dass sie wohl nach Italien geflüchtet sind. Vielleicht sind sie irgendwo zu schnell gefahren, was bei einer Flucht leicht passieren kann. Abgeklärt wird, welche Kleider sie tragen, obwohl die schnell gewechselt werden können. Dann muss auch geprüft werden, ob Magdici zum Beispiel Zugriff auf die Asservatenkammer im Gefängnis hatte – dort würden die persönlichen Sachen von Kiko liegen, zum Beispiel sein Pass.

Wie sieht es mit digitalen Spuren aus?
Wenn einer vorhanden ist, wird auch Magdicis Computer von überprüft, um festzustellen, ob und wie sie ihre Flucht geplant hat. Vielleicht hat sie Flugtickets gekauft oder sonstige Spuren hinterlassen, mittels derer ihr Ziel ermittelt werden kann. Und die Flughäfen werden ebenfalls angefragt und alarmiert.

Was, wenn sie längst im Ausland sind? Immerhin hatten sie mehrere Stunden Vorsprung.
Nun, ein internationaler Haftbefehl wurde bereits ausgestellt. Und die Kreditkarten werden gesperrt. Irgendwann geht den beiden das Geld aus. Da Hassan Kiko kriminelle Energie hat, könnte es gut sein, dass er diese einsetzt, um Mittel zu beschaffen. Aber es könnte für Angela Magdici nun auch sehr gefährlich werden.

Warum?
Die Vermutung liegt nahe, dass er sie manipuliert hat. Er fiel zuvor nicht als ein Sexualstraftäter auf, der, salopp gesagt, aus dem Busch springt und seine Opfer anfällt. Er konnte sie vielleicht davon überzeugen, dass sie seine grosse Liebe ist, und sie auf seine Seite ziehen. Er riskiert auch nichts, er macht sich nicht zusätzlich strafbar – sie hingegen schon. Aber sie scheint mir hier nur Mittel zum Zweck. Und dieser gemeinsame «Bonnie und Clyde»-Moment kann schnell kippen.

Was könnten die Gründe dafür sein?
Wenn sie für ihn auf der Flucht nur noch hinderlich ist oder wenn sie zum Beispiel aufgeben und sich stellen will. Dann kann sie zum Opfer werden. Und dann weiss man nicht, wozu er fähig ist. Denn dass beide dasselbe füreinander empfinden, darf stark bezweifelt werden.

Was sollte sie Ihrer Meinung nach tun?
Wenn sie plötzlich merkt, dass sie einen «Riesenseich» gemacht hat, sollte sie versuchen, sich auf sichere Art abzusetzen. Also ihn nicht noch davon überzeugen wollen, ebenfalls aufzugeben, sondern zum nächsten Polizeiposten gehen und sich melden.

Könnte es sein, dass sie ihm gar nicht freiwillig zur Flucht verholfen hat?
Das glaube ich nicht. Auf den Videobändern des Gefängnisses ist gewiss ersichtlich, wie sie miteinander umgegangen sind und wie sie in der Nacht der Flucht hinausspaziert sind. Wäre sie seine Geisel, hätte die Polizei dies mitgeteilt. Mich wundert eher, dass es möglich ist, dass sie ihn befreien konnte, ohne dass eine Zweitperson dies bemerken konnte. Das Sicherheitsdispositiv bei diesem Gefängnis wird überprüft werden müssen.

Was glauben Sie, wie dieser Fall enden wird?
Ich könnte mir vorstellen, dass das Pärchen bald geschnappt wird. Allerdings wird es schwierig, wenn sie tatsächlich nach Syrien gehen wollen und es bis dorthin schaffen. Vielleicht lässt er sie aber auch an der Grenze stehen. Dann taucht sie irgendwann wieder auf. Dass sie dann allerdings für den Rest ihres Lebens nicht mehr in einem solchen Bereich arbeiten wird, dürfte ihr schon jetzt klar sein.