Schweizer lieben Bargeld

11. Mai 2017 09:42; Akt: 11.05.2017 10:08 Print

«Der Franken ist mythisch wie Tell»

Im internationalen Vergleich sind Schweizer wahre Bargeld-Fans, Karten werden weniger genutzt. Experten nennen die Gründe.

Bildstrecke im Grossformat »
Am Mittwoch, 10. Mai wurde die neue 20er-Note vorgestellt. Sie ist etwas kleiner als die alte und besteht wie die im Frühling 2016 lancierte 50er Note aus dem Durasafe-Substrat. Dieses besteht aus zwei Baumwoll-Papierschichten und wird in der Mitte durch einen Polymer-Kern verstärkt. Die Vorderseite der neuen 20er-Note zeigt eine Hand sowie das von der 50er bekannte Bölleli, das einen Globus darstellt. Die Rückseite des Geldscheins zeigt als realen Ort das Filmfestival Locarno. Im Bild: SNB-Vizepräsident Fritz Zurbrügg und Thomas Wiedmer, stellvertretendes Mitglied des Direktoriums. Nirgends in Westeuropa ist mehr Bargeld pro Person im Umlauf als in der Schweiz, und auch die am nächsten Dienstag erscheinende neue 20er-Note dürfte sich grosser Beliebtheit erfreuen. «In der Schweiz haben wir eine lange Cash-Kultur», sagt Finanzexperte Adriano Lucatelli. «Der Schweizer Franken hat zudem etwas Mythisches, er steht wie Willhelm Tell für die freiheitsliebende Schweiz. Dies erst recht, seit unsere Nachbarländer den Euro nutzen.» Auch Hans Geiger, emeritierter Banking-Professor an der Uni Zürich, sagt: «Das Bargeld ist in der Schweiz stark verankert und überall akzeptiert, weil es nur selten Fälschungen gibt.» Man könne mit einer 200er-Note bezahlen und keiner schaue blöd. Einen psychologischen Effekt sieht Sandro Graf, der an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften das Zahlungsverhalten untersucht. «Die Forschung zeigt, dass Dinge, die wir bar bezahlen, als wertiger wahrnehmen.» Psychologisch gesehen tue es auch mehr weh, bar zu bezahlen als mit Karte – Bargeld fungiere für viele wohl als eine Art Ausgabenkontrolle. So sah der Entwurf für die neue 20er-Note aus. Die 20er-Note ist der Kreativität gewidmet und enthält als Motive ein Prisma, eine Leinwand und Schmetterlinge. Die Entwürfe der Grafikerin Manuela Pfrunder aus dem Jahr 2005. Bis 2019 soll die neue Serie vollständig im Umlauf sein. So sah der Entwurf für die 50er-Note aus. Die Grundfarbe sowie Elemente wie der Gleitschirmflieger oder die Berge wurden übernommen. Die definitive Version unterscheidet sich allerdings in einigen Punkten vom Entwurf. Vor allem die Vorderseite ... ... wurde im Vergleich zum Entwurf nochmals deutlich umgestaltet. Nach der Lancierung der neuen 50er-Note zeigte sich, dass sie aufbrechen kann, wenn sie der Länge nach gefaltet wird. Auch gewisse Beschriftungen waren nicht sonderlich beständig. Zum Vergleich: So sah die 50er-Note der Vorgängerserie aus. Manuela Pfrunder, Gestalterin der neuen Banknotenserie, anlässlich der Präsentation der 50er-Note im April 2016.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Auf den Strassen Stockholms wird ein Obdachlosen-Magazin verkauft, doch es wird nicht gegen Bargeld ausgehändigt. Bezahlt wird per SMS oder Swish, dem schwedischen Pendant zu Twint, das bereits mehr als die Hälfte aller Schweden benutzen. «Wir haben grosses Vertrauen in das System, die Banken und die Regierung», erklärt Bengt Nilervall von der Schwedischen Handelsföderation auf dem staatlichen Infoportal Schwedens.

Umfrage
Wie bezahlen Sie?
43 %
17 %
16 %
13 %
11 %
Insgesamt 2484 Teilnehmer

Verglichen mit den Schweden sind die Schweizer echte Bargeld-Fans. Nirgends in Westeuropa ist mehr Bargeld pro Person im Umlauf als in der Schweiz, und auch die am nächsten Mittwoch erscheinende neue 20er-Note dürfte sich grosser Beliebtheit erfreuen. Zudem ist der Anteil an Kreditkartenzahlungen tief. Auch in Deutschland und Österreich setzt man lieber auf Bares als etwa in England oder den USA. Dies zeigen Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich.

«Der Franken steht für die freiheitsliebende Schweiz»

«In der Schweiz haben wir eine lange Cash-Kultur», sagt Finanzexperte Adriano Lucatelli. Man habe das Geld gern im Portemonnaie. «Der Schweizer Franken hat ausserdem etwas Mythisches, er steht wie Wilhelm Tell für die freiheitsliebende Schweiz. Dies erst recht, seit unsere Nachbarländer den Euro nutzen.» Der Franken verkörpere durch seine Rolle als Fluchtwährung und seine Fälschungssicherheit auch andere Werte wie Sicherheit und Verlässlichkeit.

Auch Hans Geiger, emeritierter Banking-Professor an der Uni Zürich, sagt: «Das Bargeld ist in der Schweiz stark verankert und überall akzeptiert, weil es nur selten Fälschungen gibt.» Man könne in einer Bar mit einer 200er-Note bezahlen und keiner schaue blöd. Ganz anders in Amerika: «Als ich einmal in New York eine Taxifahrt mit einer 100-Dollar-Note bezahlen wollte, weigerte sich der Fahrer, das Geld anzunehmen. Er hatte Angst, es sei eine Blüte.»

Einen psychologischen Effekt sieht Sandro Graf, der an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften das Zahlungsverhalten untersucht. «Die Forschung zeigt, dass wir Dinge, die wir bar bezahlen, als wertiger wahrnehmen.» Psychologisch gesehen tue es auch mehr weh, bar zu bezahlen als mit Karte – Bargeld fungiere für viele wohl als eine Art Ausgabenkontrolle.

«Wer das Geld hat, hat die Macht.»

Laut Lucatelli gibt es hierzulande anders als etwa in Schweden eine gewisse Skepsis gegenüber den Institutionen und dem Staat. Wichtig sei die Kontrolle über das Geld. «Als Land mit einem starken Bankensektor wissen wir nur zu gut: Wer das Geld hat, hat die Macht. Nur wenn ich das Geld in Cash habe, entziehe ich es dem Machteinfluss der Zentralbank.» Die von der Schweizerischen Nationalbank eingeführten Negativzinsen hätten dies noch einmal verdeutlicht.

Die Skepsis gegenüber der Staatsmacht sei durchaus berechtigt. «Die Europäische Zentralbank hat erst kürzlich beschlossen, die 500-Euro-Note abzuschaffen. Da geht es meiner Meinung nach nicht um Geldwäscherei, sondern um Kontrolle über das Geld.»

Die in der Finanzkrise relevant gewordene Einlegerschutzgrenze von damals 30'000 und heute 100'000 Franken hätte den Schweizern noch mal klargemacht, dass das Geld auf der Bank auf einmal weg sein kann. «Auch deshalb gibt es viele vermögende Schweizer, die einen Haufen Tausendernoten in einem Tresor horten.»

«Wer mit der Karte bezahlt, hinterlässt Datenspuren»

Dass die Schweizer nicht nur mehr Bargeld besitzen, sondern auch gern damit bezahlen, ist laut Lucatelli verständlich: «Mit Kreditkarte auf Pump zu kaufen, wie dies etwa die Amerikaner tun, ist in der Schweizer Kultur nicht verankert.» Auch die Gebühren seien hoch, weil in der Schweiz nicht viel Geld mit Verzugszinsen zu holen sei, da viele die Kreditkarten-Rechnungen sofort bezahlen würden.

Doch auch die Bankkarten würden nicht von allen gern eingesetzt. «Die Schweizer haben einen ausgeprägten Sinn für Privatsphäre, der im angelsächsischen Raum eher weniger vorhanden ist. Es soll niemand wissen, wofür man sein Geld ausgibt, auch nicht die Bank.» Geiger ergänzt: «Wer mit der Karte bezahlt, hinterlässt überall Datenspuren: Bei der Bank, beim Verkäufer, bei der Kartenfirma. Das wollen viele Schweizer nicht.»

(the)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • SonjaA am 11.05.2017 09:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lieber bar

    Bar bezahlen ist mir am liebsten, dann habe ich überblick und mache weniger unnötige Einkäufe!

  • Frau Räppli am 11.05.2017 09:55 Report Diesen Beitrag melden

    Bar bezahlen ist immer noch

    am günstigsten. Keine Gebühren. Für 100 Fr. kriegt man 100 Fr. Sobald Karten ins Spiel kommen, kostet es zusätzlich.

    einklappen einklappen
  • Kurt Spielmann am 11.05.2017 10:03 Report Diesen Beitrag melden

    Abhängigkeit

    Bares ist Wahres. Wir haben alle schon mal gesehen wenn nur schon einige Stunden die Lesegeräte nicht funktionieren. Dies war ein Technisches Problem. Was wenn dies von anderen Gruppen blockiert wird? Dies kann ein Staat oder sonst irgendwer sein... Macht euch mal Gedanken darüber. Wir sind völlig abhängig...

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Jo Weiss am 12.05.2017 13:32 Report Diesen Beitrag melden

    Mythos?

    wenn man alle 20 jahre ein neues design macht hat das nichts mit einem mythos zu tun. nur der dollar ist einer.

  • Ivo H am 12.05.2017 08:27 Report Diesen Beitrag melden

    Plastik nur im Notfall

    Nur Bares ist wahres; unglaublich wenn die Leute für einen Einkauf von 1.50 ihre Karte in den Schlitz stecken und wir dann an der Kasse warten müssen!

  • B.Armin am 12.05.2017 00:42 Report Diesen Beitrag melden

    Bares gibt Sicherheit

    Bargeldlos bezahlen reitet so viele in die Schulden falle. Wenn ich kein Bargeld mehr bei mir habe, dann kann ich auch nichts kaufen. Mit der Karte hingegen, kann problemlos ins Minus gekauft werden. Es gibt viele Menschen, die mit Geld nicht umgehen können, weil sie es nicht lernen konnten - oder wie auch immer. Mir graut davor, dass mein Lohn zuerst auf das Bankkonto muss. Wird diese gehackt oder so, dann ist mein Lohn auch weg - und dann ?

    • Jo Weiss am 12.05.2017 13:33 Report Diesen Beitrag melden

      welche sicherheit

      bares ist ja nicht mehr wert.

    einklappen einklappen
  • KRS One am 11.05.2017 22:19 Report Diesen Beitrag melden

    Richtig so !

    Sowas macht mich stolz zu hören. Eventuell ist die CH doch bisschen eigenständiger/unabhängiger als manche andere Nationen. In Schweden bspw. hat ein Grossteil gar kein Bargeld mehr dabei. Bettler kriegen nichts mehr, weil die Leute schlicht nur Plastik auf sich tragen. Absurd. Plastik war nie ein sonderlich verlässlicher Wert. In etwa so verlässlich wie die elitäre Hochfinanz und ein Grossteil der Finanzbranche an sich, welche die kompletten Vermögen eines jeden kontrolliert und im Endeffekt besitzt. Ausgenommen persönliches Bargeld. Ob die Schweden und Co. wirklich zu Ende gedacht haben?

    • Jo Weiss am 12.05.2017 13:38 Report Diesen Beitrag melden

      Hochfinanz

      weisst aber schon dass bargeld nicht mehr wert oder sicherer ist als plastik. es ist nur papier.

    einklappen einklappen
  • Stuart am 11.05.2017 19:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Edelsteine und - metalle

    Bargeld? Karte ? Ich zahle mot Gold, Diamanten und Platin.