Der Branchen-Check

25. Februar 2014 08:18; Akt: 25.02.2014 08:38 Print

Wo Sie Teilzeit arbeiten können – und wo nicht

von J. Büchi - Kürzere Arbeitswochen, mehr Zeit für die Familie: Viele Schweizer wünschen sich einen Teilzeitjob. In manchen Berufen bleibt das 80-Prozent-Pensum aber ein frommer Wunsch.

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«Viele Männer haben Angst vor Teilzeitarbeit», klagte Markus Theunert, Präsident von Männer.ch, kürzlich gegenüber 20 Minuten. Tatsächlich würden gemäss einer Studie von Pro Familia zwar 9 von 10 Männern gerne Teilzeit arbeiten – schweizweit erfüllen sich diesen Wunsch derzeit aber nur gerade 14,7 Prozent. Tatsächlich variieren die Möglichkeiten, überhaupt in reduziertem Pensen arbeiten zu können, von Branche zu Branche stark – und zwar für Angestellte beider Geschlechter.

Jürg Wiler, Leiter des Projekts «Der Teilzeitmann Schweiz», hat für 20 Minuten basierend auf seiner Erfahrung eine Rangliste der teilzeitfreundlichsten und -feindlichsten Berufe erstellt (siehe Tabellen). Klar die Nase vorn hat das Bildungswesen – dort arbeiten rund 6 von 10 Angestellten Teilzeit.

Laut Beat Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerverbands, liegt dies einerseits daran, dass sich die Schulstruktur mit den verschiedenen Fächern gut dafür eignet, Pensen aufzuteilen. «Dazu werden im Bildungsbereich auch bewusst Team-Teaching-Modelle angeboten, damit die Lehrpersonen Beruf und Familie unter einen Hut bringen können.» Teilweise müssten die Schule heute bereits darum besorgt sein, dass eine kritische Untergrenze von Teilzeitpensen nicht unterschritten wird: «Eine gewisse Anzahl an Klassenlehrern, die Vollzeit arbeiten, braucht ein Schulhaus – quasi als tragende Säulen.»

Bäuerinnen beim Ehemann angestellt

Erstaunen mag die Nummer zwei in der Rangliste der Top-Teilzeit-Berufe: Ausgerechnet im harten Bauernberuf arbeitet demzufolge mehr als jeder zweite in einem reduzierten Pensum. Beim Bauernverband heisst es auf Anfrage, gerade Bäuerinnen würden heute nach der Heirat zunehmend noch ihrem erlernten Beruf nachgehen – «daneben sind sie ganz offiziell in einem Teilzeitpensum bei ihrem Mann auf dem Hof angestellt», so Sprecher Hans Rüssli. Auch der umgekehrte Fall sei anzutreffen.

Dazu kämen viele Arbeitskräfte, die während der Obsternte oder beim Gemüsebau stundenweise auf dem Hof mitarbeiteten. Ebenfalls teilzeitfreundlich präsentieren sich ausserdem der Detailhandel, die soziale Arbeit oder das Gastgewerbe. «Auch in den Medien oder in Gesundheitsberufen arbeiten meiner Erfahrung nach überdurchschnittlich viele Leute in einem Anstellungsverhältnis von unter hundert Prozent», so Wiler.

Nur Vollzeit auf dem Bau – Wende bei Banken

Fast eine Teilzeitwüste sind hingegen das Baugewerbe und die Industrie. «Das ist leider so», bestätigt Martin A. Senn, Vizedirektor des Schweizerischen Baumeisterverbandes. Der tiefe Anteil Teilzeitarbeitender im Baugewerbe sei tatsächlich auffällig – er könne aber nur teilweise erklären, woran das liege: «Aufgrund der komplexen Vorgänge auf den Baustellen ist es für die Arbeitgeber wohl meistens einfacher, wenn ihre Leute von Montag bis Freitag verfügbar sind», vermutet er. Jürg Wiler ergänzt, in Berufen mit tiefen Lohnniveaus könnten es sich grundsätzlich weniger Leute leisten, nicht Vollzeit zu arbeiten. «Das dürfte auf dem Bau und in der Industrie sicherlich eine Rolle spielen.»

Auch Berufe im Finanz- oder Versicherungswesen präsentierten sich bis anhin als eher teilzeitfeindlich. «In den letzten Jahren haben diese Branchen aber kräftig aufgeholt», so Wiler. Dies bestätigt Balz Stückelberger, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes der Banken. «Die Nachfrage ist ganz klar da: Wen wir hochqualifizierte junge Leute anwerben wollen, müssen wir Teilzeitmodelle anbieten – sonst verzichten diese gleich ganz auf den Job.»

Es sei jedoch korrekt, dass im Bankenwesen Vollzeitbeschäftigungen traditionell stark verankert seien: «Vermutlich, weil ein vergleichsweise hoher Performance-Druck herrscht und man für die Kunden möglichst jeden Tag erreichbar sein will», so Stückelberger. Auf Führungsebene sei es zudem einfacher, ein Team aus Vollzeitangestellten zu führen. «Dann muss man nicht jedes Mal abklären, ob für die Sitzung am Montagnachmittag alle im Haus sind.» So weit dies machbar sei, sollen diese Strukturen nun aber aufgeweicht werden. «Aus meiner Sicht muss dies nicht zwingend mit Teilzeitstellen geschehen – auch flexible Arbeitszeiten und Home-Office-Tage können Möglichkeiten sein, um Privatleben und Beruf miteinander zu vereinbaren.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Pia G. am 25.02.2014 10:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    45+

    Leider haben 45+ fast keine Chance! Viele Arbeitgeber fordern 150% Ausbildungen, welche unmöglich sind. Absagen, wegen des Alters . Im Sozialwesen null Chancen, Grund : zuwenig Ausbildung um zB. Staub zu saugen! Überall das gleiche. Man ist zu alt!

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  • Andi M. am 25.02.2014 10:28 Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz: 100% bald nicht mehr möglich

    Das Pendeln ist eine Qual geworden. Die Geschäfte sind immer zu wenn ich nach hause kommen. Die Gemeinschaftswaschmaschine immer besetzt. Man lebt wie Landstreicher ohne Lebensqualität... Ohne Tag frei geht in der Schweiz gar nichts mehr!

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  • Ivo K. am 25.02.2014 09:46 Report Diesen Beitrag melden

    Theorie und Praxis

    Wenn die feinen Herren der Wirtschaft in der Arena auftreten klingt alles so toll und man könnte meinen dass alles möglich sei. In der Praxis sieht alles anders aus. Habe in 2 Vers. erlebt wie Damen über 1 Jahr gewartet haben bis sie auf 80% red. durften. Dann reden alle von mehr Nachwuchs und AHV Zahler... Das grösste Problem in der CH ist, dass Politiker oft aus reichen Verhältnissen stammen und keine Ahnung haben vom normalen Leben. Das ist u.a. das Resultat.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Urs Leutwiler am 26.02.2014 22:46 Report Diesen Beitrag melden

    Lokführer + Teilzeit = top!

    Ich arbeite 60% bei der SBB als Lokführer. In den letzten paar Jahren wurden die Bedingungen für Teilzeit durchleuchtet und verbessert. Heute bin ich sehr zufrieden. Die SBB gewährt die freien Tage für die Kinderbetreuung voll und ganz.

  • Inanna am 26.02.2014 13:23 Report Diesen Beitrag melden

    Viel zu viel Vorurteile gegen Teilzeit

    Teilzeit ist in der Schweiz leider immer noch verpönt und mit sehr viel Vorurteilen behaftet. Teilzeit-ler sind meiner Erfahrung nach als faul, minimalistisch und unflexibel abgestempelt. Aber der "ach so fleissige" Vollzeit-ler hockt dann 8-12 Stunden im Büro und die Hälfte seiner Arbeitszeit nutzt er für Privates. Schon oft erlebt! So Leute gelten dann als "fleissig"? Obwohl die Teilzeitkraft viel schneller, effizienter und produktiver ist, und nicht surft, chattet oder privat telefoniert, sondern zügig vorwärts arbeitet. Manche Arbeitgeber haben wirklich einen beschränkten Horizont!

  • Mia W. am 26.02.2014 10:44 Report Diesen Beitrag melden

    Das Problem mit Teilzeit

    Ich sehe das Problem darin, dass es einfach viel zu wenig Teilzeitstellen gibt und falls man es endlich doch geschafft hat, zu reduzieren oder sich eine entsprechende Stelle zu ergattern, dann wird man als Teilzeitkraft wortwörtlich nicht für voll genommen. Oft bekommt man dann Aufgaben, die weiter unter der Qualifikation liegen, denn man ist ja"nur die Teilzeit-Mutti", die nicht 100% da ist. Chefs trauen Teilzeitkräften wenig zu. Aber reine Anwesenheit hat mit Produktivität und Effizienz nicht zu tun! Da sind noch uralte Theorien in den Köpfen verankert. Schade! Hätte auch gern 80%.

  • Andreas am 25.02.2014 21:32 Report Diesen Beitrag melden

    Kommt auf die Stelle drauf an

    Ich bin Abteilungsleiter in der IT eines grossen Versicherers. Teilzeit stellt uns prinzipiell vor keine Probleme - es kommt halt auf den Grad drauf an. 80-90% sind problemlos. Bei 60% und weniger wird es schwierig. Da wir vor allem Projekte abwickeln, können Mitarbeiter mit 60% und weniger nur noch schlecht eingesetzt werden. Auch können sie keine tragenden Rollen in den Projekten übernehmen. Wir haben das schon mehrmals ausprobiert - und waren immer unzufrieden. Ich kann mir aber vorstellen, dass es bei normalen Sachbearbeitern besser geht, die isolierte Fälle selbständig bearbeiten können.

  • Ruedi Müller am 25.02.2014 20:37 Report Diesen Beitrag melden

    Gopf!

    Bei den Behörden steht 100% auf dem Papier, arbeiten tut man aber 50%...