Gegen Verpixelung

08. März 2012 10:27; Akt: 08.03.2012 12:09 Print

SRG soll Verbrecher entlarven

von Simon Hehli - Gilt für einen Räuber, der beim Banküberfall gefilmt wird, die Unschuldsvermutung? Ja, findet das Westschweizer Fernsehen – und verpixelt die Bilder vom Tatort. Rechtsbürgerliche Parlamentarier sind erbost.

Der umstrittene Beitrag des Westschweizer Fernsehens.

Fehler gesehen?

Yannick Buttet (34) kanns immer noch nicht fassen: Völlig absurd, ja lächerlich sei, was das welsche Fernsehen TSR Mitte Januar geboten habe. Da überfällt ein Räuber ohne Maske eine Bank, die Überwachungskameras filmen ihn – und das TSR macht den Mann im Beitrag in der Hauptnachrichten-Sendung «Journal de 19 h 30» unkenntlich. «Das widerspricht doch dem gesunden Menschenverstand», ärgert sich der Walliser CVP-Nationalrat. In einer während der Frühlingssession eingereichten Motion verlangt er nun, dass öffentliche Fernsehsender die Gesichter von in flagranti gefilmten Schwerverbrechern zeigen müssen.

Umfrage
Sollen die öffentlichen Schweizer Fernsehsender alle vorhandenen Fahndungsbilder von Schwerverbrechern veröffentlichen müssen?
74 %
11 %
15 %
Insgesamt 763 Teilnehmer

Buttet kann wenig anfangen mit der Erklärung, die das TSR zum verwischten Täterfoto abliefert. In einem Leserbrief schreibt TSR-Sprecher Christophe Minder, die Redaktion habe sich auf ein elementares Prinzip des Journalismus abgestützt: die Unschuldsvermutung. «Davon kann ja wohl kaum die Rede sein, wenn es um einen Räuber geht, der in der einen Hand die Pistole, in der anderen das geklaute Geld hält», meint Buttet sarkastisch.

Ist ein bewaffneter Räuber eine Gefahr?

Das TSR zeigt laut Sprecher Minder grundsätzlich nie das Gesicht von Tätern, ausser bei überwiegendem öffentlichem Interesse. Gleich argumentiert gegenüber 20 Minuten Online auch SRG-Sprecher Daniel Steiner: «Mit Rücksicht auf die Anforderungen des geltenden Persönlichkeitsrechts veröffentlichen wir identifizierende Bilder nur im Falle drohender Gefahr für Leib und Leben.»

Im Gegensatz zu den Fernsehleuten findet Buttet, genau eine solche Gefahr sei vorhanden, wenn ein bewaffneter Räuber sein Unwesen treibt – auch wenn beim Überfall in Delémont niemand verletzt worden ist. «Es kann doch nicht sein, dass Kriminelle auf Kosten von potentiellen Opfern geschützt werden», enerviert er sich. Andere Medien haben das von der jurassischen Kantonspolizei veröffentlichte Fahndungsbild unverpixelt gezeigt.

Die Polizei konnte den Räuber, einen 47-jährigen Franzosen, Anfang Februar nach einem weiteren Banküberfall in Biel festnehmen. Hätte die TSR-Nachrichtensendung ihren vielen Zuschauern das Gesicht präsentiert, hätte der Kriminelle dank Hinweisen aus der Bevölkerung vielleicht schon früher geschnappt werden können, sagt Buttet. «Das TSR hat wohl einfach eine Dummheit gemacht und will jetzt nicht dazu stehen.»

Keine Unterstützung von links

Für seine Motion hat sich Buttet die Unterstützung von 21 rechtsbürgerlichen Ratskollegen aus CVP, FDP und SVP gesichert. Dennoch ist der Walliser wenig optimistisch, im Parlament eine Mehrheit für eine Gesetzesänderung zu finden. Von der Linken kann er keine Schützenhilfe erwarten, wie Roger Nordmann klarmacht. Der Waadtländer SP-Mann betont, die Unschuldsvermutung gelte für jeden Tatverdächtigen, solange dieser nicht rechtskräftig verurteilt ist.

Das Fernsehen sei zudem keine Fahndungsinstitution und solle selber entscheiden können, welche Fahndungsbilder es veröffentlicht und welche nicht, erklärt Nordmann. Bei der Veröffentlichung der Fotos von mutmasslichen Tätern in den Medien sei generell Vorsicht angebracht, mahnt er: «Die Bilder zirkulieren dann jahrelang im Internet – auch wenn die Fahndung schon lange vorüber ist.»

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 2 Tage, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.

Ausgewählte Leser-Kommentare

Die Unschuldsvermutung gilt bis zum rechtskräftigen Urteil. Keine Sekunde länger oder weniger. Punkt. Aus. Wenn Journalisten keine Bilder von nicht verurteilten veröffentlichen wollen, und somit ihren Prinzipien selbst in eher offensichtlichen Fällen treu bleiben wollen, ist das ihr gutes Recht. Ich finde es persönlich sehr korrekt von diesen Menschen, das sie sich nicht verbiegen (lassen). Zeigt Rückgrat. – Maurin

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Damien Brülisauer am 08.03.2012 10:55 Report Diesen Beitrag melden

    Fans

    Aber bei Fussballfans ists allen egal das schon mehrmals trotz Unschuldsvermutung mit einem Internetpranger gesucht wurde? Und nachher wurde festgestellt dass der trotzdem unschuldig ist..... Seht ihr das Problem? Die Polizei greift zu schnell zum Internetpranger!!! Gefährliche Demütigung von den schweizer Bürger und allen ists egal unglaublich!

  • hugo am 08.03.2012 11:09 Report Diesen Beitrag melden

    stell euch vor

    stellt euch vor, das fernsehen zeigt öffentlich ein Bild eines mutmasslichen Täters und es stellt sich heraus, dass dieser unschuldig ist.

    einklappen einklappen
  • Unschuldig am 08.03.2012 10:58 Report Diesen Beitrag melden

    Verwechslungsgefahr

    Auch wenn die Unschuldsvermutung für den Täter allenfalls nicht gilt - sie gilt ganz gewiss für alle, die ihm evt. ähnlich sehen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Jürg Graber am 10.03.2012 18:42 Report Diesen Beitrag melden

    nie zugeben

    zB. Milosevic und seine gewissen Generäle wurden in der halben Weltpresse unverpixelt abgebildet, Jahre bevor sie verhaftet und in Den Haag vor Gericht kamen. Unschuldsvermutung hin oder her. Vor ein paar Tagen wurden hier noch die Welschen als locker und selbstironisch dargestellt - diese TV-Leute aber reagieren stur wie Deutschschweizer Angestellte des grossen Arbeitgebers (zum Glück nicht alle): Wenn sie einen Fehlentscheid getroffen haben, geben sie es unter keinen Umständen zu.

  • 911Lie am 08.03.2012 21:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schwerverbrecher?

    Also einen Bankräuber Schwerverbrecher zu nennen finde ich nicht in Ordnung ohne es schönreden zu wollen. Leider ist es tatsächlich so, dass Raub schlimmer gewertet wird als Mord. Geld ist ja alles was zählt heute...

  • Paul Meier am 08.03.2012 19:38 Report Diesen Beitrag melden

    Nur der

    Untersuchungsrichter soll das recht haben die Bildeer unverpixelt veröffentlichen zu lassen. dann ist es kein Pranger sondern ein sauberes Fahndungsersuchen über TV

  • Garon Barbado am 08.03.2012 17:44 Report Diesen Beitrag melden

    hier wird etwas vermischt

    das Medium macht sich nicht zum Richter, indem es ein unverändertes Video zeigt. Das Medium sagt ja nicht "schuldig / unschuldig des Raubüberfalls". Das macht die Justiz. Watergate und andere Fälle werden als Sternstunden des Journalismus gefeiert. Die Medien haben etwas gezeigt, was anderen unangenehm war, dass es rauskam. Ich finde es fehl am Platz, diese TV-Macher als Helden darzustellen.

  • Patriotischer Schweizer am 08.03.2012 16:36 Report Diesen Beitrag melden

    Medien als Gericht?!

    Justiz und Medien dürfen NIE nicht vermischt werden. Mag es in diesem Fall noch offensichtlich sein, doch wer bestimmt was als offensichtlich gilt und was geschieht wenn jemand zu unrecht an den Pranger gestellt wird? Medien sind und sollen keine Richter sein.