«Altersvorsorge 2020»

15. September 2015 12:01; Akt: 15.09.2015 18:02 Print

«Renten für Junge sind gefährdet»

Der Ständerat hat mit der Debatte zur Renten-Reform begonnen. Laut Polit-Ökonom Christoph Schaltegger reichen die Massnahmen nicht aus.

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Wer heute eine Lehre macht, blickt in eine unsichere Renten-Zukunft. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

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Herr Schaltegger, der Ständerat befasst sich als Erstrat während drei Tagen mit Bersets Mega-Reform «Altersvorsorge 2020» (siehe Box). Warum braucht es diese Altersreform?
Christoph Schaltegger: Der Hauptgrund liegt in der steigenden Lebenserwartung. Die Menschen werden heute im Schnitt sieben Jahre älter als noch vor 70 Jahren. Aufgrund der stagnierenden Geburtenrate rücken gleichzeitig immer weniger junge Arbeitnehmer auf den Arbeitsmarkt nach. 1947, als die AHV eingeführt wurde, kamen auf einen Rentner noch sechs Erwerbstätige. Heute sind es noch dreieinhalb und bis 2060 werden es nur noch zwei sein. Der Finanzierungsbedarf steigt enorm. Um die Renten der geburtenstarken Babyboomer-Generation – und natürlich auch der nachfolgenden Generationen – noch zahlen zu können, braucht es bis 2030 entweder acht Milliarden Franken Mehreinnahmen oder eine Erhöhung des Renteneintrittsalters.

Wird das mit der aktuellen Reform gelingen? Der Ständerat sprach sich am Dienstagmorgen für eine Erhöhung der Neurenten um 70 Franken pro Monat.
Es ist paradox, in einer Zeit, in der die AHV bereits rote Zahlen schreibt, schon wieder neue Versprechungen zu machen. Das Verteilen von Rentengeschenken nach dem Giesskannenprinzip lässt sich nicht nachhaltig finanzieren. AHV und Pensionskassen haben beide das gleiche Problem. Es mutet daher komisch an, Lösungen zu präsentieren, bei denen sich die beiden Einrichtungen gegenseitig finanzieren sollen. Die vorberatende ständerätliche Kommission will zum Ausgleich – neben der Senkung des Umwandlungssatzes in der Pensionskasse – zwar die Lohnabgaben zur Sicherung der AHV erhöhen. Profitieren würden von dieser Lösung vor allem die heutigen Rentner, die Arbeitnehmer hingegen müssten zahlen. Die Vorschläge sind also weder besonders durchdacht noch sind sie fair.

Kann jemand, der heute ins Berufsleben eintritt, überhaupt noch mit einer Rente rechnen?
Mit dem Vorschlag der Kommission ist dies ab 2030 nicht gesichert, denn mit den Rentengeschenken macht sie die Reform nur noch teurer. Die Renten für die junge Generation sind entsprechend ab 2030 gefährdet. Politiker fürchten sich wohl davor, den Menschen zu sagen, sie müssten nun länger arbeiten, ohne gleichzeitig eine Gegenleistung zu erhalten. Doch wir werden nun mal älter. Wollen wir unseren Lebensstandard im Rentenalter beibehalten, geht dies nicht ohne Zugeständnisse, sei es nun, indem wir länger arbeiten oder indem wir mehr Lohnabgaben respektive Mehrwertsteuern zahlen müssen.

Statt einer generellen Rentenalterserhöhung sieht die Reform nur eine Angleichung des Frauenrentenalters auf 65 vor. Reicht das?
Studien zeigen, dass wir künftig definitiv mit einer Erhöhung des Rentenalters rechnen müssen. Würde man die AHV zur einen Hälfte über Lohnbeiträge und zur anderen Hälfte über eine Erhöhung des Rentenalters finanzieren, ergäbe sich folgendes Szenario: Bis 2030 müssten die Lohnabgaben um ein Prozent erhöht und das Rentenalter auf 67 Jahre angehoben werden.

Verschliesst die Politik die Augen vor der Realität?
Ich finde es schon überraschend, dass man in Bern das Rentenalter immer noch nicht antasten will. Es ist doch nur eine logische Konsequenz, dass die Menschen auch länger arbeiten, wenn ihre Lebenserwartung steigt, und dies erst noch bei guter Gesundheit. Ich verstehe die Politik, dass sie nicht etwas auf Vorrat beschliessen will. Doch Geburtenrate und Sterblichkeit sind relativ stabile Grössen. Die Situation wird sich nicht plötzlich ändern, so dass eine Anpassung des Rentenalters überflüssig würde.

Am Ende wird das Volk das letzte Wort haben. Bereits mehrmals wurden Rentenreformen an der Urne jedoch abgelehnt. Wie geht es weiter, sollte auch dieses Paket scheitern?
Solche Reformen haben es vor allem schwer, weil sie die Zukunft betreffen. Wissenschaftler haben vielleicht Vorstellungen davon, wie sich diese entwickeln kann. In der Realität ist die Zukunft aber mit Unsicherheiten verbunden, weswegen man in der Politik mit gutem Grund zurückhaltend ist. Dennoch müssen wir uns im Klaren sein, dass die AHV ohne Reform bereits ab 2025 solch massive Finanzierungslücken aufweisen könnte, dass die Renten nicht mehr mit Sicherheit ausbezahlt werden können.

(sma)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Alter Sack am 15.09.2015 12:09 Report Diesen Beitrag melden

    Toll...

    Das ganze Leben lang gekrampft, und ab 2030 bleibt nichts mehr übrig, ...danke Bern

    einklappen einklappen
  • Tobias am 15.09.2015 12:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Komisch

    Immer weniger Arbeitnehmer? Was machen denn die ganzen Leute die zuwandern?

    einklappen einklappen
  • Schweizer am 15.09.2015 19:52 Report Diesen Beitrag melden

    50 Mio für Flüchtlinge

    Schnell zusätzliche 50 Millionen für Flüchtlinge locker mache ist kein Problem, aber wen kümmert das eigene Volk? Steckt die 50 Millionen in die AHV!

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Nicolas am 16.09.2015 22:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kürzung auch bei Rentner

    Heute beziehen Rentner oft utopisch hohe Pensionskassenrenten, die sie nie selbst finanziert haben. Ich bin der Meinung, wird der Umwandlungssatz für künftige Renten gesenkt, so müssen zwingend laufende Renten aktiver Rentner auch gekürzt werden. Bis heute habe ich nie gesehen, dass Rentner auch ihren Beitrag leisten müssen. Beispiel: mein Nachbar bezieht heute ca. 80'000 BVG-Rente und die volle AHV-Rente. Er war normaler Angestellter beim Kanton. Diese Rente ist viel zu hoch im Vergleich zu den Renten jetziger Angestellten.

  • Nicole B am 16.09.2015 21:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    schlimm

    also wenn jetzt schon prognostiziert wird dass wir wahrscheinlich keine Rente erhalten, wieso sollten wir dan weiterhin AHV und Pensionskassenbeitröge bezahlen

  • Roger Duppenthaler am 16.09.2015 20:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wieder dieses Thema?!?

    Seit ich zur Schule gegangen bin,ist dies eines von mehreren Themen, mit denen immer auf Panik gemacht wird.Ist eigentlich schlimm, wie die Politik und deren die meinen Politik zu betreiben immer auf der selben Schiene fahren.Erdöl,AHV und so weiter. Theoretisch hätte ich seit 15 Jahren keine möglichkeit auf Rente. Seit 2006 sollten wir kein Erdöl mehr haben.Bis 2018 sollten alle Gasvorkommen der Erde leer sein..... Was aber alles bis jetzt oder auch zum grössten Teil auch morgen nicht eintreffen wird! Klimaerwärmung haben wir,wer bitte erklärt mal, dass sich die Ozonlöcher '08 schliessen?

  • Toll am 16.09.2015 19:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Na

    Wenn das so weiter geht werde ich für mich von Türe zu Tür sammeln und sagen das es für die Winterhilfe sei. Schöne Aussichten wen man 56. ist.

  • Brummbär am 16.09.2015 11:23 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Zukunft für uns

    Wir sind die Generation ohne Zukunft und niemand interessierts. Man erntet nur Lacher für diese Sorgen und es wird einem gesagt das man doch noch nichts vom Leben weiss. Ich rechne nicht mit der Rente und plane bei dem Trend auch nicht alt zu werden. Ich gehe Arbeiten um zu leben, nicht umgekehrt. Sparen bringt überhaupt nix. Das habe ich im Elternhaus schon gesehen. Also geniesst das Jetzt, denn das Morgen wird düster.