Kinder und Karriere

02. Juli 2015 19:39; Akt: 02.07.2015 19:39 Print

Arbeitende Männer fühlen sich als Rabenväter

von Tanja Bircher - Der Spagat zwischen Kind und Karriere war lange nur ein Frauenthema. Heute geht es dem Mann nicht anders: Arbeitet er zu viel, hat er ein schlechtes Gewissen.

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Väter möchten mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, haben aber Mühe, im Job zu reduzieren. (Bild: Colourbox)

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Das erste Wort, der erste Schritt, der erste Schultag – viele Väter verpassen diese historischen Momenten ihrer Sprösslinge. Sie müssen arbeiten, das Geld nach Hause bringen. So war es lange und ist es häufig auch heute noch. «Doch viele Männer wollen vermehrt für ihre Kinder da sein, sie aufwachsen sehen und auch an der Erziehung teilnehmen», sagt Familienpsychologe Erhard Grieder.

Dies gestaltet sich aus verschiedenen Gründen schwierig. Einerseits ist es für Männer noch immer eine grosse Hürde, im Job reduzieren zu können. «Teilzeitarbeit in der Schweiz ist – leider – nach wie vor ein Karrierekiller», sagt Jürg Wiler, Leiter von Teilzeitmann.ch. Das liege vorab an den Chefs und an der Unternehmenskultur. Dort herrsche eine strenge Präsenzkultur: Als guter Chef gelte, wer zu mindestens hundert Prozent verfügbar sei.

«Sie schleppen ein schlechtes Gewissen mit sich herum»

Andererseits stelle auch die geringe gesellschaftliche Akzeptanz ein Problem dar, so Wiler. «Väter, die weniger arbeiten möchten, um für ihre Kinder da zu sein, werden von ihren Kollegen schnell als Waschlappen abgestempelt.»

Familienpsychologe Grieder sagt, dies habe mit dem Leistungsdenken der Männer zu tun. Ein hart arbeitender Mann, gelte nach wie vor als beeindruckender als einer, der zu Hause mit den Kindern im Sandkasten spiele. «Aus diesem Grund arbeiten viele Männer weiterhin 100 Prozent, schleppen aber konstant ein schlechtes Gewissen mit sich herum.»

Rabenmutter und Rabenvater

Dies bestätigt auch das Mannebüro Züri. «Der Spagat zwischen Familie und Beruf ist heutzutage auch für den Mann ein grosses Thema», sagt Männerberater Philipp Gonser.

Doch Grieder beobachtet auch einen starken Gegentrend. «Bis anhin waren es vor allem arbeitende Frauen, die sich von anderen anhören mussten, sie seien Rabenmütter.» Dieser Vorwurf richtet sich nun vermehrt auch an Väter. «‹Fühlst du dich eigentlich nicht schlecht, dass du den ganzen Tag arbeitest und nie zu Hause bist?›, fragen sie beispielsweise», sagt Grieder.

«Viele Männer fürchten sich vor dem Karriereknick»

Auch Wiler sagt, das Macho-Denken, ein Mann sei nur ein Mann, wenn er 100 Prozent arbeite, sei ein Auslaufmodell. «Sehr viele Männer wollen gerne Teilzeit arbeiten und setzen sich auch durch.» Dieser Schritt brauche aber nach wie vor Mut.

Laut dem Bundesamt für Statistik sind im letzten Jahr 4000 Schweizer Männer aus familiären Gründen neu in die Teilzeit eingestiegen – 10 Prozent mehr als im Vorjahr. Insgesamt 37'000 Väter oder jeder zehnte Vater arbeitet heute wegen seiner Kinder Teilzeit. Wiler ist überzeugt: «Viele andere möchten dies auch, fürchten sich jedoch vor dem Karriereknick.»

Zeit mit Kindern wirkt sich positiv auf Arbeit aus

Männer sollten nichts auf herablassende Kommentare ihrer Kollegen geben, sagen Grieder und Wiler. «Sie müssen dieses Gehabe durchschauen und verstehen, dass hier auch oft Neid mitspielt», sagt Grieder. Und Wiler betont: «Teilzeitarbeitende sind motivierter, loyaler und effizienter.» Aktiv Verantwortung in der alltäglichen Kinderbetreuung zu übernehmen, gebe zudem Kraft und das wirke sich auch positiv auf den Job aus.

Head Hunter Beat Lutz ergänzt: «Frauenförderung war einmal – heute sind familienkompatible Karrieremodelle für Frau und Mann angesagt.» Diejenigen Unternehmen und Arbeitgeber, die Teilzeitstellen auch für Männer offerierten, würden künftig von den jungen, gut ausgebildeten Personen als attraktive Arbeitgeber wahrgenommen und so zu den Gewinnern zählen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rabenvater aus Armut am 02.07.2015 20:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    schlechtes Gewissen? Nein, nur bedauern

    Mehr Teilzeit klingt gut, frag ich doch gleich mal ob die Miete, Krankenkasse, Versicherungen, Lebensmittel usw auch teilweise günstiger werden. Ist ein schöner Traum meine Kinder aufwachsen zusehen. Nur leider eben nur ein Traum. Habe kein Verständnis für die Leute die es sich leisten könnten und doch nicht tun. Kinder sind das größte!

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  • Superpappi am 02.07.2015 20:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und es geht doch....

    Ich habe meinen Kaderjob aufgegeben und bin jetzt 50% Busfahrer und 50% Hausmann. Meine Frau ist Selbständig, so kann sie sich ihre Arbeit selber Einteilen. Wir haben drei Kinder 5, 2, und ein Neugeborenes. Wir würden es jederzeit wieder so machen. Es braucht nur den Mut dazu

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  • D.m. am 02.07.2015 20:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schatten

    Rabeneltern? Ich sehe zur zeit rabeneltern die hocken auf einem ast und schauen dem jungvogel zu. Lassen ihm die freiheit hüten ihn aber wie ein schatten. Es kommt immer auf die qualität an wie ich zeit mit meinen kindern verbringe und nicht auf die menge. Eltern verlasst euch aufs gefühl, familie ist am wichtigsten und nicht haus mit pool...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Lichtblau550@bluewin.com am 03.07.2015 21:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lichtblau

    Warum ist die Schlagzeile so penetrant? Da fehlt ein Wort im Titel. Nämlich 'Vollzeit" oder "100 %".

  • Christian am 03.07.2015 20:05 Report Diesen Beitrag melden

    Steuergelder für die Spatzen

    und genau für solche Studien bezahlen wir noch Steuern, müssen wir länger arbeiten. Wie soll das gehen nur Teilzeit arbeiten? 1. die Firma macht da nicht mit 2. Das Einkommen genau so wenig. 3. Der Staat ist auch nicht gerade eine Kostenbremse. Die leben doch alle in einer Fantasie Welt alla Enterpreis da zählen die Errungenschaften aber jeder hat genug zum leben ob er Arbeitet oder nicht. Leute wen ihr schon Studien durchführen müsst deren Ergebnis nicht schon alle Wissen dann aber immer bei der Realität bleiben.

  • philippe am 03.07.2015 19:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    gleichberechtigung

    wo bleibt die gleichberechtigung wir männer müessen für das geld sorgen die frauen können gemütlich zuhause sein und zu sehen wie ihr kind aufwächst meiner meinung nach sollte die frau 50% arbeiten und der mann 50% so ist es gleichberechtig

    • ungleiche am 03.07.2015 20:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      schön wäre

      Wenn Mann und Frau dann aber auch gleich verdient! Leider eher selten, daher nicht umsetzbar

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  • Kinder am 03.07.2015 19:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schade um die

    Ich kenne nicht sovielmal Rabenvögel dafür einige Rabenmütter die sich ein Leben zu Hause nicht vorstellen können.Sie wollen arbeiten und Karriere machen um jeden Preis ..

    • Sam, weiblich am 03.07.2015 21:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Naja

      Naja ich könnte mir auch nichts schlimmeres vorstellen als den ganzen Tag zu Hause zu sitzen und auf schreiende Kinder aufzupassen. Ich würde irgendwann durchdrehen und mich eingeengt fühlen. Deshalb möchte ich keine Kinder. Aber als Frau wird man von der Gesellschaft und vorallem vom Umfeld sehr unter Druck gesetzt. Schliesslich muss doch jede Frau Kinder haben, sonst ist sie abnormal... Egal wie, es ist nicht recht.

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  • Nicht am 03.07.2015 19:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verstehe

    Ich kenne auch Frauen die nach der Geburt sofort wieder arbeiten weil sie sich nicht als Hausfrauen sehen. Nicht müssen sondern wollen wieder arbeiten.Putzfrauen Kindermädchen das ist alles durchplant.