Mühleberg-Rückbau

28. November 2016 11:32; Akt: 28.11.2016 11:32 Print

Ätzen, sägen, abklingen – so wird ein AKW zerlegt

von P. Michel - Trotz dem Nein zum Atomausstieg: Das AKW Mühleberg wird 2019 abgestellt. 20 Minuten erklärt, wie der aufwändige Rückbau funktioniert.

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Arbeit im Hochsicherheitsbereich: Mitarbeiter zerlegen am 13.02.2013 im Zwischenlager Lubmin bei Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern) einen Dampferzeuger aus dem stillgelegten Atomkraftwerk Obrigheim (Baden-Württemberg). Auch Jahre nach Stilllegung eines AKW strahlen die Bauteile noch: Der Abbau ist dementsprechend aufwändig und teuer. in den folgenden Bildern erklären wir den Rückbau des AKW Mühleberg, wie er ab 2019 stattfinden sollte. 2019 wollen die Bernischen Kraftwerke (BKW) das Kraftwerk Mühleberg vom Netz nehmen und mit dem Rückbau beginnen. Doch wie würde der Abriss ablaufen? Nachdem der Reaktor vom Netz ginge, müssten zuerst die müssten. «In dieser Zeit klingt die Radioaktivität so weit ab, dass sie in Transportbehälter verladen und ins Zwischenlager gebracht werden können», erklärt Horst-Michael Prasser, Professor für Kernenergiesysteme an der ETH Zürich. Nachdem die Brennelemente aus dem Abklingbecken geholt wurden, beginnt die und verpackt werden. Der oder wiederverwerten. Auf dem Höhepunkt des Rückbaus in Mühleberg fahren laut BKW täglich 20 bis 25 Lastwagen ins Zwischenlager und in andere Deponien. Bild: Zwischenlager Würenlingen. «Maschinenteile wie etwa eine Turbinenschaufel, auf der nur . Welche Erfahrungen Deutschland mit bereits stattfindenden AKW-Rückbauten macht,, zeigen die Arbeiten am ostdeutschen Kernkraftwerk Greifswald, dem grössten Kraftwerk der ehemaligen DDR. Die Anlage wurde Anfang der 1990er-Jahre aufgrund erheblicher Sicherheitsmängel abgeschaltet. Seit 1995 sind «Ein AKW-Rückbau ist dermassen komplex, dass selbst Experten nicht alles vorausplanen können», erklärt ENW-Sprecherin Marlis Philipp. Das AKW Greifswald hätte laut Plan bereits letztes Jahr zurückgebaut sein sollen. Jetzt soll es 2028 so weit sein. Auch die Kosten mussten korrigiert werden: Sie schnellten von geplanten 3,2 auf 6,6 Milliarden Euro.

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20,653 Milliarden Franken: Mit diesem Betrag rechnen die Schweizer AKW-Betreiber laut der neusten Kostenstudie aus dem Jahr 2011 für die Stilllegung und den Rückbau ihrer Kernkraftwerke sowie der Endlagerung. Nach dem Nein zur Atomausstiegsinitiative der Grünen haben die meisten Betreiber noch Zeit, sich mit dem Rückbau zu beschäftigen. Dennoch ist klar: Der Abbruch eines AKW ist aufwändig und teuer.

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Das erste Atomkraftwerk, das trotz dem Nein der Stimmbürger vom Netz geht, ist Mühleberg. 2019 werden die Bernischen Kraftwerke (BKW) das AKW stilllegen. Budgetiert sind dafür inklusive Endlagerung 2,1 Milliarden Franken.

So funktioniert der Rückbau

Nachdem der Reaktor vom Netz geht, müssen zuerst die hochradioaktiven Brennelemente aus dem Reaktor in das benachbarte Abklingbecken gebracht werden, wo sie etwa fünf Jahre im Wasser lagern müssen. «In dieser Zeit klingt die Radioaktivität so weit ab, dass sie in Transportbehälter verladen und ins Zwischenlager gebracht werden können», erklärt Horst-Michael Prasser, Professor für Kernenergiesysteme an der ETH Zürich.

Die Brennstäbe aus Mühleberg werden im Zwischenlager Würenlingen aufbewahrt, bis ein Endlager gebaut ist. Zurzeit prüft die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle verschiedene Standorte. Sie rechnet damit, dass der Bau eines Tiefenlagers 2050 beginnen kann.

Brennstäbe müssen fünf Jahre lang abklingen

Bei Mühleberg geht die BKW davon aus, dass von den insgesamt 200'000 Tonnen Baumaterial 2 Prozent radioaktiver Abfall anfällt – davon sind 3 Prozent hochverstrahlt. Nachdem die Brennelemente abtransportiert wurden, beginnt die Reinigung der restlichen Anlage.

«Maschinenteile wie etwa eine Turbinenschaufel, auf der nur oberflächlich strahlende Stoffe abgelagert sind, können etwa mit Säure gereinigt werden», sagt Horst-Michael Prasser. Dabei werde die radioaktive Schicht weggeätzt. «Bei Betonteilen muss man die Oberfläche Zentimeter für Zentimeter abtragen, um sie von der Radioaktivität zu befreien.»

25 Lastwagen voll Bauschutt – pro Tag

Den restlichen Bauschutt kann der Betreiber entsorgen oder wiederverwerten. Auf dem Höhepunkt des Rückbaus in Mühleberg fahren laut BKW täglich 20 bis 25 Lastwagen ins Zwischenlager und in andere Deponien. Bis 2030 soll dann jeglicher strahlender Abfall weg sein. Nach Planung der BKW könnte im Jahr 2034 die Fläche umgenutzt werden.

Wie ein Rückbau in der Praxis aussehen kann, zeigen die Arbeiten am deutschen Kernkraftwerk Greifswald, dem grössten Kraftwerk der ehemaligen DDR. Die Anlage wurde Anfang der 1990er-Jahre aufgrund erheblicher Sicherheitsmängel abgeschaltet. Seit 1995 sind 830 Mitarbeiter der Energiewerke Nord (EWN) für den Rückbau der fünf Reaktorblöcke im Einsatz.

Dabei sind die deutschen Rückbau-Experten nicht nur mit technischen Fragen, sondern auch mit praktischen Problemen konfrontiert: Beispielsweise hielt die Unterwasserkamera eines Roboters, der die Zerlegung von hochradioaktiven Teilen überwachen sollte, der Strahlung nicht stand. Oder die Sägeblätter von Bandsägen rissen dauernd, weil die Betonwände und -decken mit einer speziellen Abschirmung versehen waren.

Rückbau in Deutschland: «Selbst Experten können nicht alles planen»

«Ein AKW-Rückbau ist dermassen komplex, dass selbst Experten nicht alles vorausplanen können», erklärt EWN-Sprecherin Marlies Philipp. Darum dauere es oft länger, bis taugliche Lösungen für ein Problem gefunden würden. «Zudem dachten die Ingenieure damals nicht daran, dass die Kraftwerke irgendwann abgebrochen werden müssen», sagt Philipp, «ansonsten hätten sie diese wohl anders konstruiert.»

Der Rückbau stellte sich in Greifswald als wesentlich teurer und langwieriger heraus als geplant: Zu Beginn gingen die Betreiber davon aus, dass das Gelände bis 2009 von allen kontaminierten Bauteilen gereinigt wäre. Heute rechnet die Rückbaugesellschaft damit, dass der Prozess noch bis 2028 dauern wird. Auch die Kostenprognose musste nach oben korrigiert werden: Die aktuelle Schätzung beläuft sich auf 6,6 Milliarden Euro, geplant waren ursprünglich 3,2 Milliarden.

Dass die Erfahrungen von vermehrten Rückbauten die Kosten und die Dauer deutlich senken werden, glaubt Marlies Philipp indes nicht. «Mit mehr Rückbauten steigt zwar die Erfahrung, aber jede Anlage ist individuell, was sich direkt auf die Kosten und die Komplexität auswirkt.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Markus am 28.11.2016 11:50 Report Diesen Beitrag melden

    Macht nur weiter die Augen zu!

    Die Kosten für den Abbau des AKWs von Greifswald hätten sich von 3.2 (1995) auf 6.6 mia (2016) verdoppelt - und wir in der Schweiz gehen von 2.9 miaCHF (2019) für Mühleberg aus? Wenn das der Betrag ist, den die BKW dafür zurückgestellt hat (wenn überhaupt), dann kommt da noch Einiges auf uns zu. Am Schluss wird ja wie immer der Bund (unsere Steuern!) geradestehen müssen. Darum will doch niemand aus den AKWs aussteigen - weil wir es uns wahrscheinlich gar nicht leisten können. So nach dem Motto: unserer Generation hat die Energie verbraucht und die nach uns sollen dafür bezahlen! Cool, oder?

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  • Xsasan am 28.11.2016 11:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alle Kosten gedeckt..?

    Bald wird sich zeigen, ob die Rückbau- und Stilllegungskosten wirklich "verursachergerecht" im Strompreis abgegolten wurden. Ich denke jedoch, die Kosten werden explodieren. Spätestens 2050, wenn wirklich ein Endlager gefunden wird und die Bauarbeiten beginnen.

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  • Atom Freddy am 28.11.2016 12:02 Report Diesen Beitrag melden

    Da zaubern wir noch was aus dem Hut

    Ja ja, wie war das gleich nochmals Rückbaufonds CH 13 Mia (in 50-60 Jahren) und Studie aus 2011 sagt no worries liebe CH-Mitbürger und in D Greifswald Plan-Kosten verdoppelt auf 6.6Mia Schätzung, vom Asse-Endlager Fisako ganz zu schweigen. Zum Glück Ist ja alles günstiger und besser bei uns... Sicher ist nur, wir werden es ja dann sehen wie weit es reicht, oder eben nicht...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Rolando am 29.11.2016 09:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Richtig und alles lesen

    @Tomas Jobs Bitte richtig lesen. In meinem Kommentar geht es darum, wenn ein KKW abgestellt ist, die Brennstäbe entfernt, und alles trocken gelegt ist, was soll da noch durch die mertedicke Bodenplatte in das Grundwasser sickern.

    • Eurika am 29.11.2016 15:46 Report Diesen Beitrag melden

      Mischmasch

      Genau, er hat's nicht mit dem Lese und Schreibverständnis! siehe seinen Kommentar: Eurika hat auch keine Ahnung: 2014 wurde das vergleichbare Würgassen für 1,4Mia. rückgebaut! Allerdings nicht auf grüne Wiese (was billigernist), so wies es bei Mühleberg vorgesehen ist! WAS IST DIE AUSSAGE??? Ist es billiger oder teurer!

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  • Spaniel am 28.11.2016 20:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich diese Arbeit

    Wahnsinns Aufgabe - da kann man nur hoffen dass auch alles gut geht. Da habe ich manchmal schon meine Bedenken.

  • Doc Occ am 28.11.2016 19:21 Report Diesen Beitrag melden

    Komische Sachen ....

    Ich bin mir bei der gsnzen Sache nicht sicher, ob man hier nicht zum Teil "übervorsichtig" ist um mehr Geld rauszuholen. Nur die zentralen Elemente, also Reaktor und direkt angeschlossene Teile, müssen mit grosser Sorgfalt behandelt werden. Der Rest ist NICHT radioaktiv. Woher die Turbinenschaufeln an der Oberfläche radioaktive sein sollen müsste mir der ETH-Kolege genau erklären. Dies dürfte im Sekundärkreis nämlich nicht stattfinden. Für das gibt es ihn ja.

    • Rolando am 28.11.2016 20:10 Report Diesen Beitrag melden

      BWR und PWR Reaktor

      Beim Reaktor-Typ von Mühleberg ist es tatsächlich so, dass die Turbine Kontaminiert ist im Gegensatz zu Beznau.

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  • Otto Mazzolino am 28.11.2016 17:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kosten

    Die Frage sei erlaubt, wer bezahlt eigentlich den Bau und Unterhalt des Endlagers? Ist das auch im heutigen Strompreis enthalten oder dürfen wieder die Steuerzahler das berappen?

    • Onkel Tom am 28.11.2016 17:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Otto Mazzolino

      Welcher Steuerzahler braucht denn keinen Strom? Ansonsten dürften es halt einfach die Stromverbraucher zahlen?! Bau und Abbruch gehört irgendwie in die Produktionskosten, oder nicht? Such dir eine Variante aus. Keine ist teurer...

    • Rocco Grecuccio am 28.11.2016 18:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Onkel Tom

      Man könnte auch mal richtig Arbeiten, anstatt zu chillen, was oft in der Industrie der Fall ist..

    • schliifts am 28.11.2016 19:11 Report Diesen Beitrag melden

      @Onkel Tom

      toll - Brot braucht auch jeder und ein Auto eigentlich auch, zahlen wir das doch auch gleich pauschal mit den Steuern. Eine exportierende Stahlindustrie haben wir auch keine...

    • @Otto Mazzolino am 28.11.2016 20:31 Report Diesen Beitrag melden

      Steuerzahler muss nichts zahlen

      Sowohl für die Stilllegung der AKW gibt es einen Fonds, den Stilllegungsfonds, als auch für die Entsorgung der radioaktiven Abfälle, den Entsorgungsfonds. Die Kosten werden gemäss Verursacherprinzip bezahlt (siehe Kernenergiegesetz Art. 31). Atomstromverbraucher zahlen 1 Rp/kWh und die AKW-Betreiber zahlen dann vom Bund festgelegte Beträge jährlich in die Fonds ein. Alle 5 Jahre wird eine Kostenstudie unter Bundesaufsicht durchgeführt, um die Beiträge neu festzulegen. Noch sind nicht alle gelder im Fonds, wird ja weiter eingezahlt aber da ist schon mehr Geld drin als vom Bund gefordert.

    • Thomas Jobs am 28.11.2016 21:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @@Otto Mazzolino

      Nur ist dieser Beitrag von der Atomlobby fein gedrückt worden und darum werden beide Fonds nirgends reichen, was auch unlängst mehrfach bewiesen wurde! Ausserdem sieht es der Beschluss vor, dass 50 Jahre nach Eröffnung des Endlagers die Betriebskosten an den Steuerzahler zu 100% zufallen!

    • pz am 28.11.2016 22:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @@Otto Mazzolino

      Und wer zahlt die Umbauarbeiten des Endlagers in 1000 Jahren. Diese Fonds. Welche Gehälter haben Arbeitnehmer in 1000 Jahren?

    • @pz. am 29.11.2016 01:52 Report Diesen Beitrag melden

      Bitte informieren Sie sich pz

      Der Sinn und Zweck der geologischen Tiefenlagerung ist, dass die natürliche Schutzbarriere die Abfälle umschliesst und es KEINE UMBAUARBEITEN benötigt. Weder in 100 noch 1000 noch 10000... Jahren. Ein solches Tiefenlager darf erst dichtgemacht werden, wenn man zeigen kann, dass es sich selbst überlassen werden kann. Die Schutzfunktion übernimmt unter anderem ein geeignetes Gestein wie ein spezieller Ton. Wenn Sie das Thema interessiert, kann ich Ihnen ein Besuch bei swisstopo im Felslabor Mont Terri empfehlen.

    • Solarflo am 29.11.2016 23:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Otto Mazzolino

      Das ist ja fenau das problem wenn man diese Kisten auf den Steimpreis rechnen würde wären die regenerativen billiger! Hrauenergie nennt sich das und wird jetzt natürlich vom Volk abgezapft! Geprellt werden all jene die sich Jahrzehntelang Ökostrom reingepfiffen haben!

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  • Eurika am 28.11.2016 17:00 Report Diesen Beitrag melden

    Angst aber keine Ahnung

    Interessant, kaum einer war je beim Rückbau eines KKW dabei, aber alle sind Spezialisten, kleiner Einwurf Greifswald 5 Blöcke à 400MW, Mühleberg 1 Block à 370 MW? Schön, dass auch ihr nun eine Plattform gefunden habt!

    • Thomas Jobs am 28.11.2016 21:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Eurika

      Eurika hat auch keine Ahnung: 2014 wurde das vergleichbare Würgassen für 1,4Mia. rückgebaut! Allerdings nicht auf grüne Wiese (was billigernist), so wies es bei Mühleberg vorgesehen ist!

    • @Thomas Jobs am 29.11.2016 02:04 Report Diesen Beitrag melden

      Glaskugel

      Ihre Greenpeace-Glaskugel möchte ich ja gerne haben. Damit holen Sie sich sicher den riesigen Lottogewinn...

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