«Landraub und vergiftete Böden»

04. September 2017 14:18; Akt: 04.09.2017 14:18 Print

NGOs fordern Detailhandel zu Palmöl-Verzicht auf

von B. Zanni - Schweizer Detailhändler sollen palmölhaltige Artikel verbannen. Doch diese sehen keinen Handlungsbedarf, da sie auf «nachhaltiges Palmöl» setzten.

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Viele alltägliche Lebensmittel enthalten Palmöl. Monokulturen mit Ölpalmplantagen bedecken heute zehntausende Quadratkilometer in Malaysia und Indonesien. Statt Regenwald oder vielfältigen Torfgebieten breiten sich laut Brot für alle Plantagen aus, wie hier auf Kalimantan, dem indonesischen Teil von Borneo. Die deutsche Online-Plattform Utopia, die sich mit nachhaltigem Konsum befasst, zeigt Alternativen zu Palmölprodukten – wie den «Sweet & creamy Caramel»-Riegel von GEPA anstelle des Mars-Riegels ... ... oder die Speick «Natural»-Seife anstelle von Produkten des Konzerns Colgate-Palmolive. In zahlreichen Tütensuppen, Tiefkühlpizzen und Nudelgerichten steckt Palmöl. Besser als eine Knorr-Tomatensuppe ist laut NGOs etwa die Alternative von Alnatura. Wer gerne Prinzen-Rolle mag, aber keine palmölhaltigen Produkte kaufen will, greift besser zu Alnatura-Guetsli. Im Knuspermüesli von Dr. Oetker hat es Palmöl, im Produkt von Alnatura dagegen Bio-Sonnenblumenöl. Die Schoggi von Rapunzel enthält kein Palmöl, Milka-Schokolade dagegen schon. Nocciolata von Rigoni di Asiago gilt als einzige palmölfreie Alternative zum beliebten Nutella-Aufstrich. In vielen Margarinen steckt Palmöl. Der Soyatoo-Tofubutter besteht nur aus Bio-Tofu, Wasser und Sonnenblumenöl. Als palmölfreie Alternative für Waschmittel wie Ariel, Persil, Spee oder Terra Aktiv schlägt Utopia das Eco Saponine Waschmittel von memo vor. «Es reinigt mit Seifenkraut- und Kokostensiden.» Die palmölfreie Tagescrème Quitten von Dr. Hauschka bietet eine Alternative für das Produkt von Nivea. Um mit besserem Gewissen duschen zu können, tauscht man das Dove-Shampoo durch das Speick Organic 3.0 Duschgel aus. In Mascaras und Eyeliner ist oft Palmöl enthalten. Frei von Palmöl sind die Eyeliner von Dr. Hauschka.

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Von Nutella, Guetzli über Fertigpizza bis zu Shampoo, Zahnpasta und Kerzen: In rund jedem sechsten Produkt in den Schweizer Geschäften steckt Palmöl. Dies gilt nicht nur für Importe. Auch 10 bis 20 Prozent der Eigenmarken der führenden Schweizer Detailhändler gehen auf das Konto des Pflanzenöls. Nun machen Entwicklungs- und Umweltorganisationen Druck.

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Sollen Schweizer Detailhändler den Anteil an Produkten mit Palmöl reduzieren?
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Insgesamt 3177 Teilnehmer

«Wir fordern, dass alle Schweizer Grossverteiler den Anteil an Produkten mit Palmöl in ihren Sortimenten reduzieren», sagt Regula Reidhaar, Kommunikationsverantwortliche von Brot für alle. Dafür sei es höchste Zeit. «Mit der Zunahme des Konsums von Conveniece Food ist der Bedarf an Palmöl massiv gewachsen.» Gleichzeitig rufen die Organisationen die Konsumenten mit der Kampagne «Palmöl heisst Landraub» auf, die Forderung an die Schweizer Grossverteiler zu unterzeichnen.

«Verheerende Folgen»

«Wer Produkte aus Palmöl konsumiert, nimmt Landraub und Menschenrechtsverletzungen in Kauf», sagt Miges Baumann, Leiter Entwicklungspolitik bei Brot für alle. In ihrem neuen Factsheet warnen Fastenopfer und Brot für alle vor den «verheerenden Folgen» des Palmölgeschäfts: Für den Bau von Palmölplantagen würden Menschen vertrieben und Regenwälder mit vielen Tieren und Pflanzen abgeholzt. Monokulturen mit hohem Dünger- und Pestizideinsatz vergifteten Böden und Gewässer. Eine weitere Folge dieser Industrie seien schlecht bezahlte Arbeitsplätze.

Betroffen ist der tropische Gürtel von Zentralamerika, Westafrika bis Südostasien, wo die Ölpalmen wachsen. Und die Situation verschärft sich laut den Organisationen konstant. Heute ist weltweit bald das Fünffache der Gesamtfläche der Schweiz mit Ölpalmen bedeckt. Stündlich wird in Asien eine Fläche von rund 300 Fussballfeldern für Ölpalm-Plantagen gerodet.

Coop und Migros achten auf Nachhaltigkeit

Die Grossverteiler sehen indes keinen Handlungsbedarf. Es gebe heute keine Alternative mit gleichen Eigenschaften im Hinblick auf Nachhaltigkeit, technische Verarbeitung, Wirtschaftlichkeit und Gesundheit, wie Coop-Sprecherin Andrea Bergmann sagt. «Coop setzt nicht auf den grundsätzlichen Verzicht von Palmöl, sondern auf die Verwendung von nachhaltigem Palmöl.» Auch Migros-Sprecherin Christine Gaillet sagt, ein Verzicht auf Palmöl wäre kontraproduktiv. «Die Migros verarbeitet schon seit 16 Jahren lediglich nachhaltig produziertes Palmöl.»

Inzwischen beziehe die Migros ihr Palmöl nur noch von wenigen, ausgewählten Plantagen vor allem aus Kambodscha, wo nach strengen sozialen und ökologischen Kriterien produziert werde. Zudem sei Palmöl mit 3,7 Tonnen Öl pro Hektar dreimal so produktiv wie Raps und fünfmal so ertragreich wie Soja. «Demnach müssten bei einem Wechsel auf andere Ölpflanzen deutlich grösseren Flächen beansprucht werden, mit entsprechend negativen Umweltauswirkungen.»

«Es existiert kein nachhaltig produziertes Palmöl»

Beide Grossverteiler betonen ihr Engagement für eine nachhaltige Produktion. Coop und Migros sind seit 2004 Mitglied des Runden Tischs für Nachhaltiges Palmöl RSPO (siehe Box). Andrea Bergmann: «Aktuell entsprechen bei Coop 100 Prozent des eingesetzten Palmöls in den Eigenmarken Food den RSPO-Standards. Über 94 Prozent davon stammen bereits aus nachhaltigem Anbau.»

Laut Christine Gaillet sind sämtliche Produkte der Migros-Industrie RSPO-zertifiziert. «Die Einhaltung der Kriterien wird jährlich überprüft und wir sind mit den relevanten Stakeholdern laufend in Kontakt, um die Kriterien sogar noch zu optimieren.» Zudem liessen sie die Plantagen durch eine unabhängige Organisation auf Zusatzkriterien überprüfen.

Für die NGOs ist die Sache damit aber noch lange nicht vom Tisch. «Es existiert kein nachhaltig produziertes Palmöl», so Miges Baumann. In ihrem Factsheet bezeichnen die Organisationen den RSPO als Augenwischerei. Zu vage seien die Bestimmungen, zu lasch die Kontrollen. «So schreitet die Ausweitung der Palmölplantagen mit ihren gravierenden Folgen ungebremst fort.» Seit der Gründung des RSPO sei die Fläche mit Monokulturen sogar um mehr als die Hälfte auf rund 19 Millionen Hektaren angewachsen.

Die Organisationen haben für die Kampagne einen fiktiven «Tagesschau»-Beitrag erstellt, der die Landraub-Thematik in Form von geplanten Palmöl-Plantagen an beliebten öffentlichen Orten in Schweizer Grossstädten inszeniert.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Baking Queen am 04.09.2017 14:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lieber Butter statt Palmöl

    versuche seit 2 Jahren keine Produkte mehr mit Palmöl zu kaufen. Ist echt schwierig!!! gibt z.B. praktisch keine Guetzli ohne Palmöl, auch nicht bei den Bio Produkten!!! seither backe ich wieder selber, ist eh viel besser und ich weiss was drin ist! Der einzige Weg diesen Wahnsinn zu stoppen ist keine Produkte mehr mit Palmöl zu kaufen! wenn's niemand mehr kauft wirds auch nicht mehr Produziert...

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  • MrRight am 04.09.2017 14:30 Report Diesen Beitrag melden

    Richtig so

    Ich war in Malaysa in den Ferien und es ist schon beängstigend, wie viel Fläche für den Anbau von Palmöl verbraucht wird. Das schlimmste ist, dass es keine anderen Pflanzen hat, welche zwischen den einzelnen Palmen wachsen.. nur Monokultur. und das zeitweise Mitten im Regenwald!

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  • Rainer B. Trug am 04.09.2017 14:50 Report Diesen Beitrag melden

    Hauptsache Kohle

    na endlich..kann doch nicht so weiter gehen mit der ganzen abrodung

Die neusten Leser-Kommentare

  • Sibylle Schneider am 05.09.2017 18:02 Report Diesen Beitrag melden

    weshalb nicht Butter?

    Es gibt kein nachhaltiges Palmöl. Weshalb wird nicht Butter verwendet stattdessen? Wird doch immer über den Butterberg gejammert. Ich schaue seit ca 2 Jahren darauf, keine derartigen Produkte zu kaufen Ist aber teilweise wirklich enorm schwierig, grad auch in den Kosmetikprodukten läuft es ja unter anderen Namen

  • Wusel am 05.09.2017 13:56 Report Diesen Beitrag melden

    Deklarationspflicht

    Es wäre ja schon mal ein Fortschritt, wenn bei Produkten klar angezeigt würde, dass Palmöl enthalten ist, aber da heisst es meist lapidar "pflanzliche Öle" o.Ä. Das könnte der Gesetzgeber vorschreiben, eine unverschleierte Deklarationspflicht. Viele, die hier schreiben, sie würden bewusst darauf verzichten, wissen es doch gar nicht wirklich, ob es tatsächlich so ist.

  • norina am 05.09.2017 13:30 Report Diesen Beitrag melden

    nicht einfach, aber machbar

    Seit ich eine Doku über diese Palmölindustrie gesehen habe verzichte ich auf Profukte mit Palmöl. Sei es in der Kosmetik oder in Lebensmitteln. Leider ist das ein echt schwieriges Unterfangen! Sogar in unzähligen Bio-Produkten und Weltverbesserer-Labels findet man Palmöl! Seit dieser Umstellung kaufen wir nun regelmässig beim Bauern und Bäcker um die Ecke oder beim Wochenendmarkt ein und backen wieder selbst.

  • Sven am 05.09.2017 13:04 Report Diesen Beitrag melden

    Erspart das Denken

    Palmöl erspart dem Lebensmittelingenieur das Denken. Billiger als Milchprodukte oder Pflanzenöle und einfach einsetzbar. Höchste Zeit, dass der öffentliche Druck die Lebensmittelindustrie zum Denken anregt.

  • Kritiker S. am 05.09.2017 12:27 Report Diesen Beitrag melden

    Palmöl verbieten

    Die Regierung soll einfach Palmöl und Produkte aus und mit Palmöl gesetzlich verbieten. So würden wir den Umweltschutz gewaltig vorantreiben. Die Lebensmittelkonzerne werden dann schon früher oder später nochmals darüber nachdenken, ob sie das Palmöl nicht ersetzen sollten.

    • arno am 05.09.2017 12:56 Report Diesen Beitrag melden

      Kritiker

      Grundsätzlich bin ich für ein Verbot von Palmöl. Was ist aber mit der Bevölkerung, welche von diesem Anbau lebt. Es stört mich auch, dass man die Forderung an die Schweizerischen Grossverteiler stellt, während man munter im Ausland einkauft und da stört es offensichtlich nicht wenn Palmöl drin ist. Es muss eine globale Lösung angestrebt werden, die kleine Schweiz kann nur minim dazu beitragen, vor allem wenn soviel im Ausland eingekauft wird und das Verbot dort nicht gilt.

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