Jugendstudie

07. September 2017 05:41; Akt: 07.09.2017 07:25 Print

Tüüschli-Sex ist für manche völlig normal

von D. Krähenbühl - Sex gegen Geld oder ein Dach über dem Kopf: Eine Studie zeigt, dass sich einige junge Menschen zu sexuellen Handlungen verpflichtet fühlen.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Haben junge Menschen Sex, wenn sie dafür Geld oder Güter erhalten? Dieser Frage gingen Forscher der Hochschule für Soziale Arbeit in Freiburg nach. 6500 Personen zwischen 14 und 25 Jahren wurden befragt, ob sie schon einmal für sexuelle Dienstleistungen bezahlt hätten oder dafür bezahlt wurden.

Sex gegen Geld oder Güter: Haben auch Sie Erfahrungen gemacht?

Laut Studienleiterin Annamaria Colombo hat eine Minderheit der Jugendlichen Erfahrungen mit Tauschgeschäften sexueller Natur gemacht. Vor allem junge Homosexuelle und Bisexuelle sagen laut der Studie Ja zu Tüüschlisex, ebenso Jugendliche, die ihr Zuhause verlassen haben, in grossen Städten leben, regelmässig Alkohol, Drogen und Pornografie konsumieren und tendenziell in einer schlechten Gemütsverfassung sind.

Zu sexuellen Handlungen kommt es in vielen Fällen nicht etwa im Tausch gegen teure Geschenke wie etwa Luxustaschen, sondern weil man gerade ein Dach über dem Kopf braucht oder einfach eingeladen wurde. Folgende Jugendliche haben im Rahmen der Studie ihre Erfahrungen geschildert.

Estelle, 21 – Sex gegen ein Dach über dem Kopf
«Mir wurde auch schon gesagt: ‹Wir können bei diesen Jungs schlafen. Aber es besteht das Risiko, dass er etwas will. Oder aber wir warten bis um 6 Uhr morgens, bis der erste Zug kommt.› Dann ist es auch noch Winter. Und dann geht man halt hin. Der Typ bietet einem zwar an, dass man einfach bei ihm schlafen könne. Aber man weiss ja, was das heisst. Wenn du mal dort bist, wird es eine Verpflichtung. Das ist ekelhaft.»

Cléa, 18 – Küsse gegen einen Drink
«Ich war in einem Club, als mich ein Typ ansprach. ‹Darf ich dir einen Drink spendieren?› Ich meinte: ‹Okay.› Dann hat er mich geküsst. Es hat mich nicht gestört. Ein Drink gegen einen Kuss – so habe ich das zwar nicht empfunden, obwohl ich glaube, dass das eigentlich die Idee ist. Mir ist klar, dass Leute, die mir einen Drink offerieren, an diesen Tausch denken.»

Sabine, 16 – Brüste gegen Geld
«Es gab diesen Running Gag zwischen einem Freund und mir. Wir sagten, dass er für 5 Franken meine Brüste berühren dürfe. Aber es war ein Witz. Eines Tages aber hat er es gemacht. Ich habe ihm aber die 5 Franken zurückgegeben. Ich fühlte mich schmutzig und wertlos. Ich hatte das Gefühl, ich hätte mich verkauft.»

René, 25 – Berührung gegen Zigaretten oder Joints
«Ich habe immer etwas zum Rauchen dabei. Zuerst raucht man zusammen, dann berührt man sich. Es ist für mich eine Art Tauschhandel. Ich glaube nicht, dass das Mädchen bei mir geblieben wäre, nur um mit mir auf der Bank zu sitzen. Es war, weil ich etwas zu rauchen dabeihatte. Ich bin überzeugt, dass es das war, was sie angezogen hat. Sich nur von jemanden angezogen zu fühlen – das reicht meines Erachtens nicht aus. Du musst ihr mehr geben können.»

Estelle, 21 – Nacktbilder gegen Anerkennung
«Meine Freundinnen und ich schicken uns Fotos auf Snapchat von unseren Brüsten, Hinterteilen und allem. Es ist lustig. Es hat überhaupt keine sexuelle Komponente, es ist nur ein Spiel. Wir schicken uns auch Pornos. Es ist witzig, nicht pervers.»

Gefahr, als «Schlampe» zu gelten

Prostitution im eigentlichen Sinne kommt laut Studienleiterin Annamaria Colombo eher selten vor. «Häufiger ist es der Fall, dass der Mann eine kleine Gefälligkeit leistet und dann im Gegenzug erwartet, dass die Frau mit ihm schläft.» Die Grenze zwischen dem Sichverkaufen oder dem Eingeladenwerden verlaufe sehr fliessend. «Den jungen Frauen ist nicht immer bewusst, was sie aus Dankbarkeit, Schuld- oder Verpflichtungsgefühlen machen oder weil sie es wirklich wollen», sagt Colombo. Viele fühlten sich heutzutage dazu gedrängt oder glauben, dass von ihnen eine Gegenleistung erwartet werde. Jungen Männern sei es derweil wichtig, von Freunden oder anderen Gleichaltrigen anerkannt zu werden. Colombo: «Die Art, wie sich Jugendliche sozialisieren, hat sich extrem verändert.» Sie experimentierten mehr, würden aber auch dazu aufgefordert, mehr zu experimentieren – auch sexuell.

Sex gegen Güter – das bleibt laut Studienleiterin Colombo nicht ohne Folgen. «Kommen solche Fälle aus, werden die jungen Frauen oft als ‹Schlampe› abgestempelt.» Dieser Ruf könne ihnen sogar anhaften, wenn sie Annäherungsversuche abgewehrt hätten. Mädchen fürchteten sich viel mehr als Jungs, von anderen für ihr Verhalten verurteilt zu werden, sagt Colombo. Sie wüssten zwar, wo es Anlaufstellen bei Fragen gibt, schämten sich aber zu sehr, als sie darüber reden könnten. So erzählt denn auch etwa der 16-jährige Fabian:

Fabian, 16
«Ein Mädchen hat einem Freund eins auf der Toilette geblasen. Seine Kollegen haben die Szene gefilmt. Sie ist nicht mehr zur Schule gekommen und hat versucht, sich umzubringen. Die Leute sagten danach, sie sei eine Schlampe. Über den Jungen hat niemand etwas gesagt.»

«Emotionen und Gefühle sind wichtig»

Colombo betont aber, die Studie zeige auch, dass die Jugendlichen sexuell nicht ungezügelt und schamlos seien, wie es viele erwarten würden. «Ganz im Gegenteil, sie legen grossen Wert auf ihre Emotionen und Gefühle, schämen sich aber oft, über ihre Sexualität zu sprechen.»

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • CP85 am 07.09.2017 07:09 Report Diesen Beitrag melden

    Vater einer Tochter ...

    Ich bin alles andere als prüde, aber so Sachen gehen einfach zu weit. Aber wen wunderts. Heute wird man mit Sexismus nur noch bombardiert. Selbst eine Werbung für Babypuder wird mit einer halbnackten Frau und einem Baby gezeigt. Ich finde es super, wenn Menschen zu ihrem Körper stehen und sich wohl fühlen. Und wenn man im Einvernehmen intim wird, ist das auch gut. Aber nur mit dem Gedanken der Gegenleistungen etwas anzubieten ist widerlich. In was für eine Welt wächst meine Tochter da nur rein.

    einklappen einklappen
  • Ann am 07.09.2017 06:02 Report Diesen Beitrag melden

    Der Zerfall beginnt...

    wäre es nicht die Aufgabe der Eltern zu schauen, dass ihre Kinder einen ordentlichen Selbstwert ausbilden können, so das sie checken, das man sowas nicht nötig hat? Weder als Frau noch als Mann...

    einklappen einklappen
  • Mous am 07.09.2017 07:02 Report Diesen Beitrag melden

    Generation Y

    Sie leiden an totaler Reizüberflutung. Sie kommen mit 10 zu Informationen, die Generation X oft noch mit 20 nicht hatte. Mit einer noch nicht herauskristallisierten Persönlichkeit kannst du diese Infos gar nicht richtig filtern, nicht einordnen. Du nutzt sie einfach nach Gutdünken. Daher: Generation Y hat jegliche Kontinuität in der Entwicklung veloren. Ob das gut ist oder schlecht, weiss ich nicht. Ich finde eher letzteres. Auf alle Fälle wird dies die Bindungsfähigkeit und somit den Wert der Familie schwächen. Aber das wird erst später sichtbar, wenn sie in das entsprechende Alter kommen.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Derda am 07.09.2017 19:18 Report Diesen Beitrag melden

    Nichts ist gratis

    Wer glaubt ein wildfremden Mann zahlt einfach so Mal ein Drink glaubt wohl noch an den Goldbach im Schlarafenland,

  • Mimi am 07.09.2017 17:28 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht standard?

    Ich glaube das ist nicht die regel / normalität. Oder wollt ihr sagen es gibt keine anständigen kerle mehr?

  • LalaUS am 07.09.2017 16:59 Report Diesen Beitrag melden

    Respektiere Dich selbst

    Wo bleibt den die Liebe? Ich habe mich mit 16j unsterblich verliebt und jeglicher Sex war weder ein Gefallen noch Schuld sondern einfach Liebe. Zerstört nicht Eure Seelen mit Sachen die ihr nicht wirklich wollt.

  • Karsten von Burg am 07.09.2017 15:48 Report Diesen Beitrag melden

    .... vor 50 Jahren ....

    Wir hätten sowas vor 50 Jahren NIE gemacht ... Alleine mit einem Mädchen im Maisfeld, haben wir nur Maienkäfer beobachtet, in der versteckten Scheune haben wir nur Traktoren bestaunt, im Estrich nur Fledermäuse angeschaut, im Wald nur die Eichhörnchen angeguckt und im Kornfeld nur Aehren gezählt .... ..... ......

    • Rico am 07.09.2017 19:40 Report Diesen Beitrag melden

      Danke Karsten

      Wars auf dem Maisfeld bequem. Schwer vorstellbar. Wir haben heute zum Glück stunden Hotels

    einklappen einklappen
  • TMeier am 07.09.2017 14:47 Report Diesen Beitrag melden

    Wen wunderts?

    Die Ursache ist wohl darin zu suchen, dass in den Medien und Peer groups Sex als Freizeitbeschäftigung und nicht als Beziehung zwischen zwei Menschen behandelt wird.

    • RenéV am 07.09.2017 16:39 Report Diesen Beitrag melden

      Persönlich

      Na und. Ob jemand sex als beziehungsteil oder als Spass sieht den man mit jedem haben kann, ist doch seine persönliche Sache.

    einklappen einklappen