Schweizer Studie

17. November 2016 12:39; Akt: 17.11.2016 17:40 Print

Forscher finden Formel für mehr Platz im Zug

von J. Büchi - Später ins Büro, zu Hause lernen, höhere Preise zu Stosszeiten: So soll sich der Verkehr um etwa ein Drittel reduzieren lassen.

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Die Klagen sind altbekannt: Überfüllte Züge und verstopfte Strassen belasten die Schweizer Pendler. Während der Stosszeiten von 6 bis 9 Uhr und zwischen 16 und 19 Uhr erreicht der Dichtestress werktags seinen Höhepunkt.

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Wie diese sogenannten Verkehrsspitzen gebrochen werden könnten, ohne dass dafür neue Strassen gebaut oder neue Zugverbindungen geplant werden müssen, haben Forscher des Instituts Infras nun im Auftrag der Metropolitankonferenz Zürich untersucht. Sie berechneten, wie stark sich das Verkehrsaufkommen mit verschiedenen Massnahmen reduzieren lässt:


• Mobility Pricing: Reduktion um 5 bis 40 Prozent


Höhere Preise zur Hauptverkehrszeit und ein Bonus für jene, die tagsüber reisen: Ein Mobility Pricing, wie es derzeit auch der Bund prüft, könnte laut den Studienautoren eine beträchtliche Wirkung entfalten. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass die Pendler auch die Möglichkeiten haben, zu reagieren und etwa später ins Büro zu gehen. Da kommen die weiteren Massnahmen ins Spiel.


• Flexible Arbeitszeiten und Home Office: Reduktion um 15 bis 20 Prozent


Die Möglichkeit, zu Hause zu arbeiten und die Arbeitszeiten selbst zu bestimmen, wird zwar von immer mehr Firmen angeboten. Allerdings ist das Potenzial gemäss den Studienautoren noch längst nicht ausgeschöpft. So sei es etwa ein Problem, dass viele Mitarbeiter ihren Home-Office-Tag am Freitag einziehen – für optimale Ergebnisse wäre eine bessere Verteilung über die Woche nötig. Auch sogenannte Shared Work Spaces – also Büros in der Nähe des Wohnorts, die mit Mitarbeitern anderer Firmen geteilt werden – könnten einen Beitrag leisten.


• Fahrgemeinschaften: Reduktion um 5 Prozent


Eine Massnahme mit Potenzial ist laut der Studie auch das Carpooling: Arbeitgeber sollen Fahrgemeinschaften fördern, indem sie diesen etwa günstigere Parkplätze zur Verfügung stellen. So könnte die Zahl der Fahrten direkt reduziert werden. Allerdings: Je flexibler die Arbeitszeiten der Mitarbeiter sind, desto schwieriger ist es, gemeinsame Abfahrtszeiten zu vereinbaren. Eine weitere Möglichkeit, die Strassen und den ÖV zu entlasten, ist die Förderung des Veloverkehrs: Diese wäre möglich, indem Firmen Veloabstellplätze bereitstellen oder den Mitarbeitern E-Bikes zur Verfügung stellen.


• Späterer Unterrichtsbeginn, dezentrale Schulen: Reduktion um 15 bis 30 Prozent


Nicht nur die Unternehmen, auch die Schulen müssen einen Beitrag leisten, wenn es mit der Reduktion des Verkehrs klappen soll. Die Autoren schlagen vor, die Präsenzzeit der Schüler zu verkürzen und einen Teil des Stoffs per E-Learning zu vermitteln. Allerdings sei die Akzeptanz im Bildungsbereich dafür klein – aus pädagogischen Gründen, und weil die Betreuung der Kinder zu den Aufgaben der Schule gehöre. Vielversprechender sei die richtige Planung neuer Schulstandorte: Der Kanton Zürich etwa braucht mittelfristig drei neue Gymnasien. Wenn diese an einem dezentralen Standort gebaut werden – geplant ist ein Standort in Uetikon am See –, dann pendeln künftig weniger Schüler in die Stadt Zürich und die S-Bahnen werden entlastet.

➞ Wirkung:

Das Potenzial der verschiedenen Punkte lasse sich nicht einfach addieren, sagt Studienautor Daniel Sutter. Manche Massnahmen unterstützen sich (z.B. flexible Arbeitszeiten und Mobility Pricing), andere hemmen einander (etwa flexible Arbeitszeiten und Carpooling).

Unter dem Strich könnten die Massnahmen den ÖV zu Spitzenzeiten laut Studie um bis zu 30 Prozent entlasten, den Strassenverkehr sogar um 35 Prozent – allerdings nur unter «idealen Voraussetzungen». Realistischer seien Reduktionen um 15 bis 20 Prozent. Bereits kleine Verbesserungen können zudem eine grosse Wirkung haben. So kann das Staurisiko laut den Berechnungen etwa auf der Strecke Zug–Luzern im Morgenverkehr mehr als halbiert werden. Zudem wird es möglich, auf teure Infrastrukturausbauten und Fahrplanverdichtungen zu verzichten.

Damit der gewünschte Effekt jedoch eintreten kann, müssen laut Sutter alle Akteure, von Arbeitgebern über die Schulen bis hin zur Politik, an einem Strang ziehen. «Auch gewisse soziale Normen müssen sich ändern: So darf jemand, der erst um 10 ins Büro kommt, nicht schief angeschaut werden.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Peter Moser am 17.11.2016 12:50 Report Diesen Beitrag melden

    Familie der Zukunft:

    Papa steht um 03:00 auf und geht zur Arbeit bis um 12:00. Der Sohnemann geht um 10:00 Bis 20:00 Zur Schule. Die Mutter hat leider nur Geld um sich das Bahnticket spät am Abend zu leisten. So geht Mama um 21:00 bis 06:00 arbeiten. Schöne Zukunft.

  • Pascal am 17.11.2016 12:44 Report Diesen Beitrag melden

    Voila

    Hier ist meine Formel= Erste Klasse auf einen halben Wagen reduzieren! Jedes Mal wenn ich nach Hause fahre und auch am Morgen ist dieser Wagon fast leer!!!!! Und die zweite Klasse ist vollgedrängt im Durchgang davor. Das ist die Formel.

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  • Sedi am 17.11.2016 12:44 Report Diesen Beitrag melden

    Ich kenne auch einen Trick, der heisst

    Vollbremsung. (Schafft immer Platz im hinteren Bereich)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Rebel son am 18.11.2016 11:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    @sbb

    Meine Formel wäre, der halbe zug erste Klasse zu dreifachem Preis, und in der zweiten klasse nur noch stehplätze zum halben Preis.

  • tomko am 18.11.2016 09:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    gefunden

    diese "Funde" werden ja schon ewig diskutiert. Hoffen wir mal dass wir das nicht mit unserem Geld finanziert haben.

  • AlexKeller am 17.11.2016 14:50 Report Diesen Beitrag melden

    Arbeitgeber,Steuererklärung und Realität

    Darf ich die höheren Preise dem Arbeitgeber abwälzen? Oder darf man dies bei der Steuererklärung angeben? Home Office geht nicht bei jedem Unternehmen und Job!

  • Anna am 17.11.2016 14:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Türsteher

    Wenn die Passagiere endlich einmal lernen, nicht bei der Türe stehen zu bleiben, ist auch schon ein grosser Teil des Problems gelöst.

  • Mario Saurer am 17.11.2016 14:48 Report Diesen Beitrag melden

    1. Klasse abschaffen

    Wie wäre es mit der Abschaffung der 1. Klasse? Denn was bringt es, wenn ein Drittel des Zuges fast leer durch die Landschaft gurkt? Könnte man die Züge gleichmässig füllen, fände sicher jeder seinen Sitzplatz und das Gejammere würde endlich aufhören. Auch ich finde es daneben, wenn man in der vollgestopften 2. Klasse im Gang steht und durch die Glastüre eine einzige einsame Person in der 1. Klasse Zeitung lesen und Kaffee trinken sieht. Natürlich, diese Person zahlt den doppelten Preis, doch beansprucht sie einen ganzen Wagen für sich. D.h. die 1. Klasse ist auch noch sehr defizitär.