Mühsame Bewerbungen

22. März 2017 17:01; Akt: 22.03.2017 17:01 Print

«Gymi war der Weg des geringsten Widerstands»

von A. Schawalder - Die Suche nach einer Lehrstelle kann aufwendig und mühsam sein. Das macht laut Bildungsforscherin Margrit Stamm das Gymnasium attraktiver.

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«Ich bin ins Gymi gegangen, weil es einfacher war, als eine Lehrstelle zu suchen», berichtet Nico G.* Ursprünglich plante er eine Lehre als Polygraf zu machen und schnupperte auch auf dem Beruf. Doch als ihm klar wurde, dass es im ganzen Kanton nur 20 Stellen gab, sank die Begeisterung rasch.

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Ist die Suche nach einer Lehrstelle mühsamer geworden?
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Schliesslich absolvierte er die Gymiprüfung – und bestand. «Ich bin einfach den Weg des geringsten Widerstands gegangen», erklärt er rückblickend. In die Schule gehen war nichts Neues für ihn. In die fremde Arbeitswelt eintreten und mit Erwachsenen zu arbeiten, klang da nach einer grösseren Herausforderung.

«Die Herausforderung einer Lehre wird deutlich unterschätzt»

Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm beobachtet solche Fälle immer wieder. Auf Twitter schreibt sie: «Die Attraktivität des Gymnasiums hat auch diesen Grund: Eine Lehrstelle suchen zu müssen ist herausfordernder als eine Gymi-Prüfung.»


Im Gespräch mit 20 Minuten führt sie aus: «Die Suche nach einer Lehrstelle ist sehr anspruchsvoll für Jugendliche.» Das Leben verändere sich nach dem Berufseintritt komplett. Lehrlinge gehen nicht nur arbeiten, sondern müssen auch weiter in die Schule. Sie kämen in ein völlig neues Umfeld mit älteren Mitarbeitern und ganz neuen Anforderungen.

Wenn Jugendliche hingegen ins Gymi wollten, müssten sie zwar den nötigen Notenschnitt haben und eine Prüfung bestehen. Danach würden sie sich weiter im vertrauten Schulsystem bewegen.

«Die Lehrstellen-Suche ist äusserst aufwendig. Es braucht dafür die Unterstützung der Familie», so Stamm. Das könnte gerade Jugendliche mit guten Leistungen von der Lehre abschrecken, da es mit der Gymiprüfung eine einfachere Lösung gebe.

«Lehrbetriebe schauen heute genauer hin»

«Die Anforderungen an Lehrstellensuchende sind schon gestiegen», schätzt auch Andres Züger, Berufs- und Laufbahnberater im Laufbahnzentrum der Stadt Zürich, die Situation ein. Von Jugendlichen werde viel erwartet:

• Sie müssen ihre Stärken und Schwächen kennen.
• Sie müssen sich für einen Beruf entscheiden.
• Um zu schnuppern, müssen sie verschiedene Betriebe anrufen.
• Schon zum Schnuppern verlangen einige Betriebe eine vollständige Bewerbung.
• Beim Schnuppern werden ihre Leistungen bewertet und kritisiert.
• Für die Lehrstelle müssen sie sich erneut bewerben. Viele Jugendliche brauchen Unterstützung, um ein vollständiges Bewerbungsdossier zu erstellen.
• Immer mehr Firmen verlangen vorgängig, dass ein öffentlicher Leistungstest absolviert wird.
• Auf das Bewerbungsgespräch müssen sie sich seriös vorbereiten.
• Bei manchen Unternehmen gibt es dann noch einen Test-Tag, an dem sie die Bewerber gründlich auf persönliche, schulische und praktische Eignung testen.

Früher war es laut Züger tendenziell unkomplizierter: «Salopp gesagt, hat man einen Brief geschrieben, ging schnuppern und dann gab es noch ein Bewerbungsgespräch.» Die These von Margrit Stamm findet er aber trotzdem gewagt, da es beim Gymnasium andere Herausforderungen gebe.

«Lehrbetriebe schauen heute genauer hin»

Christoph Thomann, Vizepräsident von Berufsbildung Schweiz, sagt: «Lehrbetriebe schauen heute genauer hin.» Das liege auch an Trends, die den gesamten Schweizer Arbeitsmarkt erfasst haben. Die Entwicklungen betreffen auch Lehrlinge: «Der Schweizer Arbeitsmarkt braucht immer mehr hochqualifizierte Leute. Die Anforderungen steigen dadurch.» Stellen mit tieferen Anforderungen hingegen würden vermehrt wegrationalisiert.

Jürg Brühlmann vom Lehrerverband sieht darin auch den Widerspruch zu Margrit Stamms These: «Für Schüler, die ausreichende Leistungen fürs Gymnasium erbringen, ist es meist auch einfacher, eine Lehre zu finden.» Es gebe sogar Fälle, wo Lehrbetriebe gute Schüler direkt von der Sekundarschule abwerben. Schüler mit schlechteren Leistungen hingegen hätten zu kämpfen.

*Name geändert

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bewerbung am 22.03.2017 17:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Viel zu viel

    Ich mache eine Lehre und muss sagen, sich mit 15/16 jahren zu entscheiden was man für das leben machen will ist sehr früh. Zudem ist das Bewerbungsverfahren mit vielen Pflicht-Unterlagen zu aufwändig. Wäre zu diesem Zeitpunkt besser ins Gymi gegangen obwohl eine Lehre im allgemeinen besser ist.

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  • Me again am 22.03.2017 17:27 Report Diesen Beitrag melden

    Vor einigen Jahren..

    ..war ich in der gleichen Position. Lehre oder Gymi? Die Entscheidung fiel auf die Lehre. Wieso? Na weil ich dann schon etwas Geld verdiene und nicht nochmal 4 Jahre leer ausgehe. Aber wie auch andere sagten, mit 15/16 jahren schon entscheiden was man in der Zukunft machen will ist früh und wird leider in der Schule zu wenig stark fokussiert. Man hätte besser ein paar Geschichte oder Franz stunden weggelassen, um den Schülern mehr Zeit für Schnuppern etc. zu geben

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  • Martin am 22.03.2017 17:28 Report Diesen Beitrag melden

    Schon vor zwanzig Jahren

    Musste man sich Bewerben und bei Grossfirmen zu eintägigen Test inklusive Vorstellungsgespräch antraben. Schnupperlehren habe ich auch mehrer in verschiedenen Berufen absolviert.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dani am 23.03.2017 20:41 Report Diesen Beitrag melden

    Schnuppern ist nicht

    gleich Interesse an der Lehrstelle, sondern am Beruf an sich. Erst nach dem Schnuppern kann ein Interesse entstehen. Firmen denken falsch, wenn sie sich bei einer Schnupperbewerbung so verhalten, als würde der Schnuppernde sich dann für die Lehrstelle entscheiden. Meiner Meinung nach reicht ein oder zwei Tage, um in einen Beruf "zu schauen". Und ich finde es ist ein aufgedrückter Irrglaube, in diesen jungen Jahre sich für eine Arbeit "für immer" entscheiden sollen zu müssen. Bereits in ein paar Jahren wird es auch viele Berufe, wie wir sie kennen, nicht mehr geben.

  • Marco Koller am 23.03.2017 18:15 Report Diesen Beitrag melden

    So sieht es doch aus!

    Es ist doch so: viele wollen alles und möglichst nichts dafür tun: viele sind einfach zu faul um zu arbeiten!

  • Miranda am 23.03.2017 16:29 Report Diesen Beitrag melden

    2000

    Ich habe meine Lehrstelle im Jahr 2000 gesucht und 2001 angetretten. Bereits damals trafen die oben genannten Punkte zu, ausser, dass ich mich für die Lehrstelle beworben habe und nach Eingang der Bewerbung von mir eine Schnupperlehre in diesem Betrieb verlangt wurde (ich musste mich also für Schnupperlehre nicht separat bewerben). Aber ich musste den Profil Zug Test vorweisen, ich musste ein vollständiges Bewerbungsdossier abliefern, ich musste einen ganzen Tag verschiedene schriftliche Tests absolvieren und in der Schnupperlehre wurden die praktischen Übungen bewertet. No change so far.

  • Tschörmeni Förster am 23.03.2017 15:34 Report Diesen Beitrag melden

    Männer ad Säck

    Heute ist es doch so dass Frauen ans Gymi gehen und Männer eine Berufsleere machen. Richtige Männer arbeiten im Wald, auf dem Bau und nicht in irgendeinem Bürojob.

  • Leser am 23.03.2017 15:28 Report Diesen Beitrag melden

    im Gymi kann man sich mehr Zeit lassen

    Ich war selber Gymnasiast und hatte so mehr Zeit mir auch zu überlegen was ich später machen will... (heute schimpfe ich mich Wirtschaftanwalt), aber ganz allgemein denke ich, es ist nicht einfach sich mit 14/15 Jahren schon entscheiden zu müssen was man will. Finde eine Lehre super, aber es gibt sicher auch viele die evtl. nicht genau wissen was sie machen möchten. In dem Alter ist das schwierig und man hat evtl. zu wenig gesehen um es für sich beurteilen zu können