Körperverletzung?

06. April 2017 16:04; Akt: 06.04.2017 18:52 Print

Kinderrechtler wollen Beschneidungs-Verbot

Die Organisation Pro Kinderrechte fordert das Verbot der Beschneidung von Knaben. Muslime und Juden wehren sich.

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In der jüdischen und islamischen Religion ist die Beschneidung Tradition und eine weit verbreitete religiöse Praxis – auch in der Schweiz. Das bedeutet, dass die Vorhaut des Penis bei Knaben entfernt wird. Nun aber fordert die Organisation Pro Kinderrechte das Verbot der Beschneidung. «Die Beschneidung des Genitals ist nicht, wie manchmal behauptet, eine Bagatelle», schreibt die Organisation in ihrer Broschüre. «Eine Beschneidung ist ein irreversibler Eingriff mit langfristigen Nachteilen, besonders im urologischen, psychologischen und sexuellen Bereich.» Sie schätzt, dass in der Schweiz knapp 6000 Knaben im Jahr beschnitten werden, meist aus religiösen Gründen.

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Halten Sie die Beschneidung aus religiösen Gründen bei Kindern für okay?
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Insgesamt 12668 Teilnehmer

Beschneidung als «häufigste Menschenrechtsverletzung»

Pro Kinderrechte geht so weit, die Beschneidung als die «häufigste systematische Menschenrechtsverletzung» weltweit zu nennen. Ein gesundes Körperteil abzuschneiden, sei absurd. Ganz abgesehen davon könnten Kinder nicht mitreden, da sie zu jung seien.

Die Beschneidung ist eine sehr häufige Operation bei Kinderärzten, nur ein Bruchteil davon geschieht aus medizinischen Gründen. Der Kinderchirurg Andreas Dietl vom Spital in Baden erklärt gegenüber SRF, dass er stets versuche, den Eltern die Operation auszureden: «Die Natur erfindet nichts, was nicht sinnvoll ist.» Bestünden die Eltern auf der Operation, komme er dem Wunsch nach, damit die Eltern nicht zu illegalen Beschneidern gehen.

«Eine Beschneidung ist eine Körperverletzung»

In einer Stellungnahme schreibt der Verband der Kinderärzte Schweiz, dass die Frage eher eine politische und juristische als eine medizinische sei. Der Anspruch von Kindern auf Unversehrtheit streite sich hier mit der Religionsfreiheit. Medizinisch gesehen, gebe es aber nur sehr selten einen Grund, eine Vorhaut zu entfernen.

«Es ist indiskutabel, eine Beschneidung ist eine Körperverletzung. Es kommt nicht infrage, dass man sagt, religiöse Grundsätze wiegen schwerer als Menschenrechte von kleinen Kindern», sagt Strafrechtsprofessor Martin Killias gegenüber SRF.

Die Beschneidung von Mädchen ist in der Schweiz verboten, die von Jungen wird im Gesetz nicht erwähnt.

Wichtiger Bestandteil der Religion

Die Beschneidung ist ein integraler Teil der Identität im Judentum und im Islam. Juden werden normalerweise acht Tage nach der Geburt beschnitten, bei Muslimen passiert das oft später, aber noch solange sie Kinder sind. Die meisten Juden und Muslime sind beschnitten.

Die Regel stammt aus der Thora, der heiligen Schrift der Juden. Im Judentum entspricht die Beschneidung dem Bund mit Gott. Sie entspricht etwa der christlichen Taufe. Die Beschneidung wird aber auch bei den meisten säkularen Juden durchgeführt.

«Der Urin wird im Islam als unrein eingestuft»

Der Schweizerisch Israelitische Gemeindebund stimmt in einer Stellungsnahme auf seiner Website zu, dass die religiöse Freiheit nicht über allen anderen Rechten stehen soll. Da es sich aber um einen kleinen Eingriff handle und kaum Auswirkungen auf den Knaben habe, sei es ein absolut angemessener Teil der Religionsfreiheit. Ein Verbot der Beschneidung hingegen wäre absolut unverhältnismässig.

Im Islam ist das ganz ähnlich. Die Vereinigung der islamischen Organisationen in Zürich schliesst sich in einem Interview der jüdischen Argumentation an. Sie argumentieren aber auch, dass es hygienischer sei. Ein Iman erklärt gegenüber dem SRF: «Der Urin wird im Islam als unrein eingestuft. Wenn nur ein wenig in seiner Unterhose bleibt, darf er nicht beten. Wenn ein Muslim fünfmal am Tag das Gebet verrichten soll, dann muss er jedes Mal seine Unterhose wechseln.»

(asc)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Martin Plüss am 06.04.2017 16:14 Report Diesen Beitrag melden

    Hä? Unterhose?

    Als würde die Beschneidung den letzten Tropfen in der Unterhose aufhalten. Also bitte, was soll das für ein Argument sein?

  • Lisa Baumann am 06.04.2017 16:14 Report Diesen Beitrag melden

    Beschneidung

    Mein Sohn ist wegen Vorhaut Verengung beschnitten. Habe nie etwas von Problemen gehört.

    einklappen einklappen
  • D. Rudi am 06.04.2017 19:12 Report Diesen Beitrag melden

    vergleichbar

    Auch für die Beschneidung von Frauen kann man Gründe finden. Auch beschnittene Frauen, die es für gut befinden. Das allein ist kein Beweis, dass da nicht Kindern Gewalt angetan wird. Das gehört sich rundweg verboten für Minderjährige. Danach, wer will...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Don Draper am 06.04.2017 21:54 Report Diesen Beitrag melden

    Anatomie

    Der gute Imam sollte mal die männliche Anatomie ein bisschen besser studieren, bevor er einen solch folgenreichen operativen Eingriff wie die Beschneidung aus "hygienischen Gründen" rechtfertigt. Das sog. "letzte Tröpfchen" hat null und nichts mit der Vorhaut zu tun, sondern damit, dass der Schliessmuskel der Harnröhre beim Beckenboden liegt, und nicht an der Eichelspitze. Ohne gründliches Schütteln und Abtupfen mit Papier geht auch einem Beschnittenen das letzte Tröpfchen in die Hose.

  • Sinn und Unsinn am 06.04.2017 19:49 Report Diesen Beitrag melden

    Der perfekte Schöpfer?

    Egal an welchen Schöpfer man glaubt (Religion) Der hat einen perfekten Menschen geschaffen. Nichts zuviel und nichts zu wenig. Etwas davon abzuschneiden würde in meinen Augen bedeuten, dass der Schöpfer in seiner Perfektion in Frage gestellt wird! Ist ja ein Widerspruch in sich selber Egal welcher Glaubensrichtung man angehört!

  • JumiJr am 06.04.2017 19:48 Report Diesen Beitrag melden

    Hört auf...

    Ja, und verbietet doch bitte gleich das Ohrenstechen(passiert auch in den kindesjahren), das tatoowieren unter 18... Und wenn wir schon dabei sind sollten nur gleichaltrige miteinander heiraten dürfen... Merkt ihr, wie sehr wir uns ins extreme steigern?! Wer gibt wem das Recht zu entscheiden was richtig und was falsch ist?! Ein paar nichtsnutzige Tagediebe werfen was in die Runde und springt wie ein Kätzchen gleich drauf los... Mich nimmts wunder, ob irgendeiner der Aktivisten dieser Superschlauen beschnitten ist... Wenn sie es alle sind, dann entschuldige ich mich für diesen Beitrag... ???

  • Aleks am 06.04.2017 19:47 Report Diesen Beitrag melden

    Selbst entscheiden dürfen

    Ich fide jeder sollte selbst entscheiden können ob er beschnitten wird oder nich, da hätte ich kein problem. Aber hilflosen Kindern so etwas anzutun ist nichts anderes als einfach krank!!!!

  • Stefan am 06.04.2017 19:47 Report Diesen Beitrag melden

    Kinderrechtler?

    Beschneidung ist Menschenrechtsverletzung aber gesunde Kinder abtreiben ist Menschenrecht. Welche rechte hat ein Kind?