Geschäft mit der Not

21. September 2014 18:05; Akt: 21.09.2014 18:05 Print

400 Sozialfirmen mit 630 Millionen Franken Umsatz

Schweizer Gemeinden setzen bei der Sozialhilfe auf private Unternehmen: Für diese bedeutet dies ein gutes Geschäft. Dagegen bildet sich nun Widerstand.

storybild

Integrationsprojekt für Arbeitslose: Zwei Männer behandeln kaputte Roboter und Rennautos in der «Spielzeugklinik» in Lugano. (Bild: Keystone/Karl Mathis)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Um die Sozialfälle zu betreuen und zu beschäftigen, lagern Schweizer Gemeinden diese Aufgaben an Sozialfirmen aus. Eine profitable Branche, wie eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz, der Scuola universitaria professionale della Svizzera italiana und der Fernfachhochschule Schweiz zeigt: 400 Sozialfirmen – die meisten in den Kantonen Zürich, Bern und Basel – machen damit 630 Millionen Franken Umsatz, wie die «Schweiz am Sonntag» berichtet.

Diese Unternehmen haben laut der Studie insgesamt rund 10‘000 Angestellte, welche die 43‘000 Klienten betreuen und für das Management der Betriebe zuständig sind. Die Klienten, hilfsbedürftige Menschen, erledigen einfache Arbeiten – beispielsweise an Geräten aus dem EU-Raum einen Schweizer Stecker einsetzen, wie die Zeitung berichtet.

Der Bericht zeigt weiter, dass von den 43‘000 Klienten 40 Prozent eine geistige oder psychische Behinderung haben. 40 Prozent beziehen Arbeitslosengeld, der Rest, rund 20 Prozent sind Sozialhilfebezüger. Die Sozialfirmen sind vor allem in den Branchen Industrie, Gastronomie und Handel tätig.

Zertifizierung gefordert

Der unkontrollierte Branchen-Boom sorgt für Kritik. Der «Schweiz am Sonntag» sagt Soziologieprofessor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften St. Gallen: «Vom System der Sozialfirmen profitieren primär private Firmen im Hintergrund.» Der Staat stütze ein System prekärer Zwangsbeschäftigung.

Diana Wider, die Generalsekretärin der Konferenz der Kantone für Kinder- und Erwachsenenschutz (KOKES), will den Wildwuchs bei den Sozialfirmen eindämmen. Sie sagt gegenüber der «Sonntagszeitung»: «Eine unabhängige Stelle könnte Qualitätsstandards definieren und den Sozialfirmen ein Zertifikat ausstellen.» Solche Unternehmen zu zertifizieren, habe sich bei Fremdplatzierungs-Organisationen bereits bewährt.

Auch Ruedi Winet, Präsident der Zürcher Vereinigung der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb), sagt der Zeitung, dass eine «gewisse Gefahr» bestehe, dass zu viele Akteure sich um die Sozialfälle kümmern. Derzeit kläre gegenwärtig eine Arbeitsgruppe zwischen der Kesb und dem Amt für Jugend- und Berufsberatung, wo es richtig sei, Sozialfirmen einzusetzen und zu welchen Bedingungen.

(num)