Diskriminierung

18. März 2018 20:05; Akt: 18.03.2018 20:05 Print

Iraner geht zu drei Ärzten, weil ihm niemand glaubt

von Silvana Schreier - Ein Arzt nimmt A. M. nach einem Sehnenriss nicht ernst. Er wirft ihm vor, zu simulieren. Diskriminierungen im Gesundheitssystem sind laut dem Roten Kreuz keine Seltenheit.

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A. M.* erlitt Ende Oktober 2017 bei seiner Arbeit einen Unfall. Der 47-Jährige suchte deshalb zwei Tage später die Arztpraxis Medbase auf. «Ich sagte der Ärztin, ich hätte starke Schmerzen in meiner linken Schulter. Und ich erklärte ihr, wie der Unfall passiert ist», sagt M. Die Ärztin machte daraufhin Röntgenbilder, gab M. einige Schmerztabletten mit nach Hause und verschrieb Physiotherapie. Zusätzlich stellte sie ihm ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis für die kommenden Tage aus.

Nachdem M. einige Wochen lang in Therapie gewesen war, meldete er sich Anfang 2018 erneut bei Medbase für eine Kontrolle an. M.: «Ich hatte immer noch so starke Schmerzen in der Schulter.» Dieses Mal wurde er von einem anderen Arzt betreut. Diesem erzählte M. erneut vom Unfall und den Schmerzen, fühlte sich aber nicht ernst genommen. «Der Arzt sagte nur, ich solle mehr Geduld haben, und gab mir ein paar Schmerztabletten», sagt der gebürtige Iraner, der seit mehr als 12 Jahren in der Schweiz lebt und eine Niederlassungsbewilligung hat.

Arzt schreibt in Rapport: «Sehr suspekte Darstellung»

Da die Schmerzen anhielten, vereinbarte M. Anfang Februar 2018 erneut einen Termin bei Medbase. Wieder wurde er von einem anderen Arzt behandelt. «Da ich so starke Schmerzen hatte, konnte ich kaum gehen. Ein Freund von mir begleitete mich zum Termin», erzählt M., der eine kleine Tochter hat. Ernst genommen habe ihn auch dieser Arzt nicht. Er habe ihm erneut Schmerzmedikamente verschrieben und Schonung empfohlen.

Im Nachhinein forderte A. M. von Medbase die Berichte an, die die drei Ärzte über ihn verfasst hatten. Der dritte Arzt schreibt in seinem Rapport, der 20 Minuten vorliegt: «Sehr suspekte Darstellung insgesamt.» M. verstehe nicht, wovon er spreche. Der Dolmetscher stehe nur daneben und sage nichts. M. erklärt: «Das war kein Dolmetscher, nur mein Freund, der mich begleitet hat. Ich kann gut genug Deutsch, um mit dem Arzt zu sprechen.»

«Das ist Diskriminierung und unfair»

Weiter schreibt der Arzt im Bericht: «Für mich stellt sich die ganze Sache als ganz linke Tour dar. Dem Patienten gefällt die Arbeit nicht und jetzt versucht er, mit dem alten Trauma einen Arzt vor den Karren zu spannen. Der Mann macht für mich nicht gerade den Eindruck eines integrationswilligen ‹Flüchtlings› aufgrund seiner äusserst dürftigen Sprachkenntnisse. Er versucht, das Angenehmste aus dem reichen Land rauszuholen.»

«Ich war schockiert, als ich das gelesen habe», sagt M. Das sei Diskriminierung und unfair ihm gegenüber. «Wenn ich ein Schweizer gewesen wäre, hätte man mich besser untersucht und gemerkt, dass ich wirklich verletzt bin.» Tatsächlich zeigte Ende Februar eine Untersuchung in einem Krankenhaus: Eine Sehne in der linken Schulter von M. war ganz gerissen, eine teilweise. Zudem war eine Infektion entstanden. Ende März steht für M. nun der Operationstermin an, danach ist Physiotherapie und Schonung für einige Monate angesagt. M. sagt, danach möchte er so schnell wie möglich wieder arbeiten gehen.

SRK kämpft seit 15 Jahren gegen Diskriminierung

Diskriminierungen von Personen mit Migrationshintergrund seien im Gesundheitssystem keine Seltenheit, sagt Sibylle Bihr, Projektleiterin der Abteilung Gesundheit des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK). «Befragungen haben gezeigt, dass oftmals Vorurteile von Ärzten gegenüber Patienten mit Migrationshintergrund bei Arztbesuchen auftreten.» Die Vorwürfe wiederholten sich immer wieder: Die Personen würden nur profitieren wollen, sie würden simulieren oder sie wollten nicht arbeiten.

Bihr: «Sie werden als Patienten nicht ernst genommen. Das kann dazu führen, dass sie keine angemessene Behandlung erhalten, was zur Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes und somit zu Mehrkosten führen kann.» Zudem dauere ihr Leiden dadurch an und sie könnten das Vertrauen in die Ärzte und Behandlungen verlieren. Das SRK kämpft laut Bihr seit 15 Jahren gegen diese Vorurteile. «Wir sprechen das in Weiterbildungen und Fachausbildungen von Gesundheitspersonal an und erweitern so dessen transkulturelle Kompetenz», sagt Bihr.

M. versucht nun, auf rechtlichem Weg gegen die Diskriminierung vorzugehen. Er habe einen Anwalt eingeschaltet, der die Unterlagen durchsehe und die Möglichkeiten prüfe.

Die Arztpraxis Medbase teilte auf Anfrage mit: «Aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht äussert sich Medbase nicht zum vorliegenden Fall. Wir nehmen Rückmeldungen unserer Patientinnen und Patienten sehr ernst. Unser internes Qualitätsmanagement stellt sicher, dass die Patientinnen und Patienten stets nach den neuesten Erkenntnissen behandelt werden.»

*Name der Redaktion bekannt