Aktuell viele Fälle

30. Juli 2015 15:33; Akt: 30.07.2015 15:47 Print

Auch Männer werden Opfer von Zwangsheirat

von Qendresa Llugiqi - Junge mit Migrationshintergrund werden im Sommer oft im Herkunftsland zwangsverheiratet. Betroffen sind nicht nur Mädchen.

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Vor allem Familien aus Sri Lanka und vom Balkan sind in der Schweiz von Zwangsheiraten betroffen. (Bild: Getty Images/Michael Coyne)

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Sommerferien sind für die meisten eine unbeschwerte Zeit. Für Betroffene von Zwangsheiraten können sie die Hölle bedeuten. Denn es gibt Familien, die während der Sommerferien in ihr Heimatland reisen, um dort ihre Töchter oder Söhne zu verheiraten – auch unter Zwang. Derzeit mehren sich die Meldungen von Zwangsverheiratungen bei Menschen- und Frauenrechtsorganisationen.

«Zwar finden Zwangsverheiratungen rund ums Jahr statt, doch vor den Sommerferien steigen die Befürchtungen von potentiell Gefährdeten an, wodurch sie eher bereit sind, uns zu kontaktieren», so Anu Sivaganesan, Leiterin der Fachstelle zwangsheirat.ch. Sie beschreibt die Situation der Betroffenen folgendermassen: «Sie haben Angst, in einem ihnen nicht mehr so vertrauten Land ohne ihre gewohnten Solidarnetze alleine gelassen zu sein – an einem für sie unsicheren Ort in einer angstmachenden Situation.» Deshalb melden sie sich bei der Fachstelle. «Normalerweise haben wir fünf Meldungen pro Woche», so Sivaganesan. «Letzte Woche haben sich aber 13 Personen gemeldet.»

340 Fälle pro Jahr

Wieso gerade die Sommerferien die Hochsaison für Zwangsheiraten sind, erklärt Natalie Trummer, Geschäftsleiterin von Terre des Femmes Schweiz, so: «Einerseits sind die Sommerferien die Hauptferien, wo man am längsten Zeit hat und die ganze Familie verreisen kann», so Trummer. «Andererseits schliessen viele ihre Lehre oder Schule vor den Sommerferien ab. Sobald die Ausbildung fertig ist, werden sie verheiratet.»

Wie viele Personen von Zwangsheiraten betroffen sind, ist unklar. «Es ist schwierig, eine Zahl anzugeben, da es nach wie vor ein tabuisiertes Thema ist», so Trummer. Eine Studie sei bei einer Online-Umfrage auf rund 340 Fälle in der Schweiz pro Jahr gekommen. «Doch das ist eine konservative Schätzung; die Dunkelziffer liegt viel höher.»

Junge Männer genauso betroffen

Zwangsheiraten kämen in verschiedensten Kreisen vor. Anders als in Deutschland, wo es vor allem türkische und arabische Familien betrifft, seien in der Schweiz vor allem Familien aus dem Balkan und Sri Lanka betroffen, so Trummer. Sivaganesan fügt hinzu: «Neu gelangen aber auch Personen aus afrikanischen Staaten wie Eritrea, Äthiopien und Somalia sowie aus dem Nahen Osten und weiteren asiatischen Ländern an die Fachstelle zwangsheirat.ch.»

Entgegen allen Vorurteilen seien Zwangsheiraten jedoch kein Schichtproblem. «Viele denken, es kommt nur bei armen Familien vor», so Trummer. «Wir kennen sie aber auch von sehr wohlhabenden Familien, die ihre Kinder aus ökonomischen Gründen zu einer Ehe zwingen.» Weitere Gründe sind laut Sivaganesan das Festhalten an überkommenen Traditionen, die Möglichkeit, an eine Aufenthaltsbewilligung zu kommen und der Gemeinschaftsdruck.

Und: Zwangsverheiratungen sind nicht nur ein «weibliches» Problem: «Es kommt sowohl bei Frauen als auch bei Männern vor», so Trummer. Bei der Fachstelle zwangsheirat.ch beschreibt man folgenden Fall: «Ein 18-jähriger Mazedonier, der in der Schweiz lebt und in eine Nicht-Mazedonierin verliebt war, wurde von seiner Schwester nach Mazedonien gelockt. Sie gab an, sie wolle dort zusammen mit den Grosseltern eine Geburtstagsparty für ihren Sohn organisieren. Als er ankam, war es keine Geburtstagsfete, sondern seine Hochzeit. Er wurde zwangsverheiratet.»

Auf die Frage, wann denn eine Zwangsheirat oder Zwangsehe vorliege, macht Trummer klar: «Die Definition ist ziemlich subjektiv. Sobald eine Person Zwang, also Druck verspürt, dass sie heiraten oder in der Ehe bleiben muss, dann ist es bereits Zwang.»

Individuelle Massnahmen treffen

Die Massnahmen in solchen Fällen sind laut Trummer individuell: «Wenn sich jemand meldet, schauen wir den Fall sehr genau an und klären, welche Gefahrenstufe gegeben ist und wie dringend der Fall ist», so Trummer. Weil diese Personen aber auch sonst kaum Freiheiten hätten, sei es wichtig, mit vertrauenswürdigen Leuten aus dem Umfeld zusammenzuarbeiten: «Es kam vor, dass wir den Arbeitgeber bitten mussten, der betroffenen Person keine Ferien zu genehmigen oder auf ein unbestimmtes Datum zu verschieben, damit sie nicht verreisen kann», so Trummer.

Laut Sivaganesan seien solche präventiven Massnahmen wichtig: «Es gibt auch Fälle, wo die Betroffenen nach der Eheschliessung gezwungen wurden, in ihrem Herkunftsland zu bleiben», so Sivaganesan. «Pass und Bewilligung wurden ihnen abgenommen.» Dadurch, dass das Rückkehrrecht nach sechs Monaten abläuft, konnte die betroffene Person nicht mehr zurück. «Leider hat der Bundesrat verkannt, dass viele Betroffene von Ferienzwangsverheiratungen in den Herkunftsländern festgehalten und an der Rückkehr gehindert werden», so Sivaganesan. «Hier sollte das Rückkehrrecht wie in Deutschland erweitert werden.»

Bei dringenden Fällen können sich Betroffene direkt bei der Helpline der Fachstelle zwangsheirat.ch melden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Anonym am 30.07.2015 15:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Für die Zukunft

    Meine Geschwister , Cousins und ich haben uns geschworen, dass die Zwangsheirat mit uns sterben wird.

    einklappen einklappen
  • Gegen Zwangsheirat am 30.07.2015 15:45 Report Diesen Beitrag melden

    Freund einer zwangsverheirateten Person

    Eine Kollegin von mir aus Sri Lanka wurde mit 15 zwangsverheiratet. Sie weigerte sich und jetzt wurde sie von der gesamten Familie ausgestossen. Sie tut mir sehr leid. Ich habe nichts gegen Einwanderer, doch sollte man als Familie akzeptieren, wenn ein Mädchen nicht will.

  • Rene W am 30.07.2015 15:45 Report Diesen Beitrag melden

    Massnahmen

    In Dänemark hat man dagegen eine relativ einfache Masssnahme getroffen. Bei solchen Einheiratungen kriegen Ehepartner unter 24 Jahren keine Aufenthaltsbewilligung damit kann man solche Manöver die zur Erlangung einer Aufenthaltsbewilligung führen (oft ist auch Geld im Spiel) unterbinden.

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  • Albanerin:) am 30.07.2015 17:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Heiraten unter druck

    Leider ist es gar nicht so eifach dem zu entgehen! Oft stellt sich die ganze Familie gegen einem, und man fragt sich dan: lohnt siich der kampf!? Viel ist es kein zwang sondern ganz einfach dem druck und das es selbstverständlich für die familie ist. Ich hoffe das es bei der nächsten generation besser wird!!

  • Dani am 30.07.2015 17:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch Schwule werden Zwangsverheiratet 

    Es sind nicht nur Männer von Zwangsverheiratungen betroffen die sich in eine Schweizerin verlieben , sondern auch Schwule werden in Heimatland gezwungen eine dortige Frau zu heiraten. Diese "Ehepartner" kommen dann meist über den Familiennachzug auch in die Schweiz ohne sich nur im Geringsten mit den hiesigen Gesetzen, Sitten und Bräuchen auszukennen, geschweige denn hier arbeiten zu können.

  • Kräuter Schnaps am 30.07.2015 16:55 Report Diesen Beitrag melden

    Religion und Soziale Zwänge

    Die Zwangsheirat kommt zum grossen Teil aus der Religion (Verheiratung von gleichen Religionsstämmen) und aus Sozialen Überlegungen (Bündelung von Macht, Geld und Patriarchen). Sowohl Religiöse wie auch gesellschaftliche Zwänge stehen über dem Wohl des Einzelnen. Es wäre langsam an der Zeit sich davon zu lösen und die Verantwortlichen (Pfarrer und patriarchischen Eltern) zur Rechenschaft zu ziehen; dies widerspricht den Menschenrechten der heutigen Zeit und gehört massiv bestraft.

  • ;) am 30.07.2015 16:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dank CH

    Meine Eltern hatten das vor !! Ich habe mich gewehrt. Von meiner Familie wurde ich ausgestossen. Habe heimlich geheiratet und lebe glücklich. In der Schweiz ist es möglich sich zu wehren und das finde ich toll.

  • Das Brot am 30.07.2015 16:45 Report Diesen Beitrag melden

    Definition schwammig...

    ... "Sobald eine Person Zwang, also Druck verspürt, dass sie heiraten oder in der Ehe bleiben muss, dann ist es bereits Zwang." - Demnach wär doch eig. jede Form der Heirat eine Zwangsheirat - Denn durch die Scheidung zieht einer von Beiden den Kürzeren (für gewöhnlich der Mann...) und ist so einem Druck ausgesetzt in der Ehe zu bleiben... Oder seh nur ich das so?!