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20. Dezember 2017 09:41; Akt: 20.12.2017 14:30 Print

Darum ist Rätoromanisch echtes Kauderwelsch

von Stefan Ryser - Sie finden den Erhalt der als «Rätselromanisch» verunglimpften Sprache sinnlos? Und was haben Mussolini, Luther und Herr Schmid aus Zürich damit zu tun?

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Da verstehen viele nur Bahnhof: Strassenschild in Domat/Ems GR. Dass Rätoromanisch seit 1938 als Landessprache der Schweiz gilt, hat indirekt auch mit der faschistischen Diktatur ... ... unter zu tun: Seit der Vereinigung der meisten italienischsprachigen Gebiete auf der Appeninen-Halbinsel ab den 1860er-Jahren forderten Nationalisten in unserem südlichen Nachbarland den Anschluss sämtlicher "italienischsprachiger" Gebiete der Schweiz. Unter Mussolini wurden die Forderungen lauter und lauter. Die Schweiz sah sich zum Handeln gezwungen. In einer Volksabstimmung votierten über 90 Prozent der Stimmbürger für die vierte Landessprache. Dass Rätoromanisch eine Sprache ist, gilt heute unter Romanisten als unbestritten. Einst reichte das rätoromanische Sprachgebiet bis ins Gebiet des Walensees, des "welschen Sees". Im Frühmittelalter sprachen die Menschen sogar bis hinunter zum Bodensee und tief ins Vorarlberg hinein Rätoromanisch. Viele Ortsnamen in dem Gebiet tragen heute noch romanische Namen, etwa Lorüns (A), Vaduz oder Flums SG. Rätoromanisch ist begriffen. Um die Sprache zu stärken, schuf die Lia Rumantscha unter Führung des Zürcher Romanisten Heinrich Schmid die Hochsprache Rumantsch grischun. Diese gilt heute als offizielle Amtssprache Graubündens und der Eidgenossenschaft. In einigen Gebieten Graubündens ist sie Unterrichtssprache, andere Gebiete lehnen Rumantsch grischun als Kunstsprache ab. (Im Bild: Erstklässler in Brinzauls GR an ihrem ersten Schultag.) Für viele klingt Rätoromanisch wie . Apropos Kauderwelsch: Der deutsche Reformator Martin Luther deutete den Begriff als "Kaurerwelsch", also als die welsche Sprache, die die Leute zu seiner Zeit in Chur und Umgebung sprachen. Wahrscheinlicher ist allerdins, dass "Kauder" vom alten Wort "kuder" kommt. Damit ist die minderwertige Flachswerge bzw. sind die Flachshändler aus dem Süden gemeint, die meist Italienisch sprachen.

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Ist Romanisch wirklich eine eigene Sprache?
Aus dem Vulgärlatein der Besatzer entstanden, war Rätoromanisch über Jahrhunderte die Verkehrssprache der römischen Provinz Rätien, in deren Gebiet damals die keltischen Räter siedelten und auch das heutige Graubünden lag. Dass Rätoromanisch als eigenständige Sprache angesehen werden kann, gilt unter Romanisten als unbestritten.

Das war nicht immer so. Im Zuge des Risorgimento, der Vereinigung Italiens unter Garibaldi, wurden im 19. Jahrhundert Forderungen laut, auch sämtliche «italienischsprachigen» Gebiete der Schweiz in den neuen Nationalstaat einzugliedern. Dazu zählten die italienischen Nationalisten nicht nur das Tessin, sondern auch die romanisch- und italienischsprachigen Regionen Graubündens.

Mussolini sei Dank
Unter dem faschistischen Diktator Benito Mussolini wurden die Forderungen in den 1920er- und 1930er-Jahren noch lauter, stiessen in Graubünden und im Tessin aber auf grossen Widerstand.

Vor allem die Behauptung, es handle sich beim Romanischen «nur» um einen lombardischen Dialekt, dürfte mit dazu beigetragen haben, dass 1938 die Schweizer Rätoromanisch mit 91,6 Prozent Ja-Stimmen zur vierten Landessprache erhoben.

Ein Zürcher ist schuld!
Heute ist Rätoromanisch nicht mehr nur Landes-, sondern auch offizielle Amtssprache im Kanton Graubünden. Dabei gibt es «das Rätoromanische» so eigentlich gar nicht, die Dialekte der verschiedenen Talschaften unterscheiden sich stark. Dem wollte die Lia Rumantscha mit der Schaffung einer Hochsprache entgegenwirken und schuf in den 70er- und 80er-Jahren unter Führung des Zürcher Romanisten Heinrich Schmid mit Rumantsch Grischun eine einheitliche Schriftsprache.

Heftig umstrittene Hochsprache
Tatsächlich entstand das bis heute heftig umstrittene Rumantsch Grischun also in Zürich – was durchaus seine Berechtigung hat, ist die Stadt doch die Ortschaft mit den meisten Romanisch-Sprechern der Schweiz.

Auch wenn mancher Deutschschweizer mit Italienisch- oder Französischkenntnissen bei genauem Hinhören den einen oder anderen Brocken versteht, bleibt Romanisch für die meisten ein exotisches Kauderwelsch.

Luther machte die Sprache berühmt
Apropos Kauderwelsch: Den abwertend gemeinten Begriff für eine unverständliche Sprache deutete der deutsche Reformator Martin Luther als «Kaurerwelsch». Damit war das Romanische gemeint, das zu seiner Zeit die Menschen in Chur sprachen.

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass «Kauder» vom veralteten Wort kuder für Flachswerge herrührt. Damit waren ursprünglich die aus Italien kommenden Flachshändler gemeint.

Seit Jahrhunderten auf dem Rückzug
Zu Luthers Zeit sprachen die Menschen vom Engadin und der Surselva bis hinunter nach Chur Rätoromanisch – und weit darüber hinaus: Die Sprachgrenze lag damals beim Walensee, dem «Welschen See», und reichte im Rheintal im Frühmittelalter sogar bis zum Bodensee.

Noch heute zeugen rätoromanische Ortsnamen wie Flums, Vaduz oder Lorüns im Vorarlberger Walgau («Welschgau») davon.

Die Sprache bleibt unter Druck: Bei der Volkszählung im Jahr 2000 gaben 35'095 Menschen Rätoromanisch als Hauptsprache an. Zehn Jahre zuvor waren es noch mehr als doppelt so viele gewesen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Anonym am 20.12.2017 10:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rumantsch Rocks!

    Ich hoffe stark, dass das Rätoromanisch auch in Zukunft bestehen bleibt. Die Sprache ist wunderschön und dank meiner Muttersprache fiel mir das Erlernen anderer lateinischer Sprachen wie Französisch und Spanisch viel einfacher. Auch wenn ich jetzt in Zürich lebe, denke ich immer noch auf Romanisch. Schade finde ich, dass man heutzutage fast keine romanischen Bücher mehr kaufen kann. Umso wichtiger ist es, dass rätoromanische Fernsehen- und Radio zu erhalten! Sonst droht meine Muttersprache wirklich Mal auszusterben :-( Chars salüds dad üna Grischunaisa

  • bebbeli am 20.12.2017 09:58 Report Diesen Beitrag melden

    Rumantsch

    Ich verstehe Rumantsch nicht, aber ich höre gern zu. Die Sprache ist melodisch und sie gefällt mir.

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  • Leo us Züri am 20.12.2017 11:30 Report Diesen Beitrag melden

    Find's schade aber es ist Fakt

    Ich bin einer dieser Romanischsprachigen die in Zürich leben. Die Sprache hat mir sehr viel gebracht beim lernen lateinischer Sprachen. Mit dem "Rumantsch Grischun" hat man aber definitiv nichts für die Sprache gemacht. Es ist als würde ich allen Zürchern sagen, dass sie ab sofort nur Hochdeutsch reden dürfen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Weedsbold am 20.12.2017 16:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kauderwelsch?

    Ich finde Rätoromanisch ist eine Sprache mit schönem Klang und klingt mehr nach Lateinisch als Spanisch, Italienisch etc. Bin Zürcher aber ich mag die Bündner und deren Mentalität sehr.

  • flagrantia am 20.12.2017 15:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich liebe es

    Auch wenn es Kauderwelsch ist, es ist eine wunderschöne Sprache.

  • Berner Bär am 20.12.2017 13:53 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nur bis zum Bodensee!

    Regensburg (Ratisbona) war die nördlichste Stadt der rätoromanischen Verbreitung

  • Josef am 20.12.2017 13:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Exotisch?

    Also wenn ich genau hin höre, versteht man doch einiges. So exotisch ist Räroromanisch auch wieder nicht.

  • Mini Oma am 20.12.2017 13:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Erinnerung

    Meine Oma ist in Savognin aufgewachsen und lebte danach über 60 Jahre in St.Gallen. Leider konnte sie hier mit niemandem Rätoromanisch sprechen und hat es verlernt. Ich erinnere mich gerne an die Ferien zurück wenn im Hintergrund der TV oder Radio in der 4. Landessprache zu hören war und sie es für uns übersetzte. Denn die Sprache verstanden hat sie bis zum Schluss :-)