Drogenpolitik

05. Januar 2018 19:50; Akt: 05.01.2018 19:50 Print

Das fürchten die Gegner, wenn Cannabis legal ist

von Silvana Schreier - Mehr psychisch Kranke, mehr Autounfälle und Drogentourismus: Davor fürchten sich die Gegner, würde Cannabis in der Schweiz legalisiert. Zu Recht?

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Der Verein Legalize it! hat in den vergangenen Wochen 100'000 Franken gesammelt. Damit will er die Volksinitiative zur Legalisierung von Cannabis vorantreiben. «Im April starten wir die Unterschriftensammlung», sagt Nino Forrer, Sprecher von Legalize it!. Sie seien optimistisch, dass sie einen Grossteil der Unterschriften innert kurzer Zeit sammeln werden.

Umfrage
Soll Cannabis in der Schweiz legalisiert werden?

Die Cannabis-Legalisierung wird von der SP, den Grünen und einigen FDP-Politikern unterstützt. Weiter würden bei einer Volksabstimmung vor allem die Städte Ja zur Legalisierung sagen. Ebenso zahlreich wie die Befürworter sind aber auch die Gegner: SVP, CVP, der Schweizer Bauernverband sowie der Bundesrat sind dagegen. Zudem: 2008 scheiterte die letzte Abstimmung zur Hanf-Legalisierung am Stimmvolk. Nur 36,8 Prozent sagten Ja.

Doch der Wind scheint sich zu drehen. In immer mehr Ländern und US-Bundesstaaten wird die Hanf-Legalisierung vorangetrieben (siehe Box). Stimmen die Ängste der Gegner?

1. Es wird mehr konsumiert.

Das sagt Toni Bortoluzzi, ehemaliger SVP-Nationalrat: «Je einfacher der Zugang zu Cannabis ist, desto mehr Konsumenten werden angelockt.»

Das sagt Toni Berthel, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Suchtfragen: «Das kann man so nicht vorhersagen. In den 90er-Jahren, als die ärztliche Verschreibung von Heroin kam, hat sich die Befürchtung nicht bestätigt. In anderen Ländern hat man nach der Legalisierung einen kaum nennenswerten Anstieg beobachtet.»

Das sagt die Wissenschaft: Im US-Bundesstaat Colorado wurde 2012 die Legalisierung von Cannabis beschlossen. Während Mitte der 2000er-Jahre noch sechs Prozent der Bevölkerung Cannabis konsumierten, waren es in den Jahren 2013 und 2014 acht Prozent, wie ein Bericht der Drogen- und Kriminalitätsabteilung der UNO zeigt. Dieser Anstieg könne aber verschiedene Ursachen haben, wie etwa Preisveränderungen, Zugänglichkeit oder gesellschaftliche Normen.

2. Cannabis schädigt noch mehr Leute körperlich und psychisch.

Das sagt Bortoluzzi: «Es gibt bereits eine Zunahme an jungen Menschen, die durch den Cannabis-Konsum psychische Schädigungen haben und nun auf die Invalidenrente angewiesen sind. Diese Zahl wird sich bei einer Legalisierung noch vergrössern. Das bedeutet hohe Kosten für den Steuerzahler. Ich persönlich zahle lieber für die Durchsetzung eines Cannabis-Verbots als für die IV der jungen Leute.»

Das sagt Berthel: «Die Menge ist entscheidend. Ein gelegentlicher Konsum von Cannabis hat keine dramatischen Auswirkungen auf die Gesundheit. Dennoch braucht es hier im Falle einer Legalisierung einen wirksamen Jugendschutz, denn Kinder und Jugendliche sollten auf keinen Fall Cannabis konsumieren. Grundsätzlich sind aber jegliche Verbrennungssubstanzen wie auch Zigaretten schädlich für unsere Lungen.»

Das sagt die Wissenschaft: Eine Untersuchung in Schweden zeigte auf, dass 18- bis 20-jährige Vielkonsumenten eine rund dreimal höhere Wahrscheinlichkeit haben, Schizophreniesymptome zu entwickeln, als Abstinenzler. Aber: Nur 1,4 Prozent der Cannabis-Konsumenten zeigten überhaupt Anzeichen einer Störung, im Vergleich zu 0,6 Prozent der Personen, die nach eigenen Angaben noch nie Cannabis konsumiert hatten. Tatsächlich zeigen mehrere Studien aber kurzfristige Folgen von Cannabis-Konsum auf: Dazu gehören eine geschwächte Koordinationsfähigkeit, Psychosen oder Paranoia. Gemäss einer Studie der University of Iowa haben Jugendliche, die regelmässig gekifft haben, Probleme, sich an Dinge zu erinnern.

3. Viele erbringen schlechtere Leistungen bei der Arbeit oder in der Schule aufgrund ihres Cannabis-Konsums.

Das sagt Bortoluzzi: «Während der Arbeit oder der Schule ist Kiffen so falsch wie Alkoholkonsum. Weil die Wirkung von Cannabis im Hirn aber nur langsam nachlässt, ist der Einfluss auf die Leistungsfähigkeit auch beim Konsum in der Freizeit nicht ausgeschlossen.»

Das sagt Berthel: «Während der Arbeit oder in der Schule sollte man nicht kiffen, das ist klar. Dasselbe gilt ja auch für den Alkoholkonsum. Bei der Legalisierung geht es aber um den Freizeitkonsum. Konsumiert man also nicht täglich, sondern gelegentlich Cannabis in der Freizeit, hat dies keine Auswirkungen auf die Leistungen bei der Arbeit.»

4. Es gibt mehr Autounfälle, da mehr Leute Cannabis konsumieren.

Das sagt Bortoluzzi: «Diese Gefahr ist ebenso da wie beim Alkoholkonsum, denn durch das Cannabis ist die Fahrtüchtigkeit eindeutig eingeschränkt.»

Das sagt Berthel: «Vor und während des Autofahrens darf es nicht erlaubt sein, Cannabis zu konsumieren. Das wird auch bei einer Legalisierung so sein, denn Cannabis wirkt sedierend auf uns und kann sowohl unsere Konzentration als auch unsere Reaktionsfähigkeit vermindern – wie alle psychoaktiven Substanzen.»

5. Drogentouristen kommen aus den Nachbarländern in die Schweiz.

Das sagt Bortoluzzi: «Man kennt dieses Phänomen aus den Niederlanden. Dort erlebte man einen richtigen Boom: Tausende Touristen kamen nur wegen der Drogen. Es ist eine absurde Idee, dass wir in der Schweiz die Legalisierung beschliessen, aber um uns herum alle Länder noch ein Verbot haben.»

Das sagt Berthel: «Zurzeit sind weltweit Diskussionen rund um die Legalisierung von Cannabis im Gange. Es wird sich zeigen, ob die Schweiz Vorbild oder Nachzügler sein wird. In den USA, wo Cannabis in einigen Bundesstaaten bereits legal ist, ist nur geringer Drogentourismus zwischen den Staaten zu beobachten – oder der Verkauf an Auswärtige wurde von Beginn weg verboten.»

Das sagt die Wissenschaft: Die Niederlande mussten Massnahmen ergreifen, um den Drogentourismus aus Deutschland einzuschränken. Am 1. Mai 2012 wurde ein neues Gesetz eingeführt, dass Ausländern in den Grenzgebieten untersagte, Drogen zu kaufen. Cannabis-Produkte dürfen nur noch an Menschen mit Wohnsitz in den Niederlanden verkauft werden.

6. Alle Drogen werden verharmlost und dadurch steigt deren Konsum.

Das sagt Bortoluzzi: «Ob im Falle der Cannabis-Legalisierung alle Drogen verharmlost werden, ist schwierig zu beurteilen. Ich denke, die Leute können einen Unterschied machen.»

Das sagt Berthel: «Es geht nicht um die Banalisierung der Droge Cannabis, sondern um eine konstruktive, geordnete Steuerung der Produktion, des Verkaufs und des Konsums. Gerade durch solche Regelungen wird eine greifende und erfolgreiche Prävention und Steuerung des Konsums erst möglich, und die Risiken, die durch den Schwarzmarkt entstehen, werden vermindert.»

Das sagt die Wissenschaft: Wer kifft, nimmt eher auch andere Rauschmittel ein. Diesen Effekt haben mehrere Studien beleuchtet. Einerseits könnte er auftreten, weil Drogen in der Subkultur, in der man sich bewegt, allgemein vorhanden sind und darum eine niedrigere Hemmschwelle da ist. Andererseits wird Cannabis als Einstiegsdroge bezeichnet. Neuere Untersuchungen widerlegen Letzteres. Denn: Auch Alkohol und Tabak sind Einstiegsdrogen, werden von der Drogenpolitik aber nicht so behandelt.

7. Die Hemmschwelle, Drogen zu konsumieren, sinkt – gerade bei den Jungen.

Das sagt Bortoluzzi: «Wird Cannabis legal, dann wird die Hemmschwelle definitiv niedriger. Cannabis ist eine Einstiegsdroge. Viele werden dann auch zu anderen Substanzen greifen.»

Das sagt Berthel: «Das ist schwierig vorauszusagen. Beim Alkoholkonsum sieht man, dass es Lebensphasen gibt, in denen junge Menschen mehr konsumieren, dann wieder weniger. Der Konsum hängt aber nicht davon ab, ob etwas legal ist oder nicht. Wenn parallel zur Legalisierung präventive Massnahmen durchgeführt werden, dann wird die Anzahl Konsumenten nicht steigen.»

Das sagt die Wissenschaft: In den Niederlanden zeigt sich, dass, obwohl der Verkauf kleiner Mengen schon seit 1976 gestattet ist, der Anteil der Cannabis konsumierenden Menschen an der Gesamtbevölkerung nicht höher als in anderen Ländern ist. Weiter gebe es zu viele Störfaktoren, wie Valerie Curran, Psychopharmakologin vom Londoner University College, zum Magazin «Spektrum» sagte. Jugendliche würden neben dem Cannabis-Konsum auch grosse Mengen Alkohol trinken und allgemein zu risikoreichen Aktivitäten tendieren. Daher sei es schwierig zu entscheiden, ob ein Effekt die Ursache in den Drogen oder dem Verhaltensmuster hat.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ueli am 05.01.2018 20:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gleiche Regeln wie bei Alkohol

    Mir ist es egal, wenn sich jemand am Abend nach getaner Arbeit einen Joint rein zieht. Ebenso wie es auch OK ist ein Bier zu nehmen. Aber genau gleich wie beim Alkohol hat auch dieses Suchtmittel in der Arbeitswelt nichts verloren. Mitarbeiter, welche am Morgen zugedröhnt erscheinen werden ebenso verwarnt wie jene mit einer Fahne. Beides hat am Arbeitsplatz nichts verloren. Ebenso hinter dem Steuer. Da sollte für beides eine klare Limite gelten. Bei Alkohol ist dies einfach messbar, keine Ahnung wie dies bei Canabis ist. Wenn die Konsumenten dies berücksichtigen ist alles OK.

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  • Basler93 am 05.01.2018 20:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Endlich ja und gut ist

    Was bitte hat der Bauernverband eigentlich zu melden? Warum haben die so eine einflussreiche Lobby? Wäre doch gerade für die eine gute Gelegenheit selber wieder zu verdienen um nicht weiterhin dauernd durch uns Subventioniert zu werden. Wie immer sind es die Rückständigen und Konservativen welche sich querstellen, meist auch die welche keine Ahnung haben von was Sie reden.

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  • Shops am 05.01.2018 20:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Holland

    Hört doch auf oder macht es wie Holland mit coffeeshop

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Die neusten Leser-Kommentare

  • andi am 09.01.2018 12:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    thc

    nochmals mit Alkohol hat man physische ausfällen bei thc nicht, dann müsste man sofort den Alkohol verbieten wenn das die bedenken sind, die gründe liegen aber wo anders.

  • Alfred A. am 08.01.2018 18:22 Report Diesen Beitrag melden

    Gewisse Zweifel bestehen

    Als Gegner allzu strenger Verbote und Befürworter der Freiheit in selbstverantwortlichem Handeln kann ich nicht wirklich gegen die Liberalisierung von Canabis Produkten sein. Allerdings meine ich auch beobachtet zu haben, dass Leute, die exzessiv kiffen auch durch Defizite in den Bereichen Aufmerksamkeit und Kurzzeit Gedächtnis auffallen. So bin ich mir nicht sicher, ob es nicht doch eine Grenze zwischen harmlosem Konsum und gesundheitsgefährdendem Abusus gibt.

  • Butch am 08.01.2018 14:04 Report Diesen Beitrag melden

    Soll verboten bleiben!

    Kiffen stinkt dann um einiges mehr, als normaler Zigarettenrauch. Zudem kann man es nicht so genau dosieren, wie Alkohol. Aber diese Argumente werden von pro Kiffer Leuten locker mit irgendwelchen "Beweisen" widerlegt...

    • Provocateur am 09.01.2018 08:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Butch

      ja, die werfen widerlegt, weil wir im Gegensatz zu euch auf wissenschaftliche Beweise zurückgreifen können und es nicht nötig haben, Märchen zu verbreiten oder persönliche Ansichten als Argumente zu missbrauchen.

    • Nemo am 09.01.2018 08:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Butch

      Äääääähhhhmm ja. hast du auch Argumente oder nur deine frustrierte "Chropfleerete"? Aber ich schätze, mehr als deinen Frust hast du nicht, sonst könnte man bei dir Argumente finden.

    • Helmut Xö am 21.01.2018 16:23 Report Diesen Beitrag melden

      Mag. art.

      seit wann kann man Cannabis nicht dosieren?

    • Philip Rel am 24.01.2018 22:16 Report Diesen Beitrag melden

      Butch der unwissende!

      Alkohol kann man zwar besser dosieren, jedoch kommt es auch drauf an was man trinkt! Nicht alles dringt gleich schnell durch die Blutgefäse ins Gehirn. Noch ein bestehendes Problem bei Alkohol ist: wenn man zu viel trinkt, kann man sterben! Bei Gras jedoch, kann man auch bei höchstem high sein nicht sterben.

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  • Armin am 08.01.2018 13:52 Report Diesen Beitrag melden

    primitive Hexenjagd

    "Psychische Erkrankungen" (mindestens eine Paranoia) weisen für mich in erster Linie diejenigen auf, welche ohne jegliche Kenntnis von demjenigen zu haben, über das sie schwätzen, weiterhin in die mittelalterliche Hexenjagd gegen die Cannabiskonsumenten einstimmen...

    • Helmut Xö am 21.01.2018 16:25 Report Diesen Beitrag melden

      Mag. art.

      aber wehe, wenn man denen die Suchtdrige Alkohol verbietet

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  • Igel am 08.01.2018 06:56 Report Diesen Beitrag melden

    Jubel Dubel Heiterkeit

    Für die Bekifften Hirne welche sich noch im Wachstumsalter befinden, daher noch nicht ausgereift, dürfen wir dann die Spätfolgekosten in Form höherer K.K. Abgaben bezahlen. Psychiatrie und Heime können schon mal mit dem Ausbau beginnen. Und neues Personal einstellen.

    • Nemo am 08.01.2018 10:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Igel

      Lass es einfach. mit deinen Horrorszenarien, die du versuchst herbeizureden, hast du auch kein Argument mehr. Es wird heute schon gekifft und es sind nicht alle in der Psychiatrie. Hanfgegner behaupten zwar gerne, sie wären Ärzte oder Pfleger, aber alles auch bloß lügen. wieso könnt ihr nicht sachlich mit Argumenten arbeiten?

    • Mai Länderli am 09.01.2018 15:21 Report Diesen Beitrag melden

      @Nemo

      Weil sie dann weniger Gegenargumente haben und realisieren müssten, dass es villeicht doch nicht so eine schlechte Idee ist. Ich finde witzig, dass von höheren Kosten / Abgaben geredet wird und ein 'Gegenargument' die automatisch höher ausfallenden IV-Beiträge (oder whatever) ist. Solche Dinge und auch Kosten für eine gute Prävention, würde mit den Steuereinnahmen von einem legalen Verkauf einfach problemlos zu decken.

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