Verwandtenrecherche

13. August 2017 12:10; Akt: 13.08.2017 12:10 Print

Datenschützer kritisiert DNA-Verfahren der Polizei

Um Täter zu finden, hat die Polizei schon mehrmals anhand der DNA-Analyse nach Familienmitgliedern gesucht. Das ist laut dem Eidgenössischen Datenschützer bedenklich.

Bildstrecke im Grossformat »
Es ist einer der bekanntesten und schockierendsten ungelösten Fälle der Schweiz: Der Vergewaltigungsfall von Emmen LU im Jahr 2015. Die Polizei sucht nach einem Mann namens Aron oder Aaron. Der Mann ist ca. 170 bis 180 Zentimeter gross, schlank und zwischen 19 und 25 Jahre alt. Er hat eine eher dunkle Hautfarbe und schwarzbraune, kurze und dicke, gekrauste Haare. Er trug einen dunklen Langarm-Kapuzenpullover und kurze Hosen. Das Opfer ist seit der brutalen Tat vom Kopf abwärts gelähmt. Die Schwester wachte tagelang am Bett des Opfers. Der Täter wurde bis heute nicht gefunden. Hier geschah die Tat: Der Täter riss die 26-Jährige vom Velo und vergewaltigte sie. Im Bild eine andere Radfahrerin. Die Ermittler versuchten auch über eine Verwandtenrecherche mögliche Familienangehörige des Täters zu finden – ohne Erfolg. Zudem wurde ein Massen-DNA-Test veranlasst. 371 Männer mussten antreten. Drei Analysen aus dem Ausland stehen noch aus. Im Laufe der Ermittlungen wurde der Ruf nach einer Gesetzesrevision laut: Die Polizei soll aus der DNA auch Haut-, Haar- und Augenfarbe herauslesen dürfen. Damit könnte ein Profilbild erstellt werden. Grosses Leid: Die Mutter und die Schwester des 26-jährigen Vergewaltigungsopfers äusserten sich am 25. Mai 2016 in der «Rundschau» erstmals zur Tat in Emmen. Viel Betroffenheit und Entsetzen erregte auch der Vierfachmord von Rupperswil. Thomas N. soll im Dezember 2015 eine Mutter, ihre beiden Söhne sowie die Freundin des älteren Sohnes getötet haben. Anschliessend setzte er die Wohnung in Brand. Wochenlang suchte die Polizei nach dem Täter. Auch hier wurden DNA-Spuren gesichert. Die Trauer um die Opfer war im Dorf gross. Um dem Täter auf die Schliche zu kommen, wurde auch in diesem Fall eine Verwandtenrecherche durchgeführt. Ausserdem wurden Zeugen gesucht. Thomas N. konnte schliesslich als mutmasslicher Täter verhaftet werden, jedoch nicht aufgrund der Verwandtenrecherche. Bei ihm zu Hause fanden die Ermittler Utensilien, die N. mit der Tat in Verbindung bringen. Er wohnte im gleichen Ort wie seine Opfer. Ein weiterer Fall, bei dem die Verwandtenrecherche angewandt wurde: 2014 wurde im Vierwaldstättersee die Leiche einer Prostituierten gefunden. Auch in diesem Fall konnte die Polizei den Täter noch nicht finden. Die Verwandtenrecherche führte zu keinem Erfolg. Ergeben sich keine neuen Erkenntnisse, wird der Fall laut der Polizei noch dieses Jahr sistiert.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Insgesamt zwölfmal haben Schweizer Ermittler bisher bei der Suche nach Tätern auf die sogenannte Verwandtenrecherche zurückgegriffen. Dazu zählen auch der Vierfachmord in Rupperswil, der Fall der getöteten Prostituierten im Vierwaldstättersee und der Vergewaltigungsfall von Emmen. Achtmal ging es laut der «Sonntagszeitung» um ein Tötungsdelikt, zweimal um Mord, einmal um Brandstiftung und einmal um Vergewaltigung mit schwerer Körperverletzung.

Umfrage
Was halten Sie von der Verwandtenrecherche?

Seit das Bundesstrafgericht dem Kanton Genf Ende 2015 das Recht erteilte, in der DNA-Datenbank nach möglichen Verwandten eines Täters zu suchen, nutzen dies auch andere Polizeikorps. Dabei genügt es, wenn das Erbgut teilweise mit jenem des Täters übereinstimmt. Gemäss Pamela Vögeli, Leiterin der DNA-Koordinationsstelle am Institut für Rechtsmedizin der Uni Zürich, nimmt die Polizei bei einer solchen teilweisen Übereinstimmung weitere Abklärungen vor, wie sie der Zeitung erklärt.

«Bewegen uns auf gefährlichem Weg»

Zu einem Durchbruch hat jedoch noch keine der zwölf Familien-DNA-Analysen geführt, wie die Zeitung das Bundesamt für Polizei (Fedpol) zitiert. Jedoch könnte das Verfahren beispielsweise bei Einbruchdiebstählen von Familienbanden Erfolge zeigen. Einen Antrag dafür hat das Fedpol jedoch noch nicht erhalten.

Mit der Verwandtenrecherche bewegen sich die Ermittler jedoch auf dünnem Eis, wie der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte Adrian Lobsiger kritisiert. Denn im DNA-Gesetz sei davon nirgends die Rede. «Der Zweck der Analyse werde damit ausgeweitet. Das ist kriminalpolitisch und grundrechtlich bedenklich. Wir bewegen uns hier auf einem gefährlichen Weg, vor allem, wenn man bedenkt, dass Verwandten im Strafverfahren ein Zeugnisverweigerungsrecht zusteht.»

Bald könnte DNA ein Profilbild liefern

Ähnlich sieht es Strafrechtsprofessor Niklaus Ruckstuhl: Eine Verwandtenrecherche sei ohne gesetzliche Grundlage «unzulässig, so wünschbar der Erfolg im Einzelfall auch sein mag», sagt der Leiter der Fachgruppe Strafrecht des schweizerischen Anwaltsverbands zur Zeitung.

Dennoch setzen die Ermittler im Fall Emmen viel Hoffnung in die DNA. Ein Massentest blieb jedoch bisher erfolglos – drei DNA-Analysen aus dem Ausland stehen noch aus. Die Verwandtenrecherche lieferte zwar ein Profil, das jenem des Täters ähnlich war. Jedoch konnte diese Spur nicht weiter erhärtet werden, wie die Zeitung schreibt.

Erfolgversprechend klingt ein anderes Verfahren: Ermittler sollen bald Haut-, Haar- und Augenfarbe aus der DNA herauslesen dürfen. Auch das Alter und die geografische Herkunft können bestimmt werden. So könnte von einem Täter ein Profilbild erstellt werden. Heute ist nur erlaubt, das Geschlecht zu bestimmen. Das Bundesamt für Polizei arbeitet derzeit jedoch an einer Gesetzesrevision.

(vro)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Typhoeus am 13.08.2017 12:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Um Kapitalverbrechen aufzuklären muss

    jedes moderne Beweismittel verwendet werden. Da ist der persönliche Datenschutz zweitrangig.

    einklappen einklappen
  • Maler50 am 13.08.2017 12:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kritisch begleiten

    Es ist angebracht das DNA Verfahren kritisch zu begleiten aber es ist ein guter Weg Verbrechen aufzuklären!

  • Francisca B am 13.08.2017 12:32 Report Diesen Beitrag melden

    Eine DNA über 50 tausend Männer

    Wenn man flächendeckend die DNA angewendet hätte, hätte man den Täter dieser Frau die in den Rollstuhl kam schon lange:!

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Täter Schutz am 13.08.2017 20:39 Report Diesen Beitrag melden

    Schluss mit Täterschutz

    Einfach dass es nochmals gesagt ist: Täterschutz ist etwas vom Schlimmsten. Wer hat diesen Täterschutz eigentlich erfunden? Waren sicher selbst Täterschützer.

  • Daniel-CH am 13.08.2017 19:37 Report Diesen Beitrag melden

    Hört doch mal auf...

    ... mit diesem Datenschutz-Geschrei. Solange IPhone, Google und Facebook legal sind, wo viel mehr Daten gesammelt wird, solange sollte es doch erlaubt sein, Daten zur Verbrecherbekämpfung nutzen zu dürfen. Oder?

  • Désirée am 13.08.2017 18:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein Täterschutz

    Datenschutz hat nichts zu suchen bei Kapitalverbrechen!

    • Tom am 13.08.2017 19:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Désirée

      Völlig der gleichen Meinung!

    einklappen einklappen
  • Igel am 13.08.2017 18:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So nicht

    Um einen Täter Dingfest zu machen hat der Datenschutz nichts mehr verloren. Und Menschenrechtler müssen sich schon gar nicht mehr einmischen. Täterschutz muss endlich aufhören.

  • ana am 13.08.2017 18:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    gute technik

    also in amerika erlaubt und immer der fall. und hauptsache der richtige täter sitzt hinter gitter!