«Kam kaum an Grenzen»

26. Juni 2018 09:58; Akt: 26.06.2018 09:58 Print

So erlebten Rekruten die «Kuschel-RS»

von P. Michel - Die Armee will die Rekrutenschule attraktiver machen. Ein Ex-Rekrut findet, die Erleichterungen hätten ihn motiviert. Ein anderer sagt, ein Motivationskiller bleibe: die Warterei.

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Um die Zahl der Abgänge zu reduzieren, hat die Armee auf Anfang Jahr Erleichterungen in der Rekrutenschule umgesetzt (siehe Bildstrecke). Eine erste Auswertung zeigt, dass die Zahl der Abbrecher gesunken ist. Zwei Soldaten, die diese «Kuschel-RS» absolviert haben, erzählen von ihren Erfahrungen.

Nils B.* (21), Software-Engineer: «Jokertage wurden einfach verschleppt»

«Ich habe diesen Mai die Rekrutenschule als Richtstrahlpionier in Kloten absolviert. Vor dem Einrücken dachte ich, dass man als Rekrut viel mehr angeschrien oder herumgehetzt wird. Tatsächlich behandelten uns die Vorgesetzten in den ersten Wochen sehr kollegial und respektvoll, auch wenn sich der Ton gegen Ende der RS verschärfte.

Dass die Armee auf stumpfsinnigen Drill verzichtet, finde ich gut. Bei den körperlichen Belastungen hätte sie jedoch mehr fordern können: Sportlich kam ich kaum an meine Grenzen. Diese Erfahrung hätte ich gerne gemacht. Dass die Armee Massnahmen ergreift, um die RS attraktiver zu machen, finde ich eine gute Sache. Ich habe beispielsweise meine zwei Jokertage für ein verlängertes Wochenende eingesetzt, oder wir hatten mehr Freizeit. Diese haben wir oft einfach im Zimmer verbracht mit den Kollegen. Das motiviert schon.

Ich habe aber den Eindruck, dass bei den Kadern die Durchsetzung der Neuerungen noch nicht ganz reibungslos läuft. Ich habe beispielsweise die Jokertage nur einlösen können, weil ich Glück hatte: Viele hatten einen Antrag eingereicht, dieser wurde aber entweder abgelehnt oder so lange verschleppt, bis die RS vorbei war. Zudem war nicht klar, bei welchen Aktivitäten wir die Turnschuhe anziehen durften.

Auch wenn Jokertage, mehr Freizeit oder die kürzere RS mit 18 Wochen motivieren können, wäre für mich die wichtigste Attraktivitätssteigerung für die Armee die Abschaffung der Warterei. Die Langeweile ist der grösste Motivationskiller. Wenn es für die heutige Zahl an Rekruten nicht genügend zu tun gibt, muss die Armee halt die RS verkleinern.»

C. D.* (19), Student: «Konnten immer am Freitag abtreten – das motiviert»

«Ich bin als Funkaufklärer in die Rekrutenschule eingerückt. In dieser Funktion ist die körperliche Belastung ohnehin nicht so gross. Ich persönlich kam nie an meine Belastungsgrenze. Trotz der vorgesehenen Leistungssteigerung waren für mich die ersten Wochen die strengsten. Die Neuerungen mit Jokertagen oder Turnschuhen finde ich sinnvoll. In unserer RS ging der Schulkommandant sogar noch weiter: Wir konnten immer am Freitagabend statt erst am Samstagmorgen abtreten. Zwei Nächte im eigenen Bett zu schlafen, steigert die Motivation deutlich. Auch positiv war, dass bei uns das Nachtessen immer auf 20 Uhr gelegt wurde und man danach frei hatte, statt schon um 18 Uhr zu essen und danach noch Programm zu wälzen.

Insgesamt haben die Massnahmen dazu beigetragen, meinen ‹Anschiss› zu reduzieren. Das gilt wohl auch für die anderen Rekruten: Offenbar wechselten in der RS, die vor unserer startete, 25 Prozent der Rekruten in den Zivildienst. Bei uns waren es unter 10 Prozent. Es gibt aber auch die andere Seite: Wegen der Erleichterungen habe ich den Betrieb nicht mehr ganz ernst genommen. Der Begriff Kuschel-RS trifft es ziemlich gut.

Um die Attraktivität der Armee weiter zu steigern, müsste sie meiner Meinung nach beim System «Weitermachen» ansetzen. Die Angst davor, dass man nach der RS für höhere Funktionen ausgewählt wird, war bei uns ein Dauerthema. Die Armee sollte dem zuvorkommen und sicherstellen, dass Vorgesetzte hier keinen Druck ausüben.»

*Name der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Markus F am 26.06.2018 10:08 Report Diesen Beitrag melden

    Wir waren ein Team.

    Die ewige Thematik mit der Warterei. Erst als ich weiter gemacht habe, habe ich erkannt, dass es sich einfach nicht vermeiden lässt. Man kann es reduzieren mit Planung und Erfahrung, aber vermeiden lässt es sich nicht. Da müsste halt mal die andere Seite aufgezeigt werden. Ich habe es meinen Rekruten erklärt und sie verstanden es.

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  • Frtz am 26.06.2018 10:12 Report Diesen Beitrag melden

    Um die Armee attraktiver...

    ... zu machen, sollte vielleicht einfach eine sinnvolle Aufgabe gefunden werden. Ich mache tagtäglich die Erfahrung, dass Menschen, die den Sinn ihrer Arbeit/Aktivität sehen, voll motiviert an die Säcke gehen.

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  • Sagsdirekt am 26.06.2018 10:27 Report Diesen Beitrag melden

    Umteilen

    Wenn er nicht an seine köroerlichen Grenzen angekommen ist luegt eventuell auch an seinem Job. Als Richtstrahlpioneer ist man ja auch nicht gefordert. Vuelleucht mal umteilen lassen ins Gebirge. Grenadier z.b.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Kurt S. am 27.06.2018 14:00 Report Diesen Beitrag melden

    Warum Richtstrahler?

    Wieso wieder ein Bericht über die Richtstrahler? Geht mal zu den Gelben, möchte mal sehen, ob die rumstehen? Da wird noch gefo(ö)rdert und geleistet. Wir hatten kaum Ausgang, sogar im WK nur selten und volles Programm den ganzen Tag. Dafür war die Motivation hoch, auch ohne Geschrei. War eine gute Zeit mit guten Leuten. Ob Turnschuhe und Jokertag die Kampffähigkeit steigern ist mehr als fraglich...

    • WM in Grün am 27.06.2018 15:23 Report Diesen Beitrag melden

      Old Days

      Habe auch in Kloten den Richtstrahler gemacht vor 9 Jahren. Da wurde man jedoch noch körperlich gefordert. Denke einfach dass sich dort auch einiges getan hat. Kommt halt drauf an wer der Kadi ist. Wir mussten damals mehr KM machen als mancher Füsl.

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  • Elias am 27.06.2018 13:18 Report Diesen Beitrag melden

    WK

    Die zwei Jokertage habe ich aber noch ausstehend hoffentlich, dann kann ich sie gleich beim kommeneen WK einsetzen :)

  • Dc am 27.06.2018 12:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hoffen wir,

    dass es im Krieg auch fixe Nachtruhe und Handy-Pausen gibt, sonst wirds schwierig...

    • Yannick95 am 27.06.2018 14:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Dc

      die liechtensteiner, ie einzigen, gegen die wir eine chance hätten, würden das bestimmt akzeptieren:)

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  • Ristl Kp 18/2 A.D. am 27.06.2018 12:25 Report Diesen Beitrag melden

    Pflichtgemeinschaft

    Daumen hoch für diejeniegen die heute noch Militärdienst leisten! Es tut erwiesenermassen wirklich jedem Menschen gut, ein paar Wochen im Leben in einer zusammengewürfelten Pflichtgemeinschaft Dienst zu leisten. Die neuen Regeln machen Sinn.

  • Didier Cuche am 27.06.2018 12:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grenzen

    das einzigste Mal wo ich an meine Grenzen kam, war die Hamburgertaufe im ersten WK...

    • Simu am 27.06.2018 12:29 Report Diesen Beitrag melden

      Granzen

      Und ich beim Karaoke Singen bei der Hamburgertaufe...

    • Student am 27.06.2018 14:18 Report Diesen Beitrag melden

      Sinnvoller WK?

      Es wird ständig beklagt, dass WKs sinnfrei sind und eh nur getrunken wird. Kein Wunder, wenn diejenigen solche Traditionen zelebrieren und als das Grösste betrachten.

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