Angehende Büchsenmacherin

28. Februar 2018 17:10; Akt: 28.02.2018 17:10 Print

Diese 25-Jährige will das EU-Waffenrecht stoppen

von P. Michel - Die EU erschwert den Verkauf von halbautomatischen Waffen. Die Schweiz übernimmt die Richtlinie. Die Büchsenmacherin Ines Kessler kämpft dagegen.

«Wer einen Anschlag plant, erwirbt eine Waffe ohnehin auf dem Schwarzmarkt», sagt Ines Kesslser. (Video: 20M)
Zum Thema
Fehler gesehen?

Vor ihr liegen ein Plastikhammer, der Pistolenlauf einer Mauser C96 und die entsprechenden Kleinteile. Daneben prangt in roten Lettern: «Finger weg von meiner Berufslehre». Mit diesem Plakat kämpft die angehende Büchsenmacherin Ines Kessler auf Facebook gegen die EU-Waffenrichtlinie, die auch für die Schweiz gilt (siehe Box).

Auch an der Glasfront ihres Lehrbetriebs in Kreuzlingen prangt ihr Konterfei, beim Eingangsbereich liegen Flyer auf. Die Botschaft ist klar: Übernimmt der Bundesrat das strengere Waffengesetz – wozu er durch Schengen/Dublin verpflichtet ist –, ist es vorbei mit dem «liberalen» Schweizer Waffenrecht und Kesslers beruflicher Zukunft.

Diese 25-Jährige will das EU-Waffenrecht stoppen

Waffenverkäufer fürchten Mehraufwand

Doch so grimmig wie die 25-Jährige auf dem Plakat dreinschaut, ist sie in Wirklichkeit nicht. Als 20 Minuten sie in ihrem Lehrbetrieb, der ihrem Vater gehört, besucht, ist sie gut gelaunt, bietet Kaffee und ein Exemplar ihres Waffenkatalogs an. Im Gegensatz zu anderen Exponenten aus der Szene, die bei der Debatte um die Verschärfungen oft die Beherrschung verlieren und den Bundesrat kurzerhand als Volksverräter bezeichnen, äussert sich die angehende Büchsenmacherin im dritten Lehrjahr differenzierter.

«Ich bin nicht gegen mehr Sicherheit, aber die EU-Richtlinien tragen dazu rein gar nichts bei», sagt Kessler. Sie befürchtet, dass die zusätzliche Bürokratie das Büchsenmacher-Geschäft ihres Vaters, das sie einst übernehmen möchte, zerstören könnte. So wären etwa halbautomatische Waffen wie das Schweizer Sturmgewehr mit einem Magazin von mehr als 20 Schuss verbotene Waffen, die es nur mit einer Ausnahmebewilligung des Kantons zu kaufen gäbe.

Von der Lehrerin zur Büchsenmacherin

«Das würde dazu führen, dass man die gesamten Bestände neu kategorisieren müsste – und ich bin heute schon mehr im Büro als in der Werkstatt», sagt sie. Zudem müssen Waffenverkäufer neu nicht nur Buch über die Verkäufe führen und diese innert 30 Tagen per Post melden, sondern auch innert zehn Tagen eine elektronische Meldung erfassen. «Wir können es uns schlicht nicht leisten, dafür jemanden zusätzlich anzustellen.»

Sich politisch für die Schweizer Waffenfreunde einzusetzen, wäre vor ein paar Jahren für die junge Kreuzlingerin kaum denkbar gewesen. Nach der Oberstufe absolvierte sie das Lehrerseminar, verfolgte den Beruf aber nicht weiter, weil ihr die pädagogische Arbeit doch zu wenig lag. Ihr nächstes Ziel war Polizistin. Um ihre Chancen darauf zu verbessern, absolvierte sie den Militärdienst als Flugplatzsoldatin und studierte Rechtswissenschaften, um zur Kriminalpolizei zu kommen.

Doch das Studium brach sie abrupt ab: «Ich erkannte, dass mich das Thema Waffen nicht mehr losliess, nachdem ich jeweils in den Ferien im Geschäft meines Vaters im Büro gearbeitet hatte.» Faszinierend an Waffen findet sie deren Geschichte und die Mechanik dahinter. Zwar seien einige ihrer Freunde über ihren Schwenker bei der Berufswahl befremdet gewesen. «Einige fanden: ‹Waffen stehen für Gewalt, was kann man daran finden?›» Auch wenn eine Waffe missbraucht werden könne, sieht sie als Mitglied eines Schützenvereins die Waffe nicht als Tötungs-, sondern als Sportgerät: «Schiessen hat etwas Meditatives, Entspannendes.»

«Wer einen Anschlag plant, kauft keine Waffe bei uns»

Die Diskussion über den von der EU geforderten Bedürfnisnachweis nimmt dann Vater Werner Kessler vorweg. Er erklärt, was für ein «Stuss» dieser Nachweis sei. Der Bedürfnisnachweis sieht vor, dass der Besitzer einer halbautomatischen Waffe nach fünf und zehn Jahren beweisen muss, dass er entweder Mitglied eines Schiessvereins ist oder sonst regelmässig sportlich schiesst.

Auch Tochter Ines hält das für «heikel», denn es sei nicht präzisiert, welche Instanz entscheide, was «regelmässig schiessen» heisse. Auch unklar sei, wer entscheide, ob der Bedürfnisnachweis erbracht sei. «Inwiefern trägt das nun zur Sicherheit gegen Terrorismus bei?», fragt Kessler. Sie ist überzeugt: «Wer einen Anschlag plant, erwirbt eine Waffe ohnehin auf dem Schwarzmarkt.»

Für die Befürworter der Richtlinie sind diese Massnahmen nur pragmatisch. Die SP schreibt etwa: «Halbautomatische Waffen spielten bei mehreren verheerenden Terroranschlägen eine zentrale Rolle und gehören allein in die Hände militärischer und polizeilicher Schutzkräfte sowie – gestützt auf Ausnahmebewilligungen – von Sportschützen.» Auch der Bundesrat hält in seinem Entwurf fest, dass die Eigenheiten des Schweizer Schiesswesens durch einen Kompromiss mit der EU gewahrt bleiben und das Gesetz «dem Kampf gegen den Missbrauch von Waffen dient, deren Verwendung viele Menschenleben fordern kann».

2015 starben in der Schweiz 231 Menschen durch Schusswaffen, davon 211 durch Suizid. Diese Zahlen seien ihr bekannt, sagt Kessler. Die heutigen Prüfungen reichten aber aus. «Es kamen schon Kunden zu mir, denen ich keine Waffe verkauft habe, weil ich ein schlechtes Gefühl hatte», sagt sie. Leider könne man kaum verhindern, dass sich diese Personen die Waffe illegal beschaffen.

Im Zweifelsfall für ein Referendum

Nachdem die Vernehmlassung der EU-Waffenrichtlinie im Januar ausgelaufen ist, arbeitet der Bundesrat nun eine Gesetzesbotschaft aus. Enthält diese weiterhin die strittigen Punkte, bleibt Ines Kessler kämpferisch, wie sie erklärt, während sie ein antikes Gewehr restauriert: «Hier steckt mein Herzblut drin, dafür bin ich auch bereit, für ein Referendum zu sammeln.»

Auch der Vater, der seit 40 Jahren als Büchsenmacher arbeitet, will solange dranbleiben, bis der Bundesrat jegliche Verschärfungen aus dem Gesetz streicht. «Als der Bund vor Jahrzehnten die Büchsenmacher-Lehre abschaffen wollte, haben ich und einige Kollegen das Berufsreglement in Fronarbeit geschrieben – wir sind also bereit, für unseren Beruf zu kämpfen.»

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Willhelm Tell am 28.02.2018 17:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schikane

    Das Gesetz bringt rein gar nichts. Alle bisherigen terroristischen Anschläge in Europa wurden von Typen verübt, die ohnehin nie auf legalem Weg zu einer Waffe gekommen wären. In den meisten Fällen waren es ja vorbestrafte, den Nachrichtendiensten bekannte Täter.... Reine Schikane des Staates. Die Waffen gehören zum Volk und nicht zum Staat, das war eh und je so.

    einklappen einklappen
  • CarpeDiem am 28.02.2018 17:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Finger weg von meinem Recht!

    Wenn es eine schweizer Initiative wäre würde ich sagen lasst halt das Volk wählen. Doch hier geht es um fremde Richter, die uns vorschreiben was wir tun und lassen sollen. Wir Schweizer wissen, wie man mit Waffen umgeht. Da soll mir niemand aus Brüssel erklären, dass es nicht so ist.

    einklappen einklappen
  • Cs am 28.02.2018 17:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Legal oder Illegal mann kriegt sie

    Regeln für nichts! Wenn ich eine Waffe will kriege ich eine ob im Geschäft oder Illegal ist doch Heutzutage kein Problem.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • marko 33 am 28.02.2018 18:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Waffen

    Ich bin gegen Waffengewalt!

    • Aurora Borealis am 28.02.2018 19:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @marko 33

      Das bin ich auch, trotzdem habe ich zwei Waffen zuhause. Das eine schliesst das andere nicht aus! Für mich sind das zwei Sportgeräte, mit denen ich, seit ich 16 bin, gelernt habe umzugehen. Eine Waffe habe ich notabene vom Staat bekommen, mit der Erwartung mit ihr Gewalt auszuüben, wenn es der Staat von mir verlangt. Genau dieser Staat, will mir jetzt aber mein Hobby ständig mehr erschweren. Das alles für eine Sicherheit, die er auch mit diesem Gesetz nicht garantieren kann. LKWs können ja weiterhin erworben werden ;-).

    einklappen einklappen
  • Roman M. am 28.02.2018 18:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Andere Denkweise

    Wenn sie Polizistin geworden wäre würde sie heute anders denken über privaten Waffenbesitz. Habe selbst einen Ex-Polizisten im Freundeskreis, der einmal in die Situation kam wo er und andere Kollegen mit eine Waffe bedroht wurden. Der Täter war Schweizer und die Waffe war eine legal erworbene SIG 550. Keiner seiner Kollegen inkl. er selbst waren Freunde eines liberalen Waffengesetz.

  • Findnicht am 28.02.2018 18:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein EU-Waffenrecht bei uns!

    Mit 16 war ich bei den Jungschützen und erhielt mein erstes Sturmgewehr. Meine gleichaltrigen Kolleginnen und Kollegen lernten schon damals, sorgsam damit umzugehen. Und nun will uns die EU ein neues Gesetz diktieren. Nein danke und wenn unsere Politiker versagen, ergreifen wir das Referendum.

  • Divico am 28.02.2018 18:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wir lassen uns NICHT...

    ...entwaffnen...weder von Bern und schon gar nicht von der EU. Meine Freiheit und Selbstbestimmung, die DIREKTE Demokratie und unsere Neutralität ist mir wichtiger als JEDES EU-Bücklings-Rahmenabkommen. Die EU ist schon lange ein Kommapatient, der nur durch künstliche Beatmung (fortlaufenden Rechtsbruch) am Leben erhalten werden kann.

  • Rico-369 am 28.02.2018 18:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Klare Aussage

    Ich finde Ihre Argumente gut.Ob man jetzt solche Waffen unbedingt braucht, kann ich nicht beurteilen. Ist nicht meine Welt. Mir machen da eher die verlorenen Armeewaffen Sorgen. Sicherlich wäre ein Nachweis wer kauft sinnvoll-aber sicher nicht mit soviel Bürokratie