Vierfachmord von Rupperswil

08. März 2018 05:41; Akt: 08.03.2018 18:30 Print

Entgeht Thomas N. der lebenslangen Verwahrung?

Das Bundesgericht hat sich im Fall Dubois erneut gegen die lebenslange Verwahrung entschieden. Was bedeutet das für den Prozess um den Vierfachmord?

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Er verschaffte sich am 21. Dezember 2015 Zutritt zum Haus der Familie S. und brachte die Mutter, zwei Söhne und die Freundin eines der Söhne um. Mehrfache räuberische Erpressung, mehrfache Geiselnahme, mehrfache sexuelle Handlungen mit einem Kind, mehrfache sexueller Nötigung, Brandstiftung, mehrfache strafbare Vorbereitungshandlungen sowie mehrfacher Mord. Zudem wurde bei ihm umfangreiches kinderpornografisches Material sichergestellt. noch offen. Die Staatsanwaltschaft wird wohl auf lebenslange Verwahrung pochen. Der sadistische Vergewaltiger Mike A. tötete in der Nacht auf den 27. August 2008 in seiner Wohnung in Märstetten TG ein thailändisches Callgirl aus Zürich. Die Leiche packte er in einen Koffer. Dann fuhr er mit dem Töffli in einen Wald und warf den Koffer samt Leiche einen Abhang hinunter. A. erhielt 20 Jahre Haft und als erster Verurteilter die lebenslange Verwahrung. Er hatte seine Berufung gegen das Urteil des Bezirksgerichts Weinfelden in letzter Minute zurückgezogen. Der Schweizer zog am 13. Mai 2013 Marie (19) in Payerne VD in ein Auto und entführte sie. Noch in der Nacht auf den 14. Mai erdrosselte er die junge Frau in einem Wald bei Châtonnaye FR. Dubois hatte bereits 1998 seine Ex-Freundin in einem Chalet in La Lécherette VD vergewaltigt und danach erschossen. Er wurde zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Als er Marie umbrachte, verbüsste er eine Reststrafe in Hausarrest. Dubois wurde zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe und einer lebenslänglichen Verwahrung verurteilt. Er zog das Urteil weiter. Doch die lebenslängliche Verwahrung wurde im November 2017 bestätigt. Im März 2018 hob das Bundesgericht die lebenslängliche Verwahrung auf. Den Weg für die Einführung der Möglichkeit, Straftäter lebenslang zu verwahren, ebnete unter anderem der Fall von Pasquale Brumann (undatierte Aufnahme), einer Pfadfinderin aus Zollikerberg ZH. Er lauerte im Oktober 1993 während eines unbegleiteten Hafturlaubs in Zollikerberg der Pfadiführerin Pasquale Brumann (20) auf. Er zerrte sie in den Wald, missbrauchte und tötete sie. Schon vor dem Mord an Brumann hatte er 1982 und 1983 zwei Frauen missbraucht und umgebracht. Zudem war er für elf Vergewaltigungen verurteilt worden. Er war jahrelang in psychotherapeutischer Behandlung. : Hauert wurde 1996 zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt und auf unbestimmte Zeit verwahrt. Das Zürcher Obergericht überprüfte die Verwahrung 2010. Es kam zum Schluss, dass Hauert noch immer stark rückfallgefährdet ist und deshalb verwahrt bleibt. Er war bereits zuvor wegen zweier Vergewaltigungen in den Jahren 2009 und 2011 zu insgesamt 20 Jahren Haft verurteilt worden. Einen Teil davon sass er in Frankreich ab. Später wurde er in die Schweiz überführt, wo er später in das inzwischen geschlossene Resozialisierungszentrum La Pâquerette eingewiesen wurde. Während eines begleiteten Freigangs am 12. September 2013 entführte Anthamatten seine Sozialtherapeutin Adeline M. Er fesselte sie an einen Baum, nötigte sie, ihn zu küssen, und schnitt ihr die Kehle durch. Fabrice A. erhielt eine lebenslängliche Freiheitsstrafe sowie eine ordentliche Verwahrung. Er hat die Verwahrung noch nicht angetreten, da diese erst nach der lebenslänglichen Freiheitsstrafe vollzogen wird. Osterwalder ging als Baby-Quäler in die Schweizer Kriminalgeschichte ein. 1991 und 1992 hatte er ein Baby und ein Kleinkind, die ihm von Bekannten zum Hüten anvertraut worden waren, aufs Schwerste sexuell missbraucht und die Taten gefilmt. Weiter beging er 1992 sexuelle Handlungen an einem zwölfjährigen Buben. Osterwalder ist 1998 wegen mehrfachen versuchten Mordes, der mehrfachen schweren Körperverletzung, der mehrfachen sexuellen Handlung mit Kindern und der mehrfachen Schändung zu 17 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Das Zürcher Geschworenengericht schob die Strafe jedoch auf und ordnete stattdessen die Verwahrung an. Ende Dezember 2017 lehnte das Bundesgericht ein Entlassungsgesuch von Osterwalder ab. Meier ist bekennender Pädophiler. Er hat seine beiden Stiefsöhne (damals 7 und 13 Jahre alt) sexuell ausgebeutet. Auf Auslandreisen hat er zudem mehrere Buben missbraucht. Meier wird seit 1993 verwahrt. Dagegen erhob er Beschwerde. In seinem Revisionsgesuch machte er geltend, dass der Analverkehr mit seinem Stiefsohn zwingend zu Verletzungen hätte führen müssen. Dies sei damals so nicht festgestellt worden. Das Bundesgericht bestätigt das Urteil des Zürcher Obergerichts, das eine Revision ablehnte. Wie die Vorinstanz kommt das Bundesgericht im März 2018 zum Schluss, dass keine neuen Tatsachen vorliegen würden, die nicht bereits zur Zeit des Strafverfahrens bekannt gewesen seien. (Text z.T. übernommen von SDA) Caroline H. ist als Parkhaus-Mörderin bekannt. Im Sommer 1991 fiel die damals 18-Jährige im Parkhaus Urania in Zürich über eine 29-jährige Frau her und schlachtete diese ab. Rund sechs Jahre später schlug die Parkhaus-Mörderin erneut zu. Im Chinagarten tötete sie eine Passantin (61) mit Messerstichen. Rund ein Jahr später griff sie wieder mit einem Messer eine 75-jährige Buchhändlerin an. Diesmal überlebte das Opfer. Hinzu kamen 50 Brandstiftungen. Das Zürcher Obergericht verurteilte H. Ende 2001 wegen mehrfachen Mordes und weiterer Delikte zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe. Sie sprach aber auch eine Verwahrung aus, die seit Jahren von Gerichten geprüft wird. H. pocht auf eine stationäre Massnahme. 2017 wurde die Verwahrung erneut bestätigt. Der mehrmals rückfällige Sexualstraftäter Markus Wenger hat im Oktober 2011 und im Februar 2012 in seiner Wohnung in Basel zwei Frauen mit chemischen Substanzen sediert und sie in ihrem widerstandsunfähigen Zustand sexuell genötigt. Wenger gilt als einer der gefährlichsten Triebtäter der Schweiz: Allein zwischen 1983 und 1990 hat er insgesamt 21 Frauen vergewaltigt. : Eigentlich sollte er lebenslänglich verwahrt werden. Doch Wenger legte Beschwerde ein, da nicht alle gesetzlichen Voraussetzungen dafür erfüllt seien. Das Bundesgericht hob die lebenslängliche Verwahrung 2017 auf. Er sitzt nun eine ordentliche Verwahrung ab. Der arbeitslose Koch Daniel H. ermordete am 4. März 2009 das Au-pair-Mädchen Lucie Trezzini (16) in seiner Wohnung in Rieden bei Baden AG. Er schlug sie mehrmals mit einer Hantelstange, zertrümmerte ihren Kopf und schnitt ihr die Kehle durch. Fünf Tage nach der Tat stellte er sich der Polizei. Während des Prozesses gab er an, Lucie getötet zu haben, um wieder ins Gefängnis zu kommen. Neben einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe erhielt Daniel H. eine ordentliche Verwahrung. Das Bundesgericht kippte den Entscheid des Aargauer Obergerichts, das 2012 eine lebenslange Verwahrung ausgesprochen hatte. Im Oktober 2010 griff der damals 32-jährige Ivorer S. eine brasilianische Prostituierte in Biel an. Er würgte sie und schnitt ihr dann die Kehle durch. 2012 verurteilte ihn ein Berner Regionalgericht zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe mit lebenslänglicher Verwahrung. Das Bundesgericht hob die Verwahrung auf und wies den Fall zurück. Das Berner Obergericht entschied, S. ordentlich zu verwahren. Kübler erschlug 1982 Stephan B. (14). 1993 - elf Jahre später - ertränkte er den 13-jährigen Dario C. Er verging sich an beiden Leichen und verstümmelte die Kinder. Doch man kam Kübler nicht auf die Schliche. Erst als er sich noch im selben Jahr an zwei Autostöpplern vergreifen wollte und einen jungen Mann (21) mit einer Aale verletzte, konnte er verhaftet werden. Zudem wurde er als der Mörder der beiden Kinder überführt. Im Gefängnis wurde Kübler wieder rückfällig: Er vergewaltigte laut dem «Blick» seinen Mithäftling Simon (25) mit einem Deo und tötete ihn. Lebenslange Freiheitsstrafe und Verwahrung.

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Das Bundesgericht hat gestern die lebenslängliche Verwahrung des mehrfachen Mörders Claude Dubois widerrufen. Es hat sich bisher in allen Fällen, die es zu beurteilen hatte, gegen die lebenslange Verwahrung ausgesprochen. Dubois könnte jetzt ordentlich verwahrt werden. Dabei wird im Unterschied zur lebenslänglichen Verwahrung regelmässig eine Entlassung geprüft.

Das Urteil erhält besondere Brisanz, weil sich ab dem kommenden Dienstag Thomas N. vor dem Bezirksgericht Lenzburg wegen des Vierfachmords in Rupperswil verantworten muss. Der heute 34-Jährige soll am 21. Dezember 2015 Carla S. (48), ihre Söhne Davin (13) und Dion (19) sowie dessen Freundin Simona F. (21) getötet und sich am jüngsten Sohn vergangen haben (den 20-Minuten-Dokfilm zum Fall sehen Sie hier).

«Keine Vergleichsmöglichkeit»

«Das ist ein aussergewöhnlich schweres Verbrechen. Ich bin seit bald 34 Jahren im Amt, und mir hat eine direkte Vergleichsmöglichkeit gefehlt. Das hat bisher alles übertroffen, was mir in dieser Zeit bekannt geworden ist», sagt der forensische Psychiater Thomas Knecht zum Fall. Im Dorf wünschen sich viele, dass N. garantiert nie mehr freikommt: «Als Bürger dieses Landes wünsche ich mir nichts anderes als eine lebenslange Verwahrung», sagt etwa der Sprecher der Fussballclubs, bei denen Thomas N. tätig war.

Psychiater Knecht bezweifelt dies trotz der Schwere der Tat: «Ich denke nicht, dass eine lebenslange Verwahrung ausgesprochen wird. Wenn ich die Praxis des Bundesgerichts anschaue, muss man Zweifel haben, ob diese überhaupt ausgesprochen werden kann.» So braucht es unter anderem zwei Gutachten, die zum Schluss kommen, dass der Beschuldigte dauerhaft untherapierbar ist. Laut Knecht halten Prognosen bis zum Tod wissenschaftlichen Kriterien zurzeit aber noch nicht stand. Es gebe jedoch immer noch die ordentliche Verwahrung, bei der jedes Jahr die Fortschritte überprüft würden.

Was nützt die Verwahrungsinitiative?

Auch der ehemalige Bundesrichter Martin Schubarth sagt, dass noch keine Mittel bestünden, um die Untherapierbarkeit eines Straftäters und seine Persönlichkeitsentwicklung bis ans Lebensende festzustellen. «Das ist auch das Problem bei der Umsetzung der Verwahrungsinitiative.» In 20 Jahren könne die Situation womöglich anders aussehen, aber heute seien wir noch nicht so weit.

«Die Verwahrungsinitiative muss aber durchaus ernst genommen werden, weil sie eine Problematik anspricht, die durchaus bestanden hat – früher gab es Fälle, in denen Straftäter nach der Freilassung rückfällig wurden und wieder schwere Straftaten begingen», sagt Schubarth. Man sei bei der Entlassungsprüfung über lange Zeit zu optimistisch gewesen. Heute sei diese aber viel strenger.

Der Aargauer BDP-Nationalrat Bernhard Guhl hofft, dass die Staatsanwaltschaft eine lebenslange Verwahrung fordert: «Sonst bleibt ein Restrisiko.» Letztlich müsse es aber das Ziel sein, die Bevölkerung zu schützen. Dieser Schutz könne auch die ordentliche Verwahrung bieten. «Thomas N. dürfte meiner Meinung nach nicht wieder freikommen.»

(jen/daw/ehs)