Kanton zieht Schwanz ein

25. Juli 2012 07:59; Akt: 25.07.2012 12:03 Print

Feministinnen stürzen Männer-Lobbyisten

von Lukas Mäder - Nach der ersten kleinen Kritik muss der Zürcher Männerbeauftragte gehen. Das dürfte manche Gleichstellungsbeauftragte freuen. Aus diesen Kreisen kam Widerstand.

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Stolperte über eine acht Monate alte Stellungnahme von Männer.ch: Der Zürcher Männerbeauftragte Markus Theunert hat am Dienstag seine Kündung bekannt gegeben. (Bild: Keystone)

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Er war der erste Mann in der weiblich dominierten Gesellschaft der Gleichstellungbeauftragen - und ist nach drei Wochen bereits wieder weg. Der Zürcher Männerbeauftragte Markus Theunert hat am Montag seine Stelle gekündigt, die er erst Anfang Juli angetreten hatte. Damit nimmt das fortschrittliche Projekt des Kantons Zürich ein jähes Ende. Vermutlich zur Freude einiger Personen aus dem Bereich Gleichstellung.

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Alte Stellungnahme ausgegraben

Vordergründiger Auslöser ist Theunerts Nebenbeschäftigung als Präsident des Vereins Männer.ch. Dieser hatte im Oktober 2011 zuhanden des Bundesrats angeregt, dass Eltern und geschulte Fachpersonen Jugendlichen unter 16 Jahren in begleiteter Umgebung pornografische Darstellungen zugänglich machen dürfen. Zwei Wochen nach dem Amtsantritt Theunerts als Männerbeauftragter leitete die «NZZ am Sonntag» aus dem acht Monate alten Papier die Forderung ab, dass an Schulen Pornos gezeigt werden sollten. Ein Zürcher SVP-Kantonsrat forderte in «20 Minuten», das diese Darstellung übernahm, im Wiederholungsfall Theunerts Rücktritt. Ansonsten blieb eine öffentliche Empörung aus.

Doch für den Kanton Zürich wurde die Angelegenheit bereits zu heikel. Er stellte Theunert ultimativ die Forderung, seine ehrenamtliche Tätigkeit als Männer.ch-Präsident niederzulegen. Sich als öffentliches Aushängeschild des Vereins zurückzuziehen und einfaches Vorstandsmitglied zu werden, reichte dem Kanton nicht. Theunert zog die Konsequenzen und kündigte am Montag seine Stelle auf Ende Juli. «Als Präsident von Männer.ch erziele ich die grössere Wirkung», begründet er seinen Entscheid.

Doppelrolle war bekannt

Für den Kanton sei Theunerts Doppelrolle problematisch gewesen, sagt Christian Zünd, Generalsekretär der zuständigen Direktion der Justiz und des Innern, vor den Medien - obwohl dieses Thema bereits bei der Anstellung diskutiert wurde. Dass nun der Kanton Theunert so rasch fallen lässt, enttäuscht Ivo Knill von Männer.ch: «Wir hätten uns gewünscht, dass sich der Kanton entschiedener hinter seinen Männerbeauftragten stellt.»

Grund für die harte Haltung der Justizdirektion ist offenbar Kritik aus gleichstellungspolitischen Kreisen. Bei einigen Personen stiess das Amt eines Männerbeauftragten von Anfang an auf Kritik. Das bestätigt auch Helena Trachsel, Leiterin der Zürcher Fachstelle für Gleichstellung. Bereits im Dezember äusserte beispielsweise Sylvie Durrer, Direktorin des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung, im «Beobachter» Zweifel an der Notwendigkeit eines Männerbeauftragten. Zum Ultimatum an Theunert und dessen Kündigung will sie auf Anfrage nun nichts sagen.

Die Berufung Theunerts stiess auf zusätzlichen Widerstand, war dieser doch bereits früher mit provokanten Thesen und angriffigen Äusserungen aufgefallen. Bereits vor dem Artikel in der «NZZ am Sonntag» habe es Interventionen gegeben, sagt auch ein Insider. «Es gibt Kreise, die Gleichstellung als Frauenförderung verstehen», sagt er. Möglicherweise handle es sich um Vertreterinnen der Generation, die noch um das Frauenstimmrecht kämpfen musste. Als Beispiel für die ablehnende Haltung gegenüber dem Amt und insbesondere Theunert selbst dient die Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten, die im September in Neuenburg stattfindet. Theunert erhielt dafür keine Einladung - laut Trachsel, weil nur die Fachstellenleiter eingeladen seien. Die entsprechende E-Mail ging jedoch an mehrere Dutzend Empfänger, unter denen auch einfache Mitarbeiter sind.

Heftige Interventionen beim Kanton

Vor diesem Hintergrund bot die Publikation der acht Monate alten Stellungnahme von Männer.ch Mitte Juli offenbar mehreren Kämpferinnen für Gleichstellung eine willkommene Gelegenheit, in Zürich zu intervenieren. Die Medienberichte hätten starke interne und externe Reaktionen ausgelöst, sagte Zünd. Bei Partnerorganisationen sei es zu Irritationen gekommen. Wer sich konkret beklagt hat, will die Fachstellenleiterin Trachsel nicht ausführen. Einzig eine offizielle Kontaktaufnahme der Neuenburger Gleichstellungsbeauftragten, welche derzeit das Präsidium der Schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten innehat, bestätigt sie.

Dass der Kanton Theunert Bedingungen gestellt hat, findet Etiennette J. Verrey nur konsequent. Die Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen, der auch Theunert angehört, bezeichnet die Forderung von Männer.ch als unreflektiert und unsensibel. «Es entsteht der Eindruck, dass für den Verein die Medienwirksamkeit im Vordergrund stand.» Bei einer Neubesetzung der Stelle müssten die Bewerber sehr genau geprüft werden.

Die kritische Bemerkung Verreys hat eine Vorgeschichte: Ende 2009 beantragte Theunert die Umbennenung in «Kommission für Gleichstellungsfragen». Das Gremium mit einem lächerlich tiefen Männeranteil lehnte einstimmig ab. Eine Quelle bezeichnet die Berufung Theunerts in die Kommission als Betriebsunfall.

Stelle soll neu besetzt werden

Mit den Angriffen auf den streitbaren Theunert und seinem Rücktritt hat das Projekt des Zürcher Männerbeauftragten einen herben Dämpfer erlitten. Zünd von der Justizdirektion gibt sich zuversichtlich, dass die Stelle wieder besetzt werde. Zuerst müsse die Angelegenheit jedoch mit Regierungsrat Martin Graf besprochen werden, der in den Ferien weilt. Theunerts Nachfolger dürfte es nicht leicht haben im Becken der weiblichen Gleichstellungs-Haifische.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Es wird nicht immer so sein. Wie in den vergangenen Jahrhunderten wird sich die Gesellschaft vorwärts oder rückwärts entwickeln, je nachdem was in der Welt geschieht. Seht euch nur an was vor 100 Jahren war... wer hätte gedacht das es heute so ist? Ich denke die Geschlechterrollen sind nur ein Übergangsproblem zu neuen Gesellschaftsformen die nicht mehr so stark kapitalistisch verankert sein werden. Vielleicht werden erst spätere Generationen eine korrekte Gleichbehandlung erleben. Wäre jedenfalls wünschenswert. – Carlos

Dass eine solche Doppelrolle mit einem öffentlichen Amt und einer Lobbyorganisation auch problematisch sein kann, ist klar. Aber das wusste man ja, als man Theunert anstellte, und ich fand es mutig, dass man neben den Frauen, die schon dort sind, nicht einen farblosen Mann, sondern Theunert als Gleichstellungsbeauftragten anstellte. Dass man ihn wegen einer alten Stellungnahme von männer.ch zum Problem Pornographie, zu der man sicher unterschiedliche Meinungen haben kann, die aber dem entspricht, was auch viele Experten in dem Gebiet sagen, zum Rücktritt zwang, finde ich schade und skandalös. – Adrian E.

Klar gibt es noch viel Bereiche, wo die Gleichstellung Frau/Mann noch zu wünschen übrig lässt. Gleichzeitig gibt es aber auch Bereiche, in denen die Gleichstellung über das Ziel hinaus geschossen ist und wir nun den umgekehrten Fall haben. Darum braucht es eben diese Rolle hier. – Hanni

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Roscoe am 25.07.2012 18:20 Report Diesen Beitrag melden

    Danke.

    An dieser Stelle ein grosses Dankeschön an den Autor Lukas Mäder, der die Serie von gefühlten 7812649 profeministischen und frauenlobenden Artikeln in Folge unterbrochen hat und endlich auch auf Missstände in der Männerwelt hinweist, und dies gar auf einem Mainstream-Medium wie 20min, und wo Feminismus heutzutage doch zum politischen Chic gehört. Das Umfrageergebnis zeigt es indirekt: Solch ein - gewissermassen erleichternder und befreiender - Artikel wurde von vielen sehnlichst erwartet.

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  • Winnie am 25.07.2012 09:01 Report Diesen Beitrag melden

    allein, dass die Gleichstellungs-

    beauftragten immer Frauen sind macht die Sache lächerlich.

  • Enrico am 25.07.2012 09:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lieber aktiv "bewusst" als passiv gleichgestellt

    Die Frage ist doch, wie bewusst nimmt jeder einzelne seine Rolle wahr. Und da muss ich als Mann zugeben, dass ich mir lange keine Fragen zum Mannsein gestellt habe. Dieses Bewusstsein musste ich zunächst für mich erarbeiten. Dann sichtbar für meine Partnerin machen und jetzt nach aussen tragen. Sorry Männer, aber die meisten von uns sind da noch auf Feld eins oder noch gar nicht im Spiel angekommen. Daher mein Aufruf: Heute mal über unsere Rolle nachdenken.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mona Lisa am 27.07.2012 11:46 Report Diesen Beitrag melden

    Unsere Generation

    Irgendwie scheint es mir, als ob die Generation "50 Jährig" verlernt hat miteinander umzugehen. Mann UND Frau wohlbemerkt. Ich bin 30 und in meinem Alter ist dies überhaupt kein Thema. Wir haben komischerweise von EUCH gelernt, wie man zusammen lebt, ohne dieses missgünstige, verbitterte Verhalten dem anderen Geschlecht gegenüber.

    • Grinsemax am 28.07.2012 13:34 Report Diesen Beitrag melden

      Sie haben eine Ahnung!

      "In meinem Alter ist dies überhaupt kein Thema"... Danke für diesen Lacher! Auf welchem Planeten leben Sie?

    • Maarianne am 28.07.2012 22:37 Report Diesen Beitrag melden

      Ja wirklich,

      in welcher Branche arbeitest du?

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  • Tino Libers am 25.07.2012 22:22 Report Diesen Beitrag melden

    Realität

    An der hiesigen Oberstufenschule gelten Mädchengoals im Schülerfussball immer doppelt. Was die Jungs berechtigterweise als unfair empfinden. Speziell dort. wo die Mädels auch noch zahlenmässig überlegen sind. So beginnt "positive" Diskriminierung.

    • momus am 26.07.2012 14:17 Report Diesen Beitrag melden

      Wieso denn?

      Ab Oberstufe waren bei uns der Turnunterricht getrennt.... wieso ist das heute nicht mehr so? Lehrermangel?

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  • Didier am 25.07.2012 19:58 Report Diesen Beitrag melden

    Traurige Mannen

    Finde es armseelig, dass jedes Mal wenn es um dieses Thema geht hunderte beleidigte Männer irgendwelche sinnfreien antifeministische Tiraden loslassen müssen. Da ists mir teilweise echt peinlich geschlechtlich zu dieser Gruppe zu gehören. Feminismus ist wichtig und super. Wenn ihr täubelis euch benachteilit fühlt, dann schliesst euch der Männerbewegung an (welche ich ebenfalls super finde). Ich werde wohl nie verstehen, wieso für viele ein Engagement für seine Interessensgruppe immer einher gehen muss mit einem Bashing der anderen Gruppe.

    • Ueli am 25.07.2012 21:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Pantoffel Held

      Hast sicher eine strenge Frau Zuhause die sagt und folgst mehr hab ich nicht zu sagen

    • Marco am 26.07.2012 14:26 Report Diesen Beitrag melden

      @Ueli

      Oder gar keine... ;-) Der hat eher eine strenge Mutti.

    • Martin am 26.07.2012 16:33 Report Diesen Beitrag melden

      Der Feminismus ist heute

      absolut überholt und völlig unnötig. Wo sind die Frauen denn noch benachteiligt? Und komm jetzt nicht mit dem Lohnblödsinn ohne verlässliche belegbare Zahlen. Denn schlicht und ergreifend ist da erwiesenermasen nicht viel dran.

    • Hans Mayer am 28.07.2012 16:06 Report Diesen Beitrag melden

      @Didier

      Lohnmässig kann man sich streiten, aber Fakt ist, dass der Feminismus heutzutage nicht mehr nötig ist. Ganz im Gegenteil: Gerade im Bereich von Familie und Kindeserziehung werden Frauen rechtlich massiv bevorteilt. Man sehe sich nur einmal die Statistik bezüglich Scheidungen und Kindesrecht an.

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  • G. Schmid am 25.07.2012 19:44 Report Diesen Beitrag melden

    Männerpartei eher Anti-Männerpartei

    Die machen das doch noch extra. Diese angebliche Männerpartei soll wahrscheinlich genau das Gegenteil bewirken. Nämlich sich so lächerlich und unbeliebt machen, dass danach nie mehr ein Mann dieses Thema anzuschneiden wagt. Anders kann ich mir einen Start mit solch einem schwachen Inhalt nicht erklären, wo es doch wesentlich wichtigeres gäbe. Ist sowieso lächerlich dieser künstlich erzeugte Konflikt zwischen Frauen und Männern. Wie tief ist die Menschheit eigentlich schon gesunken?

    • Fanny am 26.07.2012 03:49 Report Diesen Beitrag melden

      Gute Frage.

      Ich verstehe das Theater nicht. Es wird Zeit, dass sich eine neue Generation des Themas annimmt - Männer und Frauen gemeinsam. Gleichstellung bedeutet, dass jeder und jede frei von Vorurteilen über das eigene Leben entscheiden kann. Das ist auf beiden Seiten nicht gegeben (siehe Lohnfrage oder Teilzeitarbeit).

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  • Carlos am 25.07.2012 19:41 Report Diesen Beitrag melden

    Anderes Zeitalter

    Es wird nicht immer so sein. Wie in den vergangenen Jahrhunderten wird sich die Gesellschaft vorwärts oder rückwärts entwickeln, je nachdem was in der Welt geschieht. Seht euch nur an was vor 100 Jahren war... wer hätte gedacht das es heute so ist? Ich denke die Geschlechterrollen sind nur ein Übergangsproblem zu neuen Gesellschaftsformen die nicht mehr so stark kapitalistisch verankert sein werden. Vielleicht werden erst spätere Generationen eine korrekte Gleichbehandlung erleben. Wäre jedenfalls wünschenswert.