Initiativen für saubere Landwirtschaft

19. Juni 2017 06:28; Akt: 19.06.2017 12:04 Print

Gift-Bauern sollen ihre Subventionen verlieren

von Nikolai Thelitz - Pestizide aus der Landwirtschaft bedrohen das Schweizer Trinkwasser und die Artenvielfalt. Zwei Initiativen wollen nun gegen die Giftstoffe vorgehen.

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An jeder fünften Trinkwasser-Messstelle hat der Bund im Rahmen der nationalen Grundwasserbeobachtung Naqua eine Pestizid-Konzentration über dem Toleranzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter gemessen. «Diese Resultate überraschen mich gar nicht, das Schweizer Trinkwasser ist alles andere als ausgezeichnet. Immer wieder werden die Toleranzwerte für Giftstoffe überschritten», sagt Franziska Herren, Kopf der Ende März lancierten «Initiative für sauberes Trinkwasser». (Im Bild ein Helikopter der Air Glaciers, der einen Weinberg oberhalb von Siders VS gegen Ungeziefer und Pilzbefall besprüht.) Dass es auch ohne Pestizide geht, beweisen laut Initianten Bauernhöfe, die nach den Demeter-Richtlinien produzieren, die noch strenger als Bio-Vorgaben sind. «Es werden nur nicht-toxische Pflanzenschutzmittel eingesetzt, und die Tiere bekommen nur im Krankheitsfall Antibiotika», sagt Herren. Eine weitere Forderung der Initianten: Ein Bauernhof soll nur noch so viele Tiere halten dürfen wie er durch die eigene Nahrungsmittelproduktion ernähren kann. Ein ähnliches Anliegen vertritt auch die Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» der Westschweizer Gruppe Future 3.0 – sie wollen synthetische Pflanzenschutzmittel in der Schweiz verbieten. Doch steht es wirklich so schlimm um das Schweizer Trinkwasser? Der Wasserverband gibt Entwarnung. «Wir haben nach wie vor sensationelles Trinkwasser, das man absolut gefahrlos trinken kann», sagt Sprecher Paul Sicher. Damit dies so bleibe, brauche es griffige Massnahmen. «Unsere Trinkwasserressourcen müssen besser geschützt werden, es braucht ein weitläufigeres Verbot von Pestiziden im Einflussbereich um die Wassergewinnungsstellen.»

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Sie heissen «Desphenyl-Chloridazon» oder «Metolachlor» und sind in unserem Trinkwasser anzutreffen – in viel zu hoher Konzentration. An jeder fünften Trinkwasser-Messstelle hat der Bund im Rahmen der nationalen Grundwasserbeobachtung Naqua eine Pestizid-Konzentration über dem Toleranzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter gemessen. In Gebieten mit intensiver Landwirtschaft waren es bis zu 70 Prozent der Messstellen, wie die «NZZ am Sonntag» berichtet. Auch der «Kassensturz» berichtete letzte Woche von Winzern, die zu viel Pestizid einsetzen.

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Zwei Initiativen wollen den Bauern nun Grenzen setzen. «Diese Resultate überraschen mich gar nicht, das Schweizer Trinkwasser ist alles andere als ausgezeichnet. Immer wieder werden die Toleranzwerte für Giftstoffe überschritten», sagt Franziska Herren, Kopf der Ende März lancierten «Initiative für sauberes Trinkwasser». Die Forderung der Initianten ist einfach: Wer auf seinem Bauernhof Pestizide einsetzt oder den Tieren präventiv Antibiotika verabreicht, dem sollen die Direktzahlungen gestrichen werden.

«Der Bund macht nicht vorwärts»

«Wir subventionieren zurzeit unsere eigene Vergiftung mit Steuergeldern. Das muss ein Ende haben», fordert Herren. In der Schuld sieht die Initiantin nicht die Bauern – diese würden auf Pestizid-Einsatz geschult und wüssten es meist gar nicht besser. «Die Initiative ist nötig, weil der Bund nicht vorwärtsmacht.» Zwar habe er ein Reduktionsziel für Pestizide vorgeschlagen, dieses sei jedoch viel zu niedrig. «Die Massnahmen reichen bei weitem nicht aus, die Pestizide schaden weiterhin Mensch und Natur.»

Dass es auch ohne Pestizide geht, beweisen laut Initianten Bauernhöfe, die nach den Demeter-Richtlinen produzieren, die noch strenger als Bio-Vorgaben sind. «Es werden nur nicht-toxische Pflanzenschutzmittel eingesetzt und die Tiere bekommen nur im Krankheitsfall Antibiotika», sagt Herren. Dies führe zu einer grösseren Artenvielfalt und sauberem Wasser. Die Bio-Richtlinien hingegen seien zu wenig rigoros, da auch dort hochtoxische Pestizide erlaubt seien.

«Wir wollen einen Paradigmenwechsel»

Eine weitere Forderung der Initianten: Ein Bauernhof soll nur noch so viele Tiere halten dürfen, wie er durch die eigene Nahrungsmittelproduktion ernähren kann. Dies, um die Menge der Gülle und Mist zu beschränken, die ebenfalls die Umwelt belasten. Seit Ende März haben die Initianten bereits 22'000 Unterschriften gesammelt – ohne Unterstützung von Parteien oder namhaften Verbänden.

Ein ähnliches Anliegen vertritt auch die Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» der Westschweizer Gruppe Future 3.0 – sie wollen synthetische Pflanzenschutzmittel in der Schweiz verbieten. Auch der Import von Lebensmitteln, die mit Pestiziden behandelt wurden, sollen verboten werden. «Wir wollen einen Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft. Es ist ein absurder Prozess, wenn für unsere Ernährung die Ökovielfalt zerstört und unsere Gesundheit gefährdet wird», sagt Initiant Laurent Berset. So seien etwa seit dem Fall der Berliner Mauer 80 Prozent der Insektenpopulationen vernichtet worden.

Trinkwasser «mittel- bis langfristig bedroht»

Doch steht es wirklich so schlimm um das Schweizer Trinkwasser? Der Wasserverband gibt Entwarnung. «Wir haben nach wie wie sensationelles Trinkwasser, das man absolut bedenkenlos trinken kann», sagt Sprecher Paul Sicher. Die rund 800 Wasserversorger würden ihre Qualitätsdaten offenlegen; wären Grenzwerte von Pestizidbelastungen im verteilten Trinkwasser überschritten, müsste dies angegeben werden.

«Heute kann 70 Prozent des Trinkwassers natürlich und ohne komplizierte Reinigung oder Aufbereitung verteilt werden.» Dies sei ein Glücksfall in der Schweiz, für den es sich zu kämpfen lohne, den man aber ohne wirksame Massnahmen mittel- und langfristig bedroht sehe.

«Erst mal trifft es die Lebewesen im Wasser»

Es seien immer mehr Stoffe im Grundwasser nachweisbar – und dies in steigenden Konzentrationen, und es komme vermehrt auch zu Überschreitung des Anforderungswerte. «Diese sind wie ein Alarmzeichen zu verstehen: Wird dieser Wert überschritten, ist es höchste Zeit, etwas zu tun, noch haben wir Zeit hierfür.» Gesundheitliche Auswirkungen für den Menschen hätten die Überschreitungen nicht. «Erst mal trifft es die Lebewesen im und ums Wasser, die den Schadstoffen permanent ausgesetzt sind.»

Damit dies so bleibe, brauche es griffige Massnahmen. «Unsere Trinkwasserressourcen müssen besser geschützt werden, es braucht ein weitläufigeres Verbot von Pestiziden im Einflussbereich um die Wassergewinnungsstellen.» Eine flächendeckendes Verbot sei aus Sicht der Trinkwassersicherheit jedoch nicht notwendig, zudem seien die Initiativen wohl kaum mehrheitsfähig.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ben am 19.06.2017 06:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tolle Idee

    Ein Pestizidverbot unterstütze ich zu 100%.

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  • Drossula am 19.06.2017 07:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Cocktail

    Auch wenn die einzelnen Grenzwerte nicht überschritten werden, ergibt die Summe einen Cocktail, dessen Auswirkungen auf uns nicht bekannt ist.

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  • Häexli am 19.06.2017 07:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meine Unterschrift habt Ihr

    Dies wäre mal ein Sinnvolles Verbot. Aber der Bund braucht mal wieder länger bis die Herren und Damen darüber lamentiert haben wird dies wohl für die Umwelt zu spät sein. Bitte legt doch bitte in jeder Gemeinde so eine Initiative zum Unterschreiben vor.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • TG am 24.06.2017 23:03 Report Diesen Beitrag melden

    Bio Schweiz

    Eine guete Idee, eine ganzheitlich Biologische Landwirtschaft in der Schweiz. Ein Ziel welches es anzustreben gilt! Was wir dann aber auch tun müssen: - Preise der nicht Bio Produkte anheben Schliesslich sollen dann wir Schweizer auch unsere Bio Produkte konsumieren. Es kann ja nicht sein dass dann günstige Lebensmittel aus dem Ausland konsumiert werden. Deshalb würde ich enorm hohe Zölle auf alle Import Lebensmittel verlangen. Nicht das ausländische Produkte dann günstiger sind als Schweizer.... Auch Shopingtouristen sollen alle Einkäufe teuer verzollen lassen. Wieviel sagen immernoch ja?

  • Timi am 21.06.2017 09:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gefägnis, Pfändung

    Was würde passieren, wenn ich eine Säurebatterie vorsätzlich ins das Trinkwasser schütte? Nebenan steht vielleicht noch ein Kindergarten, in dem die Kinder genüsslich verpesstetes Wasser trinken? Unglaublich, dass darüber diskutiert werden muss, in einem Land, dass von Verbote nur so strotzt! (Im Wald die Waldwege nicht verlassen, etc....)

  • Bienebe am 20.06.2017 22:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    tztz

    na ja das ist wieder mal typisch schweizerisch!!! man will alles ohne Rost flecken die Kartoffeln sollen eine gewisse grösse haben die karotten wenn möglich alle gleich gross usw. an liebsten wollen die im Februar Erdbeeren, die Kirschen sollten auch schon da sein...und das alles ohne chemie!!!! lernt wieder mal essen was zu den vier jahreszeiten passt,und auch da bei uns wächst,so wäre es sicher auch anders möglich.die Bauern sind unsere grundernährer.man sollte die unterstützen und nicht immer ein mega hickhack mache

    • Timi am 21.06.2017 09:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Bienebe

      Sie dürfen für sich selber reden, wenn Sie so einkaufen.

    • Martin am 21.06.2017 11:47 Report Diesen Beitrag melden

      Gurkenkrümmungsgrad

      @Bienebe: Schon mal gesehen was alles weggeworfen werden muss, weil es nicht irgendeiner EU Norm entspricht ? Bergeweise !!!

    • Bienebe am 21.06.2017 12:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Timi

      lies mein Bericht nochmal...dann merkst du ev was ich und wie ich einkaufe

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  • Däni am 20.06.2017 22:08 Report Diesen Beitrag melden

    Alles ganz einfach

    Eigentlich sollte es ganz normal sein, dass wir sauberes Wasser haben und gesunde Lebensmittel. Kennzeichnen sollten wir das, was vergiftet ist und bezahlen müssen die, die es kaputt gemacht haben.

    • Mrsmarple am 21.06.2017 22:30 Report Diesen Beitrag melden

      @däni

      Ja das finde ich auch, Kennzeichnung von belasteten Lebensmitteln und was durch bewusstes Verhalten verunreinigt wurde wieder auf Kosten der Verunreiniger herstellen, insofern es noch möglich ist.

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  • Marcel Ho. am 20.06.2017 21:57 Report Diesen Beitrag melden

    Hetze

    Jaja, immer auf den Bauern rumhacken... Wer hats entwickelt, zugelassen? Wohl kaum ein Bauer... Er setzt es auf Empfehlung studierter ein... Was ist den mit Hormonen der Antibabypille, Nanopartikeln, Abgasen der Flieger, und vielem mehr, auf das Otto Normalverbraucher nicht verzichten will? Das stört niemanden... Hört auf mit der Hetze gegen die Bauern, denn sie versuchen uns alle zu ernähren... Auch wenn der Bund mit den DZ den Bauern von der Produktion wegbringen will, damit der Weg für Importe der Grossverteiler freiwerden. DENKT DARÜBER NACH