Bericht des Bundesrats

11. Mai 2018 13:51; Akt: 11.05.2018 13:51 Print

Wie harmlos ist Glyphosat tatsächlich?

Laut einer Studie steckt Glyphosat in 4 von 10 Lebensmitteln. Die Konzentrationen seien jedoch harmlos. Für Umweltschützer ist das nur die halbe Wahrheit.

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Ein Bauer in den USA versprüht den Unkrautvernichter Glyphosat auf seinem Maisfeld. Das Mittel ist höchst umstritten. Unter anderem steht die Frage im Raum, ob es krebserregend ist oder nicht. Immer wieder kommt es wegen Glyphosat zu Protesten gegen die Hersteller, wie am 21. Mai 2016 in Basel. Trotz der offenen Fragen wurde die EU-Zulassung des Unkrautvernichters im Jahr 2017 verlängert. Ungeachtet dessen wird nach Alternativen gesucht: Als heisser Kandidat wird derzeit ein Bio-Herbizid gehandelt, das von Forschern aus wilden Disteln gewonnen wird. Konkret wird das Herbizid aus einem Nebenprodukt der Distelöl-Gewinnung – der sogenannten Pelargonsäure – gewonnen. Nach den zwei Jahre dauernden Versuchen erhielten die Forscher die Zulassung für ihr Produkt. Seither darf es auf Kartoffel-Äckern, im Wein- und Obstanbau und auf öffentlichen Grünflächen in Frankreich, Italien und Österreich angewendet werden. Ob das Bio-Herbizid dem umstrittenen Glyphosat wirklich einmal den Rang ablaufen wird, ist offen. Denn anders als Glyphosat, das alle Teile der zu bekämpfenden Pflanzen zerstört, wirkt es nur auf die Blätter. Deshalb muss es deutlich häufiger angewendet werden und kostet entsprechend mehr. Ein Problem des Glyphosats: Es gerät über die damit behandelten Lebensmittel auch in den menschlichen Körper – und zwar immer mehr, wie US-Forscher herausfanden. Sie hatten die Urinproben von 100 Amerikanern aus dem Zeitraum 1993 bis 1996 und 2014 bis 2016 miteinander verglichen. Dabei zeigte sich, dass der Anteil von Glyphosat und eines seiner Stoffwechselprodukte deutlich gestiegen ist. Doch welche Produkte aus dem Bereich Obst und Gemüse sind besonders belastet? Auf den folgenden Bildern erfahren Sie, welche Frucht- und Gemüsesorten laut Studie am stärksten belastet sind. Schlusslicht des Rankings bildet Mais auf Platz 51. Das heisst: Von allen untersuchten Sorten war hier die Pestizid-Belastung am geringsten. Etwas schlechter schliesst die Avocado ab. Sie setzten die Forscher auf Platz 50. Auf Platz 49 taucht die Ananas auf, ... ... auf Platz 48 landete eine Vielzahl Kohlsorten. Auch Zwiebeln sollten nicht bedenkenlos konsumiert werden. Sie schafften es wegen ihrer Belastung auf Platz 47. Tiefkühl-Erbsen schafften es auf Platz 46. Doch es geht noch schlechter: In der Studie belegen Papayas den 45. Platz, ... ... Spargeln den 44. und ... ... Mangos den 43. Platz 42 geht an Auberginen. Platz 40: Kiwis. Melonen der Art Cantalouple landeten mit ihrer Pestizidbelastung auf Platz 39, ... ... Blumenkohle auf dem 38. und ... ... Grapefruits auf dem 37. Platz. Platz 36 beansprucht Broccoli für sich, ... ... Süsskartoffeln den 35. Pilze platzierten die Forscher auf dem 34. Rang. Für Wassermelonen gab es Platz 33, ... ... für Frühlingszwiebeln Platz 32. Bananen belegen in der Liste den 31., ... ... Zuckererbsen aus den USA den 30. und ... ... importierte grüne Bohnen den 29. Platz. Sommerkürbisse, zu denen auch Zucchetti zählen, belegen Rang 28, ... ... Orangen Rang 27 und ... ... Winterkürbisse den 26. Platz. Rüebli ordneten die Experten auf Platz 25 ein. Noch schlechter steht es um die Pestizidbelastung von Himbeeren. Sie befinden sich auf Platz 24. Mandarinen belegen Platz 23, ... ... Pflaumen landeten auf Platz 22. Anders als die aus anderen Ländern importierten grünen Bohnen (Platz 29) sortierten die Experten das aus den USA stammende Pendant auf Platz 21 ein. Auch bei Heidelbeeren hängt die Pestizidbelastung von der Herkunft der Beeren ab: Die aus dem Ausland stammenden belegen Platz 20. Werden Kohlblätter einzeln verkauft, rangieren sie auf Rang 19. Peperoncini landeten in der Erhebung auf dem 18. Platz. Die aus den USA stammenden Heidelbeeren schafften es auf Platz 17. Damit enthalten sie mehr Pestizide als importierte Blaubeeren (Platz 20). Während Zuckererbsen aus den USA in der Studie auf Platz 30 rangieren, befinden sich importierte Knackerbsen auf Platz 16. In ihnen fanden die amerikanischen Forscher demnach etwas mehr Pestizide. Kopfsalate belegen Platz 15, ... ... Cherrytomaten Platz 14 und ... ... Salatgurken Platz 13. Kartoffeln landeten in der Untersuchung auf Rang 12. Damit eröffnen sie das Feld der am stärksten belasteten Lebensmittel, von den Forschern auch «Dirty Dozen» («Dreckiges Dutzend») genannt. Ebenfalls alles andere als frei von Pestiziden sind Peperoni. Damit sicherten sie sich Rang 11. Auf Platz 10 sind Tomaten zu finden, ... ... auf Platz 9 Sellerie. Noch höher war die Belastung bei Trauben (Platz 8) und ... ... Kirschen (Platz 7). Noch schlimmer steht es um Birnen. Sie belegen Platz 6. Pfirsiche zählen bereits zu den Top 5 der am stärksten belasteten Früchte- und Gemüsesorten: Platz 5. Auch Äpfel sollten sorgsam ausgewählt werden. Sie schafften es im Ranking auf Platz 4. Ähnlich sieht es bei Nektarinen aus. Sie landeten auf Platz 3. Platz 2 gab es für Spinat. Am meisten Pestizidrückstände identifizierten die Experten bei Erdbeeren. Von den über 35'000 untersuchten waren 70 Prozent belastet.

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Fehler gesehen?

Der Bundesrat gibt beim Unkrautvernichter Glyphosat, der im Verdacht steht, krebserregend zu sein, Entwarnung. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit hat 243 Proben von Schweizer und importierten Lebensmitteln untersucht. In seinem Bericht, der am Mittwoch publiziert wurde, hält es fest: «Erst beim täglichen Konsum von 72 kg Teigwaren, 655 kg Brot, 10 kg Kichererbsen oder 1600 Liter Wein der jeweils am stärksten belasteten Probe müsste eine erwachsene Person mit gesundheitsschädigenden Folgen durch Glyphosatrückstände rechnen.»

Auffallend: Allein fünfmal wird im Bericht erwähnt, dass Glyphosat für den Menschen unbedenklich sei. Philippe Schenkel, Landwirtschaftsexperte bei Greenpeace, erstaunt dies nicht: «Die Bevölkerung sieht den Pestizideinsatz zunehmend kritischer, was etwa der grosse Zuspruch für die Trinkwasser-Initiative zeigt.» Indem der Bundesrat den Glyphosat-Bericht positiv darstelle und wichtige Aspekte ausblende, wolle er die Zweifel der Kritiker zerstreuen.

«Glyphosat ist Gift für unsere Böden»

Zu den Aspekten, die im Bericht vernachlässigt werden, gehören für Schenkel die Auswirkungen des Pestizids auf die Böden. «Auch wenn die Glyphosatbelastung der Lebensmittel unter den Grenzwerten liegt, ist der Stoff Gift für unsere Böden», sagt Schenkel. Denn Glyphosat töte Bodenlebewesen ab, die für die Fruchtbarkeit sorgten. Zudem könne das Pestizid das Insektensterben noch weiter anheizen, indem es flächendeckend Unkraut, das als Futter für Insekten dient, vernichte.

Nationalrätin Maya Graf (Grüne) findet den Bericht ebenfalls «grob verharmlosend» und ergänzt: «Es ist bisher kaum untersucht, welche Auswirkungen Glyphosat in Verbindung mit anderen Stoffen als Pestizid-Cocktail auf Mensch und Umwelt hat.» Es sei deshalb problematisch, allein aufgrund einer Untersuchung zu Glyphosat-Rückständen zu folgern, sie seien für den Menschen harmlos. Die Grünen fordern deshalb den schrittweisen Glyphosat-Ausstieg.

«Bauern setzen Glyphosat verantwortungsbewusst ein»

Bestätigt von den Ergebnissen des bundesrätlichen Berichts sehen sich hingegen die Bauern. Sie heben hervor, dass die höchsten Konzentrationen an Glyphosat-Rückständen in importierten Nahrungsmitteln – etwa Hartweizen aus Nordamerika – gefunden worden sind. «Das zeigt, dass Schweizer Bauern Glyphosat verantwortungsbewusst einsetzen», sagt SVP-Nationalrat Markus Hausammann. In der Schweiz ist es verboten, Glyphosat direkt an Pflanzen anzuwenden, wie dies etwa in den USA möglich ist. Erlaubt ist der Einsatz vor der Aussaat oder zur Unkrautvernichtung im Garten.

Auch einen schrittweisen Ausstieg, wie ihn die Grünen fordern, finden die Bauern nicht sinnvoll. «Es ist nicht zielführend, Glyphosat zu verteufeln, es braucht immer eine Abwägung», sagt Hausammann. Glyphosat könne auch dazu beitragen, die Böden zu schonen, da keine Pflüge eingesetzt werden müssten. Dies wiederum führe zu mehr Schutz vor Erosion.

(pam)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Markus Z am 09.05.2018 12:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unbedenklich?

    Früher war Asbest auch unbedenklich.

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  • Simon am 09.05.2018 12:30 Report Diesen Beitrag melden

    Klar...

    Logisch, in vielen Ländern wird es verboten eben weil es schädlich ist. Aber unser BR weiss es natürlich wie immer besser...

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  • HockeyFreak am 09.05.2018 12:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Theoretisch praktisch schon Vergeben...

    Wers glaubt wird seelig... Hauptsache wir Konsumieren weiter. Glqube keiner Statistik die du nicht selber gefälscht hast ;) Sieht man ja beim SECO mit den 2.9% Arbeitslosen will gar nicht wissen wer da alles raus gerechnet wurde...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • PROLLTRASH am 11.05.2018 22:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    einfach...

    keine ahnung wie giftig das zeug ist. wir leben mittlerweile aber schon so viel länger als früher dass es grundsätzlich keine rolle spielt. ohne pflanzenschutzmittel würde die nahrung wohl kaum mehr für alle reichen. wenn das jahr schlecht ausfällt gibts hungertote. weitermachen wie bisher scheint die beste lösung!

  • Thor Odinson am 11.05.2018 21:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vertuschung

    Da der Bundesrat nicht im Sinne des Volkes handelt, glaube ich ihm kein Wort. Ich vermute eher, dass hier der finanzielle Aspekt eine Rolle spielt. Würde der Bundesrat zugeben, dass es schädlich ist, gäbe das viele Probleme.

  • hgidl am 11.05.2018 18:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dann eben über den Einkaufskorb ...

    Letztendlich geht es wieder um Geld. Die Bauernlobby ist stark und setzt sich vermutlich wieder durch. Der Konsument bleibt auf der Strecke. Der Konsument kann nur noch über die Retailer Druck ausüben, dass er Produkte aus Anbau mit Glyphosateinsatz keine Produkte mehr kauft. Die Bauernlobby missachtet den Konsumentenwunsch. Die Entscheidung fällt somit via Einkaufskorb! All jene Bauern die den Dreck nicht verwenden, erhalten nun in der Vermarktung ihrer Produkte eine Steilvorlage. Ich würde sofort bei einem solchen Bauern mein Gemüse kaufen, auch wenn es teurer ist - Qualität ist es wert!

  • mara am 11.05.2018 18:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    sanduhr läuft

    die menschheit macht sich selbst kaputt, die zeit läuft... aber bestimmt ist es nicht das glyphosat wo das schafft.

  • Matthias am 11.05.2018 18:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gift bicht gleich Gift?

    Tja, wie sieht's denn aus, wenn man die Belastung über Jahrzehnte in den Körper aufnimmt? Ich denk mal da kommt einiges zusammen um uns schleichend zu vergiften. Immerhin gibt es ja Grenzwerte, wenn es die nicht gäbe, wär's ja auch nicht giftig. Grenzwerte dürfte es überhaupt nicht geben. Entweder Gesundes oder man lässt es. Auch bei Arsen wird man mit kleinsten Dosen vergiftet und stirbt irgendwann davon.