Bundespolizei ermittelt

18. Juni 2017 13:55; Akt: 18.06.2017 14:03 Print

Hackergruppe enttarnt Schweizer Pädophile

Die Hackergruppe Anonymous hat Pädophilenforen gehackt und die Informationen im Internet veröffentlicht. Dem Fedpol sind die Daten bekannt. Doch vor Gericht würden sie nichts nützen.

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Einem Mitglied des Hackerkollektivs Anonymous gelang es, die Firma Freedom Hosting II zu infiltrieren, die zu diesem Zeitpunkt rund 10'000 Webseiten im Darknet hostete, darunter auch Pädophilenforen (Bild: Wikipedia/Vincent Diamante)

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Im Darknet tummeln sich unzählige Pädophile, die sich kinderpornographisches Material reinziehen. Sie fühlen sich im verborgenen Teil des Internets sicher. Denn der spezielle Webbrowser des Darknets verhindert, dass die besuchten Seiten oder die Internetprovider den Nutzer über seine IP-Adresse identifizieren können. So versuchen Pädophile sich der Überwachung durch die Strafverfolgungsbehörden zu entziehen.

Auch für Benutzer «Lordy», der von seinem Computer irgendwo in der Westschweiz Beiträge wie «9-jähriges Mädchen masturbiert» oder «Heisse 11-jährige Russin» anschaute, schien diese Vorgehensweise aufzugehen — bis im Feburar 2017.

Anonymous stellt Informationen ins Internet

Wie die «Sonntagszeitung» schreibt, geriet «Lordy» zu diesem Zeitpunkt ins Visier des Hackerkollektivs Anonymous. Die Gruppe geht unter anderem gegen Anbieter von kinderpornografischem Material vor. Einem Mitglied gelang es, die Firma Freedom Hosting II zu infiltrieren, die zu diesem Zeitpunkt rund 10'000 Webseiten im Darknet hostete. Darunter auch Pädophilenforen, auf denen sich «Lordy» herumtrieb.

Auf den Servern fanden sich laut Anonymous in über der Hälfte der Daten Hinweise auf Kindesmissbrauch. Die Informationen stellte die Hackergruppe ins Internet. Zwar hat Anonymous laut der «Sonntagszeitung» alle Videos und Fotos aus der Datenbank gelöscht. Aus den Einträgen ist aber klar ersichtlich, dass es sich um pädokriminelle Aufnahmen handelt.

Dutzende Spuren führen in die Schweiz

Die «Sonntagszeitung» hat die Daten analysiert und herausgefunden, dass auf den drei grössten Pädophilenforen über 130'000 Nutzer aus der ganzen Welt angemeldet waren. Dank den Daten, die von Anonymous veröffentlicht wurden, lassen sich zum ersten Mal die Aktivitäten der Nutzer auf einem Forum nachverfolgen. Dabei sind sowohl private Nachrichten wie auch Angaben zum «bevorzugten Alter» der abgebildeten Minderjährigen ersichtlich.

Die Analyse hat zudem ergeben, dass dutzende Spuren in die Schweiz führen. In neun Fällen sind die zur Registrierung verwendeten Schweizer E-Mail-Adressen verknüpft mit Konten in sozialen Medien und führen damit zu Namen und Adressen von in der Schweiz wohnhaften Personen.

«Lordy» hat ein «bevorzugtes Kindermodell»

Einige hatten sich nur einmalig registriert und waren danach nicht mehr aktiv. Andere haben sich laut der Zeitung über längere Zeit Beiträge von sexuellen Handlungen mit Minderjährigen angeschaut. Ob sie sich auch tatsächlich selbst angemeldet haben oder ob ihre Adressen von anderen missbraucht wurden, bleibt aber unklar.

Die von «Lordy» verwendete E-Mail-Adresse gehört gemäss der «Sonntagszeitung» einem älteren Mann und Familienvater aus der Westschweiz. Die Adresse war insgesamt fast ein Jahr bei zwei verschiedenen Foren angemeldet.

Fedpol hat Hinweise auf pädokriminelles Material

Auch das Bundesamt für Polizei (Fedpol) und die Abteilung Cybercrime der Zürcher Kantonspolizei analysieren die Datenbanken. «Wir haben klare Hinweise gefunden, dass es sich um pädokriminelles Material handelt», sagt Fedpol-Sprecherin Cathy Maret.

Ob sie unter den Forennutzern Schweizer identifizieren konnten, will das Fedpol mit Verweis auf die laufende Untersuchung nicht sagen. Auch die Recherche-Ergebnisse der «Sonntagszeitung» kommentiert Sprecherin Maret nicht.

Gestohlene Daten taugen vor Gericht nicht

Auch wenn es gelingen würde, aufgrund der Anonymous-Daten Schweizer Pädophile, denen beim Konsum von verbotener Pornografie drei Jahre Gefängnis drohen, ausfindig zu machen, gäbe es ein Problem: Gestohlene Daten sind vor Gericht als Beweis nicht anerkannt.

Die Hinweise auf mutmassliche pädokriminelle Handlungen aus den gestohlenen Daten reichten nicht, um ein Strafverfahren zu eröffnen. «Erst wenn der Verdacht sich erhärtet, kann die Polizei Ermittlungen auslösen.»

Hinzu komme, dass Pädophile mobil seien. Werde eine Austauschplattform für Kinderpornografie von den Behörden aufgedeckt, würden die Nutzer zum nächsten Forum fliehen.


(jen)