Callcenter für Krankenkassen

08. Oktober 2014 14:21; Akt: 08.10.2014 16:13 Print

Handy-Terror von falschen Firmen nervt gewaltig

von G. Brönnimann - Eine Welle illegaler Krankenkassen-Telefonwerbung überrollt das Land. Konsumentenschützer warnen, Santésuisse erklärt – und ein Selbstversuch zeigt die Aggressivität der Anrufer.

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Mitarbeiterin in einem Callcenter: In diesem Business gibt es schwarze Schafe. Viele Leser-Reporter ärgern sich über die penetranten Werbe-Anrufe. Das Vorgehen mancher Firmen ist illegal. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi (Symboldbild))

Fehler gesehen?

Das Handy klingelt kurz, doch bevor man abnehmen kann, hört es schon wieder auf. Eine Schweizer Nummer leuchtet auf dem Display. Ruft man zurück, ist am anderen Ende der Leitung eine Frau, die einem für den Rückruf dankt – und sofort befindet man sich mitten in einem aggressiven Verkaufsgespräch. Es geht um Krankenkassenprämien. Atemlos werden Namen von Firmen und Namen von Menschen heruntergebetet, die man noch nie gehört hat – garniert mit wohlklingenden Worten wie «kostenlos», «günstig», «unverbindliche Analyse» und «einmalige Chance».

Exakt diesen Vorgang schildern übereinstimmend fünf Leser-Reporter – an einem Tag. Auf diversen Internet-Foren ärgern sich Schweizerinnen und Schweizer über den Telefon-Terror. Die Leser-Reporter wurden von drei verschiedenen Schweizer Nummern angerufen – aber jedes Mal mit derselben Masche von derselben Firma konfrontiert: Eine «Informationszentrale Schweiz» belästigte sie.

Die Firma ruft ungebeten an – auch auf Telefonanschlüsse, die nicht im Telefonbuch stehen und auf solche, die dort mit einem «Wünscht keine Werbung»-Stern versehen sind.

Ein Selbstversuch zeigt die perfide, oft illegale Methode

20 Minuten hat die von den Leser-Reportern angegebenen Nummern angerufen (Protokoll siehe Box). Die Methode der Telefon-Terroristen ist perfide: Die angegebenen Firmen existieren nicht – und die Verkäuferin am Draht bezieht sich auf Briefe, die man nie erhalten und auf Personen, mit denen man nie im Leben gesprochen hat. Alles, um Termine für Versicherungsmakler zu vereinbaren: Neue Krankenkassenverträge sollen abgeschlossen werden. Das bringt Geld für das Callcenter – und bei Vertragsabschluss Geld für die Makler.

Die Methode ist der Stiftung für Konsumentenschutz SKS bekannt: «Wir erhalten immer wieder Meldungen von solchen Vorfällen. Es gibt diverse Unternehmen, die diese Taktik verfolgen», sagt Projektleiter Ivo Meli. Das Vorgehen ist dreist: «Ein Dienst hatte sich sogar als Stiftung Konsumentenschutz ausgegeben. Das sind natürlich oft illegale Aktivitäten», so der SKS-Projektleiter.

Verboten – aber nicht konkret, und schwierig zu bekämpfen

Es ist verboten, sich als Mitarbeiter einer nicht existierenden Firma auszugeben – womöglich noch unter falschem Namen – und unbescholtene Bürger mit Lügen zu Verkaufsgesprächen zu überreden. Doch ist der Telefon-Terror für Krankenversicherungen nicht überhaupt eingeschränkt? Nicht mehr: Anfang Jahr stellte die Wettbewerbskommission WEKO bei der geltenden Beschränkung der Telefonwerbung und der Begrenzung der Vermittlungsprovisionen für Versicherungsabschlüsse eine mögliche Wettbewerbsbeschränkung fest. Da beschloss Santésuisse, der Branchenverband der schweizerischen Krankenversicherer, im Februar 2014 die sofortige Aufhebung der Vereinbarung zur Kundenwerbung.

Seither wird wieder wild drauflostelefoniert. Santésuisse-Sprecher Christophe Kaempf sieht das anders: «So einfach ist es nicht: Einige unabhängige Makler und Callcenter haben diese Vereinbarung nie respektiert. Ausserdem steigt die Anzahl der Anrufe im Herbst immer an, wenn die Krankenkassenprämien für das nächste Jahr bekannt werden.»

Santésuisse ist sich des Problems bewusst

Doch das Problem ist Santésuisse bekannt: «Oft sind das nicht einmal die Makler selbst, sondern Callcenter, welche wiederum Termine für Makler verkaufen. Wir klären ab, was man dagegen tun kann», so Kaempf. Das sei nicht einfach – denn hinter den Schweizer Nummern stecken oft keine Schweizer Callcenter. Kaempf: «Manche dieser Unternehmen sind in Deutschland. Anrufe in der Westschweiz werden von Callcentern in Afrika getätigt.» Auch Santésuisse selber wurde, wie die SKS, schon Opfer der Telefon-Terroristen: «Es ist auch schon vorgekommen, dass am Telefon der Name Santésuisse verwendet wurde. Eine Frechheit. Wir arbeiten an der Lösung des Problems», so Kaempf.

Die SKS hat ein Merkblatt herausgegeben mit Tipps, wie man sich vor den lästigen Anrufen schützen kann. «Wichtig ist, dass man Missachtungen des Sterneintrags im Telefonbuch bei uns auf der Website meldet», sagt Ivo Meli: «Wir sammeln die Vorfälle, und wenn viele Meldungen zu einer Nummer eingehen, erstatten wir Anzeige.»

Die SKS rät davon ab, bei solchen Services einen Vertrag abzuschliessen. Meli: «Es ist besser, man vergleicht die Prämien bei neutralen Vergleichsdiensten, etwa bei www.priminfo.ch vom BAG. Da fliesst im Unterschied zu kommerziellen Anbietern kein Geld zwischen Versicherung und Vergleichsdienst.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • M.A. Moser am 08.10.2014 14:28 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht zurückrufen...

    Ich für meinen Teil rufe nie auf eine Nummer zurück, die ich nicht kenne. Wer etwas zu sagen hat, hinterlässt eine Nachricht. Ganz einfach...

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  • C.Boos am 08.10.2014 14:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Handy-Terror

    Ich lass es klingeln und schaue im Search nach wer angerufen hat ,meistens ist es ein Callcenter dann lass ich es bleiben.Dann hat sich das erledigt.

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  • Karin am 08.10.2014 14:37 Report Diesen Beitrag melden

    Sterneintrag?

    Dass ich nicht lache! Nachdem unser Stern jahrelang von sämtlichen Callcentern usw. ignoriert wurde, liessen wir uns schon vor über 5 Jahren auf die "liste noire" setzen mit dem "Erfolg", dass wir weiterhin mit solchen Anrufen belästigt werden (wohl merklich weniger, aber trotzdem noch!). Den illegalen Adresshandel sollte man ausmerzen!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Peka am 24.02.2015 13:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch ne Art Drückerkolonne

    Das Üble ist, dass die meisten Hanswürstchen am anderen Ende der Leitung sicher auch liebend gern einen besseren Job als diesen haben würden....

  • Fa am 09.10.2014 21:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nervig

    Bei mir rufen sie seit 1Jahr Unbekannt an geht aber immer um irgendwelche Lotto Spiele jeden Tag 3mal.

  • Dinu am 09.10.2014 14:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Telefonterror

    Macht möglichst viele Termine ab,und lasst so die Makler ins Leere laufen...ich denke so löst sich das Problem am einfachsten.

  • Lillibeth am 09.10.2014 13:32 Report Diesen Beitrag melden

    Hörer auflegen

    Es ist etwas vom unhöflichsten überhaupt: den Telefonhörer einfach auflegen. So mache ich es, wenn wieder so ein Kerl anruft und einen über den Tisch ziehen will. Ich bin schon seit ich lebe bei der gleichen KK versichert und werde nicht wechseln; ich bin immer noch zufrieden.

  • Renate Mäder am 09.10.2014 13:09 Report Diesen Beitrag melden

    Verbot der Krankenkassenwerbung

    Werbung für Krankenkassen sollten generell verboten werden. Dann wäre die Spamflut mit Krankenkassenangeboten und Telefonanrufen vom Tisch.