PC-7-Absturz

14. September 2017 08:26; Akt: 14.09.2017 10:14 Print

Hat die Luftwaffe ein Sicherheitsproblem?

von B. Zanni - Politiker verlangen, dass die Armee nach dem erneuten Flugunglück über die Bücher geht. Intuition und Grenzerfahrungen kämen zu kurz.

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Um der Kette von tragischen Ereignissen ein Ende zu setzen, fordern Sicherheitspolitiker aller Lager nun, dass die Armee ihr Luftwaffenkonzept überdenkt. SVP-Nationalrat Adrian Amstutz übt scharfe Kritik: «Piloten haben im heutigen Regulierungskorsett zu wenig Möglichkeiten, Intuition und Automatismen zu trainieren.» Noch grotesker als in anderen Branchen herrsche in der Luftfahrt eine unglaubliche Regulierungswut. «Diese Häufigkeit von Unglücken lässt einen nicht mehr an Zufälle glauben», sagt SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf. «Die Armee muss das Sicherheitsdispositiv der Luftwaffe auf allen Ebenen dringend durchleuchten», fordert FDP-Nationalrat Walter Müller. CVP-Nationalrat Jakob Büchler macht auf die hochmodernen Flieger aufmerksam. «Die Piloten müssen in Sekundenbruchteilen richtig entscheiden, was von den Piloten in solch schnellen Jets höchste Konzentration abverlangt.» «Die Luftwaffe wird leider von einer wahnsinnigen Pechsträhne verfolgt», sagt SVP-Nationalrat Thomas Hurter. Durch die Unfallursachen ziehe sich kein roter Faden. «Bei aller Kritik, die ich an der Armee übe: Die Abstürze eignen sich nicht für eine generelle Armeekritik», sagt Balthasar Glättli, Nationalrat Grüne. ist eine PC-7 der Schweizer Luftwaffe verschwunden. Das Flugzeug konnte einige Stunden später im Gebiet des Berner Schreckhorns gesichtet werden. Der Pilot kam beim Absturz ums Leben. : Ein Helikopter der Luftwaffe stürzt am Gotthard ab und geht in Flamme nauf. : Eine F/A-18 der Schweizer Luftwaffe stürzt im Sustengebiet ab. Der Pilot kommt ums Leben. Ein Tiger-Jet der Patrouille Suisse stürzt auf einem holländischen Luftwaffenstützpunkt ab. Der Pilot konnte sich per Schleudersitz retten. Der Northrop F-5E Tiger II Jet ging in Flammen auf. Es ist nicht der erste Unfall mit Maschinen der Schweizer Armee in den letzten Monaten ... In Glamondans in Frankreich crashte eine F/A-18 der Schweizer Armee. Der Pilot, hier bei einer Medienkonferenz mit Bundesrat Ueli Maurer, konnte sich mit dem Fallschirm retten. Er musste verletzt ins Spital. Eine F/A-18 der Schweizer Armee stürzt in Alpnachstad OW ab. Der Pilot und sein Passagier, ein deutscher Fliegerarzt, kommen ums Leben. Grund für das Unglück war ein Pilotenfehler. Unterhalb einer Felswand im Maderanertal liegt das Wrack eines Cougar-Helikopters der Schweizer Armee. Die beiden Piloten waren eingeklemmt, sie wurden erst am Abend geborgen. Beim Absturz einer PC-7 sind zwei Milizoffiziere ums Leben gekommen. Das Kleinflugzeug hatte die Luftseilbahn Rhäzüns-Feldis touchiert. Die Trümmer des abgestürzten Helikopters Alouette III der Schweizer Armee brennen am Fuss des Mont Bonvin. Beim Absturz oberhalb von Montana VS sind alle vier Insassen gestorben. Der Unfall beim Landeanflug einer Alouette III der Schweizer Luftwaffe sind in Wetzikon TG drei Menschen leicht verletzt worden. Nördlich von Crans-Montana VS crashte eine F/A-18. Helfer suchen Trümmerteile. Eine Pilatus Porter (Symbolbild) stürzt auf einem Demonstrationsflug in der Nähe von Boltigen BE ab. Dabei sind fünf Menschen ums Leben gekommen. Beim Absturz der Mirage III RS im Raum Ste-Croix VD nahe des Col des Etroits kam der Pilot ums Leben. Im Tösstal im Zürcher Oberland stürzte eine Tiger F5 ab. Der Pilot hatte Glück - er konnte sich mit dem Schleudersitz retten. Darauf erliess der damalige Kommandant der Luftwaffe ein vorübergehendes, vorsorgliches Flugverbot für die Tiger-Flotte, bis die Unfallursache geklärt sei.

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Vier tote Piloten innerhalb eines Jahres hat die Schweizer Luftwaffe inzwischen zu beklagen. Am Dienstag verunglückte ein Milizpilot mit einer PC-7 am Schreckhorn – ein weiterer trauriger Höhepunkt nach den drei tödlichen Flugzeugabstürzen im August und September 2016. Dazu verbucht die Luftwaffe seit 2011 fünf weitere Flugunfälle mit teils tödlichen Folgen (siehe Box). Um der Kette von tragischen Ereignissen ein Ende zu setzen, fordern Sicherheitspolitiker aller Lager nun, dass die Armee ihr Luftwaffenkonzept überdenkt.

Umfrage
Muss die Armee nach dem erneuten Flugzeugunglück etwas ändern?
49 %
42 %
3 %
6 %
Insgesamt 1340 Teilnehmer

«Diese Häufigkeit von Unglücken lässt einen nicht mehr an Zufälle glauben», sagt SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf. Jeder tödliche Unfall sei einer zu viel. Die Armee müsse den vielen Unfällen so schnell wie möglich auf den Grund gehen. «Um solche Vorfälle zu verhindern, sollte die Armee den Milizpiloten vielleicht mehr Flugpraxis vorschreiben.» Auch müsse sichergestellt sein, dass die Piloten genug fit seien. «Es ist möglich, dass Piloten übermüdet ins Flugzeug stiegen», vermutet sie.

«Organisierte Unverantwortlichkeit»

SVP-Nationalrat Adrian Amstutz übt scharfe Kritik an der derzeitigen Praxis: «Piloten haben im heutigen Regulierungskorsett zu wenig Möglichkeiten, Intuition und Automatismen zu trainieren.» Noch grotesker als in anderen Branchen herrsche in der Luftfahrt eine unglaubliche Regulierungswut. «Heerscharen von Bürokraten regulieren jeden Handgriff der Piloten und erlassen in immer kürzeren Zeitspannen ständig neue Regulierungsberge für den Luftverkehr.»

Diese «organisierte Unverantwortlichkeit» der Regulierungsbehörden hindert die Piloten laut Amstutz daran, in aussergewöhnlichen Gefahrensituationen richtig zu reagieren. «Diese hat zum Hauptziel, dass man im Schadensfall den Bürokraten nichts vorwerfen kann.»

Flieger müssten genügend gewartet sein

«Die Armee muss das Sicherheitsdispositiv der Luftwaffe auf allen Ebenen dringend durchleuchten», fordert FDP-Nationalrat Walter Müller. Dabei müsse sichergestellt werden, dass die Flieger genügend gewartet seien und die Piloten in der Aus- und Weiterbildung ein noch grösseres Sicherheitsbewusstsein entwickelten. Müller fordert zudem, dass die Piloten dabei auch mehr Gelegenheit für Grenzerfahrungen erhalten. «Um im Notfall richtig reagieren zu können, braucht es Erfahrungen, die über das Büroleben hinausgehen.» Abzuklären sei auch, ob es wirklich richtig sei, Piloten ohne Überwachung vom Boden fliegen zu lassen.

CVP-Nationalrat Jakob Büchler macht auf die hochmodernen Flieger aufmerksam. «Die Piloten müssen in Sekundenbruchteilen richtig entscheiden, was von den Piloten in solch schnellen Jets höchste Konzentration abverlangt.»

«Wahnsinnige Pechsträhne»

Andere Sicherheitspolitiker sind zurückhaltend. «Die Luftwaffe wird leider von einer wahnsinnigen Pechsträhne verfolgt», sagt SVP-Nationalrat Thomas Hurter. Durch die Unfallursachen ziehe sich kein roter Faden. «Daher bleibt nichts anderes übrig als jeden Unfall zu untersuchen und daraus das grösstmögliche Verbesserungspotenzial herauszuziehen.» Fest stehe für ihn aber, dass Training in der Luftwaffe das A und O sei. «Jede Minute, die ein Pilot trainieren kann, leistet einen positiven Beitrag zur Sicherheit.»

Auch Nationalrat Balthasar Glättli (Grüne) will abwarten. «Bei aller Kritik, die ich an der Armee übe: Die Abstürze eignen sich nicht für eine generelle Armeekritik.» Die Armee müsse jeden Fall analysieren und danach entsprechende Anpassungen vornehmen.

VBS verweist auf höchste Sicherheitsstandards

Der am Dienstag verunfallte Pilot sei 25 Jahre Berufsmilitärpilot gewesen, sagt Renato Kalbermatten, Informationschef des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS. «Weiter verfügen Milizpiloten und Berufsmilitärpiloten über die genau gleiche Grundausbildung.»

Laut Kalbermatten werden bei allen Unfällen die Ursachen unter dem Lead der Militärjustiz akribisch untersucht. «Diese erlässt falls nötig Empfehlungen.» Die Unfälle in der jüngeren Vergangenheit hätten alle andere Ursachen. «Zusammenhänge wurden keine gefunden.» Der Sprecher betont, dass in der Luftfahrt höchste Sicherheitsstandards gelten. «Diese haben sich in den vergangenen Jahren bewährt.» Es sei reine Spekulation und unhaltbar, Rückschlüsse zu ziehen, solange die Unfallursache unklar sei.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Anonym am 14.09.2017 09:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unlogisch

    Diese Aussagen beissen sich ja gegenseitig: Zum einen weniger Budget und weniger Flugbewegungen sowie Fluglärm und trotzdem soll mehr Routine gewährleistet werden für die Piloten? Das ist mal wirder schweizer Politik vom Feinsten

  • Ikarus am 14.09.2017 09:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unsägliche Bürokratie

    Herr Amstutz hat vollkommen recht.In der Leichtfliegerei ist es noch schlimmer! Vor lauter Vorschriften und Androhungen von happigen Bussen, auch bei leichten Verstössen, wird viel weniger geflogen, sodass der Trainingstand z.T. bedenklich ist. Die Bürokraten in Bern sind nicht ganz unschuldig an den vermehrten Flugzeug-Unfällen.

  • Justus Delcre am 14.09.2017 09:47 Report Diesen Beitrag melden

    Flugzeug-Verluste ohne Feindeinwirkung

    Aus fliegerischer Sicht ist eine gründliche Unfallanalyse sicher angezeigt. Als Bürger beschäftigt mich auch die militärische Frage: Wie schlagkräftig ist eine Luftwaffe, welche ihre Piloten und Flugzeuge bereits ohne Feindeinwirkung verliert?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Fabian am 16.09.2017 07:55 Report Diesen Beitrag melden

    Frage zum Dienstalter

    Wie kommt es, dass ein vormaliger Berufspilot nach 25 Dienstjahren noch als Milizpilot Militärdienst leistet? Müsste doch altersmässig keinen Dienst mehr leisten... Gilt für Piloten eine Sonderregelung?

  • Karl Marx am 14.09.2017 20:19 Report Diesen Beitrag melden

    Die Tollkühnen Männer,

    in Ihren fliegenden Kisten, wenn ich den Beitrag lese, bin ich stutzig geworden und ich fragte mich wieso ein Milizpilot und ein Berufspilot die gleiche Grundausbildung zum fliegen eines Helikopter bzw. eines Militärjets haben? Die Betonung liegt auf Grundausbildung. Der Pilot ist das letzte Glied in der Kette. Er muss sich auf seine Techniker und die Crew am Boden voll verlassen können. Er fliegt nicht mit 120 km/h durch die Luft. Hat die Luftwaffe keine eigene Luftüberwachung? um seine Piloten die Daten zu geben die sie Brauchen?

  • Werner Wenger am 14.09.2017 17:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Voreilige Wichtigtuer

    Die meisten Kommentare kritisieren Leute, die an diesem tragischen Ereignis weder Schuld noch Verantwortung hatten. Dann gibt sehr viele Vermutungen. Warten wir, wenn es dann überhaupt noch irgend jemanden interessiert, die Ergebnisse der Untersuvhung ab.

  • Heinrich Zimmermann am 14.09.2017 16:55 Report Diesen Beitrag melden

    Undiszipliniertheit ist es

    Man kann doch praktisch ALLEN Unfaellen eine art Undiszipliertheit nachweisen. Schöngeredet sind es es dann "Unfaelle". Macht mir doch nichts vor, ich kenne die lose "Verantwortlichkei" oben. Sich selber ruehmen aber dann doch... Da nuetzt auch Regulierungswut nichts. In Gegenteil, "man kann nicht mehr".

  • Ein Insider am 14.09.2017 15:39 Report Diesen Beitrag melden

    Die Warheit ist düster

    Zu viel wird unter den Tisch gekippt. Es fängt schon damit an, dass die RUAG, welche die Wartung der Kisten durchführt, management-gesteuert nur noch EBIT generieren will. Kommt hinzu, dass die Flugschulen auch nur noch Basics vermittelt. Wenn hier nicht mal due Justiz dahinter geht und Köpfe im Top Management rollen, sehe ich schwarz!