Muslime «dämonisiert»

28. November 2014 05:40; Akt: 28.11.2014 08:34 Print

Heftige Koran-Kritik – ist Thiel in Gefahr?

von J. Büchi - Andreas Thiel greift in einer «Streitschrift» den islamischen Propheten Mohammed frontal an. Nun sorgt sich das Umfeld des Satirikers um dessen Leben.

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«Wenn dieser Artikel aus der @Weltwoche nur kein Drama nach sich zieht…», schreibt ein Twitter-User unter dem Hashtag #Thiel. Ein anderer twittert: «Hoffentlich wird er nun nicht ermordet.» Der Grund, warum sich Menschen öffentlich Sorgen um die Sicherheit des Satirikers Andreas Thiel machen, ist der Frontartikel der aktuellen «Weltwoche». In einer fünfseitigen «Streitschrift» macht Thiel den Koran für Gewalt, Krieg und Unterdrückung verantwortlich.

Im Artikel bezeichnet Thiel den Propheten Mohammed als «Sklaventreiber, Kinderschänder und Massenmörder». Der Koran sei eine Sammlung von «Hasstiraden» – Weisheiten oder das Wort Gottes suche man darin vergeblich. «Neben Aufrufen zu Gewalt und ein paar überholten, primitiven Richtsprüchen ermüdet die Lektüre bloss durch die unaufhörliche Selbstbeweihräucherung Mohammeds und die unablässige Betonung seiner angeblich göttlichen Gesandtschaft – im Wechsel mit Schmähungen von Ungläubigen und üblen Drohungen gegen diese.»

«Wer die Liebe wählt, legt den Koran beiseite»

Thiel geht so weit, dass er den Koran als «Kern des Übels» bezeichnet. «Dass islamistische Fanatiker zu Terroristen werden, ist kein Wunder. Denn Rache und Gewalt durchziehen die Lehre Mohammeds wie sonst nichts anderes.» Thiel kommt zum Schluss: Wer sich als Muslim für die Grundlage seiner Religion interessiere, lasse sich entweder von der Schrift Mohammeds radikalisieren oder wende sich von ihr ab. «Wer die Liebe wählt, legt den Koran beiseite.»

Muhamed M. Hanel, Sprecher der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich, ist bestürzt: «Thiels Kritik beleidigt nicht nur die Muslime in der Schweiz, sondern alle vernünftig denkenden Menschen!» Thiel habe sich einer Strategie bedient, die bei Radikalatheisten derzeit sehr beliebt sei: «Man zitiere aus dem Kontext gerissene Passagen, mixe sie mit willkürlicher Interpretation, würze mit Halbwahrheiten und Lügen – und serviere dies einem entsprechend sensibilisierten hungrigen Publikum.» So würden der Koran, der Islam, die Muslime und Religion ganz allgemein dämonisiert.

Hanel meint, aus wissenschaftlicher Sicht könne belegt werden, dass der Koran einen weit weniger brutalen Wortschatz aufweise als die Bibel. «Auch inhaltlich gibt er immer dem Frieden den Vorzug und legitimiert Gewalt nur als letzte Option gegen Unrecht.» Auch Saïda Keller-Messahli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam erinnert daran, dass das Christentum mit Andersdenkenden in der Vergangenheit «auch nicht gerade zimperlich» umging.

«Fanatisierte Personen» könnten austicken

Trotzdem kann sie Thiels Kritik verstehen. Sie räumt ein, dass gewisse Texte im Koran gewalttätig seien. «Es gibt noch viel zu tun, um die Entstehungsgeschichte des Korans zu rekonstruieren.» Es gebe auch viele Muslime, die diese Passagen selber kritisierten. «Einige Intellektuelle rufen dazu auf, die Stellen, die zu Gewalt und Ausgrenzung aufrufen, im Koran aufzuheben.» Auf die Frage, ob Thiel wegen seines Artikels in Gefahr sein könnte, sagt Keller-Messahli: «Wir können nie ausschliessen, dass Kritik am Koran fanatisierte Personen um den letzten Rest ihres Verstandes bringt.»

Dass solche Befürchtungen nicht völlig unbegründet sind, zeigt das Beispiel des niederländischen Regisseurs und Satirikers Theo van Gogh. Nachdem er den Islam als «agressiv und rückständig» bezeichnet und in einem Film die Unterdrückung der muslimischen Frau thematisiert hatte, tötete ihn ein radikal-islamischer Attentäter 2004 auf offener Strasse.

«Wer sucht, findet mich»

Thiel sagt, seit der Publikation des Artikels sorge sich sein ganzes Umfeld um seine Sicherheit: «Von allen Seiten melden sich Menschen bei mir, die mich warnen, dass sich jemand rächen könnte.» Trotzdem stehe er zu jedem Wort. «Es ist erwiesen, dass Mohammed Sklaven hielt, mit 50 eine Neunjährige heiratete und während seiner Herrschaft 74 Kriege führte. Ich sage nur die Wahrheit.»

Wenn Millionen von Menschen Mohammed verehrten, mache das seine Taten nicht weniger grausam. Thiel räumt zwar ein, dass es im Alten Testament der Bibel ebenfalls brutale Passagen gibt. «Die sind aber eher beschreibend gehalten. Es geht darum, warum sich die Leute früher die Köpfe eingeschlagen haben.» Der Koran dagegen sei «eine politische Kampfschrift» und «ein Vielfaches brutaler als die Bibel».

Thiel sagt, in Zeiten von IS und Al-Kaida würden sich selbst Religionswissenschaftler nicht mehr getrauen, den Koran zu kritisieren. «Deshalb muss wohl oder übel ich diesen Part übernehmen.» Bisher erhielt Thiel noch keine Drohungen. Er will auch keine speziellen Massnahmen ergreifen, um sich vor allfälligen Angriffen zu schützen. «Wer mich sucht, findet mich. Es ist ja nicht so, dass ich mich mit meinem Äusseren gut verstecken könnte.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • marc am 28.11.2014 07:14 Report Diesen Beitrag melden

    bravo, mal einer der den Mund aufmacht

    besser hätte man es nicht beschreiben können !

  • EFW am 28.11.2014 07:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es braucht Mut zur Wahrheit! 

    Endlich jemand der die Wahrheit sagt, das braucht Mut, aber es braucht solche Vorreiter die den Islam nicht immer mit Handschuhen anfassen!

  • Tommy am 28.11.2014 09:30 Report Diesen Beitrag melden

    Aussagekräftig

    Die Tatsache, dass er um sein Leben fürchten muss, gibt ihm schon recht.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Big Love am 18.12.2014 08:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Liebe!

    Let Love Rule! Bücher, welchen Hass predigen, sollte man liebevoll loslassen.... Liebe ist loslassen nicht loshassen! Es reicht um Fest zu stellen, dass viele Alte Bücher geschrieben sind in Zeiten, wo weniger ist mehr noch nicht verstanden ist, weil es sowieso viel zu wenig gab von alles: zu wenig Wissen, zu wenig Liebe, zu wenig Sicherheit! Jetzt wissen wir, dass wir unseren Kindern nur lernen müssen, das nur die Liebe uns weiter bringt....Hass loslassen mit Liebe und Leidenschaft!

  • B. Kerzenmacher am 28.11.2014 23:48 Report Diesen Beitrag melden

    Im...

    Islam gibt es keinerlei Spielraum, wie dieser gelebt werden muss. Die IS, Boko Haram, Hamas oder Al Shabaab-Anhänger und Sympathisanten leben genau nach den Worten der Koran. Wenn sie es nicht täten, so könnten diese Leute sofort entlarvt werden. Warum geben sich nicht die vielen Islamversteher die Mühe, anhand des Korans diesen Leuten das falsche Handeln nachzuweisen? Es funktioniert eben nicht, weil alles genauso im Koran darinsteht. Was nun?

  • Sewerun am 28.11.2014 17:00 Report Diesen Beitrag melden

    Bestätigung

    So so, Thiel dämonisiert den Koran? Wieso aber die aggressive Reaktion von Muhamed M. Hanel? Und wieso muss er sich vor Repressalien fürchten? Thiel hatte nur genau dies gesagt, was der Herr Hanel gerade bestätigt!

  • Alain am 28.11.2014 16:38 Report Diesen Beitrag melden

    In diesem Sinne - SCHÖNES WOCHENENDE :)

    Religionskriege sind Konflikte zwischen Erwachsenen Menschen, bei denen es darum geht, wer den cooleren, imaginären Freund hat. Beispiel:

  • Atheist am 28.11.2014 16:14 Report Diesen Beitrag melden

    Bravo, Herr Thiel!

    Ich finde es sehr bedenklich, dass man sich in einem historisch und zeitgenössisch immer noch christlich geprägten Land wegen Aussagen gegen den Islamischen Koran um seine Existenz fürchten muss. So weit ist die Entwicklung also schon.