Transparenz oder Manipulation?

04. Februar 2017 19:47; Akt: 04.02.2017 19:47 Print

IZRS zeigt Hunderte Schweizer Moscheen

Ein TripAdvisor für hiesige Moscheen: Der umstrittene IZRS hat eine Plattform lanciert, die Gebetsorte mitsamt Foto zeigt. Liberale Muslime sind höchst besorgt.

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Eine neue Plattform, die vom IZRS betrieben wird, listet Hunderte islamische Gebetshäuser auf – mit Foto. Bei 90 Prozent würde man nie denken, dass hier gebetet wird. Muslime in Flums SG haben etwa ein altes Ladenlokal in eine Moschee umgewandelt. Hier hat sich die Assalam-Moschee Lausanne eingemietet. Andere mieten sich in Wohnungen ein wie der Assalaam-Verein in Bern. Die Existenz vieler Moscheen ist deshalb unbekannt, eine Anmeldepflicht gibt es zudem nicht. Die arabische Masjid-As-Salaam-Moschee in Oensingen. Der Eingang einer Moschee in Kirchdorf. Islamischer Kulturverein «Friede» in Reinach. Die Al-Hikma-Moschee in Lausanne. Islamisches Zentrum in Visp. Eine albanische Moschee in Zug. Die albanische Bashkimi-Moschee in Büsserach. Die Omar-ibn-al-Khatab-Moschee in Crissier. Sie verfügt über eine Bibliothek. Eine albanische Moschee in Burgdorf. Eine albanische Moschee in Freiburg. Eine türkische Moschee in Basel. Die Hicret Moschee Basel. Der Verein musste den Ort nun aber verlassen. Hier ist der Ahl-al-Bayt-Verein Bern zu Hause. Eine albanische Moschee in Brugg. Eine Moschee in Aigle. In diesem Gebäude in Genf wird ebenfalls gebetet. Die Nuur-Moschee in Wigoltingen. Eine bosnische Moschee in Regensdorf. Die Moschee der Schiitischem Gemeinschaft Luzern. Sie bietet bis zu 100 Besuchern Platz. Auch dieser Eingang der Moschee des Arabischen Islamischen Vereins in Wädenswil sticht kaum einem Passanten ins Auge. Längst nicht alle Schweizer Moscheen sind so pompös wie der Gebetsraum im Haus der Religionen in Bern. Während die Fassaden meist Grau in Grau daherkommt, wirkt es im Innern meist orientalischer ... ... und auch gemütlicher. Gemütlich: Hier gibts sogar einen Töggelikasten. In diesem einfachen Raum der Mosque Centre Islamique in Genf finden bis zu 70 Besucher Platz. Während in diesem hellen Raum in Thun bis zu 200 Personen beten dürfen. Doch obwohl der IZRS mit seiner Seite Einblicke in unzählige Moscheen gewähre, verschaffe er keine Transparenz, meint Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam. Die Plattform vermittle ein völlig falsches Bild, so Keller-Messahli. Denn unter all den aufgelisteten Moscheen würden sich auch radikale Zentren befinden. So ist etwa auch die umstrittene An-Nur Moschee in Winterthur aufgeführt. In dieser Winterthurer Moschee soll der Imam zum Mord an gemässigten Muslimen aufgerufen haben. Dass die liberale Moschee im Berner Haus der Religionen ebenfalls vom IZRS aufgeführt wird, stört den dortigen Imam Mustafa Memeti. «Mit dieser Seite will ich nichts zu tun haben», so der liberale Muslim.

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Der Islamische Zentralrat der Schweiz (IZRS) hat eine Internetplattform kreiert, die Hunderte Moscheen aus dem Inland auflistet – mitsamt Foto. Unter dem Namen Swissmuslims finden User aber nicht nur Infos über bekannte islamische Gotteshäuser wie etwa die Zürcher Mahmud-Moschee, sondern erhalten auch Einblicke in unscheinbare islamische Gebetsräume der Schweiz – die teils in wenig einladenden Gebäuden untergebracht sind.

«Die meisten hiesigen Moscheen sind sehr klein und befinden sich in Industriehallen, Hinterhöfen oder Wohnungen», sagt Religionsexperte Georg Schmid. Die Existenz vieler Moscheen sei deshalb unbekannt, «eine Anmeldepflicht gibt es zudem nicht». Die Gotteshäuser seien darum nur schwer zu überwachen.

Islamistische Moscheen aufgelistet

Schafft der IZRS mit seinem Moscheen-Guide also Transparenz? «Ganz im Gegenteil», sagt Saïda Keller-Messahli. Die Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam ist alarmiert: «Radikale Salafisten stellen sich hier als harmlose Koordinatoren dar.» Die neue Plattform des IZRS sei reine Manipulation: «Als selbst ernannte Zentrale verschaffen sie sich die Macht, das Ganze nach ihrem Gusto zu lenken.»

Moscheen, deren Gesinnung der IZRS teile, könnten absichtlich gepusht werden. Denn längst nicht alle aufgelisteten Moscheen seien auch vertretbar. «Islamistisch orientiere Moscheen werden auf der Plattform völlig unauffällig ins Verzeichnis integriert», sagt Keller-Messahli. So ist die zweifelhafte Winterthurer An-Nur-Moschee nur einen Klick von der liberalen Gebetsstätte des Berner Imams Mustafa Memeti entfernt.

Wut bei liberalem Imam

So diskutiert man beim muslimischen Verein Bern derzeit rege, wie und ob man gegen den Eintrag vorgehen will. Imam Memeti verspürte Wut, als er vorgestern die Berner Moschee auf der neuen Seite entdeckte. Er habe niemals eingewilligt, dort aufgeführt zu werden.

«Mit dieser Seite will ich nichts zu tun haben. Ich distanziere mich allgemein klar vom IZRS», so der liberale Muslim. Doch nicht nur die Tatsache, dass er in diesem Moscheen-Guide aufgeführt ist, stört Memeti: «Einmal mehr versucht der IZRS, sich als Vertreter der Schweizer Muslime zu verkaufen.» Dies sei fernab aller Tatsachen.

Werbevideo soll Sinn und Zweck aufzeigen

«Absolut lächerlich», findet der IZRS diese Kritik. «Swissmuslims stellt Informationen zu den einzelnen Moscheen neutral und objektiv zur Verfügung», sagt Sprecherin Janina Rashidi gegenüber 20 Minuten. Die Seite solle lediglich Muslimen helfen, sich über eine Moschee in der Umgebung zu informieren. So soll auch das extra gedrehte Werbevideo Sinn und Zweck erläutern. Es zeigt muslimische Geschäftsleute in einer fremden Stadt, die nach einem Ort zum Beten suchen.



(miw)