Privatschule Dandelion

10. April 2018 07:53; Akt: 10.04.2018 07:53 Print

In dieser Schule sind die Schüler Könige

Die Privatschule Dandelion unterrichtet ihre Schüler nach dem Lustprinzip. Nicht alle können der Freilern-Methode Gutes abgewinnen.

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Statt Aufgaben zu machen, möchte eine Schülerin der Privatschule Dandelion lieber rausgehen, malen oder einfach nichts tun. Statt wie seine Kollegen zu lernen, geht ein Oberstufenschüler in der Schule herum und springt auf ein Regal. Es sei ihm zu still, er müsse sich austoben – auch in der Schule. Ein anderer Schüler lässt den Lehrer mit seiner Frage links liegen, um lieber einen toten Frosch zu begutachten – an der offiziell bewilligten Zürcher Privatschule mit ihren rund 20 Schülern regiert offensichtlich das Lustprinzip.

An der in der SRF-Sendung «Arena/Reporter» vorgestellten Freilern-Schule gibt es keinen Stundenplan, keine Hausaufgaben und keine Prüfungen – ausser auf Wunsch der Kinder. Die Ziele des Lehrplans sollen spielerisch erreicht werden. Das Ehepaar Angela Joerg und Michael Korner hat die Schule zusammen mit Freunden vor rund einem Jahr gegründet, nachdem ihr Sohn im öffentlichen Kindergarten nicht den Anforderungen entsprach.

Gezeigte Szenen entsprechen nicht der Realität

Die Diskussion über die Freilern-Methode im Stile der Privatschule Dandelion und dem klassischen Unterricht war nicht nur in der «Arena»-Sendung hitzig. Sie verlagerte sich auf Twitter, wo die Entrüstung gross gewesen sei, so Schulleiterin Angela Joerg. Es sei nicht das erste Mal, dass ihre Lehrmethoden für Wirbel sorgten.

Die gezeigten Szenen würden jedoch nur einen Teil des Schulalltags zeigen: «Es geht bei uns nicht darum, dass die Schüler keinen Schulstoff lernen. Unsere Schüler lernen auch – einfach freiwillig. Dass Kinder von sich aus lernen wollen, ist für viele Leute unfassbar. Kinder wollen lernen. Das erleben wir Tag für Tag», erklärt Joerg. «Sollte ein Kind oder Jugendlicher auf Dauer dem Schulstoff ausweichen, sitzen wir zusammen und gehen der Ursache auf den Grund.»

Dass ihr System funktioniert, würden auch Tests wie der Klassencockpit beweisen, die die Schüler ab der 5. Klasse freiwillig lösen können: «Anhand des Cockpit-Test können sich unsere Schüler auch mit anderen Schülern im Kanton vergleichen. Keiner unserer Schüler war ungenügend.»

«Das ist ein Traummodell»

Der Berner SP-Nationalrat Matthias Aebischer bezeichnet das Konzept des individuellen Unterrichts als «Traummodell»: «Ich war so ein schlechter Schüler und wäre gerne in eine solche Schule gegangen. Dadurch hätte ich die Möglichkeit gehabt, mich auf Sachen zu konzentrieren, die mich wirklich interessiert haben.» In seinem Fall vor allem praktische Fächer wie Schreinern und Zeichnen. Der Berner ist überzeugt: «Das Modell des individuellen Unterrichts hat Zukunft.» Kinder lernten zehnmal schneller, wenn sie an etwas interessiert sind.

Trotzdem weist Aebischer darauf hin, dass die Schüler solcher Schulen später vielleicht im Berufsleben auf Schwierigkeiten stossen könnten: «Sie werden einmal verstehen müssen, dass sie nicht immer individuell abgeholt werden können und dass das Leben nicht immer gerecht ist. Viele kommen auf die Welt, wenn sie nicht immer im Zentrum stehen.» Eigentlich wäre das individuelle Lernen auch an öffentlichen Schulen ideal: «Das wäre aber mit hohen Kosten verbunden. Denn auf eine Lehrperson kommen hier 20 Schüler und nicht nur fünf.»

Schule für ein «bestimmtes Klientel»

Gemäss Michael Ruloff, Dozent für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule FHNW sowie Schwyz, sind die Ideen von Freilern-Schulen nicht neu, jedoch immer noch aktuell: «Montessori, Summerhill oder Rudolf Steiner dienen nach wie vor als Identifikationspunkte für alternative Lern- und Erziehungsmethoden.» Aber: «Freilern-Modelle funktionieren eher an Privatschulen. Diese haben mehr gestalterische Freiheiten und somit wohl auch mehr Erfahrungen.»

Ob es funktioniert, kommt stark auf den Hintergrund und die Sozialisation eines Schülers an. An solchen Freilern-Schulen werde ein ganz bestimmtes Klientel angezogen. Ruloff: «Ausserdem kommen vor allem Eltern auf solche Schulen, die ihr Kind auch sonst anders erziehen oder weitere spezifische Bedürfnisse haben. Und auch durch die hohen Gebühren entsteht bereits eine Art Selbstselektion.»

Kein Modell für öffentliche Schulen

Für die öffentliche Schule wäre der Ansatz der Dandelion-Schule zu einseitig, denn nicht jeder Schüler komme mit den Freiheiten klar, sagt auch Samuel Zingg vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. «Ich merke es bei meinen eigenen Schülern: Es gibt solche, die sehr frei lernen und sich selbst organisieren können, und solche, die Struktur und Anleitung explizit wollen und mich alle fünf Minuten fragen, was sie nun machen sollen.» Da die öffentliche Schule für alle Kinder offen sein müsse, brauche es einen gesunden Mix von Methoden.

(qll/the)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ein Mami am 10.04.2018 08:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kindergarten

    Die einzige wirklich tragische und traurige Aussage ist, dass heutzutage ein Kind den Anforderungen im Kindergarten nicht entspricht.

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  • mama40+ am 10.04.2018 08:09 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht alles supi

    Selbst wenn die Kinder das vorgegebene Lernziel erreichen, was sicherlich möglich ist, werden sie doch, wie schon Herr Aebischer gesagt hat, spätestens im Berufsleben auf die Welt kommen. Weil dort ist nicht Arbeiten nach Lust und Laune gefragt, sondern dann, wenn Arbeit da ist. Sie sind nicht gewohnt, mit Druck um zu gehen. Aus diesem Grund hatten wir schon mehrfach Probleme mit Schülern aus der Rudolf Steiner Schule. Sie werden dann als fast Erwachsene ins kalte Wasser geworfen. Die anderen wurden 9 oder 10 Jahre lang langsam an Druck gewöhnt. Das finde ich besser.

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  • Miranda K am 10.04.2018 08:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Leben ist kein Ponyhof

    Ein Schüler, der nur Singen und Klatschen gelernt hat, ist leider in unserer Gesellschaft nicht überlebensfähig.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ein Onkel am 11.04.2018 09:08 Report Diesen Beitrag melden

    Meine Nichte..

    ... geht auf diese Schule. Bin gespannt, was für Chancen sie im Berufsleben hat. Alles was sie sich Zuhause wünscht, erhält sie jetzt immer sofort in den Rachen gestopft. Und wir sprechen da von sehr teuren Sachen. Am Wochenende wird sie immer bei uns abgeschoben, damit man sich ja nicht mit ihr beschäftigen muss und an der eigenen Karriere basteln kann.

  • eintagsfliege am 10.04.2018 21:30 Report Diesen Beitrag melden

    kinder bestimmen den schulalltag

    habe mir den beitrag angeschaut. die schulleiterin/mutter wirkte ziemllich geschafft... da der einzelne schüler nach dem lustprinzip lernen darf/soll, wird es schwierig, den schulalltag zu strukturieren. nach ein paar jahren erfahrung wird sich zeigen, ob sich die schüler zu lebenstüchtigen erwachsenen menschen entwickelt haben.

  • Sev am 10.04.2018 20:39 Report Diesen Beitrag melden

    Geht auch anders

    Als würde an staatlichen Schulen nicht das Lustprinzip regieren! Heutige Anekdote von meiner Schwester, einer Primarlehrerin: Schon um 08.05 Uhr ging ein Schüler auf Konfrontationskurs: Gezwänge vor der ganzen Klasse & Diskussion mit der Lehrerin, weil er persönlich jetzt keine Lust auf Prozentrechnen habe. Ein anderes Mal: Als er an der Reihe ist, kommt ein Schüler nach vorne und teilt allen mit, er hätte einfach keine Lust gehabt, den Vortrag vorzubereiten.

  • leser am 10.04.2018 20:02 Report Diesen Beitrag melden

    man merke sich den Namen

    den Namen muss ich mir merken. also nur für den Fall, dass sich jemand hier für eine Ausbildung oder Job bewerben sollte. denn da ist vorprogrammiert, dass nur gelernt & gearbeitet wird, wenn man sich wohlfühlt, das Thema gefällt, die Sonne scheint, die Vögel nicht zu laut zwitschern usw.

  • Bubie li am 10.04.2018 19:25 Report Diesen Beitrag melden

    Artenschutz durch den Bund finanziert

    Das ergibt dann Menschen, die an irgend einer UNI ein Tschöppli bekommen und so Artenschutz geniessen, weil sie nur auf einem Gebiet etwas zu sagen haben. Mami kauft dann ein Leben lang die Kleider und glättet die Hemden, bis das Bubeli pensioniert ist, den lebensfähig wird er ohne Hilfe nicht sein. Na ja, und sonst halt Komiker, der nicht mal lustig ist, oder Künstler, auch mit Artenschutz durch den Bund finanziert.