Falsche Angaben

18. September 2017 19:42; Akt: 18.09.2017 19:42 Print

Industrie verschleiert Palmöl in Waschmitteln

von B. Zanni - Der Konsumentenschutz kritisiert, dass die Palmöl-Industrie Kunden hinters Licht führe. Es brauche mehr Transparenz.

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Waschmittel enthalten oft Glyceryl oder Stearyl. Dass darin Palmöl steckt, wissen viele Konsumenten nicht. «Die Hälfte der Reinigungs- und Waschmittel sowie der Kosmetika im direkten Schweizer Handel enthalten verschleiertes Palmöl», sagt Regine Schneider, Chemikerin und Geschäftsführerin der Firma Good Soaps. Good Soaps bietet ausschliesslich palmölfreie Reinigungs- und Waschmittel an. Regine Schneider sagt dazu: «Entgegen allen Behauptungen der Detailhändler ist es möglich, mit heimischen Ölen Mittel herzustellen, die eine hohe Reinigungskraft haben.» Ihre Firma bietet das palmölfreie Hand-Geschirrspülmittel ... ... als Alternative zu einem Abwaschmittel von Coop an. Der Kraftreiniger für Küche und Bad enthält kein Palmöl. Der Migros Plus Badreiniger ist dagegen palmölhaltig. Auch das WC ... ... oder den Boden kann man palmölfrei reinigen. Viele alltägliche Lebensmittel enthalten Palmöl. Monokulturen mit Ölpalmplantagen bedecken heute zehntausende Quadratkilometer in Malaysia und Indonesien. Statt Regenwald oder vielfältiger Torfgebiete breiten sich laut Brot für alle Plantagen aus, wie hier auf Kalimantan, dem indonesischen Teil von Borneo. Die deutsche Online-Plattform Utopia, die sich mit nachhaltigem Konsum befasst, zeigt Alternativen zu Palmölprodukten – wie den «Sweet & creamy Caramel»-Riegel von GEPA anstelle des Mars-Riegels ... ... oder die Speick «Natural»-Seife anstelle von Produkten des Konzerns Colgate-Palmolive. In zahlreichen Tütensuppen, Tiefkühlpizzen und Nudelgerichten steckt Palmöl. Besser als eine Knorr-Tomatensuppe ist laut NGOs etwa die Alternative von Alnatura. Wer gerne Prinzen-Rolle mag, aber keine palmölhaltigen Produkte kaufen will, greift besser zu Alnatura-Guetsli. Im Knuspermüesli von Dr. Oetker hat es Palmöl, im Produkt von Alnatura dagegen Bio-Sonnenblumenöl. Die Schoggi von Rapunzel enthält kein Palmöl, Milka-Schokolade dagegen schon. Nocciolata von Rigoni di Asiago gilt als einzige palmölfreie Alternative zum beliebten Nutella-Aufstrich. In vielen Margarinen steckt Palmöl. Der Soyatoo-Tofubutter besteht nur aus Bio-Tofu, Wasser und Sonnenblumenöl. Als palmölfreie Alternative für Waschmittel wie Ariel, Persil, Spee oder Terra Aktiv schlägt Utopia das Eco Saponine Waschmittel von memo vor. «Es reinigt mit Seifenkraut- und Kokostensiden.» Die palmölfreie Tagescrème Quitten von Dr. Hauschka bietet eine Alternative zum Produkt von Nivea. Um mit besserem Gewissen duschen zu können, tauscht man das Dove-Shampoo durch das Speick Organic 3.0 Duschgel aus. In Mascaras und Eyelinern ist oft Palmöl enthalten. Frei von Palmöl sind die Eyeliner von Dr. Hauschka.

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Menschen werden vertrieben, Regenwälder abgeholzt und Böden vergiftet: NGOs warnen vor den «verheerenden Folgen» des Palmölanbaus und fordern alle Schweizer Grossverteiler zu einer Reduktion palmölhaltiger Produkte auf. Denn das Öl steckt in rund jedem sechsten Produkt der Schweizer Geschäfte, wie das Factsheet von Fastenopfer und Brot für alle festhält.

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Sollte Palmöl in Waschmitteln, Reinigungsmitteln und Kosmetika klarer deklariert werden?

Nun erhält das Problem zusätzliche Brisanz. «Die Hälfte der Reinigungs- und Waschmittel sowie der Kosmetika im direkten Schweizer Handel enthalten verschleiertes Palmöl», sagt Regine Schneider, Chemikerin und Geschäftsführerin der Firma Good Soaps. Laut Schneider existieren Hunderte von Inhaltsstoffen, die nicht direkt auf Palmöl schliessen lassen. Der grösste Teil versteckt sich in Emulgatoren. Diese verbinden Fett und Wasser. «Steht Cocos, Glyceryl, Stearyl, Cetearyl, Lauryl oder Decyl auf der Packung, ist Palmöl zu 90 Prozent der Rohstoff.»

«Schlupflöcher für Hersteller»

Schneider macht darauf aufmerksam, dass die Industrie das Palmöl in unterschiedliche Komponenten auftrennt, die einzelnen Bestandteile modifizierte und über 25-mal mischt. «Für die Hersteller öffnen sich somit zahlreiche Schlupflöcher, um das Palmöl nicht als solches zu deklarieren.» So bestehe das als mit «heimisches Öl» angegebene Mittel oft zu 80 Prozent aus Palmöl und nur zu einem verschwindend kleinen Anteil aus beispielsweise Rapsöl.

Die Stiftung Konsumentenschutz will diese Praxis stoppen. «Unternehmen, die Produkte mit verschleierten Palmöl-Inhalten anbieten, führen die Konsumenten bewusst hinters Licht», sagt Josianne Walpen, Leiterin Ernährung und Landwirtschaft. Die Stiftung verlange auch Transparenz auf allen anderen Produkten wie Kosmetika, Reinigungsmittel oder Waschmittel. Umso stossender sei dies, da viele Schweizer empfindlich auf Palmöl reagieren würden. «Sie wissen, dass Palmöl grosse Schäden an Mensch, Tier und Umwelt anrichtet, und verzichten deshalb bewusst auf den Kauf von palmölhaltigen Produkten.» Im Gegensatz zu Gebrauchsgegenständen unterstehen palmölhaltige Lebensmittel in der Schweiz seit 2016 einer Deklarationspflicht.

«Wie sollen Konsumenten davon wissen?»

Der WWF begrüsst, dass Palmöl einer Deklarationspflicht untersteht. «Aber wie soll der durchschnittliche Konsument wissen, dass es sich bei den genannten Inhaltsstoffen um Derivate von Palmöl handelt?», sagt Corina Gyssler, Sprecherin von WWF Schweiz. Es sei deshalb wichtig, dass Unternehmen ihre gesamte Beschaffung vollständig auf nachhaltiges Palmöl, Palmkernöl und Palmölderivate umstellen.«Wer sichergehen will, kauft Bioprodukte ein.» Auch rät sie, die Inhaltsstoffe mit der App Codecheck abzuklären. Diese analysiert die Inhaltsstoffe anhand des Barcodes.

Detailhändler sehen keinen Bedarf nach erweiterter Transparenz. Coop setzt laut Sprecherin Andrea Bergmann auf nachhaltiges Palmöl. «Die Deklarationsfrage ist Sache des Gesetzgebers.» Auch Lidl Schweiz verweist auf die geltenden Gesetze bezüglich Deklarationspflicht. «Wir sind laufend bemüht, bei weiteren Produkten das Palmöl durch andere pflanzliche Öle nach Möglichkeit zu ersetzen», sagt Corina Milz, Leiterin Unternehmenskommunikation von Lidl Schweiz. So habe Lidl zum Beispiel bei seiner Cornflakes-Eigenmarke von Palmöl auf Sonnenblumen- und Rapsöl umstellen können. Migros war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Hat die Forderung nach mehr Transparenz Chancen? Laut dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV sind die Kennzeichnungsanforderungen etwa für Kosmetika mit jenen der EU harmonisiert. «Zusätzliche, von der EU abweichende Kennzeichnungsanforderungen würden ein Handelshemmnis darstellen und die Preise der Produkte dadurch erhöhen», sagt Sprecherin Nathalie Rochat.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mitch F. Young am 18.09.2017 20:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    1000 Artikel mit Palmöl

    Wenn man alle Artikel die Palmöl enthalten ,im Laden entfernen würde, wären 80% der Tablare leer!

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  • Bergtroll am 18.09.2017 20:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was!

    Wir Konsumenten werden getäuscht! Hätte ich nie für möglich gehalten!

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  • Nico Kaufmann am 18.09.2017 20:54 Report Diesen Beitrag melden

    Wird als Diesel verbrannt

    Ihr könnt euch abregen wegen Waschmittel, Nutella und ähnlichem. In der EU werden jährlich 3.35 Millionen Tonnen Palmöl dem "Biodiesel" zugeschüttet, gesetzlich vorgeschrieben, um "die Umwelt zu schützen". Danke an die Grünen und Co2-Fanatiker. Da könnt ihr noch manches Glas Nutella kaufen... Quelle: Europe keeps burning more palm oil in its diesel cars and trucks. Studie von Transport and Environment, November 2016

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Thomas am 08.10.2017 09:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sehe ich richtig

    Sehr viele Deutscheprodukte die schlecht sind..... Komisch... Ist wie, wenn man die Sonnencreme in DE kauft und behauptet sie wäre günstiger.. Dabei hat sie einfach nur die schlechtere Zusammensetzung, wie viele DE Produkte..

  • Walter Hechtler am 19.09.2017 20:21 Report Diesen Beitrag melden

    Palmen Schlecht

    Firma Good Soaps gegen Palmöl. Das ist ja wieder Produkte Platzierung par excellence.

  • Sonst nichts am 19.09.2017 15:59 Report Diesen Beitrag melden

    Rendite

    Also wer kennt denn nicht den Palmöl Äquator der Leuten die Existenz (Land) Durch Grosskonzerne entzieht Auch mit Hilfe von Schweizer Banken Was ist daran neu -wir wollen Rendite

  • Grosspapi am 19.09.2017 13:19 Report Diesen Beitrag melden

    EU als Entschuldigung?

    Als Konsument möchte ich gerne auf Palmöl - egal ob nachhaltig oder nicht - verzichten, insbesondere in Esswaren, aber wenn's geht auch in Waschmitteln etc.. Das ist mühsam und man muss jede Inhaltsdeklaration genau lesen. Wenn mir dann einer erklärt, eine bessere Deklaration gehe wegen der EU nicht, dann bin ich erst recht dafür, eine solche Deklarationspflicht einzuführen.

    • Rapsöl, nein danke am 19.09.2017 18:24 Report Diesen Beitrag melden

      Columbo

      In den allermeisten Fällen wird Palmöl als eine der ersten Zutaten aufgeführt, eher selten in der Mitte oder am Listenende. Manche Hersteller bieten sowohl belastete als auch palmölfreie Produkte an. Von daher kann man nicht alleine nach Marken gehen, man muss schon erst einmal Detektiv spielen, um herauszufinden, welches Produkt aus der Linie des Herstellers geht oder nicht. Man sollte das anfängliche Lesen der Zutatenliste detektivisch spielerisch betrachten, nicht als Belastung. Schon nach kurzer Zeit weiß man, wo man zugreifen kann und das Lesen betrifft nur noch neue Produkte.

    • Palmöl, nein danke am 19.09.2017 18:57 Report Diesen Beitrag melden

      Korrektur

      Ja, Servus... :-) Ich distanziere mich von meinem falsch geschriebenen Nick. Palmöl - nein danke, nicht Rapsöl. Man soll sich halt nicht hungrig im Netz rumtreiben. Ich esse jetzt erst einmal was - Palmölfrei, das ist sicher.

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  • A. Meier am 19.09.2017 10:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ACHTUNG

    Palm Öl ist nicht gleich Palmkernöl ist nicht gleich Cocos Öl.