Möchtegern-Italos

06. März 2018 22:07; Akt: 06.03.2018 22:07 Print

«Schweizer Klischees gelten eher als bünzlig»

von B. Zanni - Warum fällt es Schweizern so schwer, ihre Nationalität zu zelebrieren? Weil sie an Bauern auf dem Berg denken würden, sagt ein Sozialpsychologe.

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Herr Samochowiec, haben Schweizer im Entferntesten italienische Vorfahren oder sehen sie in ihrem Verhalten Parallelen zu italienischen Klischees, inszenieren sie sich gern als «Italo». Warum hängen sie ihre vermeintliche Italianità gleich an die grosse Glocke?
Die Klischees unterscheiden sich diametral. Italiener gelten als passioniert, aber nicht besonders gut organisiert. Schweizer gelten als gut organisiert, dafür aber als eher kühl. Und tatsächlich ist ein besonders emotionaler Patriotismus in unserer viersprachigen Schweiz selten.

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Gemeinsame Mythen und Heldendenkmäler gibt es vergleichsweise wenig. Wir verbinden eher abstrakte Werte mit der Schweiz, etwa Vielfalt oder Neutralität. Wer sich in der Schweiz als Italiener sieht, kann sich mit der emotionalen Seite, mit «la dolce vita», abheben. Gute Organisation und Pünktlichkeit sind eher kühl und mit Bünzligkeit assoziiert.

Aber warum arbeiten Schweizer nicht gegen dieses Image, indem sie sich ihrer Erfolge – Uhren, Schokolade und Käse – rühmen?
Das sind sehr vergangenheitsbezogene Heidi-Bilder. Denken die Schweizer an ihre Vergangenheit, haben sie Bauern auf dem Berg im Kopf, was vielen nichts sagt. Denken die Italiener an ihre Vergangenheit, löst dies positivere Gefühle aus. In den Sinn kommen ihnen Rom, die Antike, die Renaissance, die die Welt geprägt haben.

Selbst SVP-Hardliner, die genau diese Schweizer Traditionen hochleben lassen, eifern den Italienern nach. «Familienfeste wie in Italien. Ich oben dran, ein grosser Tisch voller Leute» – das sei immer sein Traum gewesen, verriet zum Beispiel Adrian Amstutz. Ist das nicht paradox?
Nein. Die Italiener legen mehr Wert auf die Familie als die Schweizer. Für einen konservativen Politiker ist ein Familienbezug besonders wichtig und spricht für Traditionsbewusstsein. Aber natürlich ist das Rosinenpickerei. Denn egal ob SVP-Hardliner oder nicht – mit den Nachteilen einer Nation will man ja nichts gemeinsam haben.

Auch andere Nationen haben verlockende Traditionen. Warum aber zieht kaum ein Schweizer mit deutschen Vorfahren eine solche Show ab?
Italien ist als Ferienland für die Schweizer mit positiven Gefühlen verbunden. Sie denken an Sonne, Strand, Meer und an das gute Essen. Italien ist ein Image, eine sehr emotionale Marke. So haben Schweizer auch weniger Mühe aufzuzählen, was typisch italienisch ist, als was typisch schweizerisch ist.

Früher verbargen Italo-Schweizer ihre Herkunft lieber, um sich die Job-Chancen nicht zu verbauen. Ist das heute nicht mehr nötig?
Nein. Die Italiener haben sich vollständig integriert. In wenigen Jahren könnten auch die Secondos aus dem Balkan von manchen Schweizern beneidet werden. Zudem erweitert die Globalisierung unser mentales Gärtchen.


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Frau Meier am 07.03.2018 00:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Offenheit

    Seien wir doch ehrlich: wenn ein Schweizer sich offen patriotisch zeigt, wird er als rechtsextrem, rassistisch oder sonstwie verurteilt.

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  • Martin am 06.03.2018 22:31 Report Diesen Beitrag melden

    Wegen den Linksextremen

    Wenn heute jemand sagt "ich bin Schweizer" so reicht das alleine schon damit die Linken "Rassist" zurückrufen. Wir leben in einer landesweiten Selbstverleugnung an der selbst am 1. August nicht mehr jeder traut eine Fahne aus dem Fenster hängen zu lassen.

  • CptMcROFLcopter am 07.03.2018 00:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was für ein Schwachsinn

    Ich denke nicht zuerst an Bergbauern (obwohl ich das überhaupt nicht schlimm finde), sondern an die Schweizer Reisläufer. Meine Vorfahren kämpften nachweislich bei Marignano, bei Dreux, in den Burgunderkriegen. Was soll ich da neidisch sein auf das antike Rom? Als Schweizer darf man ruhig stolz sein.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Kein Schweizer am 07.03.2018 14:42 Report Diesen Beitrag melden

    Aber seit Geburt Basler

    Einer meiner liebsten Stärken den ich an Schweizer sehe ist, dass trotz offensichtliches Übermacht in Bezug auf Geld und Know-How, trotzdem Gentlemans bleiben und bereit sind jeden zu helfen welche man kann. Wir haben in Basel viele Kulturen. Ich versuche von jedem Menschen das Gute abzulesen und gleich zu tun. Ich glaub kein anderes Land ist für so viele verschiedene Völker ein Vorbild in dieser Grösse wie die Schweiz. Meines erachten dürften die Schweizer mehr stolz darauf sein und sich dieser Verantwortung ruhig auch mal als Lorbeere ansehen

  • Karl Nickel am 07.03.2018 13:36 Report Diesen Beitrag melden

    stolz drauf

    Die Urschweizer sind Bauern das ist nun mal so. Das fängt schon beim Buuredeutsch an. Man kann sich nicht hinter einer anderen Kultur verstecken die mab eigentlich verspottet oder nur als billige Arbeitet sieht!

  • CH_BUERGER am 07.03.2018 13:33 Report Diesen Beitrag melden

    Schämen, Schweizer zu sein

    Mit der heutigen Regierung schäme ich mich beinahe, Schweizer zu sein! Wird immer schlimmer in unserem Land. Ich war einmal sehr stolz auf meinen roten Schweizer Pass, heute leider nicht mehr wie früher.

  • Cornel Müller am 07.03.2018 13:22 Report Diesen Beitrag melden

    Ähm ist doch klar?

    "Warum fällt es Schweizern so schwer, ihre Nationalität zu zelebrieren?" Nun ja, villeicht weil man dann ein Rassist ist?

  • Tarome am 07.03.2018 13:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    In erster Linie bin ich...

    ... einfach ein Mensch. Auf Papier bin ich Schweizerin seit Geburt, jedoch suche ich bei mir das Bünzlige und etwas kühle Verhalten. Ich finde es sogar Furchtbar wenn ein Psychologe, aus meiner Sicht ein Schubladen denken anwenden möchte. Wie gesagt in erster Linie bin ich Mensch. Und was ich bin und wie ich bin hat nichts mit meiner Nationalität zutun.