Experten kritisieren Prävention

25. Mai 2014 13:31; Akt: 25.05.2014 13:31 Print

Kampagne gegen fettes Essen schadet Kindern

Präventionskampagnen über gesunde Ernährung schaden mehr als sie nützen, warnen Experten. Die Thematisierung von Übergewicht könne bei Kindern sogar eine Essstörung hervorrufen.

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Die Schweizer sind zu dick. 50 Prozent der Erwachsenen und jedes fünfte Kind sind übergewichtig. Gegen diese Tatsache kämpfen die Gesundheitsbehörden seit Jahren. Mit Plakatkampagnen und Informationsbroschüren versuchen sie vor allem Kinder und Jugendliche auf die Gefahren von Übergewicht und ungesunder Ernährung aufmerksam zu machen. Rund 150 Projekte laufen heute schweizweit.

Aber Präventionsprogramme sind häufig sinnlos oder sogar schädlich, warnt das Experten-Netzwerk Essstörungen Schweiz in seinen diese Woche veröffentlichten Empfehlungen, wie die «NZZ am Sonntag» schreibt. Die Organisation hat internationale Studien zur Wirksamkeit von Präventionskampagnen untersucht und vertieft analysiert. Die Befunde zeigten, das Präventionskampagnen, die darauf abzielen, das Essverhalten von Kindern und Jugendlichen zu verbessern, nichts nützten, so Erika Toman, Präsidentin des Netzwerks. Im Gegenteil: Die Thematisierung und Problematisierung von Ernährung im Kindesalter könne sogar erst recht zu einer Essstörung führen.

Untergewicht ist schädlicher als Übergewicht

Nicht nur das Übergewicht, sondern auch sonstiges krankhaft gestörtes Essverhalten seien heute in der Schweiz weit verbreitet, sagt Toman. «Die meisten Kampagnen fokussieren aber nur auf Übergewicht.» Essstörungen seien jedoch schädlicher als etwa ein leichtes Übergewicht, von dem heute sogar wisse, dass es die Lebenserwartungen eher erhöhe. «Untergewicht schadet der Gesundheit hingegen deutlich.»

Die Gesundheitsförderung Schweiz hat mit einer grossen Kampagne dem Übergewicht von Kinder und Jugendlichen den Kampf angesagt. Überdimensional grosse Davoser Schlitten und Kindervelos mit XXL-Sitzen waren auf den Plakaten abgebildet. Darunter stand in grossen Buchstaben: «Die Schweiz wird immer dicker» und etwas kleiner: «Es braucht wenig, um viel zu ändern». Eine Fehlleistung, sagt das Netzwerk für Essstörungen: Mit Präventionskampagnen, die auf Übergewicht und ungesunde Ernährung als Problem hinweisen, verunsichere man die Zielgruppe zusätzlich, so Toman. Die meisten Betroffenen seien sich sehr wohl bewusst, dass sie zu dick seien, nur schon, weil sie täglich damit konfrontiert würden, dass sie das in der Gesellschaft gültige Körperideal nicht erfüllten. Zu behaupten, es brauche wenig, um etwas zu ändern, sei ebenfalls ein Schlag ins Gesicht der Betroffenen: «Jeder, der schon einmal versucht hat, ein paar Kilos loszuwerden, weiss, dass dies nicht ganz einfach ist.»

«Prävention muss früh beginnen»

Wie aber soll das Thema Übergewicht mit Kindern besprochen werden? «Gar nicht», sagt Toman. Die Thematisierung von Essen bei Kindern unter 12 Jahren sei kontraproduktiv. Auch im Kindergarten und der Primarschule seien Lehrmittel unnötig, die Ernährung problematisierten. Von diesen gibt es aber einige. Ein Beispiel ist das «Nutrikid»-Lehrmodul für Fünf- bis Siebenjährige, empfohlen von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE). Dabei lernen die Schüler, wie lange sie Velo fahren müssen, um den Energiegehalt eines Apfel zu verbrennen. «Prävention und Gesundheitsförderung beim Ess- und Bewegungsverhalten muss früh beginnen», sagt SGE-Geschäftsführer Christian Ryser. Informationen über ausgewogenen Ernährung sei besonders für benachteiligte Kinder und Jugendliche wichtig. Wie sich Präventionskampagnen auf die Zielgruppe auswirkten, sei schwer messbar, man habe aber beobachtet, dass sich die Verbreitung von Übergewicht bei Kindern in den letzten Jahren zu stabilisieren scheine.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

So mal ein Beispiel: Mein Vater ist Hausarzt und wenn er den Eltern von stark übergewichtigen Kindern sagt ihre Kinder seien zu Dick und sollten es vielleicht mal mit gesunder Ernährung versuchen und Sport treiben gehen sie ihm an die Gurgel. Sie drohen ihm und werden zum Teil gewaltätig. Aber genau die Kinder kommen dann 10 Jahre später wegen Herz/Hüft und Knieproblemen wieder und man muss sie schon mit 25 Jahren mit Medis und Operationen am leben erhalten. Ich will nicht gegen alle dicken Menschen hetzten aber auf einen grossen Teil trifft dies zu. Schönen Sonntag noch... – Ärztesohn

Das Ziel dieser Kampagne sollte nicht sein die Kinder zu sensibilisieren, sondern Eltern mehr dazu bringen, sich mit dem Thema Ernährung auseinander zu setzen. Ich finde es ist wichtiger zu wissen, was man isst und wie viel davon nicht zu Übergewicht führt. Bewussteres und nach Mass geregeltes Essen sollte das Ziel sein. Wenn die Eltern sich "gesünder" Ernähren, dann tun es die Kinder auch. Daher finde ich es auch Sinnvoll Eltern/Erwachsenen Kurse anzubieten, die das Thema Ernährung Schrittweise heran führt und wie man es umsetzt. Eltern sind die Vorbilder der Kinder und nicht umgekehrt. – Michael.K

Vor allem vormachen, liebe Eltern. Selber auch Salat und Gemüse essen zu den Mahlzeiten, nicht nur die Kinder dazu auffordern. Und dann die Kinder auch machen lassen, z.B. sie mit dem Velo oder zu Fuss zur Schule gehen lassen, anstatt sie hin zu fahren oder Schulbusse zu organisieren. Damit schlägt man übrigens grad zwei Fliegen mit einer Klappe: Neben dem gesundheitlichen Aspekt ist auch der soziale Faktor eines "Schulweges", der einem Kind viel für's Leben bringt, nicht zu unterschätzen! – Lehrerin

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Lucy am 26.05.2014 06:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie wärs

    mit einer Kampagne die kinder dazu aufruft weniger am handy und PC zu spielen, dafür mehr draussen????

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  • Leonie am 26.05.2014 06:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zufrieden anstatt in der Norm

    Wer genau entscheidet nochmal über das idealmass? Die Werbung? Die Modemacher? Die Blicke der anderen? Der BMI? Die glossy Papers? Teile mein Büro mit 4 Frauen wovon drei um die Wette hungern, alle knochendünn sind und keine zufrieden. Echt bedenklich. Dünn ist nicht gleich zufrieden. Und wäre zufrieden mit seinem Körper nicht das höhere Ziel?

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  • Schnägg am 26.05.2014 06:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sehr dünn

    Wir haben 2 kinder bald 7 und 9. beide kinder sind enorm untergewichtig. Beide knappe 20 kilos. Sie essen und essen, gesund wie auch mal ungesund. Keiner der beiden nimmt zu. Organisch ist alles ok bei den beiden. Leider hören wir immer wieder dass unsere kinder krank sind und bekommen nichts zu essen. Das ist auch nicht gerade schön für unsere kids und für uns eltern auch nicht. Unser kleiner kann gut 5 joghurts aufs mal essen. Unsere kinder ind täglich draussen,in bewegung. Mein mann und ich sind beide mollig. Nicht jedesmal wenn eltern dick sind, werden oder sind es kinder auch.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Andy Kaufman am 26.05.2014 21:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eltern tragen Verantwortung

    Die Eltern sind nun mal verantwortlich für ihre Kids! Was Hänschen nicht lernt, dass lernt auch Hans nimmer mehr...und gesunde Küche ist halt auch ein wenig aufwändiger als MC'Donalds! Vielleicht sollten die Eltern auch dafür mal Zeit aufopfern und sich mit der Ernährung ihrer Nachkommen sorgen!

  • Tüechlidrugger am 26.05.2014 20:25 Report Diesen Beitrag melden

    gut gemeint

    liebe lucy (und der rest der lieben mitmenschen). mein stiefsohn ist leicht übergewichtig, er kam aber schon als riese auf die welt. ich habe ihm das gamen am pc nie verwehrt, ich forderte ihn nie auf sich das fahrrad oder skateboard zu greifen um sich abzureagieren, er tat es von selbst. ist das nicht wundersam? sein leichtes übergewicht blieb aber trotz viel bewegung und frischer luft. wie gesagt er wurde so geboren. ihn auf den bmi zu trimmen wäre totsicher kontraproduktiv gewesen, stattdessen hält er SEIN gewicht und braucht nicht mal darüber nachzudenken wie.

  • Tinu Reznej am 26.05.2014 13:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fettleibigkeit

    Auf die Schulter klopfen und die Fettleibigkeit nicht kritisieren ist ja wohl, was diese Psycholgin für besser hält? Diese Menschen haben besseres verdient, nämlich die Konfrontaion und danach die professionelle Hilfe mit ihrem Problem salutorisch umgehen pzu können.

  • Markus Meier am 26.05.2014 09:36 Report Diesen Beitrag melden

    Frustration!

    Da frisst ein dünner alles, was vor seinen Mund kommt und er bleibt dünn. Andere nehmen schon nur vom zusehen zu! Sie verichten sogar auf diese "Desserts" und das seit Jahren! Und in den Kampagnen wird gepredigt, sie sollen endlich beginnen und gesünder essen! Und da soll man nicht frustriert sein?

  • Silvan am 26.05.2014 08:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Man kann es schaffen

    Ich wurde als Kind zuhause wohl auch falsch ernährt und war in der 9. Klasse über 100kg. Wurde gehänselt, auch gemobbt worden. Das führte bei mir noch zu psychischen Problemen, was zu noch mehr Esssüchten führte. Als ich dann einfach nicht mehr konnte, ging ich zum Arzt und der wies mich zu einem Ernährungsberater. Heute bin ich 24J. bei 1,76m noch knapp 82 kg. Fahre viel Bike oder mache sonst Velotouren, schwimme und habe das Essen voll im Griff. Manchmal braucht es jemanden, an dem man sich halten kann und es einem Vertrauen gibt, es noch besser zu machen. Dafür haben meine Eltern ihre Gewichtsprobleme, haben sonstige Leiden, was mit dem Gewicht zurück zu führen ist. Habe vor 3 Monsten meine erste Freundin kennengelernt, und sie macht mir richtig Mut, gehen beide Nordic Walking machen, Velofahren, Wandern, Skifahren..... . Bin glücklich jemand wie sie gefunden zu haben, das man abgöttisch liebt dazu.