Bleiberecht dank Kind

23. Mai 2018 05:54; Akt: 01.06.2018 06:35 Print

Unter Flüchtlingen kursiert ein falsches Baby-Gerücht

von Qendresa Llugiqi - Ungewollte Schwangerschaften bei minderjährigen Asylbewerberinnen behindern laut Exil-Eritreerinnen die Integration. Nun wollen sie aufklären.

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Die Eritrean Diaspora Academy möchte Exil-Eritreer darin unterstützen, «aktive und empanzipierte Mitglieder der Schweizer Gesellschaft» zu werden. So organisierte die EDA Spring School einen Projektleiterstudiengang. Luwam Kibrom (19) ist eine ehemalige unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA), die an dem Studiengang teilnahm. Zusammen mit zwei weiteren Eritreerinnen plant Kibrom eine Kampagne, bei der ehemalige UMA-Mädchen Aufklärungs- und Empowerment-Arbeit unter jungen Flüchtlingen leisten. Kibrom sagt: «Als Flüchtling erreiche ich die Betroffenen am besten.» In einem ersten Schritt sollen die Freiwilligen von Fachleuten ausgebildet werden, bevor sie in den Frauentreffs und Asylzentren das Thema offensiv ansprechen. Neben der Kampagne sind auch vier weitere Projekte geplant. Eines sieht die Erstellung eines Youtube-Kanals vor. Dadurch möchte man Informationen über Integration verbreiten und den Meinungsaustausch fördern. Als weitere Projekte sind eine Mütter- und Väterberatung für eritreische Eltern von eritreischen Eltern, die Integrationsunterstützung und -beratung von eritreischen Brückenbauer für Gemeinden, Schulen, Polizei und Integrationsangeboten von Eritreern und ein Kunstatelier für Junge eritreische Kunstschaffende zur Etablierung der eritreischen Kunstszene in der Schweiz vorgesehen. Die Ideen sind während des Projektleiterstudiengangs der EDA Spring School entwickelt worden. 30 Eritreer und Schweizer aus über zehn Kantonen mit unterschiedlichsten Aufenthaltsbewilligungen lebten für acht Tage in einem Pfadiheim in Winterthur. Die Teilnehmer waren im Alter von 17 bis 60 Jahren. Der Altersdurchschnitt lag bei 25 Jahren.

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«In meiner damaligen WG lebten insgesamt zwölf Frauen, davon sieben Eritreerinnen. Die anderen waren Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Somalia und Tibet», sagt die heute 19-jährige Luwam Kibrom, die vor zweieinhalb Jahren aus Eritrea in die Schweiz flüchtete – wie ihre Kolleginnen ohne ihre Eltern. «Drei Bewohnerinnen, alle minderjährig, wurden schwanger. Zwei davon stammten aus Eritrea.»

Die Schwangerschaften seien allesamt ungewollt gewesen, sagt Kibrom: «Als meine WG-Kolleginnen es erfuhren, waren sie schockiert. Mit der Zeit akzeptieren sie es aber.» Für die werdenden Mütter bedeutete dies, dass sie die WG verlassen mussten. Die Väter seien selbst minderjährige Asylsuchende gewesen. Kibrom lebte ein Jahr lang in dieser WG. Nun teilt sie sich eine WG mit zwei Schweizerinnen.

Freiwillige sollen Thema offensiv ansprechen

Unklar ist, wie häufig solche ungewollten Schwangerschaften von unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden – kurz UMA – sind: Das Staatssekretariat für Migration (SEM) führt keine entsprechende Statistik. Klar ist einzig: In der Schweiz brachten Asylbewerber im vergangenen Jahr 3138 Babys auf die Welt. Davon waren 1315 eritreischer Herkunft.

Das Problem ist aber offenbar virulent: Exil-Eritreerinnen der Organisation Eritrean Diaspora Academy planen nun eine Kampagne, bei der ehemalige UMA-Mädchen Empowerment-Arbeit unter jungen Flüchtlingen leisten. «Als Flüchtling erreiche ich die Betroffenen am besten», sagt Kibrom, die sich im Projekt engagiert. In einem ersten Schritt sollen die Freiwilligen von Fachleuten ausgebildet werden, bevor sie in den Frauentreffs und Asylzentren das Thema offensiv ansprechen.

Das Projekt sei sehr wichtig, sagt Kibrom, denn ungewollte Schwangerschaften bei Teenager-Flüchtlingen behinderten die Integration: «Die meisten werdenden Mütter können kaum eine Landessprache, haben hier keine Schule besucht. Sie legen sich selbst Steine in den Weg. Das ist schade.» Kibrom selbst besucht die 10. Klasse an der Berufs-, Fach- und Fortbildungsschule Bern.

«Sie haben Angst, als Schlampe abgestempelt zu werden»

«Die Teenager-Schwangerschaften machen die Integration noch schwieriger. Viele junge Mütter sind komplett überfordert», sagt auch Fana Asefaw, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Clienia Littenheid AG in Winterthur. Die Deutsch-Eritreerin arbeitet mit jungen Asylsuchenden zusammen und kennt das Problem aus der Praxis. Laut ihr werden gerade Flüchtlingsmädchen mit christlichem oder muslimischem Hintergrund aus Eritrea häufig ungewollt schwanger.

«Offiziell dürfen Eritreer keinen Sex vor der Ehe haben», sagt Asefaw. «Zudem wird das Thema Sexualität sehr tabuisiert. Aufklärung ist vor allem Sache der Schule. Sonst findet kaum ein Austausch statt. Viele Mädchen trauen sich deshalb nicht, offen mit ihrem Partner über Verhütung zu sprechen, geschweige denn ein Kondom mitzutragen. Sie haben Angst, sonst als Schlampe abgestempelt zu werden.»

Keine Strukturen

Auch falle hier die Kontrolle durch die Gesellschaft weg, so Asefaw. «Die Eltern sind nicht da, um klare Strukturen vorzuleben oder einen zu beschützen. Zudem fehlen den Minderjährigen die Traditionen, an denen sie sich festhalten können.» Anders als bei anderen Flüchtlingen hätten die jungen Eritreer hier kaum Verwandte, die die Eltern ersetzen könnten.

Laut Asefaw verschärft auch der langwierige Asylprozess die Situation: «Die Minderjährigen haben keine Tagesstruktur, wissen nicht, was sie mit sich anstellen sollen. Auch sind sie sehr unsicher, was ihre Zukunft hier betrifft. Halt finden sie bei Jungs aus ihrem Heimatland. Dadurch machen sie auch einmal eher das, was die Jungs von ihnen verlangen.»

Sprachkurse für Schwangere

Wie es beim Kanton Luzern heisst, ist möglicherweise das unter Flüchtlingen kursierende Gerücht, ein Baby erhöhe die Asylchancen, ein Grund für die allgemein hohe Geburtenrate bei Frauen im Asylprozess (siehe Box). Laut dem SEM erfolgt beim Eintritt in ein Empfangszentrum für alle Asylsuchenden eine Eintrittsinformation, wo unter anderem über die Risiken von sexuell oder durch Blut übertragbare Krankheiten informiert wird. «In diesem Rahmen werden Präservative abgegeben. Auch sonst haben die Asylsuchenden natürlich jederzeit die Möglichkeit, Präservative zu erhalten, sagt SEM-Sprecher Lukas Rieder.

«Themen wie Verhütung, Schwangerschaft, Abtreibung und weibliche Genitalverstümmelung werden auch in der Integrationsförderung aktiv angesprochen.» Auch gebe es in verschiedenen Kantonen Sprachkurse für schwangere Migranten mit kleinen Kindern.