Ernährungstrend

01. Juni 2016 09:59; Akt: 27.06.2016 08:45 Print

Keine Lust zu kochen – Schweizer essen flüssig

von J. Hoppler - Kochen war gestern: Bequeme oder gestresste Leute ernähren sich immer häufiger mit Flüssignahrung, insbesondere die Schweizer.

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Kochen war gestern. Immer häufiger greifen Schweizer zu Flüssignahrung. Habe man sich anfänglich auf Geschäftsmänner fokussiert, kauften heute von Studenten bis zu Pensionierten und Militärs verschiedenste Bevölkerungsgruppen Pulvernahrung. Ernährungswissenschaftlerin Sonja Ricke glaubt, dass die Menschen in hundert Jahren vor lauter Leistungsdruck und Zeitmangel nur noch am Wochenende kochen werden. «Wir befinden uns in einer Zeit der Technisierung der Ernährung. Weg von natürlicher Kost hin zu verarbeiteten Lebensmitteln.» Bei der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährungsfragen betrachtet man den Trend zu den Fertigmahlzeiten äusserst kritsch: «Essen nicht mehr wahrzunehmen, sondern nur noch gemixt schnell runterzuschlucken, hat nichts mehr mit Esskultur zu tun.» Wolle sich zudem jemand zu hundert Prozent von solchen Produkten ernähren, sollte die Nährstoffbilanz genau betrachtet werden, sagt Sprecherin Steffi Schlüchter. Weniger Aufwand, mehr Zeit, mehr Geld - so wirbt der Hersteller von Joylent in einem YouTube-Video für seine Variation der flüssigen Nahrung. Laut dem CEO des niederländischen Herstellers Queal, Floris Wolswijk, wird Flüssignahrung in Europa und besonders auch der Schweiz immer populärer. Die Lagerbestände bei Queal sind voll, die Flüssignahrung steht zur Auslieferung bereit. Die verschiedenen Produkte bestehen meist aus einem Gemisch pflanzlicher Bestandteile. Hier die Ingredienzen, die Ambronite für die Herstellung seines Pulvers verwendet.

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Beutel aufreissen, Inhalt mit Wasser anrühren und runter damit. Die Ernährung mit Flüssignahrung boomt. «Ich habe nie gern gekocht. Dass ich das als Arbeit empfunden habe – und das Drumherum auch: einkaufen, aufbewahren, drüber nachdenken –, hat dazu beigetragen, dass ich jetzt Ernährung von Essen trenne», erzählt ein Konsument von sogenanntem Liquid Food in einem Internetforum. Wenn er heute essen gehe, dann aus sozialen Gründen oder Appetit.

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Ursprünglich wurde Flüssignahrung für die Raumfahrt entwickelt, vor einigen Jahren entdeckten sie gestresste Programmierer aus dem Silicon Valley für sich. Die Pülverchen verschiedener europäischer Hersteller werden laut NZZ Campus seit kurzem auch in die Schweiz geliefert. Produkte wie Joylent, Queal, Huel, Compleat, Mana, Ambronite oder Jake: Sie alle versprechen für zwei bis vier Franken pro Portion ein Leben ohne mühsames Kochen – und eine Versorgung des Körpers mit allen Nährstoffen, die er braucht. Mit den Worten des Compleat-Herstellers Nu3: «Von diesem ‹Smart Food› kann man sich wochenlang ohne Mangelerscheinungen ernähren – theoretisch.»

Geschäftsmänner, Studenten und Mütter essen flüssig

Die aus verschiedenen pflanzlichen Nahrungsmitteln zusammengesetzten und mit Wasser angerührten Produkte werden laut dem CEO des niederländischen Herstellers Queal, Floris Wolswijk, immer populärer. Seit Verkaufsstart vor zwei Jahren seien eine Million Portionen im europäischen Raum verkauft worden. In der Schweiz hätten sich die Verkaufszahlen seit einem Jahr gar verdoppelt, genaue Zahlen will er allerdings nicht nennen. Auch die anderen Anbieter bestätigen: Im Verhältnis zur relativ kleinen Wohnbevölkerung verkaufe man hier besonders viel Pulvernahrung. Möglicherweise aufgrund des hohen Bildungsniveaus und Lebenstandards, heisst es seitens des Jake-Herstellers.

Ursprünglich hätten sie es auf beschäftigte Geschäftsmänner abgezielt gehabt, sagt Hersteller Huel. Seitdem habe sich ihre Käuferschaft aber massiv erweitert: «Studenten, Sportler, Mütter, Pensionierte, Backpacker, Militärs und Festivalgänger – es scheint, als ob es keine Gruppe gäbe, die nicht auch auf Flüssignahrung zurückgreift.» Der typische Kunde habe kein Kochtalent, wolle aber trotzdem optimal mit allen Nährstoffen versorgt sein.

«Das hat nichts mehr mit Esskultur zu tun»

Auch die diplomierte Ernährungsberaterin Sonja Ricke stellt fest, dass immer häufiger auf Flüssignahrung zurückgegriffen wird: «Vor allem junge Leute finden es cool, wenn sie keine Zeit mehr fürs Essen verlieren müssen.» Sie selbst würde zwar zur Ernährung nicht auf Pülverchen zurückgreifen wollen, finde das aber nicht grundsätzlich bedenklich. Allerdings, sagt Ricke, könne sie sich gut vorstellen, dass die Menschen in hundert Jahren vor lauter Leistungsdruck und Zeitmangel nur noch am Wochenende kochen würden. «Wir befinden uns in einer Zeit der Technisierung der Ernährung. Weg von natürlicher Kost, hin zu verarbeiteten Lebensmitteln.»

Bei der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährungsfragen (SGE) betrachtet man den Trend zu den Fertigmahlzeiten äusserst kritisch: «Essen nicht mehr wahrzunehmen, sondern nur noch gemixt schnell runterzuschlucken, hat nichts mehr mit Esskultur zu tun.» Wolle sich zudem jemand zu hundert Prozent von solchen Produkten ernähren, sollte die Nährstoffbilanz genau betrachtet werden, sagt Sprecherin Steffi Schlüchter. Seitens der SGE plädiert man ausserdem vehement für die Einhaltung von Pausen bei der Einnahme von Mahlzeiten. Sie wären, zum Beispiel über Mittag, auch sozial betrachtet bedeutend.

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Alle nötigen Nährstoffe in einem Shake? So wirbt Hersteller Joylent in einem Video für seine Pulvernahrung.


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Koch am 01.06.2016 10:06 Report Diesen Beitrag melden

    Schleichwerbung?

    Ein weiterer Trend der keiner ist.

  • Chillbox am 01.06.2016 10:08 Report Diesen Beitrag melden

    das kannst du dem Urs verzellen

    von den ca 300 Leuten, welche ich kenne, kenne ich keinen, der dies macht... wo habt ihr diese Leute gefunden? in einer Community in welcher 40% sich so Ernähren und habt auf die Schweizer Bevölkerung hochgerechnet? Sehr markant...

    einklappen einklappen
  • Werner am 01.06.2016 10:07 Report Diesen Beitrag melden

    Jeder wie er möchte

    Jeder wie er möchte. Meine Pommes und mein Steak vom Grill sehen aber sicher besser aus. Zudem riecht es auch sicher besser.

Die neusten Leser-Kommentare

  • SueR am 02.06.2016 21:51 Report Diesen Beitrag melden

    nur als Zwischenlösung

    Ich warte nur noch auf den Moment bis wir alle vor einem Baum oder einem Feld stehen werden und keine Ahnung mehr haben, wie man so etwas zubereitet. Als Mahlzeitenersatz, ist diese Flüssignahrung ja sicherlich nicht schlecht, doch möchte ich keinesfalls auf das Einkaufen, z.T. auf dem Markt, dann das Zubereiten und Geniessen einer richtigen Mahlzeit verzichten. Soll man in Zukunft Freunde auf eine Flüssignahrung zu sich einladen??

  • rabe68 am 01.06.2016 21:09 Report Diesen Beitrag melden

    Das wäre für mich eine Strafe

    Gelegentlich wär das ja ok -im Anschluss an eine Kieferoperation zum Beispiel-. Ich kann es zwar nicht belegen, aber ich stelle mal die Behauptung auf, dass der Kauapparat bei dauerndem Konsum von Flüssignahrung Schaden nehmen kann. Hinzu kommt, das in dieser Nahrung bestimmt garnichts natürliches mehr drin ist. Ganz zu schweigen vom sinnlichen Erlebnis des Essens, - nicht zuletzt dem sozialen Aspekt.

  • trix am 01.06.2016 19:23 Report Diesen Beitrag melden

    ach ja

    Bei mir gibt es morgens und mittags ein Schüttelbecher und abends wo ich kochen darf für meinen Mann gibt es eine kleine Portion,fürmich stimmt es so da auch das gewicht so im normalen Bereich bleibt.

  • Hessin am 01.06.2016 19:12 Report Diesen Beitrag melden

    Essen ist...

    ... Genuss. Gesellschaftliches Miteinander. Erfreuen an Optik und Geruch einer feinen Speise. Stellt euch pürriertes Steak vor. Wer will denn bitte so was?

  • Bünzli Theophil am 01.06.2016 18:47 Report Diesen Beitrag melden

    besser nicht

    das einzige wo ich flüssig esse ist Wasser und Wein