ADHS-Verdacht

22. Februar 2018 05:53; Akt: 22.02.2018 05:53 Print

Lehrer schicken auffällige Schüler zum Hirn-Check

von B. Zanni/S. Ehrbar - Viele Schüler müssen wegen Verdachts auf eine Aufmerksamkeitsstörung zur Hirnstrom-Messung. Das verunsichert und kränkt die Eltern.

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Der Kopf ist verkabelt. Die Elektroden an der Gummihaube auf dem Kopf des Patienten messen jede Aktivität des Gehirns und zeichnen sie auf einem Bildschirm auf. Solche Hirnstrommessungen oder Elektroenzephalogramme (EEG) lässt mittlerweile eine Vielzahl von Kindern über sich ergehen. Damit wird abgeklärt, ob sie an einer Aufmerksamkeitsstörung wie ADHS leiden (siehe Box).

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«Wir stellen eine steigende Nachfrage fest», sagt Nadja Meier, Neuropsychologin in der psychiatrisch-psychologischen Praxis Psy-Bern. «Die Erkenntnis, dass etwa Konzentrationsprobleme in der Schule mit neurobiologischen Auffälligkeiten zusammenhängen, hat sich je länger, je mehr auch in der Bevölkerung etabliert.» Auch Elena Arici, Geschäftsführerin der Praxis Lernwerk, bestätigt: «Jährlich nimmt die Nachfrage nach Neurofeedbacks um zehn Prozent zu.»

«Verdacht ist oft unbegründet»

Das ist nicht unproblematisch. Der klinische Psychologe und Psychotherapeut Francois Gremaud empfängt immer wieder aufgelöste Eltern. «Vor der Abklärung braucht es sehr viel Beziehungsarbeit», sagt er. Rate die Schule zu einer Hirnstrommessung, sei das für manche Eltern ein Schock. «Das Gehirn ihres Kindes untersuchen lassen zu müssen, kränkt sie und lässt manche zu Unrecht sogar glauben, ihr Kind sei behindert und müsse in eine Sonderschule wechseln.»

Oft stelle sich der ADHS-Verdacht als unbegründet heraus, sagt Gremaud. «Auffällig verhält sich das Kind, weil die Eltern ihm zu wenig Aufmerksamkeit schenken.»

Familientherapeut Jürgen Feigel mahnt vor voreiligen ADHS-Abklärungen. «Wird Eltern bei jeder Auffälligkeit ihres Kindes eine Hirnstrommessung nahegelegt, löst das grosse Ängste aus.» Viele Eltern hätten dann den Eindruck, ihr Kind sei «behindert» oder «abnormal». Auch machten sich die Eltern Vorwürfe, etwas falsch gemacht zu haben.

Feigel sieht der Tendenz zu immer mehr Therapien, die Lehrpersonen und Schulpsychologen empfehlen, skeptisch. «Oft haben Konzentrationsstörungen auch mit den neuen Medien zu tun und eventuell auch ungesunder Ernährung.»

«Nicht Sache der Lehrer»

Beat W. Zemp, Präsident des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, betont, dass Empfehlungen zu Hirnscans nicht zum Auftrag einer Lehrperson gehörten. «Sie sollen Beobachtungen mitteilen. Alles Weitere ist Sache von Schulpsychologen und Ärzten.»

In den meisten Fällen verordne zwar auch der Kinderarzt oder Psychiater dem Kind eine Hirnstrommessung, sagt Nadja Meier von der Praxis Psy-Bern. «Zuvor erfolgte beim Kind etwa aufgrund von psychischen Problemen, Verhaltensauffälligkeiten oder schulischen Schwierigkeiten eine psychiatrische Abklärung.»

Die Fachpersonen berichten aber, dass auch Lehrer zu solchen Messungen ermuntern würden. Elena Arici von der Praxis Lernwerk: «Meist hat die Lehrperson festgestellt, dass das Kind sich nicht konzentrieren kann oder sich im Unterricht unruhig und störend verhält.»

Kinder leiden unter Scheidungen

In rund 80 Prozent der Fälle führt eine EEG als Ergänzung zur herkömmlichen ADHS-Abklärung laut Meier tatsächlich zu einer ADHS-Diagnose. «In anderen Fällen erkennen wir kein ADHS-Muster.» Oft hätten Lehrer das zu Unrecht vermutet, weil sie die Probleme der Schüler falsch verstanden hätten.

So verhielten sich viele Kinder auch nur unruhig, weil die Klasse lärmig sei oder die Lehrperson mit ihrem Verhalten nicht umgehen könne. «Oft bemerken Eltern auch nicht, dass das Kind unkonzentriert arbeitet, weil es unter der Scheidung oder dem Leistungsdruck leidet.»

So sieht ein quantitatives EEG für ein Neurofeedback-Training in der Praxis aus:

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • G.V. am 22.02.2018 06:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    AD(H)S nicht unbedingt etwas schlechtes

    Es wird immer von den Schwierigkeiten und Problemen geredet, welche Leute mit einem AD(H)S haben sollen. Aber niemand redet über Vorteile wie die sehr ausgeprägte Kreativität, dem Aufgehen in Ideen, Arbeiten im Flow-Zustand etc. Aber da im modernen Bildungssystem Kreativität verboten ist, sind diese Eigenschaften natürlich alle unerwünscht. Ich wurde selber als "ADS-Kind" diagnostiziert, habe mich aber ab 15 geweigert Medikamente zunehmen. Ich will nicht dass ich mit Medis zurechtgebogen werde, weil ich mit ADS aus Sicht gewisser Personen "unbrauchbar" bin, was im übrigen völliger Quatsch ist.

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  • Maler50 am 22.02.2018 06:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja,ja

    Ja,ja da werden Kinder die etwas aus dem gewünschten Rahmen fallen in eine Lage gebracht die erst einen Seelischen Schaden verursachen könnte,auch für die Eltern eine äußerst schwierige Situation. Kinder sind keine Maschinen welche immer im gleichen Takt schlagen,was auch gut so ist!!

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  • @Sarah am 22.02.2018 06:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    überforderte Lehrer

    Was für ein Quatsch. Da muss man ja lachen darüber. Oder besser gesagt, da vergeht einem das Lachen! Das Problem sind nicht die Kinder! Das Problem sind die Lehrer! Schlichtweg überfordert! Verhällt sich ein Kind "normal", drehen sie gleich durch. Kommt mir vor wie im Altersheim, wo sie die Leute sedieren, damit sie ruhig gestellt werden! Würde man die Zeit zurück drehen, wo die Kinder noch schreiend draussen spielten, wäre unser Schulsystem heute zusammen gebrochen. Lehrer krankgeschrieben wegen Überforderung!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Eva M. am 22.02.2018 18:25 Report Diesen Beitrag melden

    Als Eltern ist es kein schönes Gefühl...

    wenn man konstatieren muss, dass eines der Kinder Schwierigkeiten in der Schule hat. Schwierigkeiten heißt: Es kommt im Unterricht in einem oder mehreren Hauptfächern nicht mit und / oder das Kind zeigt im sozialen Entwicklungsprozess Auffälligkeiten, die mitunter nicht nur für das Kind selbst, sondern auch für die Klassenkameraden und die Lehrer problematisch sind. Und schon steht man mit dem Kind beim Psychologen oder Psychiater, es finden Abklärungen statt, und wenn keine organische Ursache vorliegt, heißt die Diagnose heute fast immer ADS. "Versuchen wir es mal mit Ritalin"....

  • Grosi60 am 22.02.2018 17:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    OHNE Hokuspokus

    Keinem Lehrer und Psychologen steht es ausbildungsmässig an die Diagnose ADHS zu stellen oder medizinische Untersuchungen zu verlangen! Unser Sohn war ein extremer hyperaktiver POS-Junge (ADHS) mit jeglichen Symptomen! Heute wird die Diagnose viel zu oft gestellt, obwohl wichtigste Auffälligkeiten gar nicht vorhanden sind! Unser Sohn ist Heute 32 Jahre alt und hat dank seiner hohen Intelligenz und optimaler Begleitung (familiär und ärztlich) eine Top-Entwicklung gemacht. Wir verliessen uns auf keinerlei Gugustherapie, sondern auf medizinisch anerkannte Behandlung!!!

  • mary rose am 22.02.2018 16:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    lehrer

    hört auf mit diesem Schrott, lasst Kinder Kinder sein, schon früher gab es Kinder die aktiver waren als andere, aber das sie ADHS haben, das gab es nicht. warum muss jedes Kind gleich ticken wie alle anderen. die Lehrer sind gefordert, sobald ein Kind anders tickt, kommt der Lehrer damit nicht mehr klar. schlimm. jedes Kind ist einzigartig, begreift das endlich.

  • M. Gloor am 22.02.2018 16:25 Report Diesen Beitrag melden

    Vielleicht lirgts ja auch an handy u co...

    Vielleicht könnten die Kontentrationsprobleme auch einfach mit dem viel zu frühen stundenlangen handy u tabletgebrauch zusammenhängen. Meine inzwischen 12-jährige Tochter kann sich nach 1 Std gamen am handy auch kaum mehr konzentrieren. Nach einer Weile bzw. längeren handy pause geht es dann wieder perfekt. Was wissen wir denn schon wie sich diese frühe teilweise intensive handynutzu g auf das gehirn auswirkt?

  • Neuropädiaterin am 22.02.2018 16:24 Report Diesen Beitrag melden

    Neuropädiaterin

    nun ja, ein EEG bei ADHS Verdacht kann höchstens zum AUSSCHLUSS anderer Ursachen nützlich sein. Man kann ein ADHS/ADS mit EEG weder bestätigen noch ausschliessen! was der Autor sagt, stimmt in Teilen schlichtweg nicht. ADHS aber gibt es als solches, und es ist eine ungeheuerliche Gemeinheit, es den Eltern als Schuld zuzuweisen ("zu wenig AUfmerksamkeit der Eltern, Scheidung, etc). Eine gute Diagnostik ist da, um solche andere Ursachen auszuschliessen. Man sollte nicht vergessen, dass ein stark auffälliges Kind zusätzlich eine Belastung Eltern-Beziehungen sein kann +die Scheidungsrate steigert!