Kirche, Mord, Licht

09. Dezember 2012 09:02; Akt: 09.12.2012 12:31 Print

Kirche Näfels will gratis Kerzen bis in alle Ewigkeit

von Daria Wild - Ein Mord aus dem Jahr 1357, ein Stück Wiese und ein Lämpchen, das ewig brennt: Das sind die Elemente einer Posse, welche die Kirche Näfels mit einem Bauern abzieht.

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In Näfels hing der Kirchensegen schief. Weil ein Bauer die Kerzen für das Ewige Licht im Gotteshaus nicht bezahlen will, klagte die Kirche den ungehorsamen Erdenbürger an. Den Schritt vor das weltliche Gericht begründet die Klägerin mit einem jahrhundertealten Brauch: Gemäss einer Urkunde im Kirchenarchiv Näfels soll Konrad Müller 1357 Heinrich Stucki umgebracht haben. Um sich von seiner Schuld loszukaufen, versprach er der Kirche, für den Unterhalt des Ewigen Lichts aufzukommen ... ... bis in alle Ewigkeit. Auf diese Urkunde stützt sich die Kirche: Ob dieser Mord tatsächlich stattgefunden hat oder der Ursprung der Ewig-Licht-Stiftung auf den tödlich endenden Streit zweier Tschudibrüder zurückgeht (eine Legende, die ebenfalls in den Näfelser Geschichtsbücher auftaucht), ist aber unklar. Trotz dieser unsicheren Faktenlage beharrt die Kirche darauf, dass die Besitzer zweier Parzellen in Näfels die Kerzen für das Licht bezahlen. Sie hat dem Angeklagten eine Rechnung von 1400 Franken für die nächsten 20 Jahre «Ewiglichtölkerzen» geschickt und will den Usus ins Grundbuch übertragen. Eine Rechnung aus dem Jahr 2006. Offenbar haben sich die Beträge mehrmals verändert. Diesesmal sollte die Mutter des Angeklagten 96 Franken zahlen. Die Kirche stellt sich auf den Standpunkt, dass sie dem Bauern schon genug entgegengekommen ist. Für Jakob Ackermann, den Verteidiger des Bauern, ist das Verhalten der Kirche «absurd». Das Kantonsgericht Glarus gab dem Bauern recht, wie es am 7. Januar bekannt gab. Damit muss er nicht mehr für das «Ewige Licht» aufkommen.

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In Näfels, eingeklemmt zwischen steilen Bergflanken, drängen sich die Häuser, wie gehorsame Schäfchen um ihren Hirten, um das mächtige katholische Gotteshaus. Es ist Freitagmorgen und es ist still hier hinten im «Zigerschlitz», wo der erste Schnee einen Hauch Weiss hinterlassen hat. Nichts deutet darauf hin, dass sich in dieser Idylle gerade eine Satire abspielt, die in der Geschichte der Schweiz ihresgleichen sucht.

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Am Anfang dieser skurrilen Story steht ein Mord. Am Ende ein Gerichtsprozess, bei dem es um 70 Franken geht. Dazwischen liegen 600 Jahre Glarner Gehorsamkeit, Traditionsbewusstsein und geistliche Macht. Anno 1357 ermordet der Niederurner Konrad Müller den Oberurner Heinrich Stucki. Zur Sühne und damit er sich der Vergeltung der Verwandten des Stucki entziehen konnte, stiftete er der Kirche ein Ewiges Licht. Um das Licht zu nähren, spendete er Jahr für Jahr das Öl seiner Nussbäume.

Junger Bauer will nicht mehr

Das Lämpchen hängt heute in der katholischen Kirche Näfels. Die Kirche ist leer und kalt. Einzig der wuchtige Klang, den der Organist beim Üben aus seinem Instrument holt, füllt den Raum. Hin und wieder huscht der Sigrist vorbei, rückt einen Stuhl gerade und verschwindet wieder. Über dem prunkvollen, mit goldenen Ornamenten verzierten und von lebensgrossen Plastiken umgebenen Altar hängt das Ewige Licht. Das Flämmchen ist kaum zu erkennen.

Den Unterhalt der Lampe bezahlen seit Jahrhunderten die Besitzer der Parzellen, auf denen Müllers Nussbäume ursprünglich standen. Nun will ein junger Landwirt, der das Grundstück von seiner Mutter geerbt hat, mit der Tradition brechen und die Hälfte der Ewig-Licht-Rechnung, die er übernehmen sollte, nicht mehr bezahlen. Die Kirche, die insgesamt bereits über 90'000 Franken (in Öl oder bar) wegen des Müller-Mordes zugesprochen bekommen hat, will das nicht akzeptieren und klagt den Ungehorsamen an.

Zweite Version des Stucki-Mordes aufgetaucht

«Das ist absurd», sagt Jakob Ackermann, Verteidiger des Bauern. Er hat mit Historikern gesprochen, die Urkunden durchforstet und sich das Ewige Licht angesehen. Sein Fazit: Weder geht aus den alten Schriften hervor, dass die Lampe etwas mit dem Mord zu tun hat, noch ist dokumentiert, dass es sich bei den heute belasteten Parzellen um jene handelt, die einst Müller gehörten. Nicht einmal der Mord an Stucki ist bewiesen. In den Büchern taucht nämlich eine zweite Version der Ewig-Licht-Geschichte auf: Im Streit um das Tschudigut soll ein Bruder den anderen erschlagen und der Kirche das Nussöl versprochen haben.

Weshalb die Kirche den Mord an Stucki als das ausschlaggebende Ereignis in die Chroniken übernommen hat, bleibt ein Rätsel. Offiziell ins Grundbuch übertragen wurde der Brauch nie. Lediglich in einer Randbemerkung – undatiert und auf das Jahr 1850 geschätzt – taucht die Stiftung des Ewigen Lichts auf. Auf zwei Gütern lastet laut dieser Schrift im Grundbuch «die gemeinsame Beschwerde, dass die jeweiligen Besitzer dieser Güter verpflichtet sind, der löbl. Pfarrkirche von Näfels alljährlich das zu dem ewigen Licht erforderlichen Öhl zu liefern, – und zwar stiftungsgemäss.»

Das Machtspiel der Kirche

Weshalb den Parzellen 67 und 72 diese Last obliegt und wie die Stiftung mit Müllers vermeintlichem Mord in Verbindung gebracht wird, geht weder aus dieser Urkunde noch aus späteren Texten hervor. In einer Festschrift von 1979 hält die Pfarrkirche Näfels fest, dass einer der Besitzer der Güter, Karl Burger, 1806 einen Vertrag unterschrieben habe, in dem die jährliche Stiftung des Öls festgehalten worden sei – die Quelle, auf die sich der Autor in der Festschrift stützt, ist jedoch unklar.

Diese Festschrift dient der Kirche Näfels nun als Rechtsgrundausweis. Den Gang vor das weltliche Gericht mit einem steinalten Usus zu begründen, der sich auf Legenden stützt, kritisiert Verteidiger Jakob Ackermann scharf: «Bekanntlich ist die Tradition eine schlechte Rechtsquelle.» Die Kirche treibe ein Machtspiel – sie habe «Freude am Prozessieren.» Weder sei ein Wahrheitsbeweis möglich, noch habe der Mord an Stucki etwas mit der Bedeutung des Ewigen Lichts zu tun. «Die Tat war Anlass zu eigennützigem Verhalten von Mörder und Kirche», so Ackermann.

Das Grundstück als Pfand

Eigennützig statt barmherzig wirkt das Gotteshaus noch heute. Während der Sigrist die protzige Kapelle poliert, stellt die Kirche einem jungen Landwirten 1400 Franken für Wachs für die nächsten 20 Jahre in Rechnung und beharrt darauf, den Brauch in das Grundbuch zu übertragen. Zu allem Übel soll das Grundstück der Kirche auch noch als Pfand dienen, wenn der Eigentümer der Müller-Parzelle nicht bezahlt. Nussbäume stehen dort, auf der schattigen Wiese zwischen Hauptstrasse und Wald, am Rande von Näfels, längst keine mehr.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Lebenslängliche Haft endet spätestens nach 15 Jahren, Verjährung sind 30 Jahre und die Kirche kennt nur beim nehmen die Ewigkeit, beim geben vergisst sie wesentlich schneller – Gaby Graf

Am 21. Dezemebr ist sowieso allgemeines Lichterlöschen (wenn man den Mayas glaubt...). – Albert Lienberger

Mit den Anwalts- und Gerichtskosten könnte man stattdessen das "ewige Licht" wohl bis in alle Ewigkeit brennen lassen... – Atheist

Die neusten Leser-Kommentare

  • Fridolin am 12.12.2012 12:44 Report Diesen Beitrag melden

    Haltung gezeigt

    Finde es gut und überlegen, dass sich keiner unserer Näfelser Kirche auf diese gehässige Forumdiskussion einlässt. Was hier abgeht, kommt aus einer üblen Ecke, das Licht löschen und gehn!

  • Hans Nötig am 09.12.2012 23:26 Report Diesen Beitrag melden

    Kirchenaustritt

    Da sollte man doch gleich ernst machen und einfürallemal diesem komischen Verein den Rücken kehren. Austrittsformular ausfüllen und abschicken und ausserdem noch steuern sparen.

  • L.S am 09.12.2012 23:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vatikanbank 

    soll doch die Vatikanbank die kosten übernehmen. Die haben ja bekanntlich genug Geld.

  • Blindfisch am 09.12.2012 22:45 Report Diesen Beitrag melden

    Mein Senf dazu

    Es ist gelinde gesagt bedenklich, dass die Kirche Näfels Geld von jemandem verlangt der (vermutlich) nichtmal mit dem ursprünglichen Sünder verwandt ist und das ohne irgendeine schriftliche Quelle zu haben. Sonst sag ich dem nächsten Nachbar der im Block einzieht, dass er alleine den Garten pflegen muss + die Silvesterparty organisieren (+zahlen) muss weil sein Vormieter das auch immer gemacht habe + es deshalb Tradition ist. Ich hätte als Bauer einen gutschweizerischen Kompromiss gemacht und der Kirchgemeinde 5-6 20-Liter Kanister (sind die grössten und unhandlichsten) vor die Türe gestellt.

  • Rolf am 09.12.2012 22:24 Report Diesen Beitrag melden

    Gesetzeswidrig

    Die Abmachung ist gegen das OR, das Abmachungen / Verträge auf eine absehbare Dauer limitiert. Zu Rolle, die die Kirche hier spielt, kann man leider nicht mehr sagen, nur enttäuschend, einmal mehr.

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