Juso-Politiker nach Outing

29. Mai 2018 10:58; Akt: 01.06.2018 06:35 Print

Kosovare, Serbe, schwul, kämpft gegen Queerphobie

von Qendresa Llugiqi - Der schwule Juso-Politiker Pascal Pajic ist kosovarisch-serbischer Herkunft. Er erzählt, wie krass sein Umfeld auf sein Outing reagierte. Nun kämpft er gegen Homophobie in der Community.

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Der Schweiz-Kosovare Admir H.* aus Zürich ist in einer Facebook-Gruppe an den Pranger gestellt worden, weil er homosexuell ist und Frauenkleider trägt. Im Interview mit 20 Minuten erklärte er: «Ich bin Albaner, schwul und stehe dazu.» Einer, der Admir und die heftigen Reaktionen seiner Landsleute auf sein öffentliches Outing nachvollziehen kann, ist Pascal Pajic (25). Der Sohn eines Kosovaren und einer Serbin ist selbst homosexuell und engagiert sich als Politiker seit Jahren in der Juso Schweiz.

Laut Pajic läuft der Outing-Prozess bei Homosexuellen aus dem Balkan meist anders als bei Schweizer Homosexuellen ab: «Natürlich haben alle ähnliche Ängste, aber die Reaktionen auf das Outing sind oft sehr unterschiedlich. Während viele homosexuelle Schweizer feststellen, dass ihre Ängste meist ungerechtfertigt waren, reagieren Leute aus dem Balkan tatsächlich krass.» Das zeige sich bereits an einer Aussage: «Ich habe noch nie von Schweizern vernommen, dass sie ihr Kind umbringen würden, wenn es homosexuell wäre. Bei Leuten aus dem Balkan aber schon.»

Lernen, sich zu akzeptieren

Laut Pajic ist das Outing ein ständiger Prozess. «Als Kosovo-Serbe fiel mir das Outing schwer.» So habe er sich zuerst bei Freundinnen und bei Schweizer Freunden geoutet. «Dann bei meinem Zwillingsbruder. Er war eine Riesen-Stütze, als ich mich mit 19 Jahren bei meinen Eltern outete. Er war dabei und erklärte meinen Eltern immer wieder, dass das, was ich fühle, nichts Schlimmes sei.» Dennoch hätten seine Eltern die Nachricht nicht gut aufgenommen: «Mein Vater verliess kommentarlos das Zimmer. Ich konnte hören, wie er im Raum nebenan weinte.» Auch seine Mutter habe mit Tränen reagiert. «Sie brach zusammen. Ihre Reaktion war so heftig, als ob ich ihr gesagt hätte, dass ich in den nächsten zwei Wochen sterben würde.» Erst mit der Zeit hätten seine Eltern ihn akzeptiert.

Das nehme er ihnen jedoch nicht übel: «Ich selbst musste lernen, mich zu akzeptieren. Obwohl ich schon relativ früh wusste, wie ich bin, habe ich dies erst in der Pubertät schrittweise gelernt. Bis dahin hatte sogar ich als Homosexueller homophobe Gedanken.» Das Outing sei auch das Wichtigste an seiner Lebensform: «Ich muss mir keine Mühe mehr machen, besonders hetero zu wirken. Auf diese Rolle habe ich mich damals Tag für Tag intensiv vorbereitet, wie ein Schauspieler.»

Freunde reagierten ungläubig

Am schwersten sei ihm aber das Outing bei seinen balkanstämmigen Freunden gefallen: «Ich habe es so lange wie möglich hinausgeschoben, weil ich mir Sorgen gemacht habe», sagt Pajic. «Sie reagierten zuerst ungläubig und dann bombardierten sie mich aber mit Fragen wie ‹Wie läuft der Sex bei Homosexuellen ab?›. Es war so befreiend, über alles mit ihnen sprechen zu können.»

Obwohl alle in seinem Umfeld wissen würden, dass er auf Männer steht, würden einige Verwandte einen Freund nicht akzeptieren: «Meine Tanten und Onkel sprechen nicht darüber. Wenn ich mit einem Jungen dort auftauchen würde, würden sie so tun, als ob er nur ein Kollege sei», sagt Pajic. «Cousins und Cousinen meiner Generation hätten damit jedoch kein Problem.»

«Schweizer zeigen Ablehnung subtil»

Pajic führt die verbreitete Homophobie bei balkanstämmigen Schweizern darauf zurück, dass «sie oftmals konservativer sind und die Akzeptanz für verschiedene Lebensformen geringer ist». Pajic: «Viele sind in überholten und patriarchalischen Denkmustern gefangen. Diese bieten den Einwanderern Halt, gleichzeitig mindern sie die Bereitschaft, sich gegenüber Neuem zu öffnen. Alles, was nicht der Norm entspricht, wird bekämpft. Bei Gläubigen kann auch die Religion, die ein konservatives Weltbild idealisiert, Homophobie schüren.»

Aber auch unter Schweizern sei die Akzeptanz nicht überall gleich gross: «In den Städten werden Homosexuelle eher angenommen. In ländlichen Regionen werden sie ebenfalls geächtet.» Dies habe sich bei einem nicht repräsentativen Experiment von ihm gezeigt, bei dem er mit einem Mann an den unterschiedlichsten Orten Hand in Hand lief. «Viele Schweizer zeigen ihre Ablehnung eher subtil. Natürlich gibt es aber auch hier Personen, die einen beschimpfen, einem drohen oder körperlich angreifen.»

Homosexualität in der Politik

Dennoch sei die gesellschaftliche Anerkennung von Homosexualität in der Schweiz im Durchschnitt höher, als es die Gesetzgebung und die Politik vermuten lassen. «Für uns herrschen andere Massstäbe, wie beispielsweise die Enthaltsamkeitsregel bei der Blutspende oder strenge Regelung bei Adoptionen», so der Juso-Politiker. «Solche Themen machen einen grossen Teil meiner politischen Arbeit aus.» Auch unterstütze er den Kampf für gleichgeschlechtliche Ehen. «Obwohl ich mir für mich keine homosexuelle Ehe wünsche. Ehe ist ein langweiliges und altmodisches Modell», sagt er. «Ich möchte aber anderen ermöglichen, dass sie die Person heiraten können, die sie lieben. Ich will, dass alle vor dem Gesetz gleich behandelt werden.»

Seit Pajic sich politisch engagiert, habe auch der Trubel um seine Person zugenommen. «Plötzlich haben meine Familie und ich Morddrohungen erhalten», sagt er. «Andererseits erhalte ich aber auch viel Zuspruch – vor allem von Homosexuellen aus dem Balkan. Sie erzählen mir von ihren Erfahrungen und suchen Unterstützung. Sie fragen etwa, wie man das mit dem Outing in Angriff nehmen soll.»

Hoffnung für die Zukunft

Obwohl er sein Outing geschafft hat, kämpft Pajic weiter: «Es ist ein grosser Wunsch von mir, mich dafür einzusetzen, dass alle Leute – auch Leute aus dem Balkan – mehr Verständnis für unterschiedliche Lebensmodelle aufbringen können. Deshalb werde ich auf persönlicher, politischer und aktivistischer Ebene meine Arbeit fortführen im Kampf gegen Queerphobie. Wir machen sehr langsam Fortschritte, diese gilt es auszubauen und zu verteidigen. Doch ich habe Hoffnung für die Zukunft.»

*Name der Redaktion bekannt