Gymnasiale Matura

07. Mai 2018 11:38; Akt: 07.05.2018 11:38 Print

Mädchen holen bei den Naturwissenschaften auf

von Simon Ulrich - Der Frauenanteil in naturwissenschaftlichen Fächern steigt – aber zu langsam, sagen Experten. Auch deshalb verdienten Frauen weniger.

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Mathematik und Naturwissenschaften werden bei Gymi-Schülerinnen beliebter: Während 2012 der Frauenanteil bei den Maturitätszeugnissen mit den Schwerpunkten Mathematik/Physik und Biologie/Chemie noch 42,1% betrug, waren es im letzten Jahr 44,8 Prozent. Das zeigen neue Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS).

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Für Beat Zemp, Präsident des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), ist das Wachstum zwar erfreulich. Doch er relativiert: «Die Geschlechterverhältnisse bei der Maturitätsquote haben sich in den letzten Jahren generell zugunsten der Mädchen entwickelt.» Noch sei man punkto Frauen in MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) nicht dort, wo man hin möchte. «Im Vergleich mit Deutschland hinkt die Schweiz nach wie vor hinterher.»

Fachkräftemangel bekämpfen

Den Anstieg in den letzten Jahren führt Zemp auf die zahlreichen Kampagnen und Programme zurück, die junge Frauen für technische Berufe sensibilisierten. Das mobile Schulzimmer «Smart Home Mobile» des Verbandes Schweizerischer Elektro-Installationsfirmen (VSEI) etwa bringe Oberstufenklassen die Themen Elektrizität und intelligentes Wohnen näher und wecke so ihr Interesse an Elektroberufen. «Da erklären unter anderem junge Elektro-Installateurinnen den Schülern, was mit intelligenter Steuerung alles möglich ist», erklärt Zemp. Das mache den Beruf auch für die Mädchen attraktiver.

Um noch mehr Mädchen für technische Berufe zu begeistern, müssten andere Verbände nachziehen und ähnliche Projekte auf die Beine stellen, fordert Zemp. «Nur so können wir dem Fachkräftemangel an Ingenieuren, Informatikern und Naturwissenschaftlern entgegenwirken.»

Mädchen scheuen Wettbewerb

Stefan Wolter, Bildungsforscher an der Universität Bern, zeigt sich unbeeindruckt vom Anstieg des Frauenanteils bei der MINT-Matura: «2,7 Prozent in fünf Jahren sind sehr wenig.» Auch seien die grossen Unterschiede zwischen den beiden Schwerpunkten zu beachten: 80 Prozent des Wachstums sind auf Biologie und Chemie zurückzuführen, nur 20 Prozent dagegen auf Mathe und Physik. «Bleibt dieses Muster bestehen, werden wir auch künftig nicht mehr Frauen an der ETH haben», prophezeit Wolter.

Gemäss einer Studie der Uni Bern von 2017 lassen sich die unterschiedlichen Präferenzen zwischen den Geschlechtern auch mit der (Un-)Lust am Wettbewerb erklären. «Mädchen messen sich weniger gern mit anderen. Buben dagegen mögen es, wenn am Ende ein Sieger feststeht», erklärt Wolter, der Mitautor bei der Studie war.

Der Mathe- und Physikunterricht würde den Knaben in die Hände spielen. «Die beiden Fächer sind exakte Wissenschaften. Es gibt richtig und falsch, man hat recht oder unrecht», erklärt der Bildungsökonom. Aus diesem Grund würden Mathe und Physik von den Schülern als «hoch kompetitive» Disziplinen wahrgenommen.

«Die Folge ist, dass viele Mädchen trotz guter schulischer Leistungen nicht das Schwerpunktfach Mathematik und Physik wählen», so Wolter. Ein Sechstel des Gender-Effekts lasse sich mit der Einstellung zum Wettbewerb erklären. Wolter zufolge müssten deshalb neue Aspekte in den Unterricht einfliessen, die auch die Mädchen besser abholten.

Bessere Erwerbschancen für Mathematiker

«Es geht dabei auch um Chancengerechtigkeit», sagt Wolter. Denn die Wahl des gymnasialen Schwerpunktfachs beeinflusse die spätere Studienwahl – und damit auch die Erwerbschancen. «Die Beschäftigungsquote bei Physikern und Mathematikern ist nach dem Studium deutlich höher als etwa bei Biologen oder Chemikern», sagt Wolter.

Kein Wunder: In den Jobs der digitalen Zukunft sind Skills in Mathe und Physik heiss begehrt. Und wenn es mehr Männer in diese Studienfächer zieht, dann steigen auch deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Doch nicht nur das: Sie verdienen auch mehr. «In Berufen mit hohen Anforderungen an mathematische Kompetenzen werden höhere Löhne ausbezahlt», erklärt Wolter. Mit den unterschiedlichen Präferenzen in den MINT-Fächern lasse sich daher auch ein Teil der Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen erklären.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Knaller am 07.05.2018 11:46 Report Diesen Beitrag melden

    keinen Mehrwert

    ich sehe keinen Mehrwert für die Schweiz, wenn mehr Frauen MINT-Fächer besuchen. Man soll das erlernen was man will. Wenn man zu etwas "gedrängt" oder geleitet wird, bringt es bis zum Schluss nichts.

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  • Mister am 07.05.2018 11:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aufgefallen

    Bei uns im Werkhof ist die Frauenquote noch sehr sehr tief. Aber bei der Frauenquote sind vermutlich körperliche Arbeiten nicht gewünscht!

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  • Cartman1993 am 07.05.2018 12:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hmm

    Ich finde das jetzt nicht umbedingt schliemm. Dass man Mädchen technische Berufe näher bringt, ist gut und wichtig, nur diese Anhebung des Frauenanteils, darf m.M.n. nicht auf Kosten der männlichen Studenten gehen. Das einzige was zählen darf, ist Leistung.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Physiker am 18.05.2018 23:13 Report Diesen Beitrag melden

    So gesehen an der ETH

    Im ersten Semester merken sie dann, dass es doch nicht so einfach ist. Dort wird ihnen geraten, ans Lehrerseminar zu gehen. Als Primarlehrerin muss man fast nichts leisten, und hat einen Job auf sicher. Das rächt sich jetzt. Die Lehrerinnen meiner Kinder können nicht mal richtig schreiben. Fast in jeder Zeile findet sich ein Rechtschreibungsfehler und ihre Ansichten sind zum Davonrennen.

  • Mutter am 08.05.2018 12:40 Report Diesen Beitrag melden

    FMS Praktikum

    Meine Tochter macht die FMS im naturwiss. Profil. Bestandteil ist ein 12monatiges Pflichtpraktikum. Sie hat sich bei unzähligen Firmen für ein technisches Praktikum beworben und KEINER wollte sie nehmen trotz guter Noten und guter Bewerbung. Die, die geantwortet haben wollten nur KV anbieten. Nun hatte sie Glück bei einem Landschaftsgärtner als Notlösung. Die Firmen müssten halt auch mitmachen und Jungen eine Chance geben, egal ob Mädchen oder Bub.

  • Benedikt Weber am 08.05.2018 12:34 Report Diesen Beitrag melden

    Wo sind die Frauen in den MINT?

    Also in den MINT-Disziplinen (angewandte Ingenieur- und Naturwissenschaften - wo der grösste Bedarf da ist) hat es weit und breit keine Frauen - überall unter 10%, sei es an den Fachhochschulen, in Weiterbildungen oder an der ETH. Eine Verbesserung ist in den letzten 20 Jahren nicht festzustellen, eher eine Verschlechterung. Die Schweiz (und Deutschland) versagen hier total - es gibt diverse Länder mit MINT-Frauenanteilen von 20-40% wie Indien, China, Vietnam, Israel, Frankreich oder USA.

  • Ueli Mueli am 08.05.2018 11:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frauenquote stinkt

    Der oder Die Stärkere setzt sich durch. Pasta.

    • Spaghetti am 08.05.2018 12:46 Report Diesen Beitrag melden

      Basta Pasta

      Pasta mag ich auch gern. Vor allem mit Bolognese Sauce!

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  • Di Dago am 08.05.2018 07:24 Report Diesen Beitrag melden

    Mädchen holen auf

    Jungen werden zurück gelassen und vergessen. Die sind ja schon von unseren Vorfahren gefördert worden. Nicht?!