Freigelassener Linksterrorist

10. November 2017 13:44; Akt: 10.11.2017 13:44 Print

Marco Camenisch preist den «bewaffneten Kampf»

von Marco Lüssi - Nach Jahrzehnten hinter Gittern kam «Öko-Terrorist» Marco Camenisch in diesem Frühling frei. Ein aktuelles Interview zeigt: Er glaubt noch immer an Gewalt.

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Eine Serie von Brandanschlägen von Linksextremen auf die Fahrzeuge der Baufirma Implenia, die in Basel ein Ausschaffungsgefängnis baut, hat in den letzten Monaten die Polizei in Basel und Zürich beschäftigt. Die Täter sind bisher nicht identifiziert.

Grosse Sympathien dürften deren Aktionen beim Revolutionären Aufbau Schweiz geniessen. Die linksextreme Gruppierung, deren führende Vertreterin Andrea Stauffacher ist, hat diese Woche auf ihrem Online-Portal Aufbau.org einen Text aufgeschaltet, in dem mehrfach vom «bewaffneten Kampf» die Rede ist. Es handelt sich um ein Interview mit Marco Camenisch.

Für Tötung von Grenzwächter verurteilt

Der heute 65-jährige Bündner ist erst seit dem 10. März 2017 auf Bewährung wieder auf freiem Fuss. Vorher sass er über 25 Jahre lang hinter Gittern. Bekannt wurde Camenisch unter der Bezeichnung «Öko-Terrorist». In den 70er-Jahren hatte der Gegner der Atomenergie mehrere Anschläge auf Strommasten verübt. Verurteilt wurde er auch wegen der Tötung eines Grenzwächters im Jahr 1989 – eine Tat, die Camenisch bis heute bestreitet.

Dass er so lange hinter Gittern blieb, lag auch daran, dass die Gerichte mit Verweis auf sein Festhalten an seinen politischen Überzeugungen eine vorzeitige Freilassung ablehnten.

Camenisch sagt im Interview, in dem es laut Aufbau.org «um die Etappen seines intensiven politischen Lebens» geht: «Die Gesellschaft ist im Krieg, und der bewaffnete Kampf ist ein bewusstes Mittel, um die gesellschaftliche Lähmung und Angst zu durchbrechen.»

Das «Gift des Pazifismus»

Weiter sagt er: «Du musst erkennen, dass im Kampf gegen ein System, das zu allen Schandtaten und zum Genozid bereit ist, das Wichtigste fehlt, wenn es keine bewaffnete Organisierung gibt.» An anderer Stelle sagt Camenisch sinngemäss, dass jene, die sich dem gewaltlosen Widerstand verschrieben haben, den Fehler machten, sich mit dem «Gift des Pazifismus zu belügen».

Positive Worte hat Camenisch für linke Terrororganisationen wie die deutsche RAF oder die italienischen Roten Brigaden: «Diese Projekte waren wichtig.»

«Der bewaffnete Kampf ist der höchste Ausdruck des Kampfs»

Andere Sätze von Camenisch lassen sich auch als Aufforderung an die heutige junge Generation von Linksextremen lesen, wenn er etwa sagt: «Solange du den Staat angreifst, ist er der Gesuchte, nicht du. Du kämpfst gegen ihn, weil du keine Angst mehr vor ihm hast.»

Zudem sagt er: «Wenn du dich im Kampf gegen diese Gesellschaft, gegen die Sklaverei und die Unterwerfung befindest, ist der bewaffnete Kampf der höchste Ausdruck dieses Kampfes. Das ist von der Motivation her die höchste Freiheit, ohne die Einschränkungen eines Militarismus der Herrschenden.» Es ist anzunehmen, dass junge Linksextreme diese Worte lesen: Die Revolutionäre Jugend Zürich hat den Text auf ihrer Facebook-Seite gepostet.

Ist Camenisch noch immer gefährlich?

In linksextremen Kreisen hat Camenisch einen Heldenstatus. In der Stadt Zürich waren Sprayereien, die seine Freilassung forderten, zeitweise allgegenwärtig. 2008 verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf das Auto und das Haus des damaligen Zürcher Justizdirektors Markus Notter (SP) – und bezogen sich im Bekennerschreiben auf Camenisch. Können seine aktuellen Aussagen die linksextreme Szene dazu ermutigen, vermehrt Gewalt anzuwenden?

Der Psychotherapeut Adrian Oertli, selber ehemaliger Linksextremer und heute Experte für die Szene, sagt zu 20 Minuten: «Camenischs Gefahrenpotenzial ist an das der linksextremen Strukturen gekoppelt, von denen er abhängig ist. Aktuell ist dieses noch auf dem Niveau von Sachbeschädigungen.»

Manipulation durch Gefängnisbesucher

Über Camenischs Aussagen sagt Oertli, dieser verwende eine «überladene Sprache», er befinde sich «noch sehr stark im extremistischen Narrativ des Kämpfers gegen eine vermeintlich totalitäre Gesellschaft». Gerade in der durch das Gefängnis sehr starken sozialen Isolation sei er umso mehr den Manipulationen der wenigen Besucher ausgesetzt gewesen, die der Gefängnisalltag zugelassen habe. Bei diesen Besuchern habe es sich ausschliesslich um Linksextreme gehandelt, etwa um Andrea Stauffacher.

Früher sei Camenisch ein Anarchist gewesen, jetzt spreche er eher wie ein Kommunist. «Es sieht aus, als hätten ihn seine linksextremen Freunde einer Gehirnwäsche unterzogen – während sie ihm einredeten, er müsse sich gegen die Gehirnwäsche durch das System wehren.» Die Argumentation von Camenisch unterscheide sich kaum von jener eines IS-Anhängers: «Das sind die gleichen Mechanismen, die gleichen Rechtfertigungen für Gewalt.»

«Natürlich hast du im bewaffneten Kampf Stress»

Auch auf seine lange Zeit im Gefängnis geht Camenisch im Interview ein: «Der Knast ist ein lebensfeindlicher Ort», sagt er. Dennoch ging es ihm dort aber offenbar besser als in Freiheit: «Während der Knastzeit verlor ich meine Gelassenheit nie», sagt er. «Jetzt, draussen, suche ich sie noch.»

Das sei ein extremer Rückschritt: «Es war eine Freilassung in den Hofgang des Kapitalismus. Natürlich hast du im bewaffneten Kampf Stress, aber die Voraussetzungen im sozialen Umfeld und in den Beziehungen sind viel gesünder.»

Der Anwalt von Marco Camenisch, Bernard Rambert, war für 20 Minuten nicht erreichbar. Bei Zürcher Amt für Justizvollzug, das für Camenisch zuständig ist, will man den konkreten Fall nicht kommentieren. Grundsätzlich gelte aber auch für Straftäter das in der Bundesverfassung verankerte Recht auf freie Meinungsäusserung.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Al Z. am 10.11.2017 13:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Leider ....

    Nichts gelernt und nichts begriffen!

  • giorgio1954 am 10.11.2017 15:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mörder

    Das Vokabular und die Sprüche erinnern sehr stark an jene der Wirrköpfe Andreas Bader, Gudrun Ensslin und Co. (RAF). Zum Glück sind diese Mörder von vielen Unschuldigen alle tot oder im Gefängnis. Camenisch ist auch ein verurteilter und vor allem uneinsichtiger Mörder. Es ist gerecht, wenn er von der Gesellschaft, die er zwar gerne nutzt, ein Leben lang weggesperrt wird. Ein nutzloser Teil unserer Gesellschaft halt, den wir als freie Demokratie auszuhalten imstande sind. Stauffacher ist die gleiche Kategorie.

  • giorgio1954 am 10.11.2017 15:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hoffentlich bald weg

    Hoffe er sitzt für die nächsten 20 Jahre bald wieder im Gefängnis und kann so keinen weiteren Schaden an Personen und Sachen anrichten (Bsp. Ermordung eines Familienvaters)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Hippiekapitalist am 10.11.2017 20:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    TV? Zum Fenster raus in die Ferne schauen

    Auch wenn ich Marcos Taten nicht befürworte, so verstehe ich ihn dennoch gut. Aus Protest gegen eine degenerierte Konsumgesellschaft, hatte Camenisch sich mit seinen Hunden in die Bergeinsamkeit ohne Elektrizität zurückgezogen. Als dann ausgerechnet die AKW-Betreiber 3 Strommasten in seine Natur stellten, sprengte er diese in die Luft. Die Sache wurde zu einem Präzedenzfall hochstilisiert, und ein schamlos ungerechtes Urteil gefällt. Was später geschah, war in seinen Augen dann nur noch Selbstverteidigung. Der Staat ist mitschuldig! Mir erging es ähnlich mit Billag, obwohl ich gegen TV war.

  • Kleine am 10.11.2017 19:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und bringt nicht so viel von anderen wenn ihr eure

    Ich bin keine Anhängerin ich würde ihm Raten sein Lebensende noch so gut wie möglich zu geniessen denn lernen muss er heute niemanden denn wie du lernst und was du machst Ende falsch.

  • Zeitlos am 10.11.2017 19:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Falsche Annahme

    Camenisch hätte schon in den 80igern Jahren auf freiem Fuß leben können...hätte er sich ein wenig gesellschaftskonform verhalten. Doch damals wie heute scheint er sich in seine verbohrten Ideen zu vertiefen. Es ist die Krankheit unserer Beamten,dass man auf einen Ex-Linken Psychologen hört,der ihm höchstens zukünftige Sachbeschädigung attestiert.

  • Kain&Abel am 10.11.2017 19:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hassprediger aus den 70er Jahren

    Nicht der Pazifismus ist das Gift, sondern seine Kampfrethorik, die Gewalt verherrlicht und gutheisst.

  • Dä Jesus am 10.11.2017 19:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Manche lernen es nie

    Zerstörerische Gewalt (und nichts anderes ist links- wie auch Rechtsterrorismus) ist NIE ein taugliches Mittel, um eine positive Veränderung zu erreichen. Niemals. Never ever.

    • Wilhelm Tell am 10.11.2017 20:17 Report Diesen Beitrag melden

      Pazifismus ist eine Illusion

      Ach ja? Der schweizerische Gründungsmythos ist ja auch sehr gewaltfrei, nicht wahr?

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