Umfrage

09. Juli 2018 05:50; Akt: 09.07.2018 05:50 Print

Mehr als zwei Drittel wollen Pestizide verbieten

von D. Waldmeier - Eine klare Mehrheit würde heute die Anti-Pestizid-Initiativen annehmen. Diese scheuchten die Bauern auf, heisst es bei den Initianten.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Zwei Volksinitiativen wollen das Insekten- und Vogelsterben in der Schweiz stoppen: Die Trinkwasser-Initiative verlangt, dass nur noch Landwirtschaftsbetriebe von Direktzahlungen profitieren, die keine Pflanzenschutzmittel ausbringen. Die Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» will Pestizide ganz verbieten.

Beide Forderungen werden derzeit von einer Mehrheit des Stimmvolks unterstützt: 68 Prozent würden die Trinkwasser-Initiative annehmen, nur 28 Prozent würden sie ablehnen. Ein Verbot synthetischer Pestizide würde laut der Umfrage gar von 72 Prozent der Stimmbürger unterstützt.

Auffällig: Mit über 80 Prozent Ja werden die Initiativen bei den Anhängern von SP, GLP und Grünen am klarsten unterstützt. Aber auch bei den bürgerlichen Wählern ist eine deutliche Mehrheit für die Initiative. So sprechen sich bei der Trinkwasser-Initiative 60 Prozent der SVP-Wähler für einen radikalen Kurswechsel in der Landwirtschaftspolitik aus.

Nicht überrascht ist Franziska Herren, die Mutter der Trinkwasser-Initiative: «Egal ob rechts oder links – viele wollen ein Zeichen setzen!» Die Artenvielfalt sei drastisch zurückgegangen, Regenwürmer hätten vielerorts Seltenheitswert. «Das Trinkwasser ist belastet, synthetische Pestizide wie Chloridazon bauen sich kaum ab. Die Nebenwirkungen für Mensch und Tier sind unklar. Das ist ein viel zu grosses Risiko.» So seien in den letzten Jahren zahlreiche Wirkstoffe zurückgezogen worden, weil man gemerkt habe, dass sie gefährlicher sind, als angenommen.

Die Initiative fordere bewusst einen radikalen Kurswechsel. «Wir müssen hohe Forderungen stellen, damit am Ende etwas umgesetzt wird.» Laut Herren ist der Aktionsplan Pflanzenschutzmittel des Bundesrates, der den Pestizid-Einsatz verringern will, untauglich, da gleichzeitig die Grenzwerte für gefährliche Pestizide in den Gewässern erhöht werden sollen.

Die Initiative zeige aber bereits Wirkung: «Die Bauern und die Behörden sind aufgescheucht, stehen unter Druck. Einige Bauern drohen bereits, dass sie bei einem Ja zur Trinkwasser-Initiative lieber auf Direktzahlungen verzichten und noch mehr Pestizide spritzen würden.» Das halte sie aber für eine «bedenkliche Drohung», da heute kein einziges Umweltziel der Landwirtschaft erfüllt werde.

«Initiative fördert den Einkaufstourismus»

Laut Markus Ritter, CVP-Nationalrat und Präsident des Bauernverbandes, würden wohl einige Betriebe im Gemüse- oder Obstbau zur Sicherung ihrer Ernten weiterhin Pestizide einsetzen, selbst wenn sie auf Direktzahlungen verzichten müssten. Die hohe Zustimmung zu den beiden Initiativen beunruhigt ihn nicht: «Der Wissensstand in der Bevölkerung ist noch tief. Das wird sich im Verlauf der Debatte ändern.» Die Trinkwasser-Initiative klinge zwar gut, aber es gehe nicht nur um das Wasser, da auch sehr weitgehende Vorschriften zu Futter- und Antibiotikaeinsatz enthalten seien: «Sie würden auch Bio-Betriebe massiv betreffen.»

Ein Pestizid-Verbot habe zur Folge, dass Lebensmittel in der Schweiz massiv teurer würden. «Das trifft die Konsumenten und fördert den Einkaufstourismus.» Sinnvoller als extreme Initiativen sei der Aktionsplan des Bundesrates. «Dieser enthält 51 Massnahmen, um das Risiko von Pestiziden um die Hälfte zu reduzieren.»

Landwirt und FDP-Nationalrat Walter Müller (FDP) sagt, Bauern gingen verantwortungsbewusst mit Spritzmitteln um. «Sparsam ist man schon deshalb, weil Pestizide teuer sind.» Die extremen Initiativen würden die Nahrungsmittelproduktion um Jahrzehnte zurückwerfen. «Die Leute, die jetzt Ja stimmen wollen, suchen beim Grossverteiler nur die schönste Ware aus.» Die Initiativen seien ein Symptom der Wohlstandsgesellschaft, in der es an nichts mangle. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Leute wieder selbst aufs Feld gehen und Gemüse anbauen wollen, weil eine moderne, produzierende Landwirtschaft nicht mehr möglich ist.»

Zur Umfrage

14’851 Personen aus der ganzen Schweiz haben am 21. und 22. Juni online an der Tamedia-Wahlumfrage teilgenommen. Die Befragung wird in Zusammenarbeit mit der LeeWas GmbH der Politologen Lucas Leemann und Fabio Wasserfallen durchgeführt. Sie gewichten die Umfragedaten nach demografischen, geografischen und politischen Variablen. Der Fehlerbereich liegt bei 1,5 Prozentpunkten. Weitere Informationen gibts hier.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bauer T am 09.07.2018 06:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Durchsetzen

    Wenn die Initiativen angenommen würden, dan aber Bitte strikte durchsetzten. Auch im Privaten bereich. Alle Wespensprays, Gartenpestiziede, Roundup zum Abspritzen des Unkrats auf dem Vor- oder Sitzplatz usw. müssen auch Verboten werden!

    einklappen einklappen
  • Simon am 09.07.2018 06:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Klar doch!

    ...dann sollten konsequenterweise diese zwei Drittel Konsumenten zukünftig aber auch nur noch in der Schweiz ohne Pestizid produzierte Produkte aus der Landwirtschaft einkaufen und konsumieren.

    einklappen einklappen
  • Erich Fuchs am 09.07.2018 06:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bei Ja bitte nicht jammern.

    Liebe Ja stimmende: Wenn die Lebensmittel dann 50-100% mehr kosten, bitte nicht Jammer, und im Ausland das günstige mit Pestiziden verunreinigte Zeugs kaufen! Den wer A sagt muss auch B sagen.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Phil am 09.07.2018 09:42 Report Diesen Beitrag melden

    Konsequenz wäre....

    dass die Bauwirtschaft ebenfalls die Pestizide nicht mehr verwenden dürfte, welche bei der heutigen Wärmedämmverbundsystemen und Flachdächern angewendet werden. Des Weiteren ist Privaten, Bahnen, Forstbetrieben und Gartenbaubetrieben ebenfalls jeder Einsatz von Pestiziden zu verbieten. Um es mit den Worten eines Bauern auf den Punkt zu bringen: Wer will heute noch einen Salatkopf mit Blattläusen im Laden kaufen, Kartoffeln mit Drahtwurmlöchern schälen oder einen Apfel mit Schorfflecken essen? Die Konsumenten sollen sich selber an der Nase nehmen.

  • Patrick am 09.07.2018 09:31 Report Diesen Beitrag melden

    Zwingend notwendige Initiativen

    Noch klagen einige über Kosten, weil unsere Lebensmittel angeblich teurer werden, wenn kein Gift mehr gespritzt werden darf. Nur was hat das für eine Bedeutung, wenn wir die Natur und damit uns selbst vergiften. Welche Effekte hat das Gift auf unsere Gesundheit oder unsere Zeugungsfähigkeit. Jedenfalls hat es heutzutage massiv weniger Insekten und Vogel, viele Paare können keine Kinder bekommen, weil Mann oder Frau zeugungsunfähig sing, das ist kein Zufall. Wir töten uns mit diesen Giften selbest, wollen wir das zulassen, oder den keinen Preis zahlen und wieder mehr für unser Essen ausgeben?

  • SamCH am 09.07.2018 09:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Trinkwasser ?

    Ich verstehe die bedenken bzgl. der Verschmutzung des Trinkwassers wegen Dünngemittel. Aber was ist mit Medikamentenrückständen (Anti-Babypille etc.)? Was würden die Bauern dann benutzen wenn sie kein synthetisches Dünngemittel mehr haben? Also die Medien heutzutage haben einen grossen Einfluss aber ob sie da das Volk manipuliert ist auch die andere Frage. Mal schauen wies kommt.

  • Alfred A. am 09.07.2018 09:21 Report Diesen Beitrag melden

    Aha! Man will keine Pestizide mehr

    Finde ich toll! Dann müssen die Detailgeschäfte künftig auch keine Ware mehr wegwerfen, die nicht völlig makellos ausschaut Die wird ja dann trotz Schadstellen gekauft weil man absolut sicher sein kann, dass sie wirklich "Bio" und pestizidfrei ist. Grossartig!

  • solum am 09.07.2018 09:20 Report Diesen Beitrag melden

    Bund für Bauern und Industrie

    Bin gespannt mit welchen Argumenten der Bund im Sinne der CH-Bauern dem Volk Angst machen wird um die Meinung zu kippen.