IT-Projekte

05. Mai 2016 10:12; Akt: 05.05.2016 12:52 Print

Milliarden gehen ohne Ausschreibung weg

Die Hälfte aller IT-Projekte werden laut einer Studie freihändig vergeben. Das berichtet die «Rundschau». Der Studienleiter spricht von «Systemversagen».

storybild

Zur Hälfte «Freihändiges Verfahren»: Ab 230'000 Franken müssen Projekte von staatlichen Institutionen eigentlich ausgeschrieben werden. (Screenshot «Rundschau»)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Zwischen 2009 und Mai 2016 haben Forscher der Universität Bern sämtliche Zuschläge der öffentlichen Beschaffungsplattform Simap.ch ausgewertet. Doch das Ergebnis sei für sie unerwartet gewesen. «Die Hälfte der staatlichen IT-Aufträge geht nicht in den Wettbewerb. Ich finde das recht erschreckend», sagt Matthias Stürmer, Leiter der Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit, in der «Rundschau». Viele Firmen würden so erst gar nicht angefragt, obwohl sie gute Produkte anbieten und vielleicht sogar günstiger und schneller liefern könnten, so Stürmer.

Gesetzlich ist es jedoch vorgeschrieben, dass Aufträge ab 230'000 Franken von staatlichen Institutionen wie Gemeinden, Ämtern oder Spitälern öffentlich ausgeschrieben werden. Eine freihändige Vergabe ist nur in Ausnahmefällen möglich.

Nur die Hälfte ausgeschrieben

In den Forschungszeitraum von Stürmer und seinem Team fallen 2600 auf der Beschaffungsdatenbank publizierte IT-Projekte. Die Forscher schätzen die Summe auf mindestens 8,9 Milliarden Franken. Von den rund 2600 IT-Projekten seit 2008 habe die öffentliche Hand lediglich 1348 öffentlich ausgeschrieben, wie die «Rundschau» berichtet. Jedes zweite mit öffentlichen Geldern finanzierte IT-Projekt gehe also ohne Wettbewerb direkt an eine Firma. Stürmer spricht in der SRG-Sendung von einer «verheerenden Marktverzerrung» und einem «systemischen Versagen»: «Der Staat hat ein Problem mit der ganzen Struktur der Informatikbeschaffungen.»

100 Aufträge an fünf Firmen

Von dem sogenannten «Freihändigen Verfahren» haben seit 2008 besonders fünf Firmen profitiert: Siemens, SAP, Oracle, Adnovum und Fabasoft. Zusammen haben sie insgesamt 100 Aufträge ohne Wettbewerb erhalten. Gemäss den Daten der Uni Bern mit einer Gesamtsumme von mindestens 638 Millionen. Auch die zentrale Bundesverwaltung kommt gemäss «Rundschau» in der Auswertung von Matthias Stürmer nicht gut weg. Diese zeige: Fast 60 Prozent der IT-Projekte schanze die zentrale Bundesverwaltung direkt Firmen zu. So habe alleine der Bund seit 2008 über eine Milliarde Franken dem Wettbewerb entzogen.

In der parlamentarischen Gruppe Digitale Nachhaltigkeit formiert sich Widerstand: «Hier geht es um öffentliche Gelder. Wir können nicht riskieren, dass jedes Projekt zum Informatikdebakel wird», so FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen zur «Rundschau». Zusammen mit der parlamentarischen Gruppe will GLP-Nationalrat Thomas Weibel auch dem Bundesrat Druck machen. «Die Zeit drängt, wir müssen schnell vorwärtsmachen.»

(afo)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • rolfi am 05.05.2016 11:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz ohne Korruption

    In der Schweiz gibt es keine Korruption, bei uns heisst das nur Vetternwirtschaft.

    einklappen einklappen
  • Stormstepper am 05.05.2016 11:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Netzwerk

    Dafür sind gute Abendessen und feiner Wein verantwortlich. Und man wundert sich wie gewisse Unternehmen dicke Autos fahren etc. während dessen andere IT Unternehmen kaum über die Runden kommen obwohl sie in Ihrem Fach Top Leute sind. Tipp: Verkehrt mehr im Bundeshaus, geht an Meetings und baut Beziehungen auf denn es wird sich nichts ändern.

  • SG_m/91 am 05.05.2016 10:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ungehen der Ausschreibung

    Kein Wunder wird auf die Ausschreibung verzichtet, diese benötigen viel Zeit und Aufwand - teils auch Nerven, wenn nicht alle mit der Vergabe einberstanden sind. Bei Verzicht können Gelder gespart werden! Und wie umgeht man die Ausschreibung? Mann teilt die Arbeit in Einzelaufträge auf oder verteilt die Gelder auf div. Mitwirkende, welche untereinander die Gelder wieder richtig verteilen ; )

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Klaus K am 05.05.2016 17:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    KRASS

    seit 2008 sind für über 1 Milliarde Franken Aufträge ohne ausschreiben vergeben worden . wieviele top IT Leute hätte man dafür kaufen können ? Und bei Ansicht des gesamt Volumens im IT Bereich des Bundes nicht mal berücksichtigt ... 8.6 Milliarden Volumen ... Krass

  • valser am 05.05.2016 15:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch für solche firmen gearbeitet

    Es müssen zwingend mehr kontrollen gemacht werden, dass das sauber läuft. Keine vetterli wirtschaft!

  • rogeriu am 05.05.2016 15:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ...

    Selbst wenn es zur Ausschreibung kommen muss: Man könnte dann immer noch in der Bewertungsmatrix tricksen. >>> Wer zahlt, befiehlt... als Privater macht man das ja auch - so dass am Schluss der Wunschlieferant für's neue Auto zum Zug kommt...dort ist es dann einfach die Ehefrau, welche mit Stories wie "Schatz, das ist nur am Anfang etwas teurer, über alle Jahre gesehen kommen wir so am günstigsten !" überzeugt werden muss.

  • Mr. Spock am 05.05.2016 13:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wenn Private

    Vorschriften nicht einhalten hat das Konsequenzen seitens Justiz und Zivil. Der Bund selber hält seine eigenen Vorschriften offenbar bald täglich nicht ein aber es geschieht genau? Richtig, gar nichts.

  • RX400 am 05.05.2016 12:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Studie einseitig und tendeziös

    Die Studie sagt nichts über den Aufwand für die öffentlichen Ausschreibungen. Es ist unglaublich welche Herrscharen von Beschaffungsspezialisten für eine wasserdichte Ausschreibung beschäftigt werden müssen. Dieses Geld kann gespart werden. Die Fachverantwortlichen wissen was sie brauchen. Im Weiteren verhindern die öffentlichen Ausschreibungen eine Informationsbeschaffung auf dem Markt, weil dadurch Anbieter bevorzugt werden könnten. Also werden dafür wieder teure externe Berater engagiert, welche nicht zwingend die Interessen der Verwaltung wahrnehmen. Ziel weit verfehlt.