Druck, Freiheit, Einsamkeit

15. Dezember 2016 08:03; Akt: 15.12.2016 08:03 Print

Mit 18 beginnen die «härtesten Lebensjahre»

von Laly Zanchi - Nicht die Pubertät sei die schwierigste Lebensphase, sagt Psychologe Claus Koch. Sondern das, was danach komme.

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Gemäss Psychologe Claus Koch fühlen sich viele Menschen nach der Pubertät vom Eintritt in die Selbstständigkeit überfordert. «Wenn man die Schule und das Elternhaus verlässt, verliert man ein Stück weit die Leitplanken im Leben. Diese geben einem eine Struktur im Alltag.» Wer wegen Ausbildung oder Studium in eine neue Stadt zieht, der verliere auch noch die Freunde, an die er sich spontan wenden kann. So seien viele einsam. Koch sagt: «Man hat mehr Freiheiten als je zuvor, ist aber zum ersten Mal im Leben auf sich allein gestellt.» Viele Junge seien unsicher. Einerseits verlange die Wirtschaft laut Koch, dass sie möglichst schnell eine Ausbildung absolvieren. Andererseits dränge die Werbeindustrie sie permanent in ihre Jugendrolle: «Stay young, flüstert sie. Konsumiere und vergiss, was um dich herum passiert.» Diese Unsicherheit war laut Koch vor 30 bis 40 Jahren weniger präsent. «Da Junge das Elternhaus viel früher verliessen, mussten sie sich sofort ins Berufsleben stürzen und gründeten auch viel früher eine Familie.» Das hat sich heute fast zehn Jahre nach hinten verschoben. Das ist für Koch nicht unbedingt etwas Negatives: «Wenn die Tochter oder der Sohn zu Hause bleiben möchten, um die eigene Zukunft zu planen, können die Eltern das auch beruhigt zulassen.» Läge der Spross aber immer bis mittags im Bett, dann sei klar, dass keine Selbstständigkeit angestrebt wird. Bei Problemfällen sollen Eltern auch getrost ein Ultimatum setzen. Man könne dem Kind die finanzielle Unterstützung kappen oder es bitten, sich eine andere Bleibe zu suchen. «Aber keinesfalls am Telefon, sondern immer persönlich und ohne dabei aggressiv zu werden.» Bei den meisten jungen Menschen sei es aber zunächst wichtig, die Selbstständigkeit zu fördern. «Die Eltern müssten aber weiterhin Ansprechpartner sein, an die man sich wenden kann, wenn man nicht mehr weiterkommt», sagt Koch. Dabei sei es sehr wichtig, dem Kind nicht das Gefühl zu geben, es sei selbst an allen Schwierigkeiten schuld und darum unreif. «Wenn die langjährige Beziehung in die Brüche geht oder man das Studium beim ersten Mal nicht packt, nützt ein Ich habe es ja kommen sehen keinem was», so Koch. Laut Koch ist die Pubertät leichter zu meistern, weil Jugendliche im Augenblick leben. «Sie fragen sich nicht, ob das, was sie tun, eine Perspektive für die Zukunft hat.» Ihre Entscheidungen kämen ihnen zwar riesig vor, hätten aber keinen massiven Einfluss auf den weiteren Lebenslauf. Zwischen 20 und 30 sei das anders: «Die Entscheidungen über Job oder Studium können den Lebenslauf massiv ändern. Geht eine Beziehung in die Brüche, ist das ein herber Rückschlag, weil man sich gemeinsam etwas aufgebaut hat», sagt Koch. Trotzdem würden auch viele Jungen ihr Leben in dem Alter in vollen Zügen geniessen. Koch gibt aber zu bedenken: «Unser Hirn erinnert sich jedoch immer stärker an die positiven Erlebnisse in unserem Leben.» Daher hätten viele eine etwas verklärte Sicht auf ihre Jugend.

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Umfrage
Waren für Sie die Zwanziger schwieriger als die Pubertät?
39 %
17 %
13 %
18 %
7 %
6 %
Insgesamt 3701 Teilnehmer

Herr Koch*, welches war Ihre härteste Erfahrung als junger Mensch?
Als ich verstand, dass von nun an nur noch meine eigenen Entscheidungen zählen und sie mir niemand mehr abnehmen kann. Da war ich etwa 25 Jahre alt.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Zwanziger die «härtesten Lebensjahre» überhaupt sind. Warum? Wir sind relativ wohlhabend, können reisen, studieren, uns geht es doch gut.
Viele Menschen in diesem Alter fühlen sich dennoch überfordert, auch und gerade deswegen, weil sie ständig hören, wie gut es ihnen doch geht. Das macht sie traurig, wenn es auf sie gerade nicht zutrifft, und auch ein wenig einsam. Wenn man die Schule und das Elternhaus verlässt, verliert man ein Stück weit die Leitplanken im Leben. Diese geben einem eine Struktur im Alltag. Wer sich eine Ausbildung oder ein Studium suchen muss und dafür in eine neue Stadt zieht, der verliert ja oft auch seine Freunde, an die er sich spontan wenden kann. Man hat mehr Freiheiten als je zuvor, ist aber zum ersten Mal im Leben auf sich allein gestellt.

Jetzt malen Sie aber schwarz. In eine neue Stadt zu ziehen, eine Ausbildung oder ein Studium zu beginnen, hat doch etwas Befreiendes.
Sicherlich. Ich beobachte aber auch, dass viele Junge unsicher sind. Auf der einen Seite möchte die Wirtschaft, dass die Jungen möglichst schnell eine Ausbildung absolvieren, weil sie dringend Fachkräfte braucht. Auf der anderen Seite drängt die Werbeindustrie die Menschen permanent in ihre Jugendrolle: «Stay young», flüstert sie. Konsumiere und vergiss, was um dich herum passiert. Aber wer konsumieren will, muss auch Geld verdienen – und das tun nun mal nur Erwachsene.

Und früher war das anders?
Vor 30, 40 Jahren war das weniger ein Thema, weil die Jungen wegen des grossen Generationengrabens von sich aus das Elternhaus möglichst schnell verlassen wollten. Man musste sich sofort ins Berufsleben stürzen und gründete auch viel früher eine Familie. Das hat sich heute fast zehn Jahre nach hinten verschoben. Daher: 40 ist das neue 30.

Daher auch die vielen Nesthocker, die bis Mitte zwanzig zu Hause bleiben?
Ja, das gehört sicher auch dazu. Wenn die Tochter oder der Sohn zu Hause bleiben möchten, um die Zukunft zu planen oder wichtige Erfahrungen zu sammeln, können die Eltern das auch beruhigt zulassen. Liegt der Spross aber immer bis mittags im Bett und schaut den Rest des Tages Netflix, dann ist klar, dass hier keine Selbstständigkeit angestrebt wird. Ständig das Studium zu wechseln und alle paar Monate einem neuen Lebensziel nachzueifern, ist auch so ein Fall.

Was sollen Eltern da tun?
Da kann man getrost ein Ultimatum setzen. Man kann dem Kind die finanzielle Unterstützung kappen oder es bitten, sich eine andere Bleibe zu suchen. Aber keinesfalls am Telefon oder per SMS. Am besten setzt man sich gemeinsam hin und macht dem Kind klar, dass die eigenen Möglichkeiten als Elternteil begrenzt sind – ohne dabei aggressiv zu werden. Hiervon sind aber wirklich nur Problemfälle betroffen.

Und wenn es keine Problemfälle sind?
Zunächst soll immer die Selbstständigkeit gefördert werden. Das heisst: Einen Schritt zurücktreten und nicht versuchen, einen 25-Jährigen noch mit Strafen und Regeln zu erziehen. Die Eltern müssen aber weiterhin Ansprechpartner sein, an die man sich wenden kann, wenn man nicht mehr weiterkommt. Dabei ist es sehr wichtig, dem Kind nicht das Gefühl zu geben, es sei selbst an allen Schwierigkeiten schuld und darum unreif oder inkonsequent. Wenn die langjährige Beziehung in die Brüche geht oder man das Studium beim ersten Mal nicht packt, nützt ein «Ich habe es ja kommen sehen» keinem was. Da versinkt das Kind bloss in Selbstmitleid.

Warum ist die Pubertät Ihrer Meinung nach leichter zu meistern als die Zwanziger?
Jugendliche leben in dieser Zeit im Augenblick: heute malen sie, morgen schreiben sie an einem Buch. Sie fragen sich nicht, ob das, was sie tun, eine Perspektive für die Zukunft hat. Ihre Entscheidungen und Rückschläge kommen ihnen zwar riesig vor, haben aber schlussendlich keinen massiven Einfluss auf den weiteren Verlauf ihres Leben. Zwischen 20 und 30 ist das anders: Die Entscheidungen über Job oder Studium können den Lebenslauf massiv ändern. Geht eine Beziehung in die Brüche, ist das ein herber Rückschlag, weil man sich gemeinsam etwas aufgebaut hat. Man irrt herum, hat zwar ein Ziel vor Augen, aber weiss noch nicht genau, wie man es erreichen soll.

Trotzdem, viele Junge geniessen ihr Leben zwischen 20 und 30 in vollen Zügen.
Natürlich ist dies auch ein sehr schöner Lebensabschnitt. Besonders heutzutage, wo junge Menschen viel mehr Freiheiten haben. Unser Hirn erinnert sich jedoch immer stärker an die positiven Erlebnisse in unserem Leben. Sogar Erwachsene, die von aussen gesehen eine recht unglückliche Kindheit hatten, haben meist schöne Erinnerungen daran.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Petra am 15.12.2016 08:42 Report Diesen Beitrag melden

    Mitleid

    Die heutigen Jungen tun mir leid. Ständig wird ihnen vorgeworfen, das sie weder was sind noch was können. Wenn man von Schuld reden kann, dann sind es wohl die Eltern, die alles durchgehen lassen nur um ihre Ruhe zu haben. Ich bin Jg 65 und meine Tenniezeit war bestimmt nicht so anstrengend wie heute. Keine Probleme mit Jobsuche. Wir durften noch Lehrlinge sein und alles von Grund auf lernen. Heute hätten die Lehrbetriebe am liebsten nur Sekschüler, egal was für miese Noten sie haben, als einen Realschüler mit super Noten. Das IST Druck, den wir damals NIE hatten.

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  • Schweizer am 15.12.2016 08:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selber schuld.

    Heutzutage baut man sich ja ein völlig verzehrtes narzistisches Bild auf mittels social media, selfie...etc. Wenn dann plötzlich die Realität einschlägt und man realisiert dass man eben doch nicht so toll ist wie man sich immer verkauft werden diese Schneeflocken dann schnell depressiv. Hier fehlt es an Willenskraft und gesunden Menschenverstand. Intelligenz würde hier auch helfen...

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  • Daniel Hochreuter am 15.12.2016 08:17 Report Diesen Beitrag melden

    Selbst in der Hand

    Ich habe nach der Lehre 5 Jahre Saison gearbeitet (in den Bergen) und es waren die dicksten Jahre meines Lebens! Denke dass es jeder selbst in der Hand hat. Ich empfehle nach der Pupertät erst mal ein wenig die Hörner abzustossen :-)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Nathia Ambrose am 16.12.2016 10:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich denke nicht...

    Ich denke nicht, dass mit 18 die "härtesten Lebensjahre" beginnen. Ich finde dies geschieht ab der ersten Schulstunde eines Kindes... Sie werden nur noch gepusht und stehen unter enormen Druck... wer nicht nachkommt wird einfach mitgezogen...

  • Sonusfaber am 15.12.2016 18:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles klar ...

    Alles klar. Dafür wird das Alter uns entschädigen, die schönste Lebenszeit überhaupt. Wer möchte schon jung sein, voll im Saft, attraktiv, begehrt und mit einem Leben vor sich? Tausendmal besser alt, verwelkt, müde und am Lebensende.

  • Noldi Schwarz am 15.12.2016 14:23 Report Diesen Beitrag melden

    Das Wichtigste

    Habe mit 22 beschlossen entweder Holzfällen in Kanada oder irgendwo auf der Welt Erdölbohren. War mit 23 bereits im Golf von Mexiko auf den Plattformen. Dann kamen Einsätze in Süditalien, im Tschad und in der Wüste von Tunesien. Habe später immer aussergewöhnliche Jobs gehabt, weil die Chefs wussten, der beisst sich durch. Nun bin ich 65. Mein Leben war ein einziges Abenteuer, manchmal auf dem Pritschenbett, manchmal im Luxushotel. Ich kann mir niemals vorwerfen, nicht gelebt zu haben. Das ist das Wichtigste.

    • Future Boy am 15.12.2016 14:35 Report Diesen Beitrag melden

      Versuch das heute mal!

      Heute brauchst du für alles ein Diplom! Talent zählt erst wenn du das nötige Diplom dazu hast! Beispielsweise ich kann sehr gut Zeichnen, von 10 Leuten fragen mich immer 9 wo ich die Kunsthochschule absolviert habe und was ich für ein Diplom hätte, ich sag da immer nur "ähmm..., ich kann das einfach", die heutige Zeit ist einfach komisch, glaub es mir!

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  • No Name am 15.12.2016 13:57 Report Diesen Beitrag melden

    Meine Gedanken

    Gottseidank wollte meine Stiefmutter dass ich das "Eltern"-Haus früh verlasse. Das habe ich dann auch mit knapp 19 Jahren getan. Wenn es etwas in meinem Leben gibt, auf was ich Stolz sein kann, dann, dass ich schon unglaublich früh gelernt habe Verantwortung zu übernehmen, aufzustehen und gegen den Strom zu schwimmen. Das zahlt sich nun aus. Nun werde ich bald 24, bin glücklich verheiratet und auf den Weg in die Selbstständigkeit. Ich glaube, vielen Jungen fehlen diese Aspekte. Darum tümpeln Sie so lange umher ohne genau zu wissen was sie eigentlich wollen.

  • EM am 15.12.2016 13:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Generation "Handy"

    Klar, aber nur für die Generation, die mit Häntscheleien und Handy aufgewachsen sind! Sorry, mit 18 ging es mir nicht besser oder schlechter! Auch war das Leben nicht härter oder leichter!

    • G.V. am 15.12.2016 18:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Generation "Walkman"

      Wenn das schon immer so war, warum wird dann ständig an uns rumgenörgelt?

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