Insektensterben

04. April 2018 20:28; Akt: 05.04.2018 08:53 Print

Müssen wir bald ohne Obst auskommen?

von B. Zanni - Die Zahl der Insekten nimmt dramatisch ab. Ohne sofortiges Handeln rechnen Naturschützer damit, dass künftig keine Früchte mehr wachsen können.

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Eine Autoscheibe voller toter Insekten war früher auf der Autofahrt durch die Landschaft üblich. Das gebe es nun nicht mehr, sagte Biologe Volker Mosbrugger kürzlich zur «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». «Wenn Sie heute rausgehen in die Natur, dann ist die relativ still.» Früher habe es gezirpt und gezwitschert. «Heute ist es viel ruhiger geworden, weil es viel weniger Insekten und Vögel gibt.»

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Mosbrugger macht darauf aufmerksam, dass die Vielfalt der Bestäuber – also Bienen, Schmetterlinge oder Wespen – insgesamt deutlich zurückgegangen sei. Eine aktuelle Studie, die das Insektenaufkommen in 63 deutschen Naturschutzgebieten zwischen 1989 und 2016 untersuchte, belegt den Trend: Seit 1989 hat die Gesamtmasse an geflügelten Insekten in Teilen Deutschlands im Schnitt um 76 Prozent abgenommen.

Auch in der Schweiz ist die Lage ernst. 40 Prozent der Insektenarten, die im Rahmen des Rote-Liste-Programms untersucht wurden, sind vom Aussterben bedroht und verzeichnen einen Rückgang ihrer Population. Ende 2017 ging der Bundesrat davon aus, dass die Verbreitung der Insektenarten weiter abnimmt. Er bezeichnete das Verschwinden als Bedrohung für die Ökosysteme.

Handbestäubungen und Trucks im Extremfall

Für den Speiseplan hat das Insektensterben direkte Folgen. Die Pflanzen, die von einer Bestäubung abhängen, würden stark zurückgehen, warnt Mosbrugger. «Das träfe vor allem Äpfel, Birnen und Kirschen.» Johannes Jenny, Geschäftsführer von Pro Natura Aargau, macht eine ähnliche Prognose: «Hören wir nicht sofort damit auf, Insekten zu vernichten, werden wir in der Schweiz künftig Obst zuerst nur noch zu sehr hohen Preisen und am Ende kaum mehr konsumieren können.» Bereits würden zur Bestäubung gezüchtete Hummeln eingesetzt. «Doch diese verbreiten Parasiten, die die natürlichen Populationen zusätzlich gefährden.»

Im Extremfall können laut Jenny nur noch Handbestäubungen die Situation retten. «In China bestäuben Frauen auf Pfirsichbäumen die Blüten mit Pinseln.» Für die Schweiz als Hochlohnland sehe er diese Methode hingegen nicht als Option. Volker Mosbrugger erwähnt, dass sich in Amerika rund um die Honigbiene eine richtige Industrie entwickelt hat. Die Landwirte könnten Trucks voller Bienenkörbe mieten, um ihre Mandelbäume zu bestäuben.

Landwirtschaft und Licht töten Insekten

Mosbrugger beklagt, dass es fast keine Feldränder mehr gibt, da die Bauern bis an den Rand pflügen. «Sie bauen grosse Monokulturen an und lassen kaum noch eine natürliche Vielfalt an Pflanzen zu, die als Nahrung für die Insekten und andere Tiere wichtig sind.» Laut Johannes Jenny fallen zudem viele Insekten der Lichtverschmutzung zum Opfer. «Einige Bestäuber können ihre Bestäubungsfunktion nicht mehr wahrnehmen, weil sie vom Licht derart angezogen werden.» So flatterten diese Insekten bis zum Tod um ein Licht herum.

Für das Insektensterben machen die Fachpersonen aber auch die Pestizide verantwortlich. Caspar Bijleveld, Biologe und Mitglied des Unterstützungskomitees «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide», sieht ein Verbot von Pestiziden als ersten effizienten Schritt gegen die Entwicklung. Wenn sich die Pestizide zersetzten, seien Abbauprodukte oftmals noch giftiger als das Pestizid an sich, sagt er. «Dabei sterben etliche Insekten, aber, wie man heute merkt, auch viele andere Organismen.» Umso tragischer sei, dass die Industrie immer noch giftigere und noch schwerer zu identifizierende Pestizide wie Neonikotinoide entwickle. «Wenn wir so weitermachen, gehen wir mit Vollgas Richtung Kollaps.»

«Wir haben die Situation noch im Griff»

Der Rückgang beschäftigt auch den Schweizer Bauernverband. «Das Insektensterben aufzuhalten, ist eine grosse Herausforderung, zu der wir auch einen Beitrag leisten müssen», sagt Präsident Markus Ritter. Dazu trage etwa bei, dass zurzeit schweizweit 120 000 Hektaren als ökologische Ausgleichsflächen bewirtschaftet werden. «Diese Flächen sind für Insekten wertvoll und auch eine willkommene Nahrungsquelle.» Zudem könne er den engagierten Schweizer Imkern und Imkervereinen für ihren enormen Einsatz zugunsten der Honigbienen ein Kränzchen winden. «Wichtig ist, dass der Bund diese Aufgabe weiterhin mit genügend Forschungs- und Bildungsmöglichkeiten unterstützt.»

Laut dem CVP-Politiker ist es den Landwirten ein Anliegen, «zusammen mit den Imkern die natürlichen Grundlagen für die Bienen und damit für alle Insekten zu verbessern». Dazu zähle auch, den Aktionsplans Pflanzenschutz des Bundesrates erfolgreich umzusetzen. Dieser will beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln die Risiken halbieren und Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz fördern.


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dominik am 04.04.2018 22:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Heuchlerei

    Und gleichzeitig will der Bundesrat den Grenzwert für Glyphosat im Oberflächengewässer um das zig tausendfache erhöhen. Was bringen dann die paar Blumen in meinem Garten den Insekten noch? Die Wirtschaft muss mit gutem Beispiel vorangehen, damit auch der kleine Bürger mitzieht. Wenn nicht freiwillig, dann halt unter Zwang. Trotz heftigstem Pessimismus hoffe ich, dass die erwähnte Initiative nicht abgeschmettert wird.

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  • sepp am 04.04.2018 22:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine Bienen, keine Nahrung

    toll, doch es darf weiter, frisch fröhlich gespritzt, gedüngt, vergiftet werden! Eure Kinder gehen einer düsteren Zukunft entgegen, wenn ihr alle nicht sofort Umdenken tut.

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  • Thomas Hügli am 04.04.2018 22:42 Report Diesen Beitrag melden

    Opportunismus in der CH

    Es wird sich gar nichts ändern! In der Schweiz, wie auch anderstwo in der EU und weltweit zählt einzig der Profit und die Gier. Die Konsumenten werden dann halt importiertes Obst konsumieren, woher das kommt und unter welchen Bedingungen es produziert wird, interessiert niemanden.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Verantwortungsbewusstsein .... am 08.04.2018 17:13 Report Diesen Beitrag melden

    Lasst es doch summen und brummen!

    Aus den Kommentaren ist erfreulicherweise zu erkennen, dass viele Leute den guten Willen haben, den Insekten ihren Raum in der Natur zurückzugeben und ich hege die Hoffnung, dass es noch nicht zu spät ist. Die Kampagnen mögen Früchte tragen.

  • Markus am 06.04.2018 18:25 Report Diesen Beitrag melden

    Ja aber...

    Es ist einfach immer die Industrie für alles Übel verantwortlich zu machen. Letztlich entscheidet der Konsument aus den Industrienationen was und wie produziert wird. Billiges Schnitzel ja Neonics Nein. Die Wahrheit ist dass wir unsere Essgewohnheitenunf unser Konsumverhalten radikal umstellen müssten und dazu ist die Mehrheit nicht bereit

  • berta am 06.04.2018 15:18 Report Diesen Beitrag melden

    Endlich ein schönes Bienenhotel

    Cool, gerade habe ich mir ein BeeHome bestellt und freue mich auf die Wildbienen, die nächste Woche eintreffen. Danke!

    • SumSum am 06.04.2018 23:57 Report Diesen Beitrag melden

      Fluch oder Segen

      Dann wünsche ich viel Spass am coolen Lifestyleobjekt. Ob es für die Wildbienen ein Fluch oder ein Segen ist, hängt davon ab, ob sie auch eine artenreiche Weide für Ihre Hotelgäste schaffen, das ist Ihnen schon bewusst, oder.

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  • o.p. am 06.04.2018 07:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Naturgarten

    Die käuflichen Bienenhotels sind oft unnütz, da schlecht gemacht und/oder schlicht unbrauchbar. Lasst lieber unbepflanzte Ecken mit Sand/Erde in eurem Garten, damit die Bienen/Hummel im Boden nisten können und hängt Ästchen von abgeschnittenen Rosen/Brombeersträuchern vertikal auf. Das hilft viel mehr und ist erst noch billiger. V.a. hilft nichts, wenn ihr den Insekten dann keine Nahrung bietet und nur Steine im Garten habt

  • Jakob am 06.04.2018 05:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Insekten sterben

    Die Wiesen und Alphaine sind dank der Ausbeutung zu Monokulturen geworden. Überdünnung und Pflanzenschutzmittel verhindern eine Ökologische Natur. Die Schweiz ist für eine solch intensiv betriebene Landwirtschaft zu klein. Der Ressourcenbedarf für die wachsende Bevölkerung ist zu gross. Wen man die Produktion und Ausbeutung der natürlichen Ressourcen nicht stoppt, werden die Szenarien ohne Insekten unweigerlich eintreffen. Viel wichtiger als die Verdammung des Verkehrs wäre ein geregelter Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Bürger, Bund und Landwirtschaft sind gefordert.