Energiestrategie

30. November 2016 13:51; Akt: 01.12.2016 10:24 Print

Müssen wir künftig extra zahlen, wenn wir waschen?

von D. Pomper - Der Energie- und Stromverbrauch soll bis 2035 beträchtlich sinken. Was bedeuten die Ziele der Energiestrategie konkret für den Bürger?

Bildstrecke im Grossformat »
Die Energiestrategie 2050 ist nach der gescheiterten Atomausstiegsinitiative unter Beschuss. Ein wichtiges Ziel der Energiestrategie: Bis 2050 soll eine 2000-Watt-Gesellschaft angestrebt werden. Was bedeutet das konkret für den Bürger? Im Bild: Plakate mit der Aufschrift «Die Bewohner dieses Hauses sind freie Bürger, sie brauchen so viel Strom, wie sie brauchen» hängen an einer Zürcher Hauswand. Leben wir bald alle wie die Bewohner dieses energieautarken Mehrfamilienhauses in Brütten? Der Strom für Lampen, Backofen oder Fernsehen wird ausschliesslich durch Sonnenenergie erzeugt. Das Mehrfamilienhaus ist weder an ein Stromnetz noch an eine Gasleitung angeschlossen und besitzt keinen Öltank. Auf dem Dach und an den Fasssaden gibt es Photovoltaikelemente, mit denen die Wohnungen versorgt werden. In der Küche und im Bad stehen energieeffiziente Geräte. Im Bild: Bundesrätin Doris Leuthard besucht das erste energieautarken Mehrfamilienhaus der Welt. Die Bundesrätin war mit ihrem Elektroauto angereist. Auch Kathy Riklin (CVP) ist überzeugt: «Die Schweiz wird den Energie- und Stromverbrauch senken können, ohne dass die Bürger darunter leiden werden.» Der technologische Fortschritt entwickle sich rasant, so dass sich der Konsument dank energieeffizienteren Geräten und Fahrzeugen nicht einschränken müsse. «Er wird auch in Zukunft nicht auf seinen Kühlschrank oder Kaffeemaschine verzichten müssen. Das heisst: Gleicher Lebensstandard mit weniger Energie.» «Kommt die Energiestrategie 2050 durch, katapultiert uns das in Richtung 1960er-Jahre zurück», sagt dagegen Lukas Weber, Elektroingenieur und Geschäftsführer von Alliance Energie. Statt einem eigenen Tumbler in der Wohnung gäbe es höchstens ein mit den Nachbarn geteiltes Gerät in der Waschküche, und vor der Benützung würden wir uns fragen, ob Wäscheaufhängen nicht günstiger komme. Da wohl auch Flüge verteuert würden, flögen die Leute weniger, glaubt Weber. Sie hätten langsamere Autos, und einige könnten sich keinen Zweitwagen mehr leisten. «In einer zweiten Phase der Energiestrategie würde über eine Lenkungsabgabe wahrscheinlich auch das Benzin verteuert. Folglich würden die Ausgaben der Haushalte und der Wirtschaft für den Energieverbrauch steigen», befürchtet Weber.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Nachdem der Atomausstieg am Sonntag an der Urne scheiterte, ist die Energiestrategie 2050 des Bundes unter Beschuss. Ein wichtiges Ziel der Energiestrategie: Bis 2050 soll eine 2000-Watt-Gesellschaft angestrebt werden. Heute verbraucht der Schweizer durchschnittlich 8300 Watt pro Person. Der Energieverbrauch soll bis 2035 um 43 Prozent sinken und der Stromverbrauch um 13 Prozent (gegenüber 2000). Um dieses Ziel zu erreichen, hat der Bund verschiedene Massnahmen festgelegt (siehe Box).

Umfrage
Sparen Sie Energie?
38 %
33 %
25 %
4 %
Insgesamt 3674 Teilnehmer

20 Minuten hat Befürworter und Gegner der Energiestrategie gefragt: Was bedeutet die Energiestrategie für die Einwohner der Schweiz? Müssen sie auf Luxus verzichten oder können sie weiterleben wie bisher?

«Gleicher Lebensstandard mit weniger Energie»

Der Strom für Lampen, Backofen oder Fernsehen wird ausschliesslich durch Sonnenenergie erzeugt. Das Mehrfamilienhaus ist weder an ein Stromnetz noch an eine Gasleitung angeschlossen und besitzt keinen Öltank. Auf dem Dach und an den Fasssaden gibt es Photovoltaikelemente, mit denen die Wohnungen versorgt werden. In der Küche und im Bad stehen energieeffiziente Geräte. In jeder Wohnung ist ein Tablet an der Wand installiert, das anzeigt, wie viel Prozent des täglichen, wöchentlichen und monatlichen Energiebudgets in der Wohnung verbraucht werden. Wer mehr als 100 Prozent verbraucht, muss dafür bezahlen. Die Art und Weise wie die Bewohner des energieautarken Mehrfamilienhauses in Brütten ZH bereits heute leben, könnte Schule machen.

Susanne Zünd vom Bundesamt für Energie lobt das Modell: «Die Bewohner leiden unter keinerlei Komforteinbussen.» Die in Brütten eingesetzten Technologien würden in den nächsten Jahren weiterentwickelt und sich in unserem Alltag verbreiten. Sollten irgendwann einmal Energieabgaben eingeführt werden, so blieben Bewohner solch energieautarker Häuser davon verschont, so Zünd. Ausserdem würden Erträge aus einer möglichen Lenkungsabgabe an die Bevölkerung und an die Wirtschaft zurückverteilt.

Auch Kathy Riklin (CVP) ist überzeugt: «Die Schweiz wird den Energie- und Stromverbrauch senken können, ohne dass die Bürger darunter leiden werden.» Der technologische Fortschritt entwickle sich rasant, so dass sich der Konsument dank energieeffizienteren Geräten und Fahrzeugen nicht einschränken müsse. «Er wird auch in Zukunft nicht auf seinen Kühlschrank oder die Kaffeemaschine verzichten müssen. Das heisst: Gleicher Lebensstandard mit weniger Energie.» Klar müsse, wer Energie konsumiere, mehr dafür zahlen. Aber: «Man kann auch mit einer geringeren Energieproduktion wunderbar leben», sagt Riklin. Einen Wäschetrockner etwa solle man massvoll einsetzen: «Das ist ein extremer Energieverschleiss. Stattdessen hängt man besser die Wäsche auf.»

Dank effizienterer Wärmeproduktion, Maschinen, Autos und besser isolierten Häusern werde man Ende Monat sogar mehr Geld im Portemonnaie haben. Zum Energiesparen trügen auch neue Arbeitsmodelle wie etwa Home-Office bei. Man müsse die Kosten im Verhältnis sehen: «Strom kostet Schweizer Bürger etwa zehnmal weniger als die Krankenkasse.» Unter dem Strich werde die Energiestrategie «keinen Rappen mehr kosten» als die jetzige Energieproduktion.

Der Nutzen der Energiestrategie dagegen sei gar nicht bezifferbar: «Endlich müssten die Bürger keine Angst mehr haben vor einem radioaktiven Supergau.» Die Energiestrategie sieht ab 2035 ein Verbot neuer Atomkraftwerke vor.

«Zurück in die 1960er-Jahre»

«Kommt die Energiestrategie 2050 durch, katapultiert uns das in Richtung 1960er-Jahre zurück», sagt Lukas Weber, Elektroingenieur und Geschäftsführer von Alliance Energie, einem überparteilichen Netzwerk mit 2000 Personen aus Wirtschaft und Politik. Energieträger wie Strom, Heizöl oder Erdgas würden massiv verteuert. In einer zweiten Phase der Energiestrategie würde über eine Lenkungsabgabe wahrscheinlich auch das Benzin verteuert. Folglich würden die Ausgaben der Haushalte und der Wirtschaft für den Energieverbrauch steigen. «Und da wir die von der Wirtschaft hergestellten Produkte kaufen, würden auch diese teurer. Als Ergebnis könnten wir uns weniger leisten: Der Wohlstand nimmt ab, wobei Menschen mit tiefem Einkommen besonders hart getroffen werden», sagt Weber.
Einige könnten sich kein eigenes Haus mehr leisten. Mieter würden in kleinere Wohnungen ziehen, mehrere Kinder würden sich wieder ein Kinderzimmer teilen. Geringverdiener würden überlegen, ob sie im Winter alle Räume heizen sollen, um Heizkosten zu sparen und ob ihnen noch Geld für Ferien bleibe. Weber: «Statt die ganze Wohnung hell und freundlich zu erleuchten, würde manch einer die Beleuchtung reduzieren. Statt einem eigenen Tumbler in der Wohnung gäbe es höchstens ein mit den Nachbarn geteiltes Gerät in der Waschküche, und vor der Benützung würden wir uns fragen, ob Wäsche aufhängen nicht günstiger komme.» Da wohl auch Flüge verteuert würden, flögen die Leute weniger, glaubt Weber. Sie hätten langsamere Autos, und einige könnten sie keinen Zweitwagen mehr leisten. Ausserdem habe der Konsument immer weniger Auswahl bei Haushaltsgeräten, da Modelle mit einem hohen Stromverbrauch verboten würden. «Die Geräte, die zur Wahl übrigbleiben, kosten im Durchschnitt mehr.»

Patrick Dümmler, Energieexperte bei Avenir Suisse warnt vor höheren Steuern: «Der Bürger wird als Stromkonsument und allenfalls auch als Steuerzahler die Kosten der Energiestrategie zahlen müssen.» Denn sie greife mit Subventionen in den Markt ein, was die Preise verzerre. Ausserdem verbaue man sich mit dem Verbot neuer KKW, das die Energiestrategie ab 2035 vorsieht, eine allenfalls effizientere Energieversorgung: «Gäbe es bei der Kernkraft neue technologische Entwicklungen, dürfte die Schweiz diese nicht mehr umsetzen», sagt Dümmler. Wenn man an der Energiestrategie festhalte, müsse man sich der hohen Kosten und geringer Effizienz bewusst sein.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Fragende am 30.11.2016 13:55 Report Diesen Beitrag melden

    nicht der Einzelne braucht mehr Strom

    Die Einwohnerzahl steigt ja auch jährlich rapide an. Wo steht das in dieser Grafik?

    einklappen einklappen
  • BärnerBär am 30.11.2016 14:00 Report Diesen Beitrag melden

    Energiezwang 2050

    Die Energiestrategie 2050 führt zu hohen Mehrkosten. Nicht nur der Strom wird teurer, auch die Mieten. Kostengünstige Ölheizungen werden verboten, Liegenschaften müssen neu und zusätzlich isoliert werden. Diese Kosten können auf die Mieten überwälzt werden. Weitere Zwangmassnahmen: Höhere Treibstoffzuschläge für Benzin und Diesel. Ausgenommen bleibt die Luftfahrt und energieintensive Betriebe (die Grossen können weiterhin Energie verschleudern, die Kleinen müssen sparen und investieren).

    einklappen einklappen
  • Ben H. am 30.11.2016 14:04 Report Diesen Beitrag melden

    Märchenstunde

    Diesen Märchen von energieeffizienten Geräten und das damit der Verbrauch im gesamten sinkt hört man schon seit Jahrzehnten. Tatsache ist aber das der gesamte Energieverbrauch NICHT sinkt. Wer es immer noch nicht kapiert hat; (Hallo Grüne...) sehr viel mehr kleine Verbraucher brauchen gleich viel oder mehr Energie als wenige grosse Verbraucher..

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • T. Ackle am 20.12.2016 11:58 Report Diesen Beitrag melden

    nein zur Energie strategie

    wäsche Drausen hängen?? die meisten Leute haben nicht mehr das Land dazu wenn bald 10 Mio auf engstem raum in der Schweiz leben. darum nein zur Energie Strategie.

  • Roger Rabiat am 01.12.2016 09:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kaum zu bezahlen

    Die Mieten in diesem Haus dürften exorbitant sein und von keinem durchschnittlichen Bürger bezahlbar, also wieder mal was für Vermögende... Dann noch etwas, bevor mir vorgeschrieben wird wieviel Energie ich verbrauchen darf, sollen zuerst mal sämtliche öffentlichen Verbraucher optimiert werden. Was glaubt ihr wieviel Strom alleine für die Gleisfeldbeleuchtung des Güterbahnhofs Limmattal verbraten wird? Tausende von Natriumdampflampen mit 100-200 Watt Leistung, die ganze Nacht über!

  • Sensenmaa am 30.11.2016 22:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sparen...

    Sparen überall und an allen Enden. Eine richtige verminderung der Lebensqualität.

  • Beat Bachmann am 30.11.2016 21:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    waschkorb und waschbrett ab 2035????

    ab 2035 werden wir uns wohl wieder am see oder flussufer wiederfinden. waschen am seichten ort und um zu spülen die wäsche in den reissenden fluss halten. das 13ente jahrhundert lässt grüssen.

  • Mann aka Jeremy am 30.11.2016 19:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Angesichts das wir auf eine EISZEIT

    Zusteuern benötigen wir keine Energiesparziele sondern billige Energie. Die darf auch CO2 arm sein, Hauptsache BILLIG !